SIEGER SEIN von Soleen Yusef ab 11. April 2024 im Kino

Mona (Diley­la Agir­man) (Klassen­z­im­mer: Fati­ma Hamieh, Sher­ine Cia­ra Merai, Man­asse Kiefer, Sami­ra Hamieh, Dominic John Bran­dl, Hei­di Tebroke, Yumin Han­nah Cho)
© Stephan Bur­chardt / DCM

Der Wed­ding ist unter den Berlin­filmern bis heute ein­er der eher ver­nach­läs­sigten Bezirke – ähn­lich wie Neukölln. Der Berlin­film der Gegen­wart find­et eher in den hip­peren Kiezen von Mitte, Pren­zlauer Berg oder Kreuzberg statt. Ein Vor­re­it­er war Heiko Schiers Film „Wed­ding“ aus dem Jahr 1989 mit Heino Ferch, noch kurz vor dem Mauer­fall gedreht. Nun kommt Soleen Yusefs Wed­ding-Film „Sieger Sein“ in die Kinos. Yusef wurde 1987 im kur­dis­chen Teil des Irak geboren, ihre Fam­i­lie floh, als sie neun war, nach Deutsch­land. Nach­dem sie sich nach dem Abitur erst der Mode zuge­wandt hat­te, studierte sie schließlich an der Fil­makademie Baden-Würt­tem­berg Regie. Ihren Debüt­film „Haus ohne Dach“ drehte sie in ihrer Heimat­stadt Duhok, danach drehte sie vor allem fürs Fernse­hen und für Stream­ing-Dien­ste. Der Kinder­film „Sieger sein“ lan­dete zunächst im Berli­nale-Kinder­wet­tbe­werb „Gen­er­a­tion“ und kommt nun im Ver­leih von DCM in die deutschen Kinos.

Warum mich „Sieger sein“ ganz beson­ders inter­essiert, hat im Wesentlichen zwei Gründe: Erstens war ich im Jahr 2019 neun Monate lang als Quere­in­stiegslehrer an ein­er Wed­dinger Bren­npunk­tschule tätig und zweit­ens besucht mein Sohn derzeit eine ehe­ma­lige Neuköll­ner Bren­npunk­tschule. Heute ist die Schule in einem tief­greifend­en Wan­del begrif­f­en, was auf die Änderung der Sozial­struk­tur hier in Neukölln zurück­zuführen ist. In manchen Schulen Neuköllns und Wed­dings sind diese Verän­derun­gen aber noch nicht angekom­men. Aber zunächst zu „Sieger sein“:

Mona (Diley­la Agir­man) ist mit ihrer Fam­i­lie aus Syrien vor dem Assad-Regime geflüchtet. Zu sechst sind sie. Alles ist noch fremd, der Vater Said (Murat Sev­en) ver­di­ent etwas Geld als Piz­z­abote, die Mut­ter Nada (Hal­i­ma Ilter) ist mit aller­lei Weit­er­bil­dungskursen beschäftigt. Die vier Kinder haben mit der deutschen Sprache in der Schule zu kämpfen und obwohl die Schule im Wed­ding sowieso Kinder aus etlichen Kul­turen beschult, hat Mona es als Neue trotz­dem beson­ders schw­er, anerkan­nt zu wer­den und in das Sozial­ge­füge ihrer Klasse hineinzufind­en. Und so steckt Mona ein­er­seits mit­ten im Kampf, sich in der Fremde zurechtzufind­en und ander­er­seits quält sie die Sehn­sucht nach denen, die sie in ihrer Heimat zurück­ge­lassen hat. Und allem voran ist die „Siebte Wed­dingschule“, auf die sie geht, eine Bren­npunk­tschule, es wird gemobbt und geprügelt, die meis­ten Lehrerin­nen und Lehrer haben resig­niert, die die nicht resig­niert haben, haben es eigentlich noch viel schw­er­er. Die große Aus­nahme ist Herr Chep­ovsky, kurz „Herr Che“ genan­nt (Andreas Döh­ler). Er nimmt sich der Kinder an, kämpft für sie, ist auf ihrer Seite, er weiß, dass Beziehungsar­beit mit den Kindern das Entschei­dende daran ist, sie für das Ler­nen begeis­tern zu kön­nen. Und da kommt Her­rn Che der Fußball zugute: Die zunächst hämis­chen, später nei­dis­chen Jungs aus der Klasse müssen mit anse­hen, dass die Mädels dur­chaus als Einzelkämpferin­nen gut mit dem Ball zurechtkom­men, wenn auch gute Spielerin­nen noch gebraucht wer­den kön­nten – um eine richtige Mannschaft zu for­men. Da kommt Mona genau richtig, die hat näm­lich in Syrien schon Fußball gespielt und bei der Flucht den geliebten Ball, den ihr ihre Tante geschenkt hat, zurück­lassen müssen. Doch Monas Mit­spielerin­nen haben noch schwere Vorurteile gegen das Mäd­chen, das erst aus der Fremde hergekom­men ist. Man macht sich das Leben selb­st schw­er – und dann wer­den sie auch noch von den Jungs schikaniert. Da lernt Mona an der Schule einen anderen Außen­seit­er ken­nen, Har­ry, den Sohn von Her­rn Che. Und bis zum stadtweit­en Fußball­turnier muss die Mäd­chen­truppe noch gegen Wider­stände des Lehrkör­pers kämpfen und zur Mannschaft zusam­menwach­sen.

„Sieger sein“ ist ein unter­halt­sames Main­stream-Dra­ma um das Ander­s­sein und das Fremd­sein. Soleen Yusef ori­en­tiert die Sto­ry dabei an ihrer eige­nen Lebens­geschichte. Nach der Flucht ihrer Fam­i­lie aus dem Irak (im Film geht es um Syrien) lan­dete die Regis­seurin damals zuerst in ein­er Flüchtling­sun­terkun­ft in Ost­fries­land, dann in Wolfs­burg und schließlich – wie die Pro­tag­o­nistin des Films – in Berlin-Wed­ding. „War echt ’n hartes Pflaster, ja!“ erzählt sie vom Schu­lall­t­ag. „In der Schule ging es extrem rup­pig und respek­t­los zu. Von zuhause kan­nte ich noch Fah­ne­nap­pell, Schu­lu­ni­for­men und Schläge mit dem Lin­eal. (…) Die Direk­theit, dass man nicht willkom­men war, war hart. Ich war Außen­sei­t­erin, sprach nicht gut Deutsch, wurde gehänselt und gemobbt. Das Einzige, worin ich mich beweisen kon­nte, war der Sport.“ Erstaunlich, dass diese Aus­gren­zung aus­gerech­net auch an einem jen­er Orte stat­tfind­en kann, der mul­ti­kul­tureller und vielfältiger kaum sein kön­nte. Und die Sprach­hürde sorgte auch bei der Regis­seurin und ihren Geschwis­tern lange dafür, dass die Lehrerin­nen und Lehrer die Fähigkeit­en der Kinder gar nicht erkan­nten. Beina­he, so Yusef, wäre sie auf der Hauptschule gelandet, wenn da nicht ein Lehrer, eben ein­er wie der Herr Che, erkan­nt hätte, was in ihr steckt: „Ohne seinen Ein­satz hätte ich nie studiert, wäre nie Filmemacherin gewor­den.“

„Sieger sein“ kön­nte ein schw­eres Sozial­dra­ma sein, ist es aber nicht. Yusef ori­en­tiert sich nicht etwa an Ken Loach oder an Thomas Arslan. Mit den bei­den wäre sie nicht ver­gle­ich­bar. „Ich erzeuge gern Magie im Real­is­mus. Authen­tiz­ität muss sein, aber ich mag auch poet­is­ches Erzählen und füh­le mich in der Tragikomödie zuhause. Das passt auch zu mein­er Iden­tität: Kur­den sind ein extrem humoriges Volk, trotz der Tragö­di­en, die ihnen bis heute wider­fahren.“ Vielle­icht tendiere ich per­sön­lich eher zum sozialen Real­is­mus, aber ich glaube bei meinem Sohn, der neben mir den Film geschaut hat, kommt dieser sich erzäh­lerisch eher am Main­stream ori­en­tierende magis­che Real­is­mus viel bess­er an als bei mir. Ich will ihn gar nicht schlecht reden, ich mochte den Film, ich fühlte mich gut unter­hal­ten, fand den ern­sten Hin­ter­grund der Erzäh­lung überzeu­gend umge­set­zt, bei meinem Sohn hinge­gen kam er so richtig gut an – und schließlich gehört er der Ziel­gruppe an und nicht ich. Auch die Ver­wen­dung der Jugend­sprache und die Darstel­lung der Kinder fand er überzeu­gend. Und: Er äußerte Dankbarkeit, dass die Schule, die er besucht, heute nicht mehr so ist, wie die im Film – obwohl es wahrschein­lich keine zehn Jahre her ist, dass Mob­bing, Aus­gren­zung und Gewalt zum All­t­ag in sein­er Schule gehörte.

Für mich ist der jüngst in den deutschen Kinos ges­tartete mexikanis­che Film „Rad­i­cal“ von Christo­pher Zal­la über eine Bren­npunk­tschule im Nor­den Mexikos der etwas stärkere Film zum The­ma. Natür­lich nimmt er eine andere Per­spek­tive ein und auch er ist nicht so sehr sozial­doku­men­tarisch – aber vor allem ist er halt kein Film für Kinder oder Jugendliche, dazu ist er mit sein­er Darstel­lung der Gewaltkrim­i­nal­ität zu direkt – was eigentlich schade ist, weil er noch viel mehr als „Sieger sein“ darstellt, wie Schule auch bei uns in Berlin sein kön­nte. „Sieger sein“ aber wird, glaube ich, bei den Schü­lerin­nen und Schülern so richtig gut ankom­men – und ich meine und hoffe, dass auch viele Schulk­lassen, nicht nur in Berlin, diesen Film sehen soll­ten.

Am Ende muss in jedem Fall der tolle junge Cast gelobt wer­den, allen voran Diley­la Agir­man in ihrer ersten Haup­trol­le als Mona. „Bei Diley­la Agir­man war schnell klar, dass wir mit ihr ein Juwel gefun­den hat­ten: Sie hat eine großar­tige Ausstrahlung, Charis­ma und die richtige Kör­per­lichkeit, weil sie Kampf­s­port betreibt“, so die Regis­seurin. „Selb­st frühreife Polit-Phrasen hörten sich von ihr ganz natür­lich an, weil sie eben­falls aus einem kur­dis­chen, poli­tisch sehr wachen Haus kommt.“

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