
Irgendwo auf dem Land in Colorado, Crowley McCuistion, elf Jahre alt, lebt auf einer kleinen Ranch, zusammen mit seiner großen Schwester, seinem großen Bruder und seinen Eltern. Sein Lebensplan steht fest: Er wird Cowboy werden. Was es denn braucht, um Cowboy zu werden, wird er gefragt: „Cowboys müssen hart im Nehmen sein“, weiß er. „Verletzt sie ein Pferd oder ein Stück Draht, dann heulen sie nicht groß rum, sondern schütteln es ab und machen weiter.“ Und seine stechend blauen Augen funkeln in die Kamera und er nickt, mit tiefster Überzeugung.
Wir sind im Frühjahr des Jahres 2015, alle zwei, drei Jahre kommt der Filmemacher, André Hörmann, den angehenden Cowboy besuchen und filmt ihn auf dem Werdegang zum Cowboy. Alles nimmt seinen Lauf. Sein großer Bruder Yancie ist sein Lehrer, sein Vorbild. Er weiß alles über Pferde, über Lassos, über das Reiten. Fingerspitzengefühl braucht es beim Umgang mit den Pferden, das weiß Crowley natürlich längst: „Cowboy und Pferd gehören zusammen. Nur darum geht es.“ Manches lernt Crowley vom Vater, aber viel mehr noch von Yancie. Drei Monate sei er gewesen, als er das erste Mal auf dem Rücken eines Pferdes saß. Die Schwester ist nur noch manchmal da, sie wohnt weit weg, aber manchmal kommt sie ihre Familie besuchen.

Frei fühlt sich Crowley, weil ihn keiner wirklich beaufsichtigt. Und mit dem Gewehr kann er natürlich auch umgehen, wie jeder in dieser Gegend. Und die Mama, naja, vom Vater lernt er mehr, die Mama kümmert sich halt um den Haushalt. Reich ist die Familie nicht, aber Crowley würde zur Not auch ein Zelt zum Leben reichen. Und so leben sie in ihren familiären Rollen, das ist konservativ aber man denkt sich: Das ist da halt so. Schule mag Crowley nicht so sehr, das sieht man ihm an, nein genau genommen: „I hate school!“ Seine Neugierde hebt er sich lieber für die Arbeit auf der Ranch auf. Dort – im Gegensatz zur Schule – lernt er jeden Tag etwas Neues, Autofahren zum Beispiel. Oder Rodeoreiten, das er auf einem aufgehängten Fass übt.
Aber so konservativ-idyllisch wie man sich dieses ländliche Leben in Colorado vorstellt, ist es dann doch nicht. Der Vater, sagt er, glaubt an körperliche Züchtigung, und die hätte er auch angewandt. „Aber immer spontan, auf den Punkt, und danach war’s auch gut. Schlägt man ein Kind ohne dass es umfällt, dann zählt es nicht.“ Okay, da fühlt man sich schon anders, wenn man das hört, oder sind wir verweichlichten Mitteleuropäer da einfach nicht in der Lage zu sehen, wie das Leben im Wilden Westen so abläuft? Man, nein ich erwische mich selbst dabei, dass ich mir denke, dass das halt eine ganz andere Welt ist, eine ganz andere Wirklichkeit – und wer bin ich, über einen Vater zu richten, der Tausende Kilometer von hier in einer ganz anderen Wirklichkeit lebt? In einer Welt, die mit unserer mitteleuropäischen Wohlfühlwelt nicht zu vergleichen ist?
Zwei Jahre später. Wir sind wieder bei Crowley und der Junge hat sich auf der Ranch irgendwo im Gebüsch ein kleines Fort gebaut, in das er sich zurückziehen kann. Okay, er scheint das zu brauchen. Das klingt schon merkwürdig. Aber zunächst hat die Familie etwas ganz anderes, Dramatisches zu erzählen. Wie vor einiger Zeit die Polizei gekommen war und alle sich schon gewundert hatten. Crowley war sogar weggerannt, weil er dachte, er hätte was angestellt. Aber schlimmer: Crowleys Bruder Yancie war bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Crowley trägt einen kleinen Anhänger mit Asche seines Bruders um den Hals, ein Andenken an sein großes Vorbild. Er will nun in die Fußstapfen seines großen Bruders treten.

Doch das Leben der Familie sollte noch eine andere, schwerwiegende Wendung nehmen. Im Winter 2018 besuchen wir sie wieder: Der Vater ist fort. Die Mutter hat sich von ihm getrennt, es gab ständig Streit, Alkohol spielte eine Rolle, es gab keine glückliche Zeit mehr mit ihm, „never a happy moment“. Alle waren geprügelt worden von diesem Vater. Doch was bedeutet das für Crowley und seine Zukunft? Seine Mutter befürchtet, dass er Ärger bekommt und auch dem Alkohol verfällt, Crowley selbst ist hin und hergerissen zwischen der Ablehnung seines Vaters – und dem Wunsch, bei ihm zu sein.
Es ist in der Tat eine für uns fremde Welt, die André Hörmann uns hier zeigt. Am Anfang geht es auch kaum um Politik, irgendwie erfreulicherweise, irgendwo hängen mal ein paar Trumpfahnen herum, in Crowleys Schule noch ein Obama-Bild, später geht es aber dann immer mehr – wenn auch immer im Hintergrund – auch um Politik. Ich fühle mich etwas hin- und hergerissen, wie ich als Zuschauer diesem Jungen – und später jungen Mann – nahekomme. Natürlich wächst er einem auch ans Herz und natürlich fühlt und leidet man mit ihm mit, wenn man die Schicksalsschläge der Familie miterlebt. Aber irgendwie kommt man ihm trotzdem nicht so richtig nahe – und vielleicht hat es damit zu tun, dass man der Gefühlswelt dieses Jungen kaum nahekommt – ich glaube er hat nie so richtig gelernt, seine Gefühle zulassen zu können. Disziplin wurde von ihm eingefordert. Gefühle schienen am falschen Platz zu sein – es dauert ja auch lange, bis wir erfahren, wie sehr er auch unter seinem Vater gelitten hat.
Zehn Jahre verbrachte Hörmann immer wieder mit der Familie McCuistion. Am Anfang, erzählt Hörmann, sei das Filmteam so etwas wie Aliens gewesen in dieser Welt in Colorado. Das änderte sich aber, das Vertrauen sei gewachsen. Mehrfach hatten sie das Material zu Kurzfilmen zusammengeschnitten und diese der Familie gezeigt – und damit auch ihr Vertrauen gewonnen. Interessanterweise war, so erzählt Hörmann in einem Interview, die ursprüngliche Idee, mit dem Material Kurzfilme fürs deutsche Kinderfernsehen zu drehen. Erst mit der Zeit wurde daraus ein „erwachsener“ Film. Und im Laufe der Zeit hat Hörmann auch zum Sohn – und zum Rest der Familie – ein enges, freundliches Verhältnis entwickelt. Und was interessant ist, ist dass weder Crowley, noch der Film selbst, wirklich mit dem Vater, der ja ein interessanter Typ ist, der aber auch eine schwierige Rolle hat, bricht. Crowley kommt ihm irgendwann wieder näher, und wir – bzw. Hörmann mit dem Film auch. Und das macht diesen Film zu einem berührenden und subtilen Werk, das keine einfachen Antworten anbietet. Hörmann sagt, dass er etwas Erstaunliches gelernt habe: Nämlich dass zu dieser Welt der Cowboys in der Tat auch Verletzlichkeit gehöre – und auch die Offenheit darüber zu sprechen. Aber: Man müsse mit den Tiefschlägen zurechtkommen und wieder aufstehen und weitermachen.
Hörmann gelingt ein bemerkenswerter Dokumentarfilm über eine Lebensgeschichte, die mit den Träumen eines kleinen Jungen beginnt, während das Leben immer wieder zuschlägt und dabei ist, diese Träume zu zerstören. Es ist beeindruckend, Crowley dabei zuzusehen, wie er mit diesen Tiefschlägen versucht zurechtzukommen – und obwohl wir ihn selten dabei erleben, wie er es schafft, seine Gefühle zu zeigen, berührt uns dieser Film – und die Lebensgeschichte des Jungen sehr. Und: Wir wollen alle wissen, was noch aus diesem Crowley werden wird.