GO CLARA GO von Sylvie Kürsten als MDR Special Screening beim DOK.Leipzig Festival

Am 29. Okto­ber 2025 um 19.30 Uhr wird im Rah­men des DOK.Leipzig Fes­ti­vals Sylvie Kürstens Doku­men­tarfilm GO CLARA GO im Haupt­bahn­hof in der Osthalle noch ein­mal gezeigt, der Ein­tritt ist frei. Hier meine Kri­tik vom Kinos­tart. Schon mal kurz: Wer den Film noch nicht gese­hen hat­te, sollte dieses Ver­säum­nis am 29. Okto­ber nach­holen.

Wie so oft weiß ich erbärm­lich wenig über die Kul­tur und die Kun­st der DDR. Das ist wohl, was die staat­streue Kun­st bet­rifft, nicht so schlimm, aber dass es es unab­hängige und freie Kün­stler gab, die es natür­lich mit ihrer Unab­hängigkeit und ihrer Frei­heit schw­er hat­ten, das nehme ich viel zu sel­ten wahr. Ich nehme das auch auf meine eigene Kappe, ich kön­nte mich ja mehr damit beschäfti­gen – um so dankbar­er bin ich, dass es bisweilen Doku­men­tarfilme gibt, die diese Wahrnehmungslück­en ver­suchen zu schließen.

Über­haupt stelle ich fest, dass der deutsche Doku­men­tarfilm viel mutiger ist bzw. viel mutiger sein kann, als es der Spielfilm ist. Das hat natür­lich auch mit den Kosten eines Doku­men­tarfilms zu tun, man sehe sich exem­plar­isch die Abspänne von Spiel- und von Doku­men­tarfil­men an: Bei Dokus müssen schlicht und ein­fach viel weniger Men­schen bezahlt wer­den, was dazu führt, dass man schon bei rel­a­tiv gese­hen weni­gen Zuschauern Geld ver­di­enen kann. Klingt so, als ob es paradiesisch wäre, in der deutschen Kinoland­schaft Kin­odoku­men­ta­tio­nen zu drehen. Ist es nicht, aber das mit der muti­gen The­men­wahl, das unter­schreibe ich.

Also: Karl-Marx-Stadt, heute Chem­nitz, irgend­wann Mitte, Ende der Siebziger Jahre. Die titel­gebende Clara hat nicht so richtig was mit Clara Zetkin zu tun, es han­delt sich um Clara Mosch. Wer ist das? „So eine wie Clara Mosch hätte es nicht geben dür­fen! Gab es aber doch“, verkün­det die Stimme im Off-Kom­men­tar. Nun: Es gab wirk­lich keine Clara Mosch, zumin­d­est nicht als realex­is­tente Frau. Clara Mosch war eine unab­hängige, freie Kün­st­ler­gruppe in Karl-Marx-Stadt. Und der Name wurde gebildet aus den Anfän­gen der Nach­na­men der Kün­stler: Carl­friedrich Claus, Thomas Ran­ft, Michael Morgn­er, sowie Gre­gor-Torsten Schade (später Kozik) und Dag­mar Ran­ft-Schinke. „Zwis­chen Dada, Dür­er und Duchamp“, ord­net die fik­tive Clara Mosch im Off-Kom­men­tar die Arbeit der Kün­st­ler­gruppe ein: „ein Phan­tom für eine freie Kun­st in einem unfreien Land.“

Es geht um das Ver­hält­nis freier Kun­st – und Kun­st­frei­heit – zur diese als uner­wün­scht einord­nen­den Dik­tatur: „ein Film darüber, wie man aus der Rei­he tanzen, hin­fall­en und wieder auf­ste­hen kann.“ Ein­er der Pro­tag­o­nis­ten der Geschichte, neben den fünf Kün­stlern, ist Gun­nar, einst so etwas wie der Galerist von Clara Mosch, heute ein Archivar für deren Werk, ein „Mis­sion­ar der Avant­garde“. Noch heute küm­mert er sich engagiert um deren Arbeit­en, organ­isiert Ausstel­lun­gen, tut sein Bestes beim Verkauf der Mosch-Werke.

Das Ganze ging damals Ende der Siebziger los mit der leg­endären „Galerie Oben“, manch­mal GO genan­nt, oben schlicht deswe­gen, weil sie oben im ersten Stock war, über einem Kun­st­gewer­be­laden, der Wei­h­nachts­fig­uren und Ähn­lich­es verkaufte. Neben den eige­nen einzel­nen Kunst­werken, die die Mit­glieder schufen, gab es immer wieder auch Grup­pe­nar­beit­en, Gemein­schaft­spro­jek­te, Aktio­nen, Per­for­mances, „Avant­gardeak­tiv­itäten im Tal der Ahnungslosen“, wie es irgend­wann heißt. Das war ein Gege­nen­twurf zu den offiziellen DDR-Kün­stlern, die im Ver­band der Kün­stler der DDR organ­isiert waren, die die neuen Fra­gen des Lebens auf­greifen soll­ten, hieß es damals, die aus der Auseinan­der­set­zung mit dem impe­ri­al­is­tis­chen Geg­n­er entstün­den. Hieß es. Applaus. Von offizieller Seite, nicht so von Clara Mosch.

Clara Mosch stand für die freie Kun­st, für die eher Kün­stler wie Jack­son Pol­lock von Bedeu­tung waren, als die offiziellen, von der DDR genehmigten Vor­bilder. Die Galerie Oben war „ein mul­ti­funk­tionaler Raum, wie aus der Zeit gefall­en.“ Es war eine in viel­er­lei Hin­sicht gren­züber­schre­i­t­ende Kun­st, es waren inter­me­di­ale Arbeit­en. Und trotz aller Unfrei­heit, hat­te man auf dem Fun­da­ment der genossen­schaftlichen Zusam­me­nar­beit sog­ar halb­wegs gute finanzielle und wirtschaftliche Voraus­set­zun­gen.

Und es gab einen uner­warteten Doku­men­tar, einen uner­warteten Beobachter der Arbeit der Gruppe Clara Mosch, ja es war sog­ar ein inof­fizieller Kun­stkri­tik­er. Nein, ich kor­rigiere: Nicht ein­er, son­dern 152. Näm­lich sage und schreibe 152 IMs, die die Arbeit der Gruppe ver­fol­gten, das ließ sich später aus den Stasi­ak­ten ermit­teln. So wichtig war der Stasi und dem Staat die Gruppe dann doch, so stark war diese Gruppe dann doch, viel stärk­er als die Summe der Arbeit, die sie als Einzelkämpfer hät­ten leis­ten kön­nen.

Irgend­wann grün­dete man in der Prov­inz eine eigene „Galerie Clara Mosch“. In bei­den Gale­rien hat­te es jew­eils regelmäßige Ver­anstal­tun­gen gegeben, Kun­st, Musik, Per­for­mances, Auk­tio­nen. Es gab auch Aktio­nen im Wald, bei denen mit Ästen räum­liche Objek­te arrang­iert wur­den – putzig wie der „Stasikun­stkri­tik­er“ das Werk analysiert hat­te. Es gab unvergessliche, leg­endäre Per­for­mances wie „Das schwarze Früh­stück“, es gab Fußball­spiele im Dienst der Kun­st, es gab Haare schnei­den als Per­for­mances. Und es gab irgend­wann auch West­kon­tak­te, etwa über die Ständi­ge Vertre­tung. Es gab eine Begeg­nung mit Beuys, voller Selb­st­be­wusst­sein der Kün­st­ler­gruppe – und es gab irgend­wann Kon­tak­te mit dem Kun­st­samm­ler Peter Lud­wig.

Aber spätestens mit der Aus­bürgerung Wolf Bier­manns war klar, dass die Wahl irgend­wann laut­en kön­nte: Gefäng­nis oder Aus­bürgerung.

Die Doku­men­tarfilmerin Sylvie Kürsten, geboren 1979 in Lud­wigs­felde, arbeit­et seit 2011 als Filmemacherin, nach mehreren TV-Doku­men­ta­tio­nen zu Künstler*innenthemen, etwa „Kun­st und Ver­brechen“ (2015), „Von der Fab­rik zur Kun­st“ (2022) und „Tama­ra de Lem­pic­ka – Köni­gin der Mod­erne“ ist GO CLARA GO nun ihr Kin­ode­büt. Die Kun­st aus ihrem Heimat­land sei lange ein blind­er Fleck gewe­sen, sagt sie und das tre­ffe auch zu auf diese „kleine ren­i­tente Gruppe, welche die Kul­tur­poli­tik­er des Lan­des vor 50 Jahren zum Nar­ren hält und die offizielle Dok­trin sozial-real­is­tis­ch­er Erbau­ungskun­st unter­wan­dert. Mit häu­fig sehr kleinen, aber großar­ti­gen, nonkon­for­men Werken. Und vor allem mit Aktio­nen, die nicht nur den klas­sis­chen Kun­strah­men, son­dern auch kul­tur­poli­tis­che Vor­gaben spren­gen.“

Sylvie Kürsten gelingt ein so wun­der­bar­er, kom­plett klis­cheefreier Blick zurück in die kün­st­lerische Lebenswirk­lichkeit der DDR jen­er Jahre. Ihr Film ist liebevoll, detail­ge­nau und bietet einen grandiosen Blick auf diese Kün­st­ler­gruppe, die damals so mutig, so engagiert – und vor allem so voller Witz dem DDR-Régime die Stirn bot: „Da wo’s beson­ders wenig zu lachen gibt, muss man umso lauter lachen“, heißt es irgend­wann gegen Schluss. Wie großar­tig, dass die Arbeit­en dieser Kün­st­ler­gruppe mit­tler­weile sog­ar in den USA angekom­men sind – „mit uns müssen Sie also rech­nen“, aber nicht nur im inter­na­tionalen Kun­st­be­trieb, son­dern jet­zt eben auch in hof­fentlich möglichst vie­len deutschen Kinos: „Spätestens jet­zt braucht es einen Film über die Gruppe Clara Mosch“, sagt Sylvie Kürsten, „es ist genau der richtige und vielle­icht auch der let­zte Moment, in dem wir von den Erfahrun­gen dieser schrä­gen, aber doch immer freien und humor­vollen Vögel ler­nen kön­nen.“ Danke dafür.

https://salzgeber.de/clara

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