THE COWBOY: Der Dokumentarfilm von André Hörmann läuft ab 14. Mai 2026 im Kino

© Tom Bergmann. The Cow­boy.

Irgend­wo auf dem Land in Col­orado, Crow­ley McCuis­tion, elf Jahre alt, lebt auf ein­er kleinen Ranch, zusam­men mit sein­er großen Schwest­er, seinem großen Brud­er und seinen Eltern. Sein Leben­s­plan ste­ht fest: Er wird Cow­boy wer­den. Was es denn braucht, um Cow­boy zu wer­den, wird er gefragt: „Cow­boys müssen hart im Nehmen sein”, weiß er. „Ver­let­zt sie ein Pferd oder ein Stück Draht, dann heulen sie nicht groß rum, son­dern schüt­teln es ab und machen weit­er.” Und seine stechend blauen Augen funkeln in die Kam­era und er nickt, mit tief­ster Überzeu­gung.

Wir sind im Früh­jahr des Jahres 2015, alle zwei, drei Jahre kommt der Filmemach­er, André Hör­mann, den ange­hen­den Cow­boy besuchen und filmt ihn auf dem Werde­gang zum Cow­boy. Alles nimmt seinen Lauf. Sein großer Brud­er Yan­cie ist sein Lehrer, sein Vor­bild. Er weiß alles über Pferde, über Las­sos, über das Reit­en. Fin­ger­spitzenge­fühl braucht es beim Umgang mit den Pfer­den, das weiß Crow­ley natür­lich längst: „Cow­boy und Pferd gehören zusam­men. Nur darum geht es.” Manch­es lernt Crow­ley vom Vater, aber viel mehr noch von Yan­cie. Drei Monate sei er gewe­sen, als er das erste Mal auf dem Rück­en eines Pfer­des saß. Die Schwest­er ist nur noch manch­mal da, sie wohnt weit weg, aber manch­mal kommt sie ihre Fam­i­lie besuchen.

© Tom Bergmann

Frei fühlt sich Crow­ley, weil ihn kein­er wirk­lich beauf­sichtigt. Und mit dem Gewehr kann er natür­lich auch umge­hen, wie jed­er in dieser Gegend. Und die Mama, naja, vom Vater lernt er mehr, die Mama küm­mert sich halt um den Haushalt. Reich ist die Fam­i­lie nicht, aber Crow­ley würde zur Not auch ein Zelt zum Leben reichen. Und so leben sie in ihren famil­iären Rollen, das ist kon­ser­v­a­tiv aber man denkt sich: Das ist da halt so. Schule mag Crow­ley nicht so sehr, das sieht man ihm an, nein genau genom­men: „I hate school!” Seine Neugierde hebt er sich lieber für die Arbeit auf der Ranch auf. Dort – im Gegen­satz zur Schule – lernt er jeden Tag etwas Neues, Aut­o­fahren zum Beispiel. Oder Rode­o­r­e­it­en, das er auf einem aufge­hängten Fass übt.

Aber so kon­ser­v­a­tiv-idyl­lisch wie man sich dieses ländliche Leben in Col­orado vorstellt, ist es dann doch nicht. Der Vater, sagt er, glaubt an kör­per­liche Züch­ti­gung, und die hätte er auch ange­wandt. „Aber immer spon­tan, auf den Punkt, und danach war’s auch gut. Schlägt man ein Kind ohne dass es umfällt, dann zählt es nicht.” Okay, da fühlt man sich schon anders, wenn man das hört, oder sind wir ver­we­ich­licht­en Mit­teleu­ropäer da ein­fach nicht in der Lage zu sehen, wie das Leben im Wilden West­en so abläuft? Man, nein ich erwis­che mich selb­st dabei, dass ich mir denke, dass das halt eine ganz andere Welt ist, eine ganz andere Wirk­lichkeit – und wer bin ich, über einen Vater zu richt­en, der Tausende Kilo­me­ter von hier in ein­er ganz anderen Wirk­lichkeit lebt? In ein­er Welt, die mit unser­er mit­teleu­ropäis­chen Wohlfühlwelt nicht zu ver­gle­ichen ist?

Zwei Jahre später. Wir sind wieder bei Crow­ley und der Junge hat sich auf der Ranch irgend­wo im Gebüsch ein kleines Fort gebaut, in das er sich zurückziehen kann. Okay, er scheint das zu brauchen. Das klingt schon merk­würdig. Aber zunächst hat die Fam­i­lie etwas ganz anderes, Drama­tis­ches zu erzählen. Wie vor einiger Zeit die Polizei gekom­men war und alle sich schon gewun­dert hat­ten. Crow­ley war sog­ar weg­ger­an­nt, weil er dachte, er hätte was angestellt. Aber schlim­mer: Crow­leys Brud­er Yan­cie war bei einem Verkehrsun­fall ums Leben gekom­men. Crow­ley trägt einen kleinen Anhänger mit Asche seines Brud­ers um den Hals, ein Andenken an sein großes Vor­bild. Er will nun in die Fußstapfen seines großen Brud­ers treten.

© Tom Bergmann

Doch das Leben der Fam­i­lie sollte noch eine andere, schw­er­wiegende Wen­dung nehmen. Im Win­ter 2018 besuchen wir sie wieder: Der Vater ist fort. Die Mut­ter hat sich von ihm getren­nt, es gab ständig Stre­it, Alko­hol spielte eine Rolle, es gab keine glück­liche Zeit mehr mit ihm, „nev­er a hap­py moment”. Alle waren geprügelt wor­den von diesem Vater. Doch was bedeutet das für Crow­ley und seine Zukun­ft? Seine Mut­ter befürchtet, dass er Ärg­er bekommt und auch dem Alko­hol ver­fällt, Crow­ley selb­st ist hin und herg­eris­sen zwis­chen der Ablehnung seines Vaters – und dem Wun­sch, bei ihm zu sein.

Es ist in der Tat eine für uns fremde Welt, die André Hör­mann uns hier zeigt. Am Anfang geht es auch kaum um Poli­tik, irgend­wie erfreulicher­weise, irgend­wo hän­gen mal ein paar Trump­fah­nen herum, in Crow­leys Schule noch ein Oba­ma-Bild, später geht es aber dann immer mehr – wenn auch immer im Hin­ter­grund – auch um Poli­tik. Ich füh­le mich etwas hin- und herg­eris­sen, wie ich als Zuschauer diesem Jun­gen – und später jun­gen Mann – nahekomme. Natür­lich wächst er einem auch ans Herz und natür­lich fühlt und lei­det man mit ihm mit, wenn man die Schick­salss­chläge der Fam­i­lie miter­lebt. Aber irgend­wie kommt man ihm trotz­dem nicht so richtig nahe – und vielle­icht hat es damit zu tun, dass man der Gefühlswelt dieses Jun­gen kaum nahekommt – ich glaube er hat nie so richtig gel­ernt, seine Gefüh­le zulassen zu kön­nen. Diszi­plin wurde von ihm einge­fordert. Gefüh­le schienen am falschen Platz zu sein – es dauert ja auch lange, bis wir erfahren, wie sehr er auch unter seinem Vater gelit­ten hat.

Zehn Jahre ver­brachte Hör­mann immer wieder mit der Fam­i­lie McCuis­tion. Am Anfang, erzählt Hör­mann, sei das Filmteam so etwas wie Aliens gewe­sen in dieser Welt in Col­orado. Das änderte sich aber, das Ver­trauen sei gewach­sen. Mehrfach hat­ten sie das Mate­r­i­al zu Kurz­fil­men zusam­mengeschnit­ten und diese der Fam­i­lie gezeigt – und damit auch ihr Ver­trauen gewon­nen. Inter­es­san­ter­weise war, so erzählt Hör­mann in einem Inter­view, die ursprüngliche Idee, mit dem Mate­r­i­al Kurz­filme fürs deutsche Kinder­fernse­hen zu drehen. Erst mit der Zeit wurde daraus ein „erwach­sen­er” Film. Und im Laufe der Zeit hat Hör­mann auch zum Sohn – und zum Rest der Fam­i­lie – ein enges, fre­undlich­es Ver­hält­nis entwick­elt. Und was inter­es­sant ist, ist dass wed­er Crow­ley, noch der Film selb­st, wirk­lich mit dem Vater, der ja ein inter­es­san­ter Typ ist, der aber auch eine schwierige Rolle hat, bricht. Crow­ley kommt ihm irgend­wann wieder näher, und wir – bzw. Hör­mann mit dem Film auch. Und das macht diesen Film zu einem berühren­den und sub­tilen Werk, das keine ein­fachen Antworten anbi­etet. Hör­mann sagt, dass er etwas Erstaunlich­es gel­ernt habe: Näm­lich dass zu dieser Welt der Cow­boys in der Tat auch Ver­let­zlichkeit gehöre – und auch die Offen­heit darüber zu sprechen. Aber: Man müsse mit den Tief­schlä­gen zurechtkom­men und wieder auf­ste­hen und weit­er­ma­chen.

Hör­mann gelingt ein bemerkenswert­er Doku­men­tarfilm über eine Lebens­geschichte, die mit den Träu­men eines kleinen Jun­gen begin­nt, während das Leben immer wieder zuschlägt und dabei ist, diese Träume zu zer­stören. Es ist beein­druck­end, Crow­ley dabei zuzuse­hen, wie er mit diesen Tief­schlä­gen ver­sucht zurechtzukom­men – und obwohl wir ihn sel­ten dabei erleben, wie er es schafft, seine Gefüh­le zu zeigen, berührt uns dieser Film – und die Lebens­geschichte des Jun­gen sehr. Und: Wir wollen alle wis­sen, was noch aus diesem Crow­ley wer­den wird.

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