Ein Jahrhundert Fotografiegeschichte: Reiner Holzemers Dokumentarfilm LEICA im Kino

Rag­nar Axels­son
© Rein­er Holze­mer Film
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„Die kleinen Pro­to-Kam­eras, die William Hen­ry Fox Tal­bot in der frühen Zeit bauen ließ, wur­den von sein­er Frau als Mause­fall­en beze­ich­net” erzählt die Bibel der Straßen­fo­tografie, „Bystander” von Col­in West­er­beck und Joel Meyerowitz über die Tech­nikgeschichte der Street Pho­tog­ra­phy. „Dieser wun­der­bare Name deutet nicht nur auf die flüchtige Natur des fotografis­chen Bildes selb­st und die Tücke sein­er Auf­nahme hin, son­dern auch auf Größe und Beschaf­fen­heit der Kam­era. Es war ein Instru­ment von unge­fähr densel­ben Abmes­sun­gen wie die Brown­ie, und erst als Ende der 1880er-Jahre die ersten Kodaks auf den Markt kamen oder (in ein­er anspruchsvolleren Aus­führung) Mitte der 1920er-Jahre die Leica, sollte die Fotografie die leichte Hand­hab­barkeit und Mobil­ität zurück­gewin­nen, die solche frühen Kam­eras zu ver­sprechen schienen.”

Ich bin immer ein großer Kämpfer gegen den Marken­fetisch in meinem Fotografiegenre, der Straßen­fo­tografie gewe­sen. Was bin ich Nikon‑, Canon‑, Sony- und eben Leica-Fotografen begeg­net, die immer aus mir nicht erk­lär­lichen Grün­den davon überzeugt waren, dass nur Kam­eras ihrer Fetis­chmarke gute Bilder machen. Mein Argu­ment dage­gen, dass nicht die Kam­era das Bild erzeugt, son­dern eben der Fotograf, fällt bei eini­gen dieser Fotografen nicht genü­gend ins Gewicht. Mir fällt da immer diese Anek­dote ein, die Hel­mut New­ton zugeschrieben wird, keine Ahnung, ob sie wirk­lich ihm zuzuschreiben ist. Jeden­falls: Eines Abends soll Hel­mut New­ton in einem feinen Restau­rant essen gewe­sen sein. Als der Koch hörte, dass der Meis­ter zu Gast ist, ließ er es sich nicht nehmen, zu seinem Tisch zu kom­men, ihn zu begrüßen und sich ver­meintlich lobend über sein Werk zu äußern: „Sie müssen eine tolle Kam­era haben, bei den wun­der­baren Bildern, die sie machen.” New­ton bedank­te sich artig, aß genussvoll zu Abend und ließ nach dem let­zten Gang den Koch zu sich rufen und lobte ihn: „Sie müssen tolle Töpfe haben bei dem wun­der­baren Aben­dessen!” Jeden­falls gehöre ich zu den Fotografen, die sich beina­he gän­zlich aus den Tech­nikdiskus­sio­nen sein­er Kol­le­gen her­aushält. Jene Fotografen, die nur mit Canon fotografieren, oder mit Leica, oder nur ana­log, oder oder oder. Das alles inter­essiert mich per­sön­lich gar nicht. Was ist die Tech­nik ein­er Kam­era im Ver­gle­ich zu ein­er großar­ti­gen Bil­didee? Oder um noch auf eine andere Anek­dote zu kom­men, ich hab vergessen, von wem sie stam­men soll, jeden­falls von einem Straßen­fo­tografen, dessen Werk maßge­blich davon bes­timmt wird, wie aufmerk­sam er durch die Städte wan­dert und sich umsieht: „Das wichtig­ste Aus­rüs­tungsstück eines Straßen­fo­tografen? Ein paar gute Schuhe.”

Aber natür­lich spie­len bes­timmte Kam­eras im Lauf der Fotografiegeschichte sehr wohl eine Rolle. Zurück zu Westerbeck/Meyerowitz: „Der Grund, warum Kam­eras rasch größer wur­den und Glas an die Stelle von Papi­er als Träger für Neg­a­tive trat, war, dass diese Verän­derun­gen die Schärfe und Auflö­sung der Fotografien verbesserten. Dieser Gewinn hat­te allerd­ings seinen Preis – auf Kosten der Spon­taneität, mit der das Medi­um genutzt wer­den kon­nte. Denn das Kol­lodi­umver­fahren, das in den 1850er-Jahren das Papierneg­a­tiv ver­drängte, war die Nass­plat­ten-Fotografie, bei der die Glas­plat­te unmit­tel­bar vor der Auf­nahme präzisiert bzw. prä­pari­ert wer­den musste, damit sie noch feucht in die Kam­era einge­set­zt und, sobald die Belich­tung erfol­gt war, vor dem Trock­nen entwick­elt wer­den kon­nte. (…) Typ­isch für diese Zeit war der schot­tis­che Fotograf John Thom­son, der mehrere Reise­büch­er sowie 1877 Street Life in Lon­don veröf­fentlichte, das erste Buch über­haupt, das sich auss­chließlich der Straßen­fo­tografie wid­mete. Da das Kol­lodi­umver­fahren Schärfe auf Kosten ander­er Eigen­schaften betonte – wie etwa die Schnel­ligkeit sowohl der Vor­bere­itun­gen als auch der Emul­sion selb­st –, ermutigte es Fotografen wie Thom­son dazu, men­schliche Motive akribisch zu posieren und sie während langer Belich­tungszeit­en zu strengem Stillschweigen bzw. Regungslosigkeit anzuhal­ten.”

Dass die Kam­eras klein und trag­bar wur­den, hat also dur­chaus Auswirkun­gen auf die Bildäs­thetik der Straßen­fo­tografie gehabt. Man wurde unauf­fäl­liger, mobil­er, spon­tan­er. Und dabei spielte in der Tat die Fir­ma Leica eine entschei­dende und bedeu­tende Rolle. Ich selb­st habe nie eine Leica besessen, immer­hin bekam ich mal eine aus­geliehen, eine M10, für einen Tag, beina­he zu kurz, um mit deren Tech­nik halb­wegs zurechtzukom­men.

Voller Stolz berichtet Leica von sein­er eige­nen Fir­mengeschichte, etwa am Beispiel der „Ur-Leica”: „Die Ur-Leica war weit mehr als ein Pro­to­typ. Als Inno­va­tion­s­mo­tor war sie Aus­gangspunkt viel­er weit­er­er Neuerfind­un­gen und bee­in­flusst bis heute das Design von Kam­eras. Sinnbildlich markiert diese Kam­era den Anfang unser­er leg­endären Geschichte und ste­ht als Sym­bol für Handw­erks- und Inge­nieurskun­st, Erfind­ungsre­ich­tum und ein neues fotografis­ches Selb­stver­ständ­nis. Ein kul­turelles Sym­bol, dass wir in unserem Besitz in Ehren hal­ten.” Zum hun­dert­sten Geburt­stag der Leica-Klein­bild­kam­era kommt nun eine Doku­men­ta­tion in die deutschen Kinos, am 12. Novem­ber 2026, die sich mit der Geschichte dieser Kult-Marke beschäftigt und einige der zeit­genös­sis­chen berühmten Fotografen, die sich auf die Tech­nik der Fir­ma aus dem hes­sis­chen Wet­zlar ver­lassen, zu Wort kom­men lässt. Der Filmemach­er Rein­er Holze­mer hat seit Jahrzehn­ten Kon­tak­te zur Fotografiewelt, etwa im Bere­ich der Mod­e­fo­tografie, er drehte Dokus über mehrere Mod­edesign­er, wurde dafür gle­ich mehrfach aus­geze­ich­net. Im Jahr 2023 erhielt seine Film­bi­ografie „Lars Eidinger – Sein oder Nicht­sein” den Gilde-Film­preis als bester Doku­men­tarfilm, seine Doku über den Mod­edesign­er Thom Browne lief beim Doku­men­tarfilm­fes­ti­val in New York.

Über die Entste­hung seines Films schreibt Holze­mer: „Ich hat­te bere­its vor 20 Jahren so eine Art Schlüs­sel­er­leb­nis: damals drehte ich ger­ade einen Film über die leg­endäre Fotoa­gen­tur Mag­num Pho­tos, die 1947 von Hen­ri Carti­er-Bres­son, Robert Capa, David Sey­mour und George Rodger gegrün­det wor­den war. Die Mit­glieder tre­f­fen sich ein­mal im Jahr um anste­hende The­men zu disku­tieren und neue Fotografen als Mit­glieder aufzunehmen. Ich war der erste Filmemach­er, dem es erlaubt wurde, an einem dieser Meet­ings in New York City teilzunehmen und es zu fil­men. Es war ein Tre­f­fen der besten Fotografen jen­er Zeit: Josef Koudel­ka, René Bur­ri, Elliott Erwitt, Philipp Jones-Grif­fiths, Inge Morath, Leonard Freed, Den­nis Stock, Mar­tine Franck und Mar­tin Parr. Sie waren alle da, und jed­er von ihnen hat­te eine Leica um den Hals hän­gen. In diesem Moment habe ich real­isiert, wie eng die Kam­era mit der Geschichte der Fotografie ver­bun­den ist. Als ich erfahren habe, dass Leica im Jahr 2025 das hun­dertjährige Jubiläum der Serien­pro­duk­tion der Leica I feiern würde, wollte ich unbe­d­ingt einen Film über die Leica drehen.”

Der Film begin­nt mit etlichen Klas­sik­ern der Fotografiegeschichte, die mit Leica-Kam­eras fotografiert wur­den. Wir begleit­en Fotografien aller Fotografiegen­res bei ihrer Arbeit. Und wir begeben uns natür­lich nach Wet­zlar an den Fir­men­sitz, wo die Tech­nikgeschichte der Fir­ma bewahrt wird. Und dann erzählen diverse Fotografen von ihrer Arbeit mit Leica-Kam­eras, Ralph Gib­son, Der Film begin­nt mit etlichen Klas­sik­ern der Fotografiegeschichte, die mit Leica-Kam­eras fotografiert wur­den. Wir begleit­en Fotografien aller Fotografiegen­res bei ihrer Arbeit. Und wir begeben uns natür­lich nach Wet­zlar an den Fir­men­sitz, wo die Tech­nikgeschichte der Fir­ma bewahrt wird. Und dann erzählen diverse Fotografen von ihrer Arbeit mit Leica-Kam­eras: Ralph Gib­son, jen­em kün­st­lerischen Fotografen sur­real­er Schwarzweiß­fo­tos. Sebas­ti­aō Sal­ga­do, der 2025 ver­stor­be­nen Fotografiele­gende, der im Jahr 2014 Wim Wen­ders mit „Das Salz der Erde” ein beein­druck­endes Denkmal set­zte („Die M5 war für mich die beste Kam­era, die je gebaut wurde.”). Joel Meyerowitz, dem berühmten Straßen­fo­tografen und Co-Autor von der bere­its erwäh­n­ten Street Pho­tog­ra­phy-Bibel „Bystander”. Und Meyerowitz begleit­en wir dann auch bei dem, was er jeden Tag macht, dem Flanieren und dem Fotografieren. „Es geht ein­fach nur darum”, sagt er, „unter­wegs zu sein und das Leben auf den Straßen der Großstädte der Welt zu beobacht­en.” Und Meyerowitz ist in diesem Genre in der Tat ein­er der Besten, ein­er von jenen, dem Fotos gelun­gen sind, die man nie ver­gisst, die sich für immer ein­prä­gen, die zu den Klas­sik­ern des Gen­res gehören. Und: „Erwarte nichts. Sei offen für alles.” Meyerowitz ist auch so etwas wie ein Philosoph des Gen­res.

Und dann begeg­nen wir Sarah M. Lee, eine Foto­jour­nal­istin, die unter anderem für den Guardian fotografiert, und die zurecht ihre Rolle als weib­liche Fotografin the­ma­tisiert, obwohl es schon seit vie­len Jahrzehn­ten berühmte Fotografinnen gibt, sind sie bis heute in der Min­derzahl. Sie erzählt vom drö­gen Sex­is­mus der frühen Jahre ihrer Beruf­sausübung. „Ich kann kein Mann mit diesem Alpha-Selb­st­be­wusst­sein sein”, sagt sie. In Los Ange­les tre­f­fen wir schließlich auf Andy Sum­mers, den wir nicht nur als Fotografen ken­nen, son­dern auch als Gitar­ris­ten von „The Police”. Am Anfang ver­trieb er sich mit der Fotografie die Langeweile, die zwis­chen den Auftrit­ten auf ein­er Tour ent­stand. Und natür­lich zieht er Par­al­le­len zwis­chen der Fotografie und sein­er Musik. Das Impro­visieren etwa. Und er zieht auch Par­al­le­len zwis­chen sein­er Leica und sein­er Gitarre. „Die Leute bemerken sie gar nicht und ich laufe so damit rum”, bemerkt er.

Klar die Tech­nik ist grandios, deutsches Qual­ität­spro­dukt, den­noch warte ich darauf, bis der erste davon erzählt, dass das schon auch ein Sta­tussym­bol ist. Jet­zt kein Lam­borgh­i­ni, vielle­icht eher ein Mer­cedes. Oder gar ein Bugat­ti? In jedem Fall aber, wenn ich so mein­er Fotografen-Bub­ble auf Social Media folge, immer mal wieder auch ein Objekt der Begierde für Diebe. Aber auch ein Begriff muss zwangsläu­fig fall­en: Leica ist ein Mythos. Und: Die beste Kam­era ist jene, die man dabei hat.

Und wir dür­fen eins nicht vergessen: Auch die Kriegs­berichter­stat­tung kon­nte adäquat erst funk­tion­ieren, als die Kam­eras porta­bel wur­den. Man sie jed­erzeit zück­en kon­nte. Man die Kam­era ein­fach so an die Front schlep­pen kon­nte. Und mit ihr wegren­nen. Oder auch zu nahe hinge­hen. Schließlich hat die Möglichkeit, ganz nahe ranzuge­hen, vie­len Fotografen auch das Leben gekostet. „Eine beson­dere Her­aus­forderung war sicher­lich die Begleitung von Dominic Nahr an die ukrainisch-rus­sis­che
Gren­ze”, erzählt der Regis­seur. „Er hielt sich dort auf, um für die Neue Zürcher Zeitung zu bericht­en. Die Ereignisse während eines Krieges sind sehr unvorherse­hbar, weshalb die Bewe­gungsmöglichkeit­en an der Front sehr eingeschränkt sind. Man braucht dort unbe­d­ingt jeman­den, der die Sprache ver­ste­ht, um Gefahren rechtzeit­ig erken­nen zu kön­nen. Es geht nicht nur darum, das eigene Leben zu schützen, son­dern auch darum, wed­er den Sol­datIn­nen noch dem Fotografen zur Last zu fall­en. Deshalb haben wir uns entsch­ieden, für diesen Teil der Drehar­beit­en einen ukrainis­chen Kam­era­mann mit Erfahrung an der Front zu engagieren. Ich habe ihn entsprechend eingewiesen, und ich muss sagen, dass die Auf­nah­men aus den Schützen­gräben zu den ein­drucksvoll­sten des Films gehören.”

Rein­er Holze­mer gelingt ein beein­druck­ender Doku­men­tarfilm, der sich nicht nur am fotografis­chen Main­stream ent­lang­hangelt, son­dern auch Über­raschun­gen bietet, Bilder zeigt, die ich nicht kenne, der Fotografen begleit­et, die ich nicht alle kan­nte. Das sind dann auch die Momente, in denen der Film am wenig­sten wie ein Wer­be­film für die Pro­duk­te der Fir­ma Leica wirkt. „Es war mir wichtig, dem Zuschauer Ein­blicke in unter­schiedlich­ste The­men der Fotografie zu ermöglichen”, erzählt Holze­mer. „Jane Eve­lyn
Atwood zeigt mit ihren Arbeit­en über Pros­ti­tu­tion und mit ihren Arbeit­en in Frauenge­fäng­nis­sen eine fotografis­che Doku­men­ta­tion von men­schlichen Erfahrun­gen und Schick­salen, die ver­mut­lich kein Mann so inten­siv und berührend hätte ein­fan­gen kön­nen, wie sie es tut. Wir hat­ten bere­its Absprachen über Pro­jek­te und Drehbe­gleitun­gen mit jun­gen Fotografinnen getrof­fen. Es waren aber Pro­jek­te von Frauen dabei, die sehr per­sön­liche, „intime” Prozesse abbilde­ten, bei denen wir lei­der nicht fil­men kon­nten. Ich bin überzeugt: Wenn man in 50 Jahren den gle­ichen Film drehen würde, wird der Blick auf die jün­gere Geschichte glück­licher­weise sehr viel mehr Fotografinnen zeigen.”

„Leica – Ein Jahrhun­dert in Bildern” startet am 12. Novem­ber 2026 in den deutschen Kinos.

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