Über Michel Francos Parabel NEW ORDER

Michel Fran­cos NEW ORDER

Auf den Straßen liefern sich Demon­stran­ten immer wüten­dere Schlacht­en mit der Polizei, lange wird sie die Gewalt nicht mehr eindäm­men kön­nen. In einem edlen Anwe­sen in einem Reichen­vier­tel von Mexiko-Stadt will man von der eskalieren­den Aggres­sion draußen vor den Toren nichts wis­sen. Hier feiert die gehobene Gesellschaft ein rauschen­des Fest, als gäbe es kein Mor­gen mehr: die Hochzeit von Mar­i­anne und ihrem Ehe­mann. Unter­brochen wird die aus­ge­lassene Stim­mung von einem getreuen Angestell­ten. Er bit­tet Mar­i­anne so verzweifelt um Hil­fe, dass sie die eigene Feier ver­lässt und sich mit ihm mit­ten hinein beg­ibt in das unberechen­bare Chaos auf den Straßen. So erlebt sie nicht mit, wie die Hochzeitspar­ty mit ihren Gästen gestürmt wird. Jet­zt entlädt sich der Zorn, eine scho­nungslose Treib­jagd begin­nt, das Mil­itär schre­it­et ein. Nie­mand ist mehr sich­er. Und Mar­i­anne steckt mit­ten­drin…

Kurzkri­tik

Michel Fran­cos dystopis­che Para­bel NEW ORDER ist ein­er der span­nend­sten Beiträge des – zwar noch kurzen, aber an Inde­pen­dent-High­lights reichen – Kino­jahres 2021. Fran­co spielt sub­ver­siv mit den Erwartun­gen der Zuschauer. Er greift unsere Abnei­gung gegen soziale Ungle­ich­heit auf, drängt uns dazu, gle­ich anfangs eine gewisse Sym­pa­thie mit den ungerecht Behan­del­ten der mexikanis­chen Gesellschaft zu empfind­en, lockt uns damit aber hin­ter­hältig in die Falle, indem er die Rebellen zu blutrün­sti­gen, bru­tal­en Räch­ern wer­den lässt. Und er lockt uns dop­pelt in die Falle, weil er die hüb­sche Pro­tag­o­nistin aus reichem Haus, mit der wir begin­nen, mitzufühlen und mitzulei­den – lap­i­dar in die Falle ren­nen und sie einen drama­tis­chen Lei­densweg einge­hen lässt. Dabei ver­weigert sich der Film durchgängig klas­sis­chen Iden­ti­fika­tion­s­mustern und Dra­maturgi­eschema­ta. Wer ist böse, wer ist gut? Auf welch­er Seite ste­hen wir? Oder weit­er gefasst: Welche Schuld trägt der wohlhabende Teil der Welt an der Armut und Bedürftigkeit des anderen Teils der Welt? Fran­co schafft das, was so manch­es filmis­che Werk zu einem bleiben­den Bestandteil der Filmgeschichte ein­er Nation wer­den lassen kann: Er schuf einen Film, der Fra­gen zur Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft der mexikanis­chen Gesellschaft stellt – anstatt ein­fache, bequeme Antworten zu liefern.

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