ILLEGAL – Street Art Graffiti im Hirmer-Verlag – und im Historischen Museum Saar

+++ DIE AUSSTELLUNG „ILLEGAL – Street Art Graf­fi­ti 1960–1995“ im His­torischen Muse­um Saar wurde bis zum 30. Juni 2025 ver­längert! +++

Der bre­it­en Öffentlichkeit sind allen­falls eine Hand­voll Namen aus der Street Art-Szene bekan­nt: Allen voran Banksy, der spätestens mit dem Mock­u­men­tary „Exit Through the Gift Shop“ oder mit sein­er Aktion, als eines sein­er Bilder auf ein­er Ver­steigerung automa­tisch zer­häck­selt wurde, berühmt gewor­den. Manche ken­nen noch den „Sprayer von Zürich“, der damals selb­st bei uns in der süd­deutschen Prov­inz alle Schat­tierun­gen der Diskus­sio­nen darüber aus­löste, ob man das dürfe, oder nicht – die Mehrheit war dage­gen, schließlich wäre das ja eine Sauerei. Dass möglicher­weise so etwas wie die „Kun­st­frei­heit“, Grundge­setz Artikel 5, Absatz 3, Satz 1, in Betra­cht gezo­gen wer­den müsste, dieser Gedanke war den Prov­inzbürg­ern in mein­er Kle­in­stadt fremd. Übri­gens ste­ht die Kun­st­frei­heit in Artikel 5 GG ohne jegliche Ein­schränkung, also nicht etwa: „Die Kun­st ist frei, außer wenn’s jeman­den stört.“ Wohinge­gen das Recht auf weiße Wände bzw. das Recht auf Eigen­tum im Artikel 14 GG dann doch noch eine Hand­voll ein­schränk­ender Sätze nach sich zieht. Das ist mit­tler­weile ver­mut­lich durch etliche Gerichte gegan­gen, aber in jedem Fall ist die Street Art heute als kün­st­lerische Aus­drucks­form anerkan­nt. Das Geheim­nis des Ganzen liegt wohl darin, dass sich bisweilen Rechte gegen­seit­ig wider­sprechen und man dann abwä­gen muss.

Diese rechtliche Prob­lematik gibt nun ein­er Ausstel­lung in Saar­brück­en ihren Namen: Noch bis zum 23. Feb­ru­ar 2025 zeigt das His­torische Muse­um Saar die Street Art-Ausstel­lung „ILLEGAL – Street Art Graf­fi­ti 1960–1995“. Für wen wie für mich Saar­brück­en nicht um die Ecke liegt, dem sei (außer vielle­icht ein Woch­enende in der saar­ländis­chen Haupt­stadt) der im Hirmer-Ver­lag erschienene reich bebilderte Kat­a­log zur Ausstel­lung emp­fohlen. Dass man, selb­st wenn man sich halb­wegs bre­it für Kun­st inter­essiert, nur eine Hand­voll Namen von Street Art-Vertretern bekan­nt sind, hat gle­ich mehrere Gründe: Die meis­ten der Kün­stler woll­ten eben nicht bestraft wer­den für ihre kün­st­lerische Betä­ti­gung. Und die Wän­debe­sitzer woll­ten oft weiße Wände haben und zer­störten eben durch Über­malen die Kunst­werke. Und: Selb­st wenn die Kunst­werke erhal­ten blieben, kon­nte man sie nur schlecht in berühmte Museen oder zu Kun­stauk­tio­nen zer­ren. Das führt dazu, dass die Erhal­tungssi­t­u­a­tion ein­er Hand­voll Jahrzehnte Street Art-Geschichte des­o­later ist, als die Erhal­tungs­geschichte von 40.000 Jahre alter Höh­len­malerei.

Insofern ist es von Bedeu­tung, dass die Street Art immer wieder fotografisch doku­men­tiert wurde – und ein­er jen­er Fotografen, der als erster Graf­fi­tis im Main­stream bekan­nt machte war Bras­saï, jen­er ungarisch-stäm­mige Fotograf, den man vor allem mit seinen kün­st­lerischen Paris-Straßen­fo­tografien verbindet, allen voran seine Nacht­bilder („Paris de nuit“, 1933). „Ille­gal“ führt nun wichtige Arbeit­en der Street Art-Geschichte zusam­men, ein­er­seits im inter­na­tionalen Kon­text, ander­er­seits wird aber auch die regionale Kom­po­nente berück­sichtigt.

Ulrich Blanché, der Kura­tor der Ausstel­lung und Her­aus­ge­ber des Buchs unter­stre­icht mit der Titel­ge­bung, dass er sich bewusst von anderen Ausstel­lun­gen wie etwa jen­er der Lon­don­er Tate Gallery aus dem Jahr 2008, die legale, verkäu­fliche und portable Werke ver­sam­melte. Qua­si die Soft-Vari­ante der Street Art. Blanché geht es um die ursprüngliche Street Art, die nicht kom­merza­l­isier­bar ist und die vor allem ille­gal im öffentlichen Raum hergestellt wurde, im Ver­bor­ge­nen, im Dunkeln. „Wer in der Schau Orig­i­nale ver­misst“, schreibt Blanché, „dem sei gesagt: Sie existieren nicht (mehr), weil diese Werke bewusst nicht auf Dauer­haftigkeit angelegt wur­den.“ Ziel sei es gewe­sen, und das kann man dann lei­der doch nur im Muse­um erfahren, die Fotografien möglichst in Orig­i­nal­größe der Kunst­werke zu repro­duzieren und auszustellen.

Das Buch zieht in sein­er überblick­sar­ti­gen Darstel­lung der Street Art den großen Bogen von den Kratzun­gen und Ritzun­gen in den eiszeitlichen Höhlen über die Graf­fi­ti aus Pom­pe­ji – bei deren Aus­grabun­gen ent­stand genau jenes Wort – bis hin zur Gegen­wart der ille­galen öffentlichen Straßenkun­st. Blanché weist in seinem Begleit­text im Buch nach, dass die oft, vor allem in der US-Lit­er­atur, den Amerikan­ern zugeschriebene Pio­nier­rolle in der Street Art so nicht halt­bar ist. Es gibt frühere europäis­che Bewe­gun­gen – der Autor betont die inter­ak­tiv­en Prozesse und Strö­mungen, die bei der Entste­hung der Street Art als Kun­strich­tung immer eine Rolle gespielt haben. Die Street Art kam auch nicht nur von unten, von der Straße, es gab auch schon vorher namhafte Kün­stler, die in diesem Bere­ich tätig waren.

Im Abschnitt über die Geschichte der „Urban Art“ wer­den Verbindun­gen zur sow­jetis­chen Agit­prop ab 1918 geknüpft, zu den „Mural­is­tas“ im Mexiko der 1920er Jahre, aber auch bere­its zu Hein­rich Zille, der 1901 wohl das erste Foto eines echt­en Straßen-Graf­fi­tis aufgenom­men hat­te. Zu den weit­eren Sta­tio­nen in der Entwick­lung hin zum heuti­gen Urban Art-Genre fall­en Namen wie Chris­to und Jeanne-Claude, Ted Joans, Dar­ryl McCray, Har­ald Naegeli (der „Sprayer von Zürich“) oder „Taki 183“, über den die New York Times bere­its 1971 geschrieben hat. Es fol­gt ab 1980 das „Gold­ene Zeital­ter des Style Writ­ing Graf­fi­tis“, u.a. mit „Don­di“ – dem „Style Mas­ter Gen­er­al“. Das Buch schildert und begleit­et die Geschichte und die Stil­diver­si­fizierung bis in die Gegen­wart, eine faszinierende Entwick­lung.

Dem His­torischen Muse­um Saar und Ulrich Blanché ist ein grandios­er, wun­der­bar bebildert­er Ausstel­lungskat­a­log gelun­gen, der mir tiefe Ein­blicke in eine Kun­st­gat­tung gibt, über die ich noch viel zu wenig weiß. Und vielle­icht ist das Werk auch ein großer Schritt in Rich­tung ein­er ver­mut­lich noch zu schreiben­den, umfassenden Street Art-Kun­st­geschichte. Und ich bin schon­mal dankbar, dass die Ausstel­lung auf ein Dreiviertel­jahr geplant ist, da müsste ich doch noch einen Saar­brück­en-Besuch ein­pla­nen kön­nen.

ILLEGAL. Street Art Graf­fi­ti 1960 – 1995

Hg. Ulrich Blanché
Beiträge von U. Blanché, M. Idir, J. Kim­vall, S. Nie­mann, J. Stahl, K. Wittmann
Pub­lika­tion des His­torischen Muse­ums Saar
Text: Deutsch / Englisch
240 Seit­en, 212 Abbil­dun­gen in Farbe
24 x 30 cm, Klap­pen­broschur
ISBN: 978−3−7774−4359−1

https://www.hirmerverlag.de/de/titel‑1–1/illegal-2585

Ausstel­lung:
Saar­brück­en | His­torisches Muse­um Saar
17.05.2024 – 23.02.2025

https://www.historisches-museum.org/illegal-street-art-graffiti-1960–1995

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