ILLEGAL – Street Art Graffiti im Hirmer-Verlag – und im Historischen Museum Saar

Der breiten Öffentlichkeit sind allenfalls eine Handvoll Namen aus der Street Art-Szene bekannt: Allen voran Banksy, der spätestens mit dem Mockumentary „Exit Through the Gift Shop“ oder mit seiner Aktion, als eines seiner Bilder auf einer Versteigerung automatisch zerhäckselt wurde, berühmt geworden. Manche kennen noch den „Sprayer von Zürich“, der damals selbst bei uns in der süddeutschen Provinz alle Schattierungen der Diskussionen darüber auslöste, ob man das dürfe, oder nicht – die Mehrheit war dagegen, schließlich wäre das ja eine Sauerei. Dass möglicherweise so etwas wie die „Kunstfreiheit“, Grundgesetz Artikel 5, Absatz 3, Satz 1, in Betracht gezogen werden müsste, dieser Gedanke war den Provinzbürgern in meiner Kleinstadt fremd. Übrigens steht die Kunstfreiheit in Artikel 5 GG ohne jegliche Einschränkung, also nicht etwa: „Die Kunst ist frei, außer wenn’s jemanden stört.“ Wohingegen das Recht auf weiße Wände bzw. das Recht auf Eigentum im Artikel 14 GG dann doch noch eine Handvoll einschränkender Sätze nach sich zieht. Das ist mittlerweile vermutlich durch etliche Gerichte gegangen, aber in jedem Fall ist die Street Art heute als künstlerische Ausdrucksform anerkannt. Das Geheimnis des Ganzen liegt wohl darin, dass sich bisweilen Rechte gegenseitig widersprechen und man dann abwägen muss.

Diese rechtliche Problematik gibt nun einer Ausstellung in Saarbrücken ihren Namen: Noch bis zum 23. Februar 2025 zeigt das Historische Museum Saar die Street Art-Ausstellung „ILLEGAL – Street Art Graffiti 1960-1995“. Für wen wie für mich Saarbrücken nicht um die Ecke liegt, dem sei (außer vielleicht ein Wochenende in der saarländischen Hauptstadt) der im Hirmer-Verlag erschienene reich bebilderte Katalog zur Ausstellung empfohlen. Dass man, selbst wenn man sich halbwegs breit für Kunst interessiert, nur eine Handvoll Namen von Street Art-Vertretern bekannt sind, hat gleich mehrere Gründe: Die meisten der Künstler wollten eben nicht bestraft werden für ihre künstlerische Betätigung. Und die Wändebesitzer wollten oft weiße Wände haben und zerstörten eben durch Übermalen die Kunstwerke. Und: Selbst wenn die Kunstwerke erhalten blieben, konnte man sie nur schlecht in berühmte Museen oder zu Kunstauktionen zerren. Das führt dazu, dass die Erhaltungssituation einer Handvoll Jahrzehnte Street Art-Geschichte desolater ist, als die Erhaltungsgeschichte von 40.000 Jahre alter Höhlenmalerei.

Insofern ist es von Bedeutung, dass die Street Art immer wieder fotografisch dokumentiert wurde – und einer jener Fotografen, der als erster Graffitis im Mainstream bekannt machte war Brassaï, jener ungarisch-stämmige Fotograf, den man vor allem mit seinen künstlerischen Paris-Straßenfotografien verbindet, allen voran seine Nachtbilder („Paris de nuit“, 1933). „Illegal“ führt nun wichtige Arbeiten der Street Art-Geschichte zusammen, einerseits im internationalen Kontext, andererseits wird aber auch die regionale Komponente berücksichtigt.

Ulrich Blanché, der Kurator der Ausstellung und Herausgeber des Buchs unterstreicht mit der Titelgebung, dass er sich bewusst von anderen Ausstellungen wie etwa jener der Londoner Tate Gallery aus dem Jahr 2008, die legale, verkäufliche und portable Werke versammelte. Quasi die Soft-Variante der Street Art. Blanché geht es um die ursprüngliche Street Art, die nicht kommerzalisierbar ist und die vor allem illegal im öffentlichen Raum hergestellt wurde, im Verborgenen, im Dunkeln. „Wer in der Schau Originale vermisst“, schreibt Blanché, „dem sei gesagt: Sie existieren nicht (mehr), weil diese Werke bewusst nicht auf Dauerhaftigkeit angelegt wurden.“ Ziel sei es gewesen, und das kann man dann leider doch nur im Museum erfahren, die Fotografien möglichst in Originalgröße der Kunstwerke zu reproduzieren und auszustellen.

Das Buch zieht in seiner überblicksartigen Darstellung der Street Art den großen Bogen von den Kratzungen und Ritzungen in den eiszeitlichen Höhlen über die Graffiti aus Pompeji – bei deren Ausgrabungen entstand genau jenes Wort – bis hin zur Gegenwart der illegalen öffentlichen Straßenkunst. Blanché weist in seinem Begleittext im Buch nach, dass die oft, vor allem in der US-Literatur, den Amerikanern zugeschriebene Pionierrolle in der Street Art so nicht haltbar ist. Es gibt frühere europäische Bewegungen – der Autor betont die interaktiven Prozesse und Strömungen, die bei der Entstehung der Street Art als Kunstrichtung immer eine Rolle gespielt haben. Die Street Art kam auch nicht nur von unten, von der Straße, es gab auch schon vorher namhafte Künstler, die in diesem Bereich tätig waren.

Im Abschnitt über die Geschichte der „Urban Art“ werden Verbindungen zur sowjetischen Agitprop ab 1918 geknüpft, zu den „Muralistas“ im Mexiko der 1920er Jahre, aber auch bereits zu Heinrich Zille, der 1901 wohl das erste Foto eines echten Straßen-Graffitis aufgenommen hatte. Zu den weiteren Stationen in der Entwicklung hin zum heutigen Urban Art-Genre fallen Namen wie Christo und Jeanne-Claude, Ted Joans, Darryl McCray, Harald Naegeli (der „Sprayer von Zürich“) oder „Taki 183“, über den die New York Times bereits 1971 geschrieben hat. Es folgt ab 1980 das „Goldene Zeitalter des Style Writing Graffitis“, u.a. mit „Dondi“ – dem „Style Master General“. Das Buch schildert und begleitet die Geschichte und die Stildiversifizierung bis in die Gegenwart, eine faszinierende Entwicklung.

Dem Historischen Museum Saar und Ulrich Blanché ist ein grandioser, wunderbar bebilderter Ausstellungskatalog gelungen, der mir tiefe Einblicke in eine Kunstgattung gibt, über die ich noch viel zu wenig weiß. Und vielleicht ist das Werk auch ein großer Schritt in Richtung einer vermutlich noch zu schreibenden, umfassenden Street Art-Kunstgeschichte. Und ich bin schonmal dankbar, dass die Ausstellung auf ein Dreivierteljahr geplant ist, da müsste ich doch noch einen Saarbrücken-Besuch einplanen können.

ILLEGAL. Street Art Graffiti 1960 – 1995

Hg. Ulrich Blanché
Beiträge von U. Blanché, M. Idir, J. Kimvall, S. Niemann, J. Stahl, K. Wittmann
Publikation des Historischen Museums Saar
Text: Deutsch / Englisch
240 Seiten, 212 Abbildungen in Farbe
24 x 30 cm, Klappenbroschur
ISBN: 978-3-7774-4359-1

https://www.hirmerverlag.de/de/titel-1-1/illegal-2585

Ausstellung:
Saarbrücken | Historisches Museum Saar
17.05.2024 – 23.02.2025

https://www.historisches-museum.org/illegal-street-art-graffiti-1960-1995

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