„Bring mir einen Spiegel und eine Bürste. Ich habe beschlossen zu leben.“ Über den Dokumentarfilm „IRMI“

Irmi Selver wurde im Jahr 1906 in Chem­nitz in eine jüdis­che Fam­i­lie hineinge­boren. Vor den Nazis floh sie nach New York, das für sie ihre neue Heimat wurde. Mit über achtzig Jahren schrieb die schließlich ihre Mem­oiren. Es fiel ihr schw­er, all die Details ihrer Ver­gan­gen­heit niederzuschreiben. „My Mem­oirs“ heißt das Buch, und die Stimme von Irmi wird in diesem Film gele­sen von der Schaus­pielerin Han­na Schygul­la.

Irmi erzählt, wie ihre Enke­lin sie dazu brachte, sich ihres Lebens zu erin­nern, und es aufzuschreiben. Und sie erzählt davon, wie sie aufwuchs, als Tochter (und siebtes Kind) recht alter, jüdis­ch­er Eltern, in einem gut­si­tu­ierten Haushalt. Voller Liebe sei sie aufgewach­sen, und auch recht ver­wöh­nt. Die Eltern besaßen Tex­til­fab­riken in Chem­nitz. Sie war eine mit­telmäßige Schü­lerin, berichtet sie, aber dafür recht sportlich. Ihre Som­mer­fe­rien ver­bracht­en sie an der Ost­see. Der Aus­bruch des Ersten Weltkriegs unter­brach dann die Idylle ihrer Kind­heit. Ein Brud­er nach dem anderen musste an die Front. Ihr Brud­er Kon­rad fiel in Frankre­ich, die anderen über­lebten.

Irmi erzählt aber auch von ihrem ersten Fre­und, den sie hat­te, Karl. 1926 heirateten die bei­den. Karl arbeit­ete in der Tex­tilin­dus­trie, aber er inter­essierte sich für die Kun­st. 1932 wurde das erste Kind geboren, Frank. Dann kamen die Nazis an die macht. 1936 war Irmi wieder schwanger und sie beschloss, dass dieses Kind nicht in Deutsch­land geboren wer­den würde. 1937 emi­gri­erte sie nach Hol­land. Sie ließ alles zurück und begab sich in eine unsichere Zukun­ft. In ihrer neuen Heimat wurde schließlich Irene geboren. Der Rest der Fam­i­lie blieb noch in Deutsch­land, fol­gte aber nach der Reich­s­pogrom­nacht auch nach Hol­land. Aber das sollte nicht die let­zte Flucht sein.

1939 beka­men sie Visas nach Chile. Sie ver­ließen die Nieder­lande in Ams­ter­dam mit dem Schiff. Doch das Schiff wurde von den Deutschen bom­bardiert und versenkt. Irmis Mann, ihr Sohn und ihre Tochter star­ben. Sie selb­st über­lebte und schaffte es schließlich nach Lon­don. Sie kommt bei Fre­un­den unter und ver­liert beina­he ihren Lebens­mut. Doch schließlich beschließt sie, dass sie weit­er­leben will.

Bald heiratete sie Wal­ter, Witwer und Vater zweier Söhne. Wal­ter kon­nte in die USA emi­gri­eren, Irmi fol­gte auf einem Bana­nen­dampfer. Ver­fol­gt von deutschen U‑Booten schaffte das Schiff es nach Hal­i­fax. Sie war gerettet und traf ihren Mann Wal­ter in New York wieder. Die Ehe hielt nicht lange. Doch sie sollte nicht lange allein bleiben, und sie sollte bald wieder Kinder bekom­men…

Und eines der Kinder ist eben Veron­i­ca Selver, die Filmemacherin, die gemein­sam mit Susan Fan­shel diesen Film gedreht hat. Und welch wun­der­bares Doku­ment daraus gewor­den ist. Es ist ein beein­druck­end per­sön­lich­er Doku­men­tarfilm über eine Frau, die schw­er vom Schick­sal getrof­fen wurde, aber dann ihren Lebens­mut und ihren Lebenswillen wieder­fand. Der Satz, den Irmi damals, als sie nach dem Tod ihres Mannes und ihrer bei­der Kinder zu einem Fre­und sagte, bei dem sie in Eng­land untergekom­men war, prägt sich tief ein: „Fritzchen, bring mir einen Spiegel und eine Bürste, ich habe beschlossen zu leben.“ IRMI gelingt es, den Schick­salen jen­er Zeit, Leben einzuhauchen. Er gehört zu den Doku­men­tarfil­men, die es schaf­fen, wenig­stens ein kleines biss­chen dazu beizu­tra­gen, dass die Schick­sale von Jüdin­nen und Juden in jen­er Zeit nicht immer mehr in der Ver­gan­gen­heit verblassen. Und was der Film ger­ade mit mir macht, ist es, mich daran zu erin­nern, dass auch Flüch­t­ende unser­er heuti­gen Zeit nicht bloß – falls über­haupt – zu bald vergesse­nen Kurzmel­dun­gen und Son­der­sendun­gen im Fernse­hen tau­gen, son­dern dass sich hin­ter jedem Fall wirk­liche Schick­sale von Men­schen mit Fam­i­lien und Fre­un­den ver­ber­gen.

VERONICA SELVER

BIO Veron­i­ca Selver ist Filmemacherin und Cut­terin, die sich auf Doku­men­tarfilme zu sozialen The­men spezial­isiert hat. Zu ihren eige­nen Fil­men gehören KPFA ON THE AIR, RAISING THE ROOF und CAPE SONG. Zu den Fil­men, bei denen sie als Co-Regis­seurin und Co-Edi­torin tätig war, gehören YOU GOT TO MOVE, FIRST LOOK und der Colum­bia duPont Excel­lence in Broad­cast Jour­nal­ism Gewin­ner WORD IS OUT. Zu den aus­gewählten Schnit­tar­beit­en gehören ON COMPANY BUSINESS, Gewin­ner des FIPRESCI-Preis­es bei den Berlin­er Film­fest­spie­len, BERKELEY IN THE SIXTIES, nominiert für den Acad­e­my Award und nominiert für den Amer­i­can Cin­e­ma Edi­tors Award für den besten Doku­men­tarfilm; der Colum­bia DuPont-Gewin­ner HARRY BRIDGES: A MAN AND HIS UNION, der IDA-Gewin­ner ABSOLUTELY POSITIVE, der Peabody Award-Gewin­ner COMING OUT UNDER FIRE und die POV-Sendung BLACKS AND JEWS. Veron­i­ca Selver war außer­dem Cut­terin bei BROTHER OUTSIDER: THE LIFE OF BAYARD RUSTIN und A FIERCE GREEN FIRE.

SUSAN FANSHEL

BIO Susan Fan­shel ist eine unab­hängige Doku­men­tarfilmerin und Cut­terin, zu deren preis­gekrön­ten Fil­men fol­gende gehören: A WEAVE OF TIME, THE STORY OF A NAVAJO FAMILY, NEVELSON IN PROCESS, VOULKOS AND COMPANY, MADE IN THE BRONX, SIX AMERICAN FAMILIES: THE KENNEDY’S OF NEW MEXICO und THE ODYSSEY TAPES. Die von ihr geschnit­te­nen Filme wur­den mit den höch­sten Ausze­ich­nun­gen im Rund­funkjour­nal­is­mus bedacht, darunter: Der George Fos­ter Peabody Award (3), der Alfred Du Pont-Colum­bia Award (2), der Emmy Award (2), der John O’Con­ner Film Award und der Banff World Tele­vi­sion Award. Aus­gewählte Schnit­tleis­tun­gen umfassen: ROBERT CAPA IN LOVE AND WAR, INNOCENCE LOST, THE PLEA, SAVING ELIAN, THE LAST QUEEN OF HAWAII und FDR – eine vierteilige Serie für PBS. Fan­shel begann ihre Kar­riere in der San Fran­cis­co Bay Area, nach­dem sie ihr Studi­um an der U.C. Berke­ley mit einem Mas­ters Degree in Fine Art abgeschlossen hat­te.

CREDITS

IRMI
JFBB Sek­tion WETTBEWERB DOKUMENTARFILM
Regie: VERONICA SELVER, SUSAN FANSHEL
Land/Länder US
Jahr 2020
Dauer 70 MIN
Drehbuch SUSAN FANSHEL, VERONICA SELVER
Kam­era JOHN HAPTAS, MICHAEL CHIN
Ton PHILIP PERKINS
Musik TODD BOEKELHEIDE
Pro­duzent VERONICA SELVER
Pro­duk­tions­fir­ma SELVER PRODUCTION
Schaus­piel­er IRMIS MEMOIREN WERDEN GELESEN VON HANNA SCHYGULLA
IRMI läuft auf dem Jüdis­chen Film­fes­ti­val Berlin und Bran­den­burg 2021.

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