THE LIGHTS, THEY FALL ab 20. August 2026 im Kino

The Lights, They Fall. GRANDFILM.

„Es ist schw­er zu sagen, woher am Ende Ideen kom­men”, erzählt Regis­seur Saša Vaj­da über die Entste­hung seines ersten Lang­films. „Es ist kein ratio­naler Prozess, son­dern eher eine Intu­ition, die mich auf etwas aufmerk­sam macht, mir eine Stim­mung dik­tiert, Fig­uren vorschlägt. Zu dem Zeit­punkt des Entwurfs hat der Ster­be­prozess mein­er Mut­ter eine prä­gende Rolle gespielt und diese schw­er in Worte zu fassende Erfahrung habe ich dann mit gewis­sen sozialen Dynamiken verknüpft. Die direk­te Auseinan­der­set­zung mit den Laien des Filmes ist auch eine Art Kol­lab­o­ra­tion, man tauscht sich aus, es ist ein Trans­fer. Also sind es eher Ideen, im Plur­al, die einen solchen Film zus­tande brin­gen. Die Pflegekraft im Film wird beispiel­sweise von ein­er mexikanis­chen Inten­sivpflegerin gespielt. Wir haben detail­liert unsere Erfahrun­gen im Kon­text der Pflege eines unheil­bar kranken Men­schen aus­ge­tauscht und ich habe ein Gefühl für ihren All­t­ag bekom­men. Ihre Hand­griffe im Film sind sozusagen echt. Das fik­tionale Drehbuch ist für mich nur ein method­isch notwendi­ger Schritt, genau zu diesen Momenten. Auf diesem Weg bekomme ich auch ein empirisches Gefühl für die sozialen Mod­elle dieser Gesellschaft und ver­ste­he meinen eige­nen Film so bess­er.”

Saša Vaj­da ist 39, hat an der Sor­bonne Philoso­phie studiert, das Filmemachen hat er sich selb­st beige­bracht. JESUS EGON CHRISTUS ist ein mit­tel­langer Film, den er gemein­sam mit seinem Brud­er David Vaj­da gedreht hat. Er lief auf der Berli­nale und in Rot­ter­dam beim Film­fest, nach THE LIGHTS, THEY FALL dreht er seinen zweit­en Spielfilm L’UOMO DEL FIUME, in Ital­ien.

Maria wird ster­ben. Gepflegt wird sie abwech­sel­nd von Ana, die mal medika­menten­ab­hängig war und von sich sagt, dass sie kein guter Men­sch sei, und von Shan­ti, die gerne Cur­ry kocht. Sie hat nochmal Geburt­stag, aber feiern kann sie den nicht. Aber da ist vor allem Ilay, Marias 16-jähriger Sohn, um den sich kein­er küm­mert. Von einem Vater oder Ehe­mann hören wir nichts. In sein­er Freizeit boxt Ilay bisweilen, badet mit seinen Kumpels in Bade­seen im Berlin­er Umland, oder er hängt auf dem Rum­mel herum. Seine Kumpels ner­ven ihn, er hat ger­ade kein Inter­esse für sie, sie inter­essieren sich nur dafür, Frauen aufzureißen, und ums Prahlen, worüber auch immer. Aber Ilay hat eben andere Sor­gen, und die betr­e­f­fen vor allem seine tod­kranke Mut­ter.

Auch auf seinen Job in ein­er Lager­halle wirkt sich das aus, aber immer­hin lei­ht ihm seine Chefin ein Ohr. Aber er ist nicht so recht in der Lage, zu erzählen, was ihn bedrückt. Da scheint es näm­lich noch finanzielle Prob­leme zu geben, offen­bar kostet die Pal­lia­tivpflege viel Geld. Er vercheckt zwei Handys und verpfän­det eine Uhr. Und er hat noch einen Job, er fährt mit einem Baum­schu­len­be­treiber und ein paar anderen Jungs mit dem Pick­up durch Bran­den­burg und pflanzt Baum­schu­lenset­zlinge. Der Chef aber quält seinen Hund, und so nutzt Ilay irgend­wann die Gele­gen­heit und klaut den Hund und nimmt sich sein­er an.

Aber all das quält ihn so sehr, dass er in eine chro­nis­che Schlaf­störung ver­fällt, und vielle­icht sind es ja noch Depres­sio­nen. „Ich bin immer ein Geist”, erzählt er irgend­wann ein­er Ther­a­peutin, die aus einem so merk­würdi­gen anderen Lebens­feld stammt, als Ilay.

„Mir ging es in der Umset­zung vor allem um ein verän­dertes Zeit­ge­fühl, welch­es sich ein­stellt, wenn ein Men­sch von einem geht”, erzählt der Regis­seur. „Das ver­band ich mit ein­er ein­fach gehal­te­nen Erzäh­lung, die sich stark an Cesare Zavat­ti­nis neo­re­al­is­tis­chen Drehbüch­ern ori­en­tiert, wie beispiel­sweise UMBERTO D., der um einen einzi­gen Moment in dem Leben sein­er Fig­ur kreist, der in sein­er ganzen Kom­plex­ität beleuchtet wird.” Und weit­er: „Die Ele­mente und die Fig­uren sollen in ihrer Präsenz spür­bar wer­den – ein Gewit­ter, die Ver­lassen­heit Ilays, die Pflege von Marias krankem Kör­p­er, die offe­nen Wun­den ein­er Großs­tadt und ihrer gesellschaftlichen Rän­der. Sich eigentlich fremd, führen die Wege des Jun­gen und der Pflegerin in dem Tod der Mut­ter zusam­men. Ilay ist einem nicht ein­fachen Schick­sal aus­ge­set­zt, aber er hält stur an seinem tief ver­wurzel­ten Glauben an ein­er Tran­szen­denz fest, worin am Ende seine Frei­heit liegt.”

Saša Vaj­da erzählt seinen Film nüchtern, langsam, sehr langsam. Es ist schwierig in den Pro­tag­o­nis­ten hineinzuse­hen, aber wir spüren, dass es ihm nicht gut geht. Vaj­das Erzählweise ist dur­chaus beein­druck­end, auch mit den großar­ti­gen 16mm-Film­bildern; alles in allem bleibe ich aber zu sehr an dieser Trau­rigkeit hän­gen. Das liegt vielle­icht an mir.

Über das Regieführen sagt Vaj­da: „Es ist ein biss­chen das nötige Übel für die Umset­zung der Ideen, die Mate­ri­al­isierung dessen. Schön ist allerd­ings, wenn diese unvorherse­hbaren Momente passieren, wenn dann dieser Wind­stoß tat­säch­lich über das Gras fegt, den man sich aus­malt oder wenn die Laiendarsteller*innen plöt­zlich über ihre eige­nen Gren­zen hin­auswach­sen und sich ihre ganze Schön­heit und Men­schlichkeit in ein­er Geste oder einem Satz aus­drück­en. Es gibt ein men­schlich­es Poten­zial an Aus­druck und emo­tionaler Intel­li­genz, das ich bewun­dere und es faszinierend finde, wenn es sich vor der Kam­era zeigt. Sel­biges gilt für Insze­nierungsideen, Kam­er­abe­we­gun­gen, Chore­ografie – wenn diese ganzen Kom­po­nen­ten des Filmemachens auf ein­mal wie von unsicht­bar­er Hand ineinan­der­greifen, dann kann das Regieführen sehr erfül­lend sein.” Da hat Vaj­da schon recht und irgend­wie bin ich mit dem Film schon auch ver­söh­nt – und in jedem Fall will ich von Vaj­da gerne weit­ere Filme sehen.

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