Regie: Ben Voit | Deutschland 2026 | Spielfilm | Farbe | 78 Min. | Uraufführung

Gropiusstadt, Ortsteil von Berlin-Neukölln. Die Großwohnsiedlung am südlichen Stadtrand von Berlin. Meine erste Assoziation zu Gropiusstadt, bevor ich jemals dort war, rührte aus dem Asterix und Obelix-Band „Die Trabantenstadt“ von 1974, den ich damals als Kind bei meiner Zahnärztin im Wartezimmer ihrer Praxis in der süddeutschen Kleinstadt, in der ich aufwuchs, vorgefunden und gelesen hatte. Darin erläutert Cäsar seinen Plan, wie er die Gallier kleinkriegen will: „Schließlich wird rings um das Dorf eine Römersiedlung gebaut. Und dann ist das Dorf nur noch ein unbedeutender Vorort, der sich anpasst oder verschwindet!“ Während für die Trabantenstadt bei Asterix der Wald gefällt würde, wurde im Fall von Gropiusstadt landwirtschaftlich genutzter Grund in dreizehn Jahren bebaut. 1975 wurde die Siedlung eröffnet. Der Plan Walter Gropius‘ für die Gropiusstadt hat durchaus gewisse Berührungspunkte zum Plan des Baumeisters Quadratus bei Asterix: hohe Gebäude, ein Einkaufszentrum, Sportstätten, Grünanlagen. Cäsars Plan stößt auf den Widerstand der Gallier, aber auch Gropius‘ Plan ließ sich nicht so umsetzen wie geplant: Bauträger und Senat forderten eine Erhöhung der Geschosszahl, eine bauliche Verdichtung und die Reduzierung des Grünraums, um die Wirtschaftlichkeit der neuen Großsiedlung zu erhöhen: „Urbanität durch Dichte“. Bereits 1963 distanziert sich Walter Gropius von den Plänen.

Der Mauerbau im Jahr 1961 versetzte die zukünftige Gropiusstadt schlagartig an den Rand der Stadt – und machte West-Berlin zu einer Insel, die sich nun nicht mehr beliebig ausdehnen konnte. Der Regierende Bürgermeister Willy Brandt und Walter Gropius legten 1962 den Grundstein für die Siedlung, der allerdings noch in der ersten Nacht aufgebrochen und die Grundsteinkassette entwendet wurde. Willy Brandt erklärte 1963: „Wir reißen die alte Stadt ab und bauen neue Arbeiterstädte am Rand.“
Dass solche Wohnsiedlungen, insbesondere wenn sie wie die Gropiusstadt zu 90% aus Sozialwohnungen besteht, nicht nur glückliche Familien beherbergen, sondern auch Probleme mit sich bringen, sollte sich schon bald herausstellen. Bereits 1967 schrieb DER SPIEGEL über eine Exkursion von Bau-Experten und Städteplanern aus 36 Ländern, die in Bussen durch Gropiusstadt geführt wurden: „Die fachkundigen Gäste in den Omnibussen nickten zustimmend. Sie schienen nicht zu bemerken, daß sie ein steinernes Denkmal ihrer eigenen Fehlleistungen durchfuhren.“ (DER SPIEGEL 37/1967). Der ehemalige Neuköllner Bezirksbürgermeister Heinz Buschkowsky, der erzählt, dass er vor dem Bau der Großsiedlung auf den dortigen Feldern als Kind „Kartoffeln gestoppelt“ habe, schreibt zum 50-jährigen Jubiläum von Gropiusstadt: „Die Gropiusstadt hatte das schlechte Image einer die Menschen anonym übereinander stapelnden Bettenburg. Und sie galt als sozialer Brennpunkt.“

Doch aus den Bewohnern der Sozialwohnungen wurden Menschen mit einem ordentlichen Beruf und einem guten Einkommen. Wem aber kein Wohnberechtigungsschein mehr zustand, der wurde mit einer recht teuren Strafzahlung belegt, wenn er in den Sozialwohnungen wohnen bleiben wollte, der sogenannten Fehlbelegungsabgabe. Spätestens nach dem Mauerfall beschlossen viele Menschen wegzuziehen, es zogen wiederum Menschen mit niedrigen Einkünften nach, insbesondere Menschen mit Migrationshintergrund. Das Ansehen der Gropiusstadt sank weiter. Erst als die Belegungsbindung abgeschafft wurde, einhergehend mit weiteren Maßnahmen, Aufwertungen der Wohnungen oder etwa dem von der degewo initiierten „Bildungsverbund Gropiusstadt“ konnte die Wende geschafft werden. Heinz Buschkowsky schrieb 2012: „Die Gropiusstadt hat sich gemausert. Sie ist keine Trabantenstadt mehr, sondern lebendiger und attraktiver denn je. (…) Dieser Teil Neuköllns hat eine eigene Identität und die Bewohnerschaft ein eigenes Heimatgefühl entwickelt. Die Menschen wohnen gerne dort. Wir sind Gropiusstädter, sagen sie mit Stolz – und das ist gut so.“
Von Zeit zu Zeit war Gropiusstadt Drehort für einige wenige Kinofilme, etwa für Wolfgang Petersens ersten Kinolangfilm, der Thriller „Einer von uns beiden“, dessen Schlussszene auf der Baustelle des Gropiushauses spielt, jener auffällige Rundbau in Gropiusstadt. Auch Elfi Mikeschs semidokumentarischer Film „Ich denke oft an Hawaii“ aus dem Jahr 1978 spielt in diesem Stadtteil. Einzug in die Populärkultur erhielt Gropiusstadt aber mit einem Sachbuch: Christiane F. – und vor allem mit dessen Verfilmung von Ulli Edel aus dem Jahr 1981, mit der Musik von David Bowie. Christiane F. ist in Gropiusstadt aufgewachsen. Auch wenn der Hauptteil des Films am Bahnhof Zoo spielt, ist „Christiane F.“ der erste und auch für lange Zeit einzige Spielfilm, der sich halbwegs mit Gropiusstädter Lebenswirklichkeit auseinandersetzt. Danach begegnen wir Gropiusstadt in der Populärkultur eigentlich erst wieder mit Felix Lobrechts Roman „Sonne und Beton“, sowie mit dessen Verfilmung.
Heute ist Gropiusstadt immer noch ein sozialer Brennpunkt, es gibt weiterhin Probleme im sozialen Miteinander, kulturelle Hürden, Generationskonflikte etc., aber es ist bei weitem nicht mehr der schwierigste aller Brennpunkte Berlins. Und wer aus Nordneukölln oder als Tourist, was nie vorkommt, nach Gropiusstadt anreist, wundert sich heute möglicherweise über die sauberen Parks und die wenig mit Graffiti verschmierten Häuserwände. Heute, mit der in den letzten Jahren massiv zunehmenden Wohnungsknappheit in Berlin, wird auch in Gropiusstadt wieder gebaut. Und in der taz vom 18. Januar 2019 war auch schon folgende Überschrift zu lesen: „Gentrifizierung in Gropiusstadt“.

Dass Gropiusstadt nun erneut Spielort eines Spielfilms ist, ist dem jungen Regisseur Ben Voit zu verdanken, dessen Film GROPIUSSTADT SUPERNOVA beim Max-Ophüls-Preis 2026 Premiere feiert. „Ich wollte einen Film über unsere Jugend drehen“, sagt er. „Eine Zeit, in der uns nichts passieren konnte,
und alles ewig währte – bis es eben nicht mehr so war. Diese Geschichte basiert auf wahren Begebenheiten, die einem meiner besten Freunde und seinem Bruder widerfahren sind. (…) Der Zuschauer sollte so tief wie möglich in eine Welt voller Adrenalin eintauchen, die nur so lange faszinierend ist, bis man selbst in sie hineingezogen wird. (…) Dieser Film wird aus der Perspektive eines Jungen erzählt, dessen Fantasie langsam ein Eigenleben entwickelt. Dessen Schicksal ihn auf genau dem Weg ereilt, den er eingeschlagen hat, um ihm zu entgehen. Indem wir in Luans Wahrnehmung eintauchen, stellen wir unsere eigene infrage. Je tiefer wir mit ihm in eine Nacht voller Ungewissheiten hinabsteigen, desto mehr verstehen wir seine Zwänge, seine Ängste, seine aus Notwendigkeit geborenen Handlungen. Letztendlich definiert sich unser Charakter nicht durch das, was wir wollen, sondern dadurch, wie weit wir bereit sind, dafür zu gehen.“
Berlin, kurz vor Silvester. Luan, eindrücklich gespielt von Mo Issa, ist der Protagonist des Films. Er weiß noch nicht, wohin ihn sein Leben trägt. Pläne scheint er keine zu haben, er verdient sich ein paar Euros, indem er an der Gedächtniskirche vor Touristen rappt, mehr schlecht als recht – und dann werden ihm auch noch die paar Euro von einem Typen geklaut. Bei der Verfolgungsjagd zieht er sich eine Schramme zu. Ein neuer Tiefpunkt. Und ausgerechnet jetzt klingelt sein Handy und seine Freundin Stella (gespielt von der sehr präsenten, wunderbaren Berfin Sönmez) ist am Apparat. Sie wurde genommen, teilt sie ihm voller Freude mit! Stella wird an die Schauspielschule in Amerika gehen, eigentlich hatte sie schon eine Absage erhalten. Und Stella ist ganz bei sich selbst mit ihrer Freude. Klar, Luan freut sich auch irgendwie, aber das heißt ja auch, dass seine Freundin bald weg sein wird. Dennoch besorgt er eine Flasche Champagner und will in Gropiusstadt, wo die beiden leben, auf dem Dach des Gropiushauses zu Silvesterraketen mit seiner Lebensgefährtin auf den Erfolg anstoßen.
Zuvor geht Luan aber zu Hause bei seinem Bruder Tarik (Walid Al-Atiyat) vorbei, der für ihn Ratgeber und engstes Familienmitglied ist, seit ihre Mutter gestorben ist. Mit ihm redet er über Stella. Soll er ihr noch einen Antrag machen, bevor sie nach Amerika geht? Aber Tarik hat ganz andere Sorgen. Er hat Post vom Amt: Er soll abgeschoben werden: „Deutschland will uns nicht“, sagt er. „Deutschland scheißt auf uns. Aber wenn ich gehe, dann mit einem Knall.“ Wutentbrannt verlässt er die Wohnung. Besorgt lässt er seinen Bruder zurück. Was hat Tarik vor? Luan kann das alles nicht einfach hinnehmen. Er fährt nach Charlottenburg und besorgt sich energisch einen Termin bei einer Anwältin, einer Spezialistin für Abschiebungen. Dann fährt er zurück nach Gropiusstadt, um mit Stella ihren Erfolg – und den Jahreswechsel zu feiern. „Next Stop Oscar“ heißt es – sie solle eine Dankesrede halten. Tut sie auch, aber ausgerechnet ihrem Luan dankt sie nicht, in Gedanken ist sie schon in Amerika an der Schauspielschule. Und dann erhält er von seinem Bruder Tarik eine besorgniserregende Nachricht: „Luan, es ist zu spät“.
„Gropiusstadt Supernova“ ist der erste Spielfilm des Regisseurs Ben Voit. Voit studierte Fotojournalismus in Ilmenau und Melbourne sowie Regie in Babelsberg. Für seine ersten Kurzfilme NIGHT UPON KEPLER 452B und THE COMMON ORDER erhielt er etliche Preise und Nominierungen auf mehreren Festivals, etwa Clermont-Ferrand, Busan, Tallinn, Gent und Berlin. Seit dem Jahr 2025 ist er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes und absolviert ein Masterstudium in Spielfilmregie an der Filmhochschule Babelsberg.
Gemeinsam mit seinem Kameramann Konrad Waldmann gelingt es Voit geradezu ikonische Gropiusstadt-Bilder zu schaffen. Die Bilder der Hochhausfassaden vermitteln eine Atmosphäre der Anonymität und eine graphische Struktur, wie ich es bisher in Filmen noch nicht oft gesehen habe. Vielleicht in irgendwelchen Filmen aus Pariser Vorstädten. Die nächtlichen Bilder vom Gropiushaus, mit den spiegelverkehrten Buchstaben der Inschrift sind außergewöhnlich. Die Verknüpfung der traumhaften Zwischensequenzen mit dem großartigen Soundtrack schaffen eine beinahe zeitlose Atmosphäre.
Die Geschichte ist knapp und kurz, der Film ist nur 78 Minuten lang – die Erzählstruktur erinnert mich an eine Novelle, die kurze Prosaerzählung mit straffer Handlung und einem entscheidenden Wendepunkt. Es ist durchaus gewagt, das als Grundlage eines langen Spielfilms zu nehmen, aber die atmosphärische Dichte der Erzählung und die ikonischen Bilder aus Gropiusstadt sorgen dafür, dass „Gropiusstadt Supernova“ zu einem gelungen Berlinfilm wird und vielleicht für immer mit dem filmischen Narrativ dieses Neuköllner Ortsteils verbunden bleiben wird.
„Durchgangsorte am Rande einer Metropole. Wie Inseln in der Nacht, überflutet von künstlichem Licht. Bevölkert von Menschen auf der Durchreise, die von A nach B, von Job zu Job, von Tag zu Nacht in ein besseres Leben hetzen“, beschreibt Ben Voit die Atmosphäre in seinem Film. „Kaum etwas lädt hier zum Verweilen ein. Rätselhafte Lichter blinken in der Ferne und versprechen Erlösung, bis man sie erreicht. Für mich sollte Kino ein Prozess sein, nichts Endgültiges. Ich kümmere mich weniger um das einzelne Bild, sondern bin besessen davon, einen kontinuierlichen Fluss zu schaffen. Die Kamera als Ausdruck meiner eigenen Rastlosigkeit, meiner Angst vor Stillstand. (…) Dieser Film bietet eine neue Perspektive aus dem Inneren einer Welt, die wir zu kennen glauben. Wo nichts so ist, wie es scheint. Wo Schönheit jenseits des Chaos liegt, wenn wir nur genau genug hinsehen. Im Schnitt vermischen wir die Szenen aus dem Drehbuch mit realem Filmmaterial von den Orten, aus denen unsere Figuren stammen. Indem ich die Grenzen zwischen Dokumentation und Fiktion verwische, möchte ich das Publikum dazu anregen, zu hinterfragen, was real ist und was nur Schein.“
„Gropiusstadt Supernova“ ist auf dem Filmfestival Max Ophüls Preis in Saarbrücken zu sehen.
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