
Vor etlichen Jahren hatte ich beruflich viel mit IMAX-Dokumentationen zu tun, damals, als ich in Berlin erst für das Discovery Channel IMAX Theater am Potsdamer Platz, dann für das Cinestar IMAX im Sony Center und schließlich bundesweit für die Firma IMAX Public Relations gemacht habe. Ich habe insbesondere die Arbeit für die Naturdokus geliebt: GRAND CANYON, HAIE 3D, DER BLAUE NIL, DELFINE UND WALE 3D, SHACKLETON, SPACE STATION, DIE GEISTER DER TITANIC. Was habe ich es geliebt, Kooperationen mit dem Zoo, mit dem Planetarium etc. auszuarbeiten, Special Interest-Zeitschriften auszugraben, die sich mit Bergen, Tieren, Weltraum oder dem Meer beschäftigten. Die IMAX-Dokus, ob in 3D auf der flachen, aber riesigen Leinwand, oder 2D in der Kuppelprojektion im Discovery Channel IMAX Theater, jene wohl größte Leinwand Deutschlands (Europas?) – damals, bevor erst das eine, dann das andere IMAX schloss. Immer spielte auch Musik eine wichtige Rolle, entweder in Form von symphonischen Klangteppichen oder mit regionalen Anklängen, je nachdem in welchem Land die entsprechende Dokumentation spielte. Das waren spektakuläre Filme, bisweilen etwas klischeebeladen, selten kinematographisch wertvoll – aber immer beeindruckend und spannend. Oft gab es auch noch berühmte Schauspieler, die den Text zu den IMAX-Filmen eingesprochen haben – zumindest im englischsprachigen Original.
Jetzt, am 16. Juli 2026, kommt ein Film in die deutschen Kinos, der mich von seiner Machart her immer ein bisschen an die alten IMAX-Dokus erinnert. Grandiose Bilder, toll erzählt, liebevoll gemacht – und mit professionellem Off-Kommentar, in diesem Fall von Katharina Thalbach. Nepomuk Pfaff heißt der Regisseur des Films. „Bei unserem Film gab es zwei große Herausforderungen”, erzählt er: „Cineastische Bilder in einer Mikrowelt zu erzeugen und eine Geschichte in einem Kosmos zu erzählen, den wir selbst erst anfangen zu verstehen, mit Akteuren, die wir nicht steuern können. Unser Ziel war aber genau das.” INSEKTEN ist sein Erstlingsfilm, zuvor gewann er mit dem Kurzfilm „Kalter Hund” den Deutschen Jugendfilmpreis und den Jugendfilmpreis Schleswig-Holstein. „Im Rauschen des Alltags und den täglichen Herausforderungen, ist die Natur ein beruhigender Ort, der die Wurzeln der eigenen Bedürfnisse offenbaren kann”, erzählt er. „Die Gerüche eines Waldes können einen auf den Boden bringen. Das dumpfe Gefühl beim Wandern über den erdigen Waldboden entspannen. In ihrer Schönheit und Komplexität ist die Natur unübertroffen. Eine einzelne Blüte strahlt in ihrer Farbintensität und Maß an Detail, mehr als durch das bloße Auge erkennbar. Die Vielfalt an Farben, Überlebenstechniken und Symbiosen überwältigt. In der Natur ist alles da, was es braucht, aber von nichts zu viel. Durch das Streben nach dem Energieminimum hat sie über viele Generationen der Evolution das geschaffen, was der Perfektion am nächsten kommt.”

Und so hören wir dann die Stimme von Katharina Thalbach am Anfang des Films, das Bild ist noch dunkel. Vom Sternenhimmel erzählt sie, von der unvorstellbaren Weite, von der Perspektive der Insekten, für die die Grashalme mächtig groß sind. „Betreten wir den Mikrokosmos, die Welt der Insekten.” Schon sind zwei Dinge mit mir passiert: Wie eigentlich immer bin ich in die großartige, rauchige, rauhe Stimme von Katharina Thalbach verliebt – und: Ich bin in die Welt der Insekten eingetaucht, genau so, wie ich damals immer in die Welt der IMAX-Filme eingetaucht bin. Die Worte sind genau IMAX-Doku-Style, auch wenn wir INSEKTEN natürlich nur auf der normalen Kinoleinwand zu sehen bekommen. Wie habe ich diesen IMAX-Sprech vermisst.
Die Kamera streift durch das Gras, wir begegnen Bienen, Grashüpfern, Käfern, etc., faszinierende Bilder, fast möchte man meinen, es wären Animationen, A BUG’S LIFE lässt grüßen, aber nein, hier ist alles noch besser, die Bilder sind echt, keine KI, keine Animation: einfach nur großartiges Können im Umgang mit der Kamera und der Bildgestaltung. Diese Welt, erzählt uns Katharina Thalbach, ist das Fundament unserer Welt. Dann beginnen wir mehr über die Welt der Insekten und deren Entstehung zu lernen. Wir springen 480 Millionen Jahre zurück, als die Insekten entstanden sind, in die Zeit vor 400 Millionen Jahren, als die Insekten zu fliegen lernten, als erste Tierklasse. In traumhaften Zeitlupen und makroskopischen Aufnahmen sehen wir fliegende Schmetterlinge und erfahren, dass die Flugfähigkeiten der Insekten möglicherweise auf den Schwimmfähigkeiten ihrer Vorfahren beruht. Die Flügel als weiterentwickelte Flossen.
Vor 140 Millionen Jahren folgen wir der „Hummel Hugo” auf der recht eintönigen Erde, in einer Welt, in der die Bestäubung von Pflanzen lediglich auf dem Zufallsprinzip und auf dem Weitertragen der Samen durch den Wind beruht. Dann entsteht eine wunderbare Symbiose zwischen Blütenpflanzen, die den Insekten den süßen Nektar als Nahrung zur Verfügung stellen und den Insekten, die dafür die Bestäubung der Pflanzen übernehmen. In beeindruckender Ko-Evolution entsteht dabei eine beeindruckende Vielfalt an Pflanzen- und Insektenarten. Eine Million Insektenarten sind heute bekannt, es werden noch weitere fünf Millionen unentdeckter Insektenarten vermutet. Vor 100 Millionen Jahren schließlich erweitert sich die Biodiversität noch mehr: Dank des riesigen Nahrungsangebotes, das die Insekten bieten, entwickeln sich Räuber, die sich von ihnen ernähren: die Vögel. Wir sehen beeindruckende Bilder von Bienenfressern auf der Jagd nach Insekten.
Dann, vor 300.000 Jahren gewinnt ein weiterer Player an Bedeutung: Homo sapiens. In kürzester Zeit beginnt er, das Ökosystem zu beeinflussen und zu verändern. Er erfindet die Landwirtschaft und sorgt für eine gigantische Produktivitätssteigerung bei der Nahrungserzeugung. Die Folgen sind Monokulturen, der Rückgang der Artenvielfalt, das Sinken der Populationen der Insekten, der Vögel und der wild lebenden Säugetiere.
„Man muss nicht in den Amazonas reisen, um erstaunliche Naturgeschichten und einzigartige Bilder zu entdecken” erklären die Filmproduzenten. „Zum Glück ermöglicht ein Makro-Objektiv einen tiefen Blick in die kleinsten Winkel und enthüllt den Zauber direkt vor unserer Haustür. Im Mikrokosmos wird ein Schreibtisch mit Terrarium zu einem Hollywoodstudio, eine Schreibtischlampe zu einem Flutlicht. Und für Außendrehs passt das Equipment in zwei Bollerwagen anstatt 7,5 Tonnen LKWs. In unserem winzigen Team, das im Kern aus drei Leuten bestand, setzten wir auf dieses Prinzip. Unser Mikro Budget glichen wir mit Expertise, einer Menge Spaß und Motivation aus. Wir haben Schmetterlinge, die spontan schlüpften auf der eigenen Waschmaschine, statt im Studio gedreht.”
Nepomuk Pfaff gelingen beeindruckende Bilder und faszinierende Geschichten über das Leben der Insekten, ihre Evolution und etwa über die Metamorphose. Etwa in der Mitte des Films schwenkt Pfaff durchaus berechtigt ab und untersucht, wie in Biosphärenreservaten und mittels schonender Landwirtschaft die dahinschwindenden Insektenpopulationen gerettet werden können. Das ist wichtig und bedeutend und es ist schockierend, zu erfahren, wie sehr die Vögel- und Insektenzahlen in den vergangenen Jahrzehnten gesunken sind. Wer 40+ ist, hat das vielleicht selbst beobachtet und erlebt. Dennoch finde ich, dass der Film in diesem Teil etwas zu sehr abschweift und etwas zu viel will. In den IMAX-Filmen wäre nun die faszinierende Tierforscherin oder der charismatische Tiefseetaucher aufgetreten und hätte uns gezeigt, wie sehr die Natur in Gefahr ist, und was man tun könnte. Mir wird in dieser vielleicht 15-minütigen Phase zu viel geredet und zu wenig gezeigt – und das finde ich aus einem ganz bestimmten Grund ein bisschen schade: Diese 15 Minuten gehen zu sehr ins Detail und erzählen zu viel, als dass Kinder und Jugendliche, die vorher von den Bildern und den Erzählungen komplett ins Boot geholt werden konnten, nun etwas außen vorgehalten werden. Die 15 Minuten sind nicht so riesig Familienfilm-geeignet. Und das war halt immer das, was die IMAX-Filme so sehr ausgezeichnet hat: Sie waren für praktisch alle Altersstufen von Kind bis Erwachsenem geeignet.

Dennoch: Wer sich (vor allem als Kind) da ein bisschen durchkämpft, wird dann wieder durch faszinierende Bilder und Erzählungen zur Metamorphose und zu den Farben der Insektenflügeln belohnt. Der Film kriegt die Kurve wieder – und in der Tat vereint er einige der beeindruckendsten Naturaufnahmen, die ich in jüngerer Zeit in Filmen gesehen habe.
Noch einmal zurück zur Entstehung des Films: „Wo die Wahrnehmung der Kamera nicht mehr ausreichte, setzten wir auf innovative Techniken mit den weltweit führenden Partnern in ihrem Fach: Stefan Diller produzierte weltweit einzigartige, bewegte Elektronenmikroskopaufnahmen von Mücken und Faltern”, erzählen die Filmproduzenten. „Wir haben die besten jemals erzeugten Flugaufnahmen von Insekten sowie einzigartige Timelapse-Aufnahmen aufgehender Blüten von Jamie Scott. (…) Wenn wir an die Grenzen der Machbarkeit stießen, wie bei der Metamorphose eines Schmetterlings, wo man nicht genau weiß, was im Inneren der
Puppe stattfindet und sich keine Aufnahmen machen lassen, griffen wir auf Chris Parks zurück, der unter anderem die Universumsaufnahmen in Tree of Life produzierte. Wir kombinierten sie mit extrem abstrakten Aufnahmen, für die Regie und Kameramann Paul Pack sich mehrere Tage in Berlin in ein Studio einschlossen, und in die tiefen Welten der abstrakten Photographie abtauchten. In dieser Kombination konnten wir die für das Auge nicht wahrnehmbare Transformation der Metamorphose erlebbar machen.”

Ab 16. Juli 2026 startet der Film in den deutschen Kinos.