Über Mika Kaurismäkis Corona-Kammerspiel „EINE NACHT IN HELSINKI“

GRACIOUS NIGHT – Mika Kaurismäki Arsenal Filmverleih

„EINE NACHT IN HELSINKI“ (GRACIOUS NIGHT aka YÖ ARMAHTAA)
Ein Film von Mika Kaurismäki
Finnland 2020
90 Minuten
mit Timo Torikka, Kari Heiskanen, Pertti Sveholm
Kinostart: 20. Januar 2022
im Verleih von Arsenal Filmverleih

Helsinki im Lockdown, es ist der 1. Mai. Die Straßen sind leer, kaum ein Mensch ist unterwegs. Am Bahnhof sitzen lediglich ein paar einzelne Gestrandete, deren Züge nicht fahren. Die Radiomeldung, dass ein Mörder gesucht wird, macht die Situation noch düsterer.

Heikki ist der Betreiber einer Bar, die natürlich wegen Corona geschlossen hat. Dennoch stellt er die Musicbox an, macht es sich schön und serviert wenigstens sich selbst ein leckeres Essen, als plötzlich sein Freund Risto auftaucht, klopft und ihn bittet, auf ein Glas hereingelassen zu werden. Er hätte eine schwere Schicht im Krankenhaus hinter sich. Zögernd lässt Heikki ihn ein und gibt ihm einen guten Rotwein aus. Die beiden verbringen einen Abend in der geschlossenen Kneipe und klagen sich gegenseitig ihr Leid, Heikki steckt inzwischen in finanziellen Nöten, Leere, Stille und Verzweiflung quält ihn. Risto machen seine Krankenhausschichten zu schaffen, er hat vom Tod einer seiner Patientinnen erfahren, ein 14-jähriges Mädchen; sie hatte ihm noch einen Brief geschrieben. Einen Wein nach dem anderen öffnen die beiden Männer. Zum Trost hören sie etwas Musik mit der Musicbox, die in der Bar steht. Ristos Leben ist etwas aus der Bahn geworfen, auch von seiner Frau entfremdet er sich und mit seinem Sohn Alvar hatte er seit zwei Jahren keinen Kontakt mehr, ihre Beziehung zueinander ist verkümmert; seine Tochter Elli wohnt noch zu Hause. Heikki sagt, dass seine Tochter auch einige Probleme hätte.

GRACIOUS NIGHT – Mika Kaurismäki Arsenal Filmverleih

Da betritt noch ein dritter Mann die Kneipe, Juhani, Jussi genannt. Er sagt, er wolle nur kurz bleiben, doch Heikki möchte sich nicht darauf einlassen. Juhani sagt, dass er nur kurz sein Handy aufladen müsse, weil seine Tochter gleich ein Kind bekäme. Also lädt er kurz sein Handy auf und darf auch noch ein Glas Rotwein mittrinken. Er erzählt von sich, dass er seine Tochter wegen Corona nicht im Krankenhaus besuchen dürfe, dass er auf dem Sozialamt arbeitet. Er erzählt, wie die Regierung die sozial Benachteiligten vernachlässigt.

Als Jussi kurz draußen eine raucht klingelt sein Handy, das noch in der Bar liegt. Heikki geht ran – Jussis Frau ist am Telefon, die ihn warnen will, dass die Polizei ihn suche. Heikki ist nun davon überzeugt, dass Jussi der im Radio gesuchte Mörder sei! Was tun? Da entdeckt Jussi, dass Heikki an seinem Telefon war. Er möchte nun erzählen, was wirklich passiert ist, er streitet ab, dass ein Mord geschehen sei, es sei ein Unfall gewesen. Jussi erzählt, wie er sich von seiner Frau Anneli getrennt hatte und wie dann Victoria, eine Chilenin, und deren sechsjährige Tochter Terhi in sein Leben getreten sei. Terhi war mit einem narzisstischen Augenarzt, Jarkko, verheiratet, der sie schlug und den sie darauf verließ. Victoria war Jussis Klientin beim Sozialamt. Jussi verliebte sich in sie, sie wurde zu seiner Obsession, Jarkko war für ihn der Teufel. Jussi drohte Jarkko bei der Polizei anzuzeigen. Als Jarkko sich bei Victoria ankündigt, eilt Jussi zu Hilfe, im Handgemenge knallt Jarkko mit dem Kopf auf den Boden. Eine Diskussion zwischen den Dreien entspinnt sich, bei der es darum geht, ob Jussis Handeln gerechtfertigt ist, oder inwiefern er Schuld auf sich geladen hat. Schnell nimmt das Gespräch philosophische Dimensionen an. Alle erzählen ihre Geschichten, was sie bewegt, was ihnen wichtig ist. Und dramatische, aber auch hoffnungsvolle Wendungen drohen den Männern noch im Lauf des Abends…

GRACIOUS NIGHT – Mika Kaurismäki Arsenal Filmverleih

Die Pandemiesituation lässt in dieser wunderbaren Bar das Leben der drei Männer für einen kurzen Augenblick anhalten. Sie ordnen ihr Leben ein, versuchen ihre Vergangenheit zu bewerten, blicken auf ihr Leben zurück. Es geht um Schuld, Identität, Pflicht, Werte, Hoffnung, Schicksal, Träume. Es ist beeindruckend, wie leicht Mika Kaurismäki philosophische Lebensanalysen im Angesicht der Pandemie aus dem Ärmel schüttelt. Da sprudelt einiges heraus, was sich in den Männern – und vielleicht auch im Drehbuchautor und Regisseur – angestaut hat. EINE NACHT IN HELSINKI ist ein wundervolles Pandemiekammerspiel, das sich gar nicht wie ein Kammerspiel anfühlt. Es wird viel geredet, analysiert, spekuliert, aber man hört dabei gerne zu. Wundervoll greift Kaurismäki eine aktuelle Thematik auf, und zwar derart, dass man sofort vergisst, dass man sich eigentlich ja mal geschworen hatte, niemals Filme anzusehen, die sich mit dieser Pandemie beschäftigen. Denn eigentlich: Warum soll ich Filme darüber anschauen, wenn ich zwei Jahre lang – oder wie lange auch immer – Teil von etwas war, das sich eh wie ein Film anfühlt. Insofern könnte EINE NACHT IN HELSINKI für alle Pandemieleidenden ein möglicherweise hoffnungsvoller Blick auf die eigene, postpandemische Zukunft sein.

GRACIOUS NIGHT – Mika Kaurismäki Arsenal Filmverleih

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