IM UMKREIS DES PARADIESES im Panorama der Berlinale

Yoha
Im Umkreis des Paradieses | Around Par­adise von Yulia Lok­shi­na
DEU 2026, Panora­ma
© Zeno Leg­n­er / Tri­mafilm

Laut Wikipedia liegt die Stadt Caaza­pá in Paraguay, 230 Kilo­me­ter von Asun­ción ent­fer­nt. 7000 Men­schen leben in der Stadt, im Bezirk 26.500. 1607 sei die Stadt gegrün­det wor­den durch den Franziskan­er Luis de Bolaños. Die Ure­in­wohn­er wehrten sich zuvor gegen die Spanier, Bolaños kam um alle zu evan­ge­lisieren. Woll­ten die Ure­in­wohn­er aber nicht, oder höch­stens, wenn er ihnen bewiese, dass sein Gott existiere. Außer­dem forderten sie Wass­er, es war ger­ade Dürre, Bolaños wies ihnen den Weg zur Felsen­quelle, fürder­hin waren die Ure­in­wohn­er christlich gläu­big, glaubten an die Exis­tenz des christlichen Gottes, die Stadt erhielt den Beina­men „Zauber­stadt”. Man lebt heute von Land­wirtschaft und Viehzucht, promi­nente Söhne oder Töchter der Stadt sind Félix Pai­va, zeitweise Präsi­dent von Paraguay, sowie Aldo Flo­ren­tín, 31 Spiele in der paraguayis­chen Fußball­na­tional­mannschaft. Vier Tore. Südlich von Caaza­pá liegt, und jet­zt wird’s inter­es­sant, El Paraí­so Verde, das grüne Paradies, Zitat Wikipedia, „eine geschlossene Wohnan­lage (…), die sich an deutschsprachige Ein­wan­der­er richtet. Ziel­gruppe sind unter anderem Quer­denker und Impfgeg­n­er.”

Will und Yohana, zwei Influ­encer, stellen Caaza­pá vor. Mit Kapi­tel eins, Leg­en­den begin­nt der Film schließlich: vor nicht allzu langer Zeit. Mit Gum­mistiefeln sind Will und Yohana durch den Sumpf unter­wegs, in Begleitung eines älteren Mannes. Eine Aus­bil­dung als Frem­den­führer hät­ten sie ger­ade abgelegt, erzählen sie. Dann deutet der Mann aufgeregt auf einen Zaun: „Dort ist es!” Es han­delt sich um oben erwäh­ntes ominös­es Paraí­so Verde. In der Ferne sieht man die Häuser der Sied­lung. 14 Quadratk­ilo­me­ter, sieben Mal so groß wie Mona­co. Und dann begeg­nen wir ihnen, den Deutschen, das mit den Quer­denkern und Impfgeg­n­ern, was ich oben schrieb ist ein klein­er Spoil­er, denn davon erfährt man erst ein­mal nichts. „Lass Luft here­in, lass Licht here­in”, murmelt beschwingt ein etwas älter­er Herr auf deutsch. Dann taucht, „hal­lo Schatzi”, seine Frau auf. „Guten Mor­gen, schön dich zu sehen, ich liebe dich!” Und dann nochmal, über­schwängliche Liebes­bekun­dun­gen, ins­beson­dere sein­er­seits.

Dann begleit­en wir eben jenen Mann durch die Sied­lung, mit dem Auto, in Begleitung offen­bar eines Englän­ders, eines Ornithologen,mit Inter­esse am Kauf ein­er der Villen hier. Einige der Häuser ste­hen halbfer­tig herum, und kön­nten jed­erzeit in Kürze fer­tiggestellt wer­den, wenn jemand einziehen will. In Paraguay, sagt unser Deutsch­er, müsse man alles dop­pelt kon­trol­lieren. Die Arbeit­sethik… Die Arbeit­er wür­den ganz genau aus­gewählt wer­den. Aber auch mit den Siedlern hätte man einen Auswahl­prozess! Glauben könne man aber, was man wolle. Aaaber: Man sei gegen LGBTQ. Und man sei auch gegen Impfen. Waf­fen aber wolle man besitzen, um sich zu vertei­di­gen. Sylvia und er, sagt er, wür­den Gesund­heit-Work­shops anbi­eten, denn zum Beispiel Krebs zu heilen sei easy. Und dann geste­ht der Englän­der: Er sei geimpft. Naja, meint der Deutsche, der DNA-Schaden bestünde auch noch nach Jahren. Früher hätte man Geimpfte gar nicht aufgenom­men, aber jet­zt könne man das Prob­lem ja heilen.

Dann gibt es irgen­dein mythis­ches Rit­u­al, ein Fest mit Verklei­dun­gen, Men­schen kom­men mit Motor­rädern ange­fahren, son­der­bare Dinge gehen vor sich. Jemand „gebiert” eine Flasche Rum. Und eine grüne Hulk-Puppe. Son­der­bar Mythis­ches.

Arbeit­er im „Grü­nen Paradies”. Im näch­sten Weltkrieg gehe es um Frischwass­er erzählt ein­er der Bauar­beit­er. Dann: Eine Sitzung der Siedler, deutschsprachig: 250 Men­schen sei man, auf­grund der Welt­lage sich­er bald dop­pelt so viele. Man müsse die Men­schen medi­zinisch scree­nen. Son­st würde das teuer wer­den. „Jede Regel bringt neue Möglichkeit­en des Miss­brauchs”, sagt ein­er. 2018 habe man das erste Mal erwogen auszuwan­dern, erzählt ein Paar. Vielle­icht auch seit 2015 mit der Flüchtlingskrise. „Da kam dann schon Angst und Ungewis­sheit.” Dann verkauften sie Haus und Auto und waren in kürzester Zeit in Paraguay. „One way mit Hund und Katze.”

Der Sohn der Grün­der hält schließlich einen Vor­trag für poten­tielle Neube­wohn­er, über die Geschichte der Sied­lung, deren Entste­hung. Was man für Vorkehrun­gen gegen den mit Sicher­heit kom­menden drit­ten Weltkrieg unternehmen wolle, fragt ein­er. Ob wirk­lich der CIA das Gelände beobachte? Und die Moslems, die kämen ja jet­zt auch nach Paraguay, lamen­tiert der Ornithologe.

Kapi­tel zwei trägt dann den Titel „Fluch”, spielt ein Jahr später. Viel sei passiert erzählt Yohanas Stimme aus dem Off. Viele Paraguay­er hät­ten ihren Job ver­loren, viele Europäer ihr Geld. Und jet­zt bewe­gen wir und auf ganz andere Leg­en­den zu: Vor langer, langer Zeit, erzählt ein­er, sei Caaza­pá schon gegrün­det wor­den, und zwar von Aliens. Irgendwelche Tun­nels unter der Stadt hät­ten etwas damit zu tun. Der­weil sind die Siedler dabei, die „einzig freie” Uni­ver­sität der Welt zu grün­den, die Schauberg­er-Tes­la-Reich-Uni­ver­sität. Aber inzwis­chen wach­sen die Anze­ichen, dass irgen­det­was nicht stimmt…

Yulia Lok­shi­na, die Regis­seurin, Jahrgang 1986, studierte Doku­men­tarfilm­regie an der HFF in München. Ihr Abschlussfilm, Regeln am Band, bei hoher Geschwindigkeit, gewann den Max Ophüls Preis und den Preis der deutschen Filmkri­tik für den besten Doku­men­tarfilm des Jahres 2020. Ihr abend­fül­len­der Film Active Vocab­u­lary wurde 2025 bei DOK Leipzig uraufge­führt und mit der Gold­e­nen Taube für den besten Lang­film aus­geze­ich­net. Sie erzählt: „AROUND PARADISE schildert den All­t­ag von Men­schen, die aus den virtuellen Net­zw­erken von Chat­grup­pen in den realen Raum Südamerikas gezo­gen sind. Der Film unter­sucht, wie Iden­titäten durch Mythen­bil­dung unter Europäern und Ein­heimis­chen geformt und erzählt wer­den. Wir begeg­nen ein­er het­ero­ge­nen Gemein­schaft aus Anführern und Geführten, Gläu­bi­gen und Zwei­flern, Bedürfti­gen und Prof­i­teuren. Dieser Film richtet sich an Zuschauer aus ges­pal­te­nen Gesellschaften, an jene, die in der Ver­gan­gen­heit in ihrer Verzwei­flung gezwun­gen waren, die Verbindun­gen zu ihren Lieb­sten abzubrechen oder nie einen Weg in den Dia­log mit anderen gefun­den haben. Er ist für sie und für uns alle; er beleuchtet die untrennbare Verbindung zwis­chen realen Härten, imag­inären Wel­ten und brüchi­gen Heilsver­sprechen.”

Yulia Lok­shi­na gelingt ein zutief­st faszinieren­der Doku­men­tarfilm, der die Idee der Mythen­bil­dung an ver­schiede­nen Ansätzen durchex­erziert: In der tiefen, ural­ten Geschichte des Lan­des und der Ure­in­wohn­er; in den heuti­gen karneval­sar­ti­gen Mythen der Gegen­wart; und eben in der mod­er­nen Mythen­bil­dung der west­lichen Quer­denker und Impfgeg­n­er. Lok­shi­na erzählt das raf­finiert und mit viel Geduld, mit einem neugieri­gen Blick auf die erstaunlichen Wen­dun­gen, die vor sich gehen. „Im Umkreis des Paradieses” ist ein beein­druck­endes Doku­ment ein­er regionalen Welt mit Bezug zu ein­er glob­alen Mythen­bil­dung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert