Florentina Holzinger on screen: ETERNITY am 25.&29.11.2026 im Kino

Ein kleines biss­chen son­der­bar wirkt die Ankündi­gung des Films „Eter­ni­ty” von Susanne Regi­na Meures: Ein­er­seits weil der Film nur für zwei Start­tage annonciert ist, den 25.11. und den 29.11.2026, ander­er­seits weil der Film angekündigt wird als „Kinofilm mit der Kun­st von Flo­renti­na Holzinger”, klingt irgend­wie son­der­bar. Aber mal ganz von Anfang an: Wer ist eigentlich Flo­renti­na Holzinger?

Flo­renti­na Holzinger stammt aus Wien und ist eine Chore­ografin und Per­for­mancekün­st­lerin. Physis­che Extremzustände tre­f­fen auf the­atralis­che Präzi­sion schreibt das Presse­heft – das Ziel sei, „die Gren­zen dessen auszu­loten, wozu Kör­p­er fähig sind. Ihre Prax­is bewegt sich spartenüber­greifend zwis­chen Tanz, Per­for­mance, Oper und The­ater und set­zt sich zugle­ich kri­tisch mit deren jew­eili­gen Tra­di­tio­nen auseinan­der. So bringt Holzinger insti­tu­tion­al­isierte ‚Hochkul­tur’ mit pop- und gegenkul­turellen Ein­flüssen in Kon­takt und ver­schiebt die Gren­zlin­ien zwis­chen Spek­takel und Sub­ver­sion.” Die Zeit schrieb 2019 über sie: „Dass man sie für radikal hält, befremdet Flo­renti­na Holzinger. Sie find­et das ‚kurios’. Dabei kann man, objek­tiv betra­chtet, schon irgend­wie ver­ste­hen, dass manche Leute ihre Arbeit­en extrem nen­nen. In ihrem Pro­jekt Kein Applaus für Scheiße aus dem Jahr 2011, das sie gemein­sam mit ihrem langjähri­gen Büh­nen­part­ner Vin­cent Riebeek erar­beit­ete, spie­len Kör­per­flüs­sigkeit­en eine wichtige Rolle. Die Mis­chung aus Trash, Pop, Tanz und Akro­batik mit deut­lichen Anlei­hen bei der Per­for­mance-Kun­st der Sechziger- und Siebziger­jahre erregte hohes Auf­se­hen.” Über eine ihrer Auf­führun­gen schrieb Bert Reb­han­dl 2025 im Stan­dard: „Gegen dieses Fanal der Fäkalkun­st wüssten auch Elon Musk und alle Tran­shu­man­is­ten in Kali­fornien keine Windel­hose. Flo­renti­na Holzinger macht The­ater als extreme Kör­perkun­st im Kollek­tiv. Auch dieses Mal wird wieder live gepierct und genäht, Haut wird geliftet, darf aber auch schwabbeln. (…) Der Abend endet mit „No End”. No Vorhang. Die übliche Applau­sor­d­nung wird aus­geschla­gen.”

Flo­renti­na Holzinger ist also die Pro­tag­o­nistin dieses Films, die Regis­seurin hinge­gen ist Susanne Regi­na Meures, eine deutsch-schweiz­er Regis­seurin, gebür­tig in Mönchenglad­bach. „Sie ist bekan­nt für ihr inno­v­a­tives Sto­ry­telling, in dem sie den Kon­text von Pop-Kul­tur und Kun­st nutzt, um sich poli­tis­chen und gesellschaftlichen Fragestel­lun­gen zu wid­men”, schreibt der Pres­se­text. Und weit­er: „Ihre Filme, u.a. ‚Rav­ing Iran’, ‚Sau­di Run­away’ und ‚Girl Gang’ feierten Pre­mière u.a. am Sun­dance Film Fes­ti­val, der Berli­nale, und liefen an über 200 Film­fes­ti­vals weltweit. Ihre Arbeit wurde mit zahlre­ichen Preisen geehrt, darunter einem Europäis­chen Film­preis, und wur­den von Stream­ing­di­en­sten wie Dis­ney und Net­flix lizen­siert.” Über die Entste­hung von ETERNITY schrieb sie: „ETERNITY ent­stand aus meinem Wun­sch her­aus, einige der drän­gen­den Prob­leme unser­er Zeit zu beleucht­en, darunter die sich ver­schär­fende Kli­makrise, die gesellschaftlichen Kon­se­quen­zen des Spätkap­i­tal­is­mus und die zunehmend insta­bile geopoli­tis­che Lage unser­er Welt. Die Idee für den Film nahm Gestalt an, als ich zum ersten Mal den Rhône-Gletsch­er in der Schweiz besuchte, einen der größten Gletsch­er der Alpen. Als ich zu sein­er majestätis­chen und dem Unter­gang gewei­ht­en Gestalt auf­blick­te, wurde mir klar, dass er das per­fek­te, schmelzende Sym­bol für unsere aus den Fugen ger­atene Welt ist. Ein weit­er­er entschei­den­der Moment war, als ich in 2022 die Arbeit von Flo­renti­na Holzinger ent­deck­te. Seit einem guten Jahrzehnt ist die öster­re­ichis­che Kün­st­lerin eine ange­se­hene Per­formerin und Chore­ografin auf den Büh­nen Europas, die die Gren­zen dessen, was ein men­schlich­er Kör­p­er aushal­ten kann, radikal aus­lotet. Ihre Arbeit teilt mein Inter­esse, die ver­schiede­nen Stränge unser­er dystopis­chen Real­ität miteinan­der zu verknüpfen, darunter Rechts-Pop­ulis­mus, Frauen­feindlichkeit, Neokolo­nial­is­mus und unser verz­er­rtes Ver­hält­nis zur Tech­nolo­gie.”

Der Film begin­nt erst­mal mit diversen Warn­hin­weisen, Nack­theit, Sex­u­al­ität, Licht­ef­fek­te und so weit­er. Und dann bewe­gen wir uns durch das Weltall, von Ster­nen­staub war in ein­er Schriftein­blendung schon die Rede, Sterne kom­men auf uns zu, ein sphärisch­er Chor begleit­et die Bilder. Wir begeg­nen der bib­lis­chen Schöp­fungs­geschichte, Licht, Tag, Nacht – „und es war gut”. Vom Land, Wass­er, Pflanzen, Bäu­men erzählt uns die weib­liche Stimme aus dem Off, weit­er­hin unter­legt von der sphärischen Chor­musik. Und dann wird der Men­sch erschaf­fen, auch der war gut, sagt die Stimme. Ich kann mit der bib­lis­chen Schöp­fungs­geschichte nicht so riesig viel anfan­gen, aber mit der Musik und den Wel­traum­bildern entste­ht schon so etwas wie ein Sog, der mich in den Film hineinzieht.

Schnitt – Schwarz­bild – Vogelzwitsch­ern – Naturg­eräusche. Ein Son­nenauf­gang. Dann ein ganz har­ter Schnitt: Plöt­zlich befind­en wir uns mit­ten in einem Ren­nen zwis­chen Autos. Auf ein­er Straße durchs Gebirge, die Musik ist plöt­zlich keine Chor­musik mehr, son­dern laut und hek­tisch. Zwei nack­te Frauen sitzen am geöffneten Aut­ofen­ster. Von Dro­gen, einem Krieg ist die Rede von der weib­lichen Stimme im Off. Aber alles egal, schließlich sei es der let­zte existierende Som­mer. „Wir waren bere­it, zu ver­schwinden.” An einem Aus­sicht­spunkt im Gebirge hal­ten die Frauen ihre rasenden Autos an und steigen aus, alle nackt. Nebelschwaden, Gletsch­er, und jet­zt wieder die astrale Chor­musik.

Dann begeg­nen uns die Frauen son­der­bar halb nackt, halb verklei­dete in Wei­h­nachts­man­nauf­machung, mit Skiern, Freizeit‑, Badeklam­ot­ten, Self­i­e­sticks, die Sonne sei nicht mehr warm heißt es im Off. Aber die Hitze kommt an. „Waren es die Pillen, oder die dünne Luft, oder die Hitze?” fragt die Stimme. Und: „Wir fühlten uns unbe­sieg­bar.” Das Ende der Welt sei in Stücke zer­brochen. Aber die Pillen? Sind wir zu weit gegan­gen? Es fällt mir nicht ein­fach, die Hand­lung wiederzugeben, daher zitiere ich die mys­ter­iösen, endzeitlichen Off-Kom­mentare, die wir von dieser ruhi­gen, weib­lichen Stimme hören. Immer wieder fällt das Wort Hitze, ein Gletsch­er tröpfelt und schmilzt vor sich hin, Kli­makatas­tro­phe. Aber die nack­ten Frauen son­nen sich weit­er im Gletschereis. Aber dann: Geier. Oder eine Drohne. Die Real­ität wan­delt sich ins Fieber. Und die let­zten Worte der Off-Stimme: „Das fühlt sich nicht richtig an.” Ah die Drohne liefert Gewehre ab, diese, keine Ahnung, Lasertaggewehre? Oder so? Jeden­falls schießen die Frauen jet­zt mit Farbe auf ihre nack­ten Kör­p­er. Men­schen­sa­fari mit Beute.

Dann ein leuch­t­en­des christlich­es Kreuz im Gletsch­ersee, das die Frau aus dem Wass­er fis­chen. Der Schwarm Geier-Drohnen. Dann rosa Berg­land­schaft. Die nack­ten Frauen schlep­pen das Kreuz denn Berg hoch, wohl eher ein Gipfelkreuz. Müh­sam. Gut, dass ein Hub­schrauber zu Hil­fe kommt und das Kreuz trans­portiert.

Ich lasse nochmal die Regis­seurin zu Wirt kom­men: „Unser Dreh auf dem Gletsch­er mit Flo­renti­na und ihren Per­for­mancekün­st­lerin­nen war ein kathar­tis­ches Erleb­nis, bei dem die Tem­per­a­turen zwis­chen extremer Hitze und bis weit unter den Gefrier­punkt schwank­ten. Let­z­tendlich wurde die schmelzende Alpen­land­schaft zum Haupt­pro­tag­o­nis­ten, zur Verkör­pe­rung unser­er kol­la­bieren­den Wel­tord­nung. Wir ver­ste­hen ETERNITY als ein fem­i­nis­tis­ches, rebel­lis­ches und kom­pro­miss­los freigeistiges Filmw­erk – eine Ein­ladung, unser Ver­hält­nis zum Kör­p­er, zur Welt, in der wir leben, und zur Zukun­ft, die wir gestal­ten, neu zu über­denken.” Ja, das leuchtet mir ein, es ist schon auch ein Werk, das mir schw­er fällt zu entschlüs­seln und das Rebel­lis­che daran mag ich in der Tat, auch die Andeu­tung des Apoka­lyp­tis­chen. Und ger­ade in den Szenen, die mit der Chor­musik unter­legt sind, entste­ht auch ein Sog. Aber bisweilen füh­le ich mich auch sehr außen vorge­lassen, dem Rät­sel­haften über­lassen – und etwas rat­los.

ETERNITY läuft am 25. und 29. Novem­ber 2026 in aus­gewählten Kinos.

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