DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS ab 21. März 2024 im Kino

Hen­ri­ette Con­fu­rius und Sabin Tam­brea in DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS von Georg Maas, © Chris­t­ian Schulz & Majes­tic

Ich bin ja kein großer Fre­und von Kün­stler-Biopics, und zwar aus ver­schiede­nen Grün­den: Ein Leben fol­gt anderen dra­matur­gis­chen Geset­zen als ein Film. Das heißt, man muss bei der Ver­fil­mung eines Lebens immer Kom­pro­misse schließen, auswählen oder verän­dern, manch­mal gar bewusst fälschen. Und: Das Inter­es­sante an einem Kün­stler, in diesem Fall einem Schrift­steller ist doch im Wesentlichen sein Werk. Aber schreibend dasitzende Autoren geben keinen guten Film ab. Also muss immer noch irgend­wie das Pri­vatleben des Kün­stlers ran. Aber wer sagt denn, dass das Liebesleben oder andere Bestandteile des Pri­vatlebens eines Kün­stlers unbe­d­ingt inter­es­sant sind? Warum sollte das Liebesleben von Franz Kaf­ka in einen Film gezwängt wer­den, ist das so beson­ders? Da will ich doch unter Umstän­den lieber eine erfun­dene, dem Leben nachemp­fun­dene Liebesgeschichte filmisch erzählt bekom­men. Von Kaf­ka lese ich dann seine Werke. Oder wegen mir lese ich eine Biografie oder schaue mir einen Doku­men­tarfilm an, die kön­nen jew­eils anderen dra­matur­gis­chen Geset­zen fol­gen.

Das war so die Grun­de­in­stel­lung, die ich auch dem Film DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS ent­ge­gen­brachte, bevor ich ihn sah. Den­noch weck­ten die span­nende Beset­zung und mein Grund­in­ter­esse an Kaf­ka den Wun­sch, diesen Film zu sehen. Um etwas auszu­holen: Ich habe vor unge­fähr 25 Jahren meine Mag­is­ter­ar­beit über Kaf­ka geschrieben. Konkret über Kafkas „Pro­ceß“ und über zwei Ver­fil­mungen davon: die tod­lang­weilige äußer­liche Roman­ab­bil­dung von David Jones, der dem Werk Genüge tun wollte, es aber ger­ade dadurch nicht tat. Und die tief­s­pan­nende abso­lut filmis­che Umset­zung durch den Titan, Orson Welles. Ein grandios­er Film, vor allem deswe­gen, weil Welles durch und durch filmisch gedacht hat, ein visuelles Meis­ter­w­erk geschaf­fen hat – und ein erzäh­lerisches noch dazu, das, wenn’s nicht anders geht, ins Werk Kafkas ein­greift und einen Film daraus bastelt. Grandios.

DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS von Georg Maas, © Chris­t­ian Schulz & Majes­tic

Ich habe Kafkas Vita gar nicht mehr so sehr im Kopf, vor allem auch deswe­gen, weil mich diese biografis­chen Ansätze in der Lit­er­atur­wis­senschaft immer gelang­weilt haben. Viel span­nen­der fand ich immer, was Lit­er­atur mit dem Leser macht. Und so geht es mir dann auch mit dem Film: Ich inter­essiere mich nicht dafür, wie real­is­tisch dieser Film das Leben Franz Kafkas abbildet. Ich inter­essiere mich einzig dafür, was der Film mit mir macht. Also, zum Film, der aber, so viel schon vor­ab, mehr als ein Kaf­ka-Biopic eigentlich in gle­ichem Maße auch ein Dora Dia­mant-Biopic ist.

Wir befind­en uns im Jahr 1923, ein Jahr vor Kafkas frühem Tod, irgend­wo an der Ost­see, Sonne, Strand, Kinder, Meer. Die 25-jährige Dora Dia­mant ist Erzieherin, mit ein­er Gruppe jüdis­ch­er Kinder ist sie aus Berlin ins Ferien­heim an die Ost­see gereist. Geboren ist sie in Polen, in eine strenge jüdisch-ortho­doxe Fam­i­lie hinein. Das Leben mit ihrer Fam­i­lie war ihr zu streng, zu kon­ser­v­a­tiv, also war sie nach Berlin gezo­gen, um dort ihre Aus­bil­dung zu machen und aus der Enge ihres Lebens auszubrechen. An der Ost­see ver­bringt die junge Frau eine unbeschw­erte, fröh­liche Zeit. Eines Tages taucht an ebendiesem Strand eine ble­iche, aber attrak­tive Gestalt auf, ele­gant gek­lei­det und eigentlich nicht für einen Stran­durlaub gemacht: Es ist Dr. Franz Kaf­ka. „Da ist er!“ flüstern die Kinder schon. Er hat sich bere­it erk­lärt, den Berlin­er Kindern eine Geschichte zu erzählen. Dora Dia­mant ist fasziniert von diesem Mann, der mit der ultra­ortho­dox­en Welt ihrer Fam­i­lie so über­haupt nichts zu tun hat. Kaf­ka, auch Jude, entstammt ein­er aufgek­lärten Fam­i­lie aus Prag. Aber eins hat die junge Dora dem 40-jähri­gen Schrift­steller voraus: Sie hat sich ein eigenes Leben aufge­baut, ver­di­ent eigenes Geld – während Kaf­ka lei­det, unter der Dom­i­nanz seines her­rischen Vaters, unter dem mäßi­gen Erfolg als Schrift­steller – und vor allem unter sein­er schwachen Gesund­heit. Trotz allem entwick­eln die bei­den Gefüh­le füreinan­der und sie beschließen sog­ar, sich in Berlin eine gemein­same Woh­nung zu nehmen. Doch da erhält Kaf­ka seine Lun­gen­tu­berku­lose­di­ag­nose, eine Krankheit, die zu jen­er Zeit noch nicht heil­bar war.

DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS von Georg Maas, © Chris­t­ian Schulz & Majes­tic

Regis­seur Georg Maas (ZWEI LEBEN) hat mit Sabin Tam­brea (IN EINEM LAND, DAS ES NICHT MEHR GIBT) als Franz Kaf­ka und Hen­ri­ette Con­fu­rius (NARZISS UND GOLDMUND) als Dora Dia­mant eine ger­adezu ide­ale und grandiose Beset­zung gefun­den. Der in Rumänien geborene und in Deutsch­land aufgewach­sene Tam­brea war in den let­zten Jahren in eini­gen der wichtig­sten TV- und Kinow­erke zu sehen, etwa in der „Ku’damm“-Serie, in „Baby­lon Berlin“, sowie im Kino in NARZISS UND GOLDMUND, in IN BERLIN WÄCHST KEIN ORANGENBAUM sowie in IN EINEM LAND WAS ES NICHT MEHR GIBT. Auch Hen­ri­ette Con­fu­rius spielte in NARZISS UND GOLDMUND mit. Zulet­zt war sie in DAS MÄDCHEN UND DIE SPINNE, in GENERATION BEZIEHUNGSUNFÄHIG, in ICH ICH ICH und in SCHWEIGEND STEHT DER WALD zu sehen.

Aber wie verträgt sich nun meine Biopic-Skep­sis mit diesem Film? Nun, die großar­tige Beset­zung der bei­den Haupt­fig­uren hat in der Tat einen pos­i­tiv­en Ein­druck bei mir hin­ter­lassen. Ich nehme Sabin Tam­brea den Kaf­ka unbe­d­ingt ab – eben­so wie mich Hen­ri­ette Con­fu­rius als Dora Dia­mant überzeugt. Der Film ist kein biss­chen mit kün­stlich­er Drama­tisierung aufge­blasen. Georg Maas erzählt den Film mit ein­er solchen Poe­sie, ein­er solchen dra­matur­gis­chen Zurück­hal­tung, dass mich die langsame Erzählweise gefan­gen nimmt. Hun­dert Jahre liegt diese Liebesgeschichte jet­zt zurück, hun­dert Jahre der Tod Kafkas. Wie inter­es­sant, dass Dora Dia­mant seine Romane und Erzäh­lun­gen noch gar nicht kan­nte – und Kaf­ka inzwis­chen ein­er der bedeu­tend­sten Autoren des 20. Jahrhun­derts ist.

Dora Dia­mant äußer­ste sich später ver­wun­dert darüber, wie sehr Kaf­ka als depres­siv­er, schüchtern­er und ängstlich­er Men­sch geze­ich­net wurde. Sie hat­te ihn als offen, humor­voll und an anderen Men­schen inter­essiert erlebt – und genau diese Seite zeich­net auch der Film. „Diese ‚Kor­rek­tur‘ oder Ver­voll­ständi­gung des Kaf­ka-Bildes ist ein Anliegen des Films“, sagt Regis­seur Georg Maas. Dieses Bild des Schrift­stellers wurde noch sehr lange geze­ich­net – und auch die komis­che und tragikomis­che Seite seines Werks wur­den lange nicht genü­gend beachtet: Wie komisch ist es doch, mor­gens in einen Käfer ver­wan­delt aufzuwachen. Oder: Wie tragikomisch ist es, irgen­deines Prozess­es zu har­ren, ohne zu erfahren, worum es eigentlich geht. Mit­tler­weile ist einiges an Büch­ern und Auf­sätzen über den Humor und die Komik bei Kaf­ka geschrieben wor­den, keine Ahnung, ob diese Erken­nt­nisse in aus­re­ichen­der Form in den Klassen­z­im­mern und Unisem­inaren angekom­men ist, in denen sich, so hoffe ich, immer noch aus­giebig mit Kaf­ka beschäftigt wird.

DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS von Georg Maas, © Chris­t­ian Schulz & Majes­tic

Aber zurück zum Film: Man muss sich in der Tat auf den Film ein­lassen, aber wenn man das tut, wird man einen wun­der­schön poet­isch erzählten Film erleben, den ich wohl auch wun­der­schön und poet­isch gefun­den hätte, wäre es die Geschichte ein­er Liebe zweier gän­zlich Unbekan­nter im let­zten Leben­s­jahr eines der Beteiligten. Und ich hoffe, dass hun­dert Jahre nach Kafkas Tod sich Men­schen auf die Leichtigkeit dieses Films ein­lassen wer­den – und dass er vielle­icht für viele auch Anlass sein kann, auf die Biografie und auf das Werk Kafkas mit anderen Augen zu schauen.

DIE HERRLICHKEIT DES LEBENS von Georg Maas, © Chris­t­ian Schulz & Majes­tic

Besetzung

Franz Kaf­ka                   Sabin Tam­brea
Dora Dia­mant               Hen­ri­ette Con­fu­rius
Elli Her­mann                Daniela Gol­pashin
Ger­ti                               Mira Gries­baum
Felix                               Lionel Hesse
Max Brod                      Manuel Rubey
Tile                                 Luise Aschen­bren­ner
Paul                                Leo Altaras
Albert                            Cas­par Stoltenberg
Mile­na                           Mia Klein Salazar
Frau Kasulke                 Michaela Cas­par
Dr. Hoff­mann               Klaus Huh­le
Ott­la                               Alma Hasun                                                                                                                                  

Stab

Regie                                            Georg Maas
Drehbuch                                    Michael Gut­mann, Georg Maas
Co-Regie / Bildgestal­tung         Judith Kauf­mann
Produzent.in                               Helge Sasse, Solveig Fina (Tem­pest Film)
Kopro­duzent                                    Tom­my Prid­nig, Clemens Wollein (Lotus Film­pro­duk­tion)        
Mon­tage                                      Gisela Zick
Szenen­bild                                  Katha­ri­na Wöp­per­mann
Kostüm­bild                                 Tan­ja Haus­ner
Masken­bild                                 Martha Ruess
Cast­ing                                         Anja Dihrberg  

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