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Stillz ist ein von Hause aus Fotograf. Eigentlich heißt er Matías Vásquez, STILLZ ist sein Pseudonym, er ist Künstler, bekannt wurde er durch Polaroids, die er von Künstlern erstellte, und zwar mit der „Polaroid Big Shot”, einer riesigen, alten, aus den 1970ern stammenden Kamera. Seine Polaroidsammlung ist von Andy Warhol inspiriert. Warhol fotografierte damals die Stars und Künstler in seiner Umgebung, Stillz will ihm das gleichtun. Kanye West gehört zu den Künstlern, die Stillz fotografierte, Rosalía, Mike Tyson. Auch Musikvideos drehte er. Als Gründer seiner Produktionsfirma „We Own the City” arbeitet er vor allem mit Künstlern aus dem Bereich der lateinamerikanischen Urban-Szene, etwa Bad Bunny, Jhay Cortez und Rosalía. Auf Instagram, wo er bald an die eine Million Followern um sich versammelt hat, zeigt er einige seiner Polaroids, und Stills aus seinen Musikvideos, die er unter anderem für Bad Bunny, Rosalía, Rauw Alejandro, Omar Apollo und viele andere gedreht hat. Er führte auch Regie bei einem Kurzfilm, Doesn’t It Feel Like This Was the Beginning? aus dem jahr 2023. „Barrio Triste” aus dem Jahr 2025 ist nun sein Debüt als Spielfilmregisseur, der Film erlebte seine Weltpremiere in Venedig, in Deutschland lief er beim Filmfest Köln, nun, am 26. November 2026 startet er in den deutschen Kinos.
„Während Warhol geradezu besessen von der Promi-Kultur und der Selbstporträtierung war, agiert Stillz etwas zurückhaltender”, schreibt das Exhibition Magazine. „Dennoch ist er ein wahrer Erbe von Warhols fotografischem Ansatz. Mehr als 50 Jahre nach der Ära der ‚Factory’ schafft er ein immersives, authentisches Porträt der heutigen amerikanischen Musikszene. Alles begann mit ‚zufälligen’ Abenden, an denen Stillz bekannte oder berühmte Gesichter mit seiner Polaroid Big Shot – die er stets bei sich trägt – fotografierte.” In einem Interview erzählte er: „Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr in den Bereichen Fotografie und Video tätig. Ich habe den Beginn der Karrieren vieler Menschen miterlebt und gesehen, wie sich ihr Ego verändert, sobald sie berühmt werden – das macht mir wirklich Angst. An einem bestimmten Punkt hatte ich das Gefühl, dass es bei mir in dieselbe Richtung laufen könnte, und ich beschloss, mich zu verstecken.”
Über die Entstehung von Barrio Triste erzählt er in einem Interview: „In den letzten fünf Jahren habe ich unter anderem für Bad Bunny und diverse andere Künstler gearbeitet. Eines Tages lag ich in L.A. auf meinem Sofa, als ich einen FaceTime-Anruf von einer unbekannten Nummer mit der Vorwahl 305 erhielt. Als ich abnahm, sah ich Harmony Korine – mit Zigarre im Mund und ohne Hemd. Er sagte im Grunde nur: ‚Hey, ich habe gehört, dass du an deinem ersten Film arbeitest. Wann können wir sprechen? Wie schnell kannst du nach Miami kommen?’ ( … ) So fing das Ganze eigentlich an. Ich wollte mich schon immer weiterbilden und mehr über visuelle Kunst und Ähnliches lernen – Filme zu machen, war dann der nächste logische Schritt. Ich bin Harmony sehr dankbar; er hat mir viel Freiraum gelassen und mich auf seine ganz eigene Art und Weise angeleitet.”
„Barrio Triste” ist eine Coming-of-age-Geschichte, erzählt von der Jugendkultur in Kolumbien, einer Jugend, Achtung, das klingt aktuell, die darum kämpft, verstanden zu werden. Er drehte mit Betacam-Material, jenes TV-Material, mit dem immer Reportagen und Beiträge fürs Fernsehen gedreht wurden, keine Ahnung, ob es das noch gibt. Jedenfalls hat es etwas Raues? Unfertiges? Improvisiertes? Er selbst führte die Kamera, dreht in Armenvierteln in Medellín, wo er auch die Darsteller fand, authentisch und real – und dort arbeitete er angeblich auch mit lokalen Mafiabossen zusammen. Auch das klingt, naja, irgendwie aktuell.
Medellín ist eine kolumbianische Millionenstadt, 2,5 Millionen Einwohner, nach Bogota die zweitgrößte Stadt des Landes. Die Stadt gilt als Vorzeigestadt, die es geschafft hat, die schwierigen Randbezirke zu integrieren, man vergleiche: Davon träumen Städte wie Paris. Seit den 1990ern ist die Kriminalitäts- und Mordrate in der Tat drastische gesunken. Und sonst so? Die längste Rolltreppe der Welt, ein Planetarium, coole Stadtteile, die von Time Out gefeiert werden, eine rege Textilindustrie, Blumenproduktion, sechs Seilbahnlinien durch die Stadt. Prominente Söhne und Töchter der Stadt? Eine Menge bekannter Fußballspieler und weiterer Sportler, usw.
Ein Fernsehreporter, braunes Siebzigerjahresakko, ebensolche Hosen und Schuhe. In welcher Zeit sind wir eigentlich genau? 70er? 90er? „Colpisos” steht an der Wand, eine lokale Baufirma, aber ebenso der umgangssprachliche Name einer Gegend in Medellìn. Er, der Reporter, wartet darauf, seinen Bericht abgeben zu können, die Kamera wackelt umher. Nachts, erzählt er dann in die Kamera, kommt es in der Gegend zu sonderbaren Leuchterscheinungen. Die Lichter verschwänden im Asphalt oder drängen in Häuser ein und erzeugten angeblich metallische Geräusche. Und dann passiert etwas: Irgendwo in einem Armenviertel in Medellìn wird, das erzählt der Film, eben dieser Journalist, der in dem Viertel recherchieren will, samt seinem Kameramann, von einem Haufen Teenager überfallen. Man entwendet ihm seine Kamera und prompt werden die gesetzlosen Jugendlichen zur Reportern ihrer eigenen Sache, ihres eigenen Lebens. „Voll geil”, hört man sie sagen und sieht sie unbeholfen mit der Kamera schwenken, neugierig, wie das Teil funktioniert sind sie immerhin. Und die Kamera läuft einfach weiter, und filmt und filmt. Die Kamera verticken? Zum Pfandleiher? Sie zeichnen ihr krasses, unruhiges, unstetes Leben auf und geben damit einen Einblick in eine Szene, in eine Gesellschaftsschicht, die sonst unbeachtet bleibt. Juan erzählt von seinen Träumen. Dinge, die zu uns sprechen wie deja-vus, erzählt er. Einen Laden eröffnen? Studieren? Karriere machen? Und dann fahren sie mit dem Auto durch die Gegend und filmen sich dabei, ich komme mir fast vor, wie in HOPE. Aber Monster kommen keine. Dafür wird im Autoradio irgendwie über einen Prostituiertenmord geredet. Schweigend hören die Jungs zu, während man draußen die einfachen, provisorischen Häuser und Straßen des barrios sieht, in den Hängen oberhalb des Stadtzentrums. In einem Mercedes, erkennen wir am Stern auf der Motorhaube. Ein Mercedes? Endlos, schweigsam dauert die Fahrt, dann laden sie noch einen Freund ein, den sie irgendwo abgeholt haben. Und man wundert sich über das Schweigen der Jungs. Und dann: Werden die Waffen im Auto verteilt, und die Masken. Begleitet von krasser, schriller Musik sind wir, mit der Kamera, im Schmuckladen, der überfallen wird.
Es geht in Barrio Triste um die Gewalt und Rücksichtlosigkeit der Protagonisten. Erleben wir eine Lost Generation? – wir fühlen uns irgendwie auch an die Ausschreitungen in Paris erinnert. Es ist die Gewalt, das fehlende Mitgefühl, die Empathielosigkeit, die und schockiert. „Keine Bewegung oder ich kill dich”, wird beim Überfall geschrien. Und in keiner Sekunde hat man das Gefühl, dass das alles etwas mit Not und Armut zu tun hat, es ist die Lust an der Brutalität, die Rohheit und der Unwille, sich mit irgendeiner vernünftigen Arbeit auseinandersetzen zu wollen. Ob der Ladeninhaber jemand ist, der sich mit Mühe sein eigenes Geschäft aufgebaut hat: Egal. Und am Schluss liegt jemand tot am Boden. Und jetzt? Gehen sie mit den erbeuteten Werten Bananen kaufen? Oder das Minus auf dem Mietkonto ausgleichen? Den kleinen Geschwistern Schulbücher kaufen? Sich ein eigenes Geschäft mit der Kohle realisieren?
Jetzt kommen die Szenen, wo die Jungs in die Kamera erzählen, wie schwer sie es doch hatten: Dass sie in einem armen, toughen Viertel aufgewachsen sind, dass sie an etwas glauben wollten, aber ihnen nur der Arsch versohlt wurde. „Unsere Lebensgeschichte wurde als Flaschenpost ins Meer geworfen”, heißt es in einer sonderbaren lyrischen Sprache, die überhaupt nichts mit dem zu tun hat, wie die Jungs eben brutal durch das Schmuckgeschäft getobt sind und einen umgebracht haben. Klar, das wollte eigentlich keiner. Und dann tritt einer stellvertretend auf das Radio ein, das wieder und wieder die miesen, negativen Nachrichten aus dem Barrio verbreitet. Und alle sind jetzt sauer, weil es unnötig war, dass der eine Typ nicht an sich halten konnte und den Schmuckladenbesitzer erschossen hat. Nun hängen sie nämlich alle mit drin. „Ist halt passiert, kann man nix machen”, versucht einer zu beschwichtigen.
Ja, das ist schon ein bedrückender, verzweifelter Film – und ich habe mich lange gefragt, in welche Richtung soll das gehen? Wird es in jene Richtung gehen, in die die linke mitteleuropäische Argumentation geht: Dass das um eine Lost Generation geht, die halt keine Perspektive sieht, die so drauf ist, weil die Mieten und das Essen zu teuer ist? Weil sich halt Firmen bereichern, während diese Generation bei ihren täglichen Bemühungen, um ihren Lebensunterhalt zu kämpfen überfordert sind, weil eben das Essen und die Mieten zu teuer sind? Wie bei den Ausschreitungen in mitteleuropäischen Städten beginne ich mich aber irgendwann zu fragen: Wo sind eigentlich die Mädchen? Wo sind eigentlich die Frauen? Wir sind ungefähr bei Minute 31, wenn das erste Mal eine junge Frau auftaucht. Warum sind eigentlich die Frauen nicht verroht, brutal, wütend, empathielos? „Eine Mama findet keine Ruhe, wenn sich ihr Sohn rumtreibt.” Sagt irgendwann eine der Mütter – und sie wirkt wirklich außerordentlich authentisch. Sie lügen immer, sagt sie. Es raubt ihr den Schlaf. Und ich frage mich: Wo wären denn hier die mitteleuropäischen Fantasien, diese Gewalt zu verhindern? In sozialistischem Besitzausgleich? Erlernen diese jungen Männer plötzlich Empathie und Neugierde und den Wunsch, etwas aus ihrem Leben zu machen, wenn die Reichen enteignet und der Reichtum umverteilt wird? Ich habe nicht den Eindruck. Mein Eindruck ist eher: Diese Jungs sind so, weil ihre Väter auch schon so waren. Und weil sie keine Vorbilder in ihrem Umfeld haben, denen sie nacheifern können. „Mein Vater hat mich nie anerkannt”, sagt einer. „Er hat mich nie in den Arm genommen.” Oder ist das zu einfach? Ich weiß es nicht. Sozialistische Bestrebungen ersetzen jedenfalls nicht die fehlende Liebe bei jungen Männern und Kindern. Aber in jedem Fall gehört es zu den Stärken dieses Films, dass er uns dabei hilft über genau das anzufangen nachzudenken, was uns gerade aktuell in den mitteleuropäischen Großstädten auch bewegt. Und immerhin: Zwar liefert der Film glaube ich keine Antworten, aber zumindest auch keine zu einfachen, populistischen Antworten. „Es gibt keinen Teil im Leben, wo ich glücklich bin”, sagt einer der Jungs. „Und das vermisse ich am meisten: die Unschuld.” Und am Schluss gibt es keine Hoffnung oder Zuversicht. Aber immerhin klingt die Musik etwas zuversichtlicher und positiver.