DO YOU LOVE ME von Lana Daher ab 7. Mai 2026 im Kino

DYLM_stills_10 © Beirut from Above (2022) by Ziad Ant

Im Libanon wird in den Schulen kein zeit­genös­sis­ch­er Geschicht­sun­ter­richt erteilt, heißt es am Anfang des Films „Do you love me” von Lana Daher. Zwanzig­tausend Quellen dien­ten der Regis­seurin als Grund­lage dieses Kom­pi­la­tions­filmes. Es sind Fil­mauss­chnitte, Fernse­hin­ter­views, Teile von Spielfil­men, von Doku­men­tarfil­men, von Reporta­gen. Musik gehört zu den Quellen, Fotos, aus Fotok­isten, aus Fam­i­lien­al­ben, von Kon­tak­t­bö­gen, woher auch immer. Das Mate­r­i­al ist in kein­ster Weise chro­nol­o­gisch sortiert, heißt es in den einge­blende­ten Tex­ten am Anfang, es ist willkür­lich, durcheinan­der, Zeit­sprung als Erzähl­prinzip, heißt es. Das Wort „Dis­ori­en­ta­tion” fällt und trifft es vielle­icht recht gut.

Irgen­dein Mann liefert im Laufe des Films aus dem Off, qua­si den the­o­retis­chen Unter­bau dieser Filmidee: Geschichts­büch­er seien unge­nau, sagt er, es gebe immer Dinge, die aus­ge­lassen wür­den – und Dinge, die nie aufgeschrieben wer­den wür­den, aber in den Erin­nerun­gen der Men­schen verblieben. Das ist sich­er wahr, was aber defin­i­tiv noch fehlt ist, dass Geschichts­büch­er – oder Nachricht­ensendun­gen, oder Doku­men­ta­tio­nen undun­dund eine Agen­da haben kön­nen. Die Geschichte ver­fälschen kön­nen. Für uns begin­nt die Auseinan­der­set­zung mit diesem The­ma ger­ade, wir sind mit­ten darin.

Der Beginn des Wikipedi­aein­trags zu „Libane­sis­ch­er Bürg­erkrieg” spricht qua­si Bände in sein­er Verk­nap­pung, Ver­all­ge­meinerung: „Der libane­sis­che Bürg­erkrieg  dauerte von 1975 bis 1990. In seinem Ver­lauf bekämpften sich ver­schiedene Grup­pierun­gen im Libanon in wech­sel­nden Koali­tio­nen. Darüber hin­aus kam es zu mehreren Inter­ven­tio­nen durch weit­ere Staat­en.” Dann begin­nt der Artikel in die Tiefe zu gehen und es ist kom­plex – und ich bin mir nicht sich­er, ob ich alles ver­standen habe, geschweige denn, ob ich alles halb­wegs einord­nen kann. In der Tat drän­gen sich mir zwei Ver­sio­nen der audio­vi­suellen Darstel­lung der libane­sis­chen Geschichte, ins­beson­dere des Bürg­erkriegs, auf: entwed­er eine acht­stündi­ge Doku­men­ta­tion – oder ein 75-minütiges kün­st­lerisches Kom­pi­la­tion­swerk, das ver­sucht zu zeigen, aber nicht zu erk­lären. Und Lana Daher ging den zweit­en Weg.

Zu Beginn wer­den Schriftein­blendun­gen aneinan­dergeschnit­ten, zu schnell, als dass man sie lesen oder iden­ti­fizieren kön­nte. „killed”, „inva­sion” irgendwelche Opferlis­ten möglicher­weise, Filmein­blendun­gen, was auch immer. „The War Gen­er­a­tion” kann man irgend­wann lesen. Und dann sind wir am Meer, immer wieder wer­den wir am Meer sein, immer wieder wird der Film damit Meta­phern verknüpfen. Jet­zt scheint es eine Ruhe widerzus­piegeln, aber diese Ruhe ist brüchig, zwei­deutig: Wir sehen zwei Kinder aus­ge­lassen an der Ufer­prom­e­nade ent­langspazieren. Ein­er mit Krück­en, im fehlt ein Bein. Dann ste­ht ein Mann an einem Gelän­der am Meer. Und dann scheint er aufs Gelän­der zu klet­tern. Vielle­icht in Suizid­ab­sicht. Aber das Meeres­rauschen strahlt den­noch Ruhe aus.

Dann sehen wir Waf­fen, zuhauf Fil­mauss­chnitte aus Krim­is, die in Beirut gedreht wur­den. Sofort gibt es eine Krim­iäs­thetik, Schnitt, Musik, klas­sis­che Gen­re­bilder des Krim­i­nal­films, tausend­fach gese­hen. Aber das Irri­tierende dabei ist: Manche dieser Fil­mauss­chnitte sind nicht aus Spielfil­men. es sind doku­men­tarische Auf­nah­men. Das ist bedrück­end.

Dann nimmt der Film wieder Tem­po her­aus – bisweilen fühlte ich mich an die Tem­pi­wech­sel im berühmten Kom­pi­la­tions­film „Berlin – Sin­fonie ein­er Großs­tadt” erin­nert. Wir sehen jet­zt wieder Bilder aus dem All­t­ag, dem Handw­erk, dem Einzel­han­del, Bäck­er, Obstverkäufer usw. Um dann wieder an Tem­po und Dra­matik zuzunehmen: bren­nende Autos, Explo­sio­nen, Anschläge, Angriffe, fliehende Men­schen, am Anfang denkt man noch, es wären Spiefilmauss­chnitte, aber dieses Mal sind die doku­men­tarischen Auf­nah­men in der Überzahl. Die Ruhe, die dann fol­gt, lässt einen aber nicht aufat­men: Es herrscht Stille, Fas­sungslosigkeit ob der Zer­störung. „Hier war mein Schlafz­im­mer. Das Haus hat­te zwei Stock­w­erke”, berichtet eine Frau. „Wir haben über­lebt.” Es fol­gen Aut­o­fahrten, wiederum ein klas­sis­ches Gen­reele­ment ins­beson­dere von Krim­is oder Road­movies, aber dies sind Aut­o­fahrten durch das zer­störte Beirut.

Und auch jet­zt kommt wieder das Meer ins Spiel: Ein Fis­ch­er wird inter­viewt, er erzählt von der Liebe der Men­schen im Libanon, von der gegen­seit­i­gen Unter­stützung. Doch als die Inter­view­erin nach­fragt, muss er lachen. Das sei nicht die Wahrheit, gibt er lachend zu. Eine ähn­liche Szene stammt aus einem Spielfilm, in dem ein Mann auf ara­bisch erzählt: „Eine der bei­den Seit­en hat das Fass zum Über­laufen gebracht”, sagt er. Wer es denn gewe­sen sei, fragt eine Frau. Er weicht nur aus, sie bohrt nach. „Ich war es bes­timmt nicht”, sagt er und macht es sich sehr ein­fach damit.

Und dann gleit­en wir spür­bar in eine metapho­rische Ebene, es gibt Bilder von lan­den­den oder star­tenden Flugzeu­gen, als Meta­phern für Abschied oder Rück­kehr. Unfer­tige Architek­tur als Meta­pher für den Krieg, für die zer­störten Zukun­ft­spläne, für die Träume und Vorhaben, die vor dem Bürg­erkrieg in angriff genom­men wur­den. Und dann sehen wir die Bilder von Toten, von Fried­höfen, von Leichen­wä­gen, von trauern­den Men­schen – das sind dann keine Meta­phern mehr.

Ich weiß nach diesem Film nicht so richtig viel mehr über die Geschichte des Libanons, ins­beson­dere über die Geschichte des Bürg­erkriegs, um die es mir vornehm­lich zu gehen scheint, ehrlich gesagt kann ich viele der Bilder chro­nol­o­gisch gar nicht so recht einord­nen – ich weiß, das ist die am Anfang erwäh­nte Meth­ode der „Dis­ori­en­ta­tion”. Immer­hin meine ich zu erken­nen, dass hier nie­mand ver­sucht, mich ein­er Pro­pa­gan­da auf­sitzen zu lassen. Aber nicht ein­mal das weiß ich sich­er, dazu kann ich die Bilder viel zu schlecht ein­sortieren, ein­er­seits weil ich zu wenig Ahnung habe, ander­er­seits weil ich die Bilder nicht verorten kann, es wer­den ja keine Zeit­en genan­nt, auch keine Namen oder Hin­ter­gründe über die Men­schen, die im Film zu sehen oder zu hören sind. Eine Off-Stimme erzählt irgend­wann: Wenn man nach Beirut käme, wisse man nichts über den Krieg. Nach ein paar Wochen glaube man, man habe alles ver­standen, aber nach einem Monat hätte man noch gar nichts ver­standen. „Und genau an diesem Punkt fängt man an, zu ver­ste­hen.”

An dieser Ambivalenz, an dieser gebroch­enen Sichtweise ist vielle­icht schon einiges dran – und irgend­wie ist der Film ja auch ein Plä­doy­er gegen ein­fache, verkürzte Antworten – ein Prob­lem, mit dem wir heute täglich zu tun haben. Es gibt für fast keines der Prob­leme auf der Welt schnelle und ein­fache Antworten. Und wer schnelle Antworten anbi­etet, hat ziem­lich sich­er auch eine Agen­da – oder ver­sucht sich in Pro­pa­gan­da. Insofern ist dieses Erzähl­prinzip der Regis­seurin, das der „dis­ori­en­ta­tion” ein vielle­icht legit­imes Mit­tel, weil es statt schneller Antworten und kurzge­fasster „Erken­nt­nisse” die Nicht-Antwort, die Nicht-Erken­nt­nis bietet. Ich sehe aber in der Erzählweise des Films ein gewiss­es Prob­lem: Die Regis­seurin unter­bricht dieses Prinzip näm­lich immer wieder. Dann kom­men Protagonist*innen zu Wort, denen Zeit gelassen wird, zu argu­men­tieren. Wir wis­sen aber nicht, wer diese Men­schen sind, wann sie das äußern, ob sie eine gefärbte Brille – kurz eine Agen­da haben. Und das macht das Erzähl­prinzip des Films angreif­bar. Weil eben plöt­zlich die Nar­ra­tion ins erzäh­lerische Chaos hine­in­stößt. Und wir als Zuschauer aber der Werkzeuge beraubt sind, diese nar­ra­tiv­en Ele­mente einord­nen zu kön­nen.

Den­noch: Ich finde Lana Dahers Ansatz für brauch­bar­er als vieles anderes, was einem son­st als Antwort auf kom­plexe Fra­gen ange­boten wird. Nur halt vielle­icht nicht kon­se­quent genug. Eine der bewe­gend­sten Szenen des Films ist dann, gegen Schluss, der Zusam­men­schnitt von Men­schen, die tanzen, sich vergnü­gen, die Frei­heit lieben. „Ich lebe für Liebe und Aben­teuer”, heißt es in dem unter­legten, schmalzi­gen Schlager. Würde doch Liebe, Aben­teuer und Frei­heit die Hand­lungs­maxime der Men­schen sein.

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