Stillz in Medellín: BARRIO TRISTE ab 26.11.2026 im Kino

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Stil­lz ist ein von Hause aus Fotograf. Eigentlich heißt er Matías Vásquez, STILLZ ist sein Pseu­do­nym, er ist Kün­stler, bekan­nt wurde er durch Polaroids, die er von Kün­stlern erstellte, und zwar mit der „Polaroid Big Shot”, ein­er riesi­gen, alten, aus den 1970ern stam­menden Kam­era. Seine Polaroid­samm­lung ist von Andy Warhol inspiri­ert. Warhol fotografierte damals die Stars und Kün­stler in sein­er Umge­bung, Stil­lz will ihm das gle­ich­tun. Kanye West gehört zu den Kün­stlern, die Stil­lz fotografierte, Ros­alía, Mike Tyson. Auch Musikvideos drehte er. Als Grün­der sein­er Pro­duk­tions­fir­ma „We Own the City” arbeit­et er vor allem mit Kün­stlern aus dem Bere­ich der lateinamerikanis­chen Urban-Szene, etwa Bad Bun­ny, Jhay Cortez und Ros­alía. Auf Insta­gram, wo er bald an die eine Mil­lion Fol­low­ern um sich ver­sam­melt hat, zeigt er einige sein­er Polaroids, und Stills aus seinen Musikvideos, die er unter anderem für Bad Bun­ny, Ros­alía, Rauw Ale­jan­dro, Omar Apol­lo und viele andere gedreht hat. Er führte auch Regie bei einem Kurz­film, Doesn’t It Feel Like This Was the Begin­ning? aus dem jahr 2023. „Bar­rio Triste” aus dem Jahr 2025 ist nun sein Debüt als Spielfilm­regis­seur, der Film erlebte seine Welt­premiere in Venedig, in Deutsch­land lief er beim Film­fest Köln, nun, am 26. Novem­ber 2026 startet er in den deutschen Kinos.

„Während Warhol ger­adezu besessen von der Pro­mi-Kul­tur und der Selb­st­porträtierung war, agiert Stil­lz etwas zurück­hal­tender”, schreibt das Exhi­bi­tion Mag­a­zine. „Den­noch ist er ein wahrer Erbe von Warhols fotografis­chem Ansatz. Mehr als 50 Jahre nach der Ära der ‚Fac­to­ry’ schafft er ein immer­sives, authen­tis­ches Porträt der heuti­gen amerikanis­chen Musik­szene. Alles begann mit ‚zufäl­li­gen’ Aben­den, an denen Stil­lz bekan­nte oder berühmte Gesichter mit sein­er Polaroid Big Shot – die er stets bei sich trägt – fotografierte.” In einem Inter­view erzählte er: „Ich bin seit meinem 15. Leben­s­jahr in den Bere­ichen Fotografie und Video tätig. Ich habe den Beginn der Kar­ri­eren viel­er Men­schen miter­lebt und gese­hen, wie sich ihr Ego verän­dert, sobald sie berühmt wer­den – das macht mir wirk­lich Angst. An einem bes­timmten Punkt hat­te ich das Gefühl, dass es bei mir in dieselbe Rich­tung laufen kön­nte, und ich beschloss, mich zu ver­steck­en.”

Über die Entste­hung von Bar­rio Triste erzählt er in einem Inter­view: „In den let­zten fünf Jahren habe ich unter anderem für Bad Bun­ny und diverse andere Kün­stler gear­beit­et. Eines Tages lag ich in L.A. auf meinem Sofa, als ich einen Face­Time-Anruf von ein­er unbekan­nten Num­mer mit der Vor­wahl 305 erhielt. Als ich abnahm, sah ich Har­mo­ny Korine – mit Zigarre im Mund und ohne Hemd. Er sagte im Grunde nur: ‚Hey, ich habe gehört, dass du an deinem ersten Film arbeitest. Wann kön­nen wir sprechen? Wie schnell kannst du nach Mia­mi kom­men?’ ( … ) So fing das Ganze eigentlich an. Ich wollte mich schon immer weit­er­bilden und mehr über visuelle Kun­st und Ähn­lich­es ler­nen – Filme zu machen, war dann der näch­ste logis­che Schritt. Ich bin Har­mo­ny sehr dankbar; er hat mir viel Freiraum gelassen und mich auf seine ganz eigene Art und Weise angeleit­et.”

„Bar­rio Triste” ist eine Com­ing-of-age-Geschichte, erzählt von der Jugend­kul­tur in Kolumbi­en, ein­er Jugend, Achtung, das klingt aktuell, die darum kämpft, ver­standen zu wer­den. Er drehte mit Beta­cam-Mate­r­i­al, jenes TV-Mate­r­i­al, mit dem immer Reporta­gen und Beiträge fürs Fernse­hen gedreht wur­den, keine Ahnung, ob es das noch gibt. Jeden­falls hat es etwas Raues? Unfer­tiges? Impro­visiertes? Er selb­st führte die Kam­era, dreht in Armen­vierteln in Medel­lín, wo er auch die Darsteller fand, authen­tisch und real – und dort arbeit­ete er ange­blich auch mit lokalen Mafi­a­bossen zusam­men. Auch das klingt, naja, irgend­wie aktuell.

Medel­lín ist eine kolumbian­is­che Mil­lio­nen­stadt, 2,5 Mil­lio­nen Ein­wohn­er, nach Bogo­ta die zweit­größte Stadt des Lan­des. Die Stadt gilt als Vorzeiges­tadt, die es geschafft hat, die schwieri­gen Rand­bezirke zu inte­gri­eren, man ver­gle­iche: Davon träu­men Städte wie Paris. Seit den 1990ern ist die Krim­i­nal­itäts- und Mor­drate in der Tat drastis­che gesunken. Und son­st so? Die läng­ste Roll­treppe der Welt, ein Plan­e­tar­i­um, coole Stadt­teile, die von Time Out gefeiert wer­den, eine rege Tex­tilin­dus­trie, Blu­men­pro­duk­tion, sechs Seil­bahn­lin­ien durch die Stadt. Promi­nente Söhne und Töchter der Stadt? Eine Menge bekan­nter Fußball­spiel­er und weit­er­er Sportler, usw.

Ein Fernsehre­porter, braunes Siebziger­jahre­sakko, eben­solche Hosen und Schuhe. In welch­er Zeit sind wir eigentlich genau? 70er? 90er? „Colpisos” ste­ht an der Wand, eine lokale Bau­fir­ma, aber eben­so der umgangssprach­liche Name ein­er Gegend in Medel­lìn. Er, der Reporter, wartet darauf, seinen Bericht abgeben zu kön­nen, die Kam­era wack­elt umher. Nachts, erzählt er dann in die Kam­era, kommt es in der Gegend zu son­der­baren Leuchter­schei­n­un­gen. Die Lichter ver­schwän­den im Asphalt oder drän­gen in Häuser ein und erzeugten ange­blich met­allis­che Geräusche. Und dann passiert etwas: Irgend­wo in einem Armen­vier­tel in Medel­lìn wird, das erzählt der Film, eben dieser Jour­nal­ist, der in dem Vier­tel recher­chieren will, samt seinem Kam­era­mann, von einem Haufen Teenag­er über­fall­en. Man entwen­det ihm seine Kam­era und prompt wer­den die geset­zlosen Jugendlichen zur Reportern ihrer eige­nen Sache, ihres eige­nen Lebens. „Voll geil”, hört man sie sagen und sieht sie unbe­holfen mit der Kam­era schwenken, neugierig, wie das Teil funk­tion­iert sind sie immer­hin. Und die Kam­era läuft ein­fach weit­er, und filmt und filmt. Die Kam­era vertick­en? Zum Pfan­dlei­her? Sie zeich­nen ihr krass­es, unruhiges, unstetes Leben auf und geben damit einen Ein­blick in eine Szene, in eine Gesellschaftss­chicht, die son­st unbeachtet bleibt. Juan erzählt von seinen Träu­men. Dinge, die zu uns sprechen wie deja-vus, erzählt er. Einen Laden eröff­nen? Studieren? Kar­riere machen? Und dann fahren sie mit dem Auto durch die Gegend und fil­men sich dabei, ich komme mir fast vor, wie in HOPE. Aber Mon­ster kom­men keine. Dafür wird im Autora­dio irgend­wie über einen Pros­ti­tu­ierten­mord gere­det. Schweigend hören die Jungs zu, während man draußen die ein­fachen, pro­vi­sorischen Häuser und Straßen des bar­rios sieht, in den Hän­gen ober­halb des Stadtzen­trums. In einem Mer­cedes, erken­nen wir am Stern auf der Motorhaube. Ein Mer­cedes? End­los, schweigsam dauert die Fahrt, dann laden sie noch einen Fre­und ein, den sie irgend­wo abge­holt haben. Und man wun­dert sich über das Schweigen der Jungs. Und dann: Wer­den die Waf­fen im Auto verteilt, und die Masken. Begleit­et von krass­er, schriller Musik sind wir, mit der Kam­era, im Schmuck­laden, der über­fall­en wird.

Es geht in Bar­rio Triste um die Gewalt und Rück­sicht­losigkeit der Pro­tag­o­nis­ten. Erleben wir eine Lost Gen­er­a­tion? – wir fühlen uns irgend­wie auch an die Auss­chre­itun­gen in Paris erin­nert. Es ist die Gewalt, das fehlende Mit­ge­fühl, die Empathielosigkeit, die und schock­iert. „Keine Bewe­gung oder ich kill dich”, wird beim Über­fall geschrien. Und in kein­er Sekunde hat man das Gefühl, dass das alles etwas mit Not und Armut zu tun hat, es ist die Lust an der Bru­tal­ität, die Rohheit und der Unwille, sich mit irgen­dein­er vernün­fti­gen Arbeit auseinan­der­set­zen zu wollen. Ob der Laden­in­hab­er jemand ist, der sich mit Mühe sein eigenes Geschäft aufge­baut hat: Egal. Und am Schluss liegt jemand tot am Boden. Und jet­zt? Gehen sie mit den erbeuteten Werten Bana­nen kaufen? Oder das Minus auf dem Mietkon­to aus­gle­ichen? Den kleinen Geschwis­tern Schul­büch­er kaufen? Sich ein eigenes Geschäft mit der Kohle real­isieren?

Jet­zt kom­men die Szenen, wo die Jungs in die Kam­era erzählen, wie schw­er sie es doch hat­ten: Dass sie in einem armen, tough­en Vier­tel aufgewach­sen sind, dass sie an etwas glauben woll­ten, aber ihnen nur der Arsch ver­sohlt wurde. „Unsere Lebens­geschichte wurde als Flaschen­post ins Meer gewor­fen”, heißt es in ein­er son­der­baren lyrischen Sprache, die über­haupt nichts mit dem zu tun hat, wie die Jungs eben bru­tal durch das Schmuck­geschäft geto­bt sind und einen umge­bracht haben. Klar, das wollte eigentlich kein­er. Und dann tritt ein­er stel­lvertre­tend auf das Radio ein, das wieder und wieder die miesen, neg­a­tiv­en Nachricht­en aus dem Bar­rio ver­bre­it­et. Und alle sind jet­zt sauer, weil es unnötig war, dass der eine Typ nicht an sich hal­ten kon­nte und den Schmuck­ladenbe­sitzer erschossen hat. Nun hän­gen sie näm­lich alle mit drin. „Ist halt passiert, kann man nix machen”, ver­sucht ein­er zu beschwichti­gen.

Ja, das ist schon ein bedrück­ender, verzweifel­ter Film – und ich habe mich lange gefragt, in welche Rich­tung soll das gehen? Wird es in jene Rich­tung gehen, in die die linke mit­teleu­ropäis­che Argu­men­ta­tion geht: Dass das um eine Lost Gen­er­a­tion geht, die halt keine Per­spek­tive sieht, die so drauf ist, weil die Mieten und das Essen zu teuer ist? Weil sich halt Fir­men bere­ich­ern, während diese Gen­er­a­tion bei ihren täglichen Bemühun­gen, um ihren Leben­sun­ter­halt zu kämpfen über­fordert sind, weil eben das Essen und die Mieten zu teuer sind? Wie bei den Auss­chre­itun­gen in mit­teleu­ropäis­chen Städten beginne ich mich aber irgend­wann zu fra­gen: Wo sind eigentlich die Mäd­chen? Wo sind eigentlich die Frauen? Wir sind unge­fähr bei Minute 31, wenn das erste Mal eine junge Frau auf­taucht. Warum sind eigentlich die Frauen nicht ver­ro­ht, bru­tal, wütend, empathie­los? „Eine Mama find­et keine Ruhe, wenn sich ihr Sohn rumtreibt.” Sagt irgend­wann eine der Müt­ter – und sie wirkt wirk­lich außeror­dentlich authen­tisch. Sie lügen immer, sagt sie. Es raubt ihr den Schlaf. Und ich frage mich: Wo wären denn hier die mit­teleu­ropäis­chen Fan­tasien, diese Gewalt zu ver­hin­dern? In sozial­is­tis­chem Besitzaus­gle­ich? Erler­nen diese jun­gen Män­ner plöt­zlich Empathie und Neugierde und den Wun­sch, etwas aus ihrem Leben zu machen, wenn die Reichen enteignet und der Reich­tum umverteilt wird? Ich habe nicht den Ein­druck. Mein Ein­druck ist eher: Diese Jungs sind so, weil ihre Väter auch schon so waren. Und weil sie keine Vor­bilder in ihrem Umfeld haben, denen sie nacheifern kön­nen. „Mein Vater hat mich nie anerkan­nt”, sagt ein­er. „Er hat mich nie in den Arm genom­men.” Oder ist das zu ein­fach? Ich weiß es nicht. Sozial­is­tis­che Bestre­bun­gen erset­zen jeden­falls nicht die fehlende Liebe bei jun­gen Män­nern und Kindern. Aber in jedem Fall gehört es zu den Stärken dieses Films, dass er uns dabei hil­ft über genau das anz­u­fan­gen nachzu­denken, was uns ger­ade aktuell in den mit­teleu­ropäis­chen Großstädten auch bewegt. Und immer­hin: Zwar liefert der Film glaube ich keine Antworten, aber zumin­d­est auch keine zu ein­fachen, pop­ulis­tis­chen Antworten. „Es gibt keinen Teil im Leben, wo ich glück­lich bin”, sagt ein­er der Jungs. „Und das ver­misse ich am meis­ten: die Unschuld.” Und am Schluss gibt es keine Hoff­nung oder Zuver­sicht. Aber immer­hin klingt die Musik etwas zuver­sichtlich­er und pos­i­tiv­er.

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