Über den Alltag digitaler Nomaden: HOTEL UTOPIA im Wettbewerb von DOK Leipzig

Hotel Utopia

++

Schnee­land­schaft, irgend­wo im Wald, Matthias fährt seinen grü­nen Jeep oder was auch immer durch das unwegsame Gelände. Gle­ich sind sie am Ziel. Es holpert und schaukelt und dann hängt er im Graben fest. Aber Haupt­sache er find­et es lustig. Da hängt er nun, die Räder drehen durch. „Okay, lassen wir das Auto hier ste­hen”, sagt er. Als ob er eine Wahl hätte. In der Ferne sieht man die schneebe­deck­ten Gipfel, ein wun­der­volles Land­schaftspanora­ma. Dieses Stück Paradies würde nun zum Trau­mort für dig­i­tale Nomaden, erzählt jemand aus dem off – auf bul­gar­isch, oder welche Sprache ist das eigentlich? Während­dessen ziehen die Wolken durch die Däm­merung in dieser wun­der­baren Land­schaft. „Hier kön­nen dig­i­tale Nomaden in der Natur arbeit­en und leben ohne auf Kom­fort verzicht­en zu müssen.”

Aber was sind eigentlich diese dig­i­tal­en Nomaden? Irgend­wo hat man das doch schon gehört, zuerst denke ich an Miet­no­maden, aber nein das war ja was anderes. Ich glaube dig­i­tale Nomaden, davon habe ich zuallererst während Korona gehört. Men­schen die irgend­was arbeit­en, für das man nicht an einem bes­timmten Ort sein muss zu ein­er bes­timmten Zeit. Jemand, schreibt Wikipedia, „der fast auss­chließlich dig­i­tale Tech­nolo­gien anwen­det, um seine Arbeit zu ver­richt­en und zugle­ich ein eher ort­sun­ab­hängiges beziehungsweise mul­ti­lokales Leben führt”. Mar­shall MacLuhan wird dafür zitiert, sein Werk aus dem Jahr 1964, „Under­stand­ing Media”. Und der franzö­sis­che Pub­lizist Jacques Attali. Und die Eth­noolo­gin Annegret Nip­pa. Es gibt mit­tler­weile sog­ar schon Staat­en, die mit beson­ders gün­sti­gen Bedin­gun­gen für dig­i­tale Nomaden wer­ben, Thai­land etwa. Thaiembassy.com schreibt zum Beispiel: „Thai­land offers sev­er­al visas and con­ve­niences to help you live com­fort­ably in par­adise while retain­ing your exist­ing employ­ment and earn­ing a for­eign income. This page will explain how you can work remote­ly legal­ly in Thai­land and ways to make your expe­ri­ence in the King­dom as a dig­i­tal nomad com­fort­able, con­ve­nient, and prof­itable.”

Semko­vo heißt der Ort in Bul­gar­ien, in dem wir uns befind­en, ein Skires­sort. 1750 Meter über dem Meer­esspiegel, ein paar Kilo­me­ter von der Stadt Beliza ent­fer­nt, eine Kle­in­stadt im Süd­west­en Bul­gar­iens, keine 3000 Ein­wohn­er, lebt vom Touris­mus, mildes Kli­ma, zahlre­iche Win­ter­sportarten, der berühmteste Men­sch aus Beliza war der Poli­tik­er Wladimir Pop­to­mow, 1890 bis 1952, einst bul­gar­isch­er Außen­min­is­ter. Wenn man sich die Gegend bei Google Earth ansieht, ent­deckt man riesige Wälder, Wasser­fälle, Panora­maorte, Wald­hüt­ten, Skires­sorts. Ein Traum von Natur. Eine Inter­net­seite namens The Sofia Globe schreibt über die dig­i­tal­en Nomaden von Semko­vo: „Dig­i­tal nomads from all over the world are prepar­ing  to trans­form a 16 700 square metre hotel into “Col­iv­ing Semko­vo”, a unique adult-only col­iv­ing des­ti­na­tion based on com­mu­ni­ty, col­lab­o­ra­tion and coop­er­a­tion in the remote moun­tain ham­let, a media state­ment said. The vision is to con­vert the hotel build­ing into 200 apart­ments and pro­vide a unique com­mu­ni­ty expe­ri­ence in a very remote set­ting in nature with huge com­mon col­iv­ing areas, the state­ment said.”

Und jet­zt sehen wir in diversen Social Media Accounts, was diese dig­i­tal­en Nomaden denn so alles treiben: Pro­gram­mier­er, Mar­ket­ingspezial­is­ten, Design­er, Onlin­e­fit­ness­coach; wir erfahren von den Tricks der dig­i­tal­en Nomaden, erleben erste Ein­blicke in deren Geschäftsmod­elle und ihre Minibüros, die in Köf­ferchen passen.

Und nun erleben wir den Matthias von vorhin, der mit seinem Auto im Graben fes­thing, in ein­er ganz anderen Rolle: Er ist der Mach­er, der Erfind­er dieses beson­deren Ortes für dig­i­tale Nomaden. Und wir erleben diese Nomaden gar nicht unbe­d­ingt nur als Nomaden, son­dern es sieht sehr nach ein­er Com­mu­ni­ty aus, die sich auch trifft und aus­tauscht. Matthias holt sich auf der Bühne den Applaus ab und erzählt von seinem Pro­jekt. Ein tolles Lager­feuer habe es am Vor­abend schon gegeben. „Col­iv­ing Semko­vo” lautet der Name seines neuen Pro­jek­ts, im Geschäft ist er schon länger. „Bul­gar­ia, with its vast and under­uti­lized stock of his­toric build­ings, offers a unique oppor­tu­ni­ty for the future of remote work. Rec­og­niz­ing this, we’re turn­ing an expan­sive 16,700 m²+ com­mu­nist-era hotel build­ing into a state-of-the-art col­iv­ing space – like a busi­ness park beyond office space. Spe­cial­ly designed for the future of remote work and dig­i­tal nomads. Nes­tled in serene nat­ur­al sur­round­ings of the Rila moun­tains, this isn’t just a workspace—it’s a lead­ing col­iv­ing com­mu­ni­ty like no oth­er”, ste­ht auf deren Iner­net­seite. Frei­heit und Utopie sind Begriffe, die Matthias in sein­er Ansprache fall­en lässt. Ein­fach­es Leben, kein Stress, Vision, alles Worte, die man in den Gesprächen aus Matthias Mund hört. Er bren­nt für seine Ideen, das merkt man jede Sekunde.

Und dann begleit­en wir Matthias an diesen Lost Place, der sein großes Pro­jekt wer­den soll, gemein­sam mit Unter­stützern und poten­ziellen Kun­den, sie sich gemein­sam den Ort und Matthias’ Pläne anse­hen. Was sein Lieblings­büro wäre. 5. Stock mit Blick auf die Berge. Und ich muss sagen, ich ver­ste­he die Idee dieses Pro­jek­ts sofort, als Nomade und den­noch Teil ein­er Com­mu­ni­ty an diesem Ort. Der Aus­tausch, die vie­len ver­schiede­nen Men­schen, die Natur, die Berge, die Ein­samkeit, die Abgele­gen­heit (ein­er der Teil­nehmer hat den Bus ver­passt und musste die weite Strecke mit dem Taxi fahren). Äh also, ich würde das alles ver­ste­hen, hätte ich nicht Fam­i­lie. Weil das alles, denkt man sich sofort, wenn man ein Kind zu Hause hat, ist ja mit Kind gar nicht mach­bar. Naja, mal sehen, ob das im Film auch nochmal zum The­ma wird.

So begeben wir uns dann gemein­sam mit den Inter­essen­ten durch diesen Lost Place – und Hin­weise darauf, wie lange das Gebäude schon ungenutzt daste­ht, liefern Büros mit Wählscheiben­tele­fo­nen und Röhren­mon­i­toren. Krass, das Büro sieht aus wie ver­lassen von einem Tag zum anderen. Sog­ar der Notizkalen­der samt Ein­tra­gun­gen liegt noch herum. Schlüs­sel, Stifte, Teller, hal­b­volle Aschen­bech­er. Irgend­wo gibt es noch einen Abstell­raum voller alter Ski­er und Skischuhen. Faszinierend.

Aber über allem schwebt die Frage: Wird Matthias genü­gend Inter­essen­ten und genü­gend Geld zusam­men­bekom­men, dass das Pro­jekt in die Tat umge­set­zt wer­den kann?

Der Filmemacherin Julia Grote­claes gelingt ein faszinieren­der Doku­men­tarfilm über eine ganz beson­dere Welt, eine ganz beson­dere Com­mu­ni­ty, deren Inten­tio­nen, deren Visio­nen man teils total gut nachvol­lziehen kann, dann wiederum auch nicht. Es gibt dig­i­tale Nomaden, die davon erzählen, wie ihre alten Fre­und­schaften allmäh­lich ver­schwinden. Aber es wird auch klar, dass diese Com­mu­ni­ty in der Lage ist, einige dieser ver­lore­nen Fre­und­schaften zu erset­zen. Und dieser Matthias ist allem voran eine zutief­st faszinierende Per­sön­lichkeit. Aber irgend­wann wird es auch emo­tion­al wer­den…

https://www.dok-leipzig.de/film/hotel-utopia/programm

Für die Vorstel­lung am 1.11. gibt es derzeit noch Tick­ets.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert