ALLEGRO PASTELL: Anna Rollers Literaturverfilmung im Panorama der Berlinale

Jan­nis Niewöh­n­er, Syl­vaine Fali­gant
Alle­gro Pastell von Anna Roller
DEU 2026, Panora­ma
© Felix Pflieger

„Hasen­hei­de” war das Trig­ger­wort, das mich qua­si auf diesen Film aufmerk­sam gemacht hat. Zur Hasen­hei­de habe ich eine enge Beziehung. Schon damals, als wir noch im Kreuzberg­er Grae­fekiez wohn­ten war es unser Naher­hol­ungspark, mit dem Trüm­mer­hügel, dem Naturklein­od des Tüm­pels, samt den dort brü­ten­den Teichrohrsängern, den Schild­kröten, den Schafen, die es einst noch gab – und dem Freiluftki­no in der Hasen­hei­de. Da sind die Deal­er, die da immer rum­ste­hen, im Großen und Ganzen fühlte ich mich aber nicht so bedro­ht und unwohl wie vielle­icht im Gör­l­itzer Park. Die Kita unseres Sohnes lag am Rand der Hasen­hei­de, was uns zwei Mal täglich durch den Park führte, mor­gens hin und abends zurück. Und es gab den berühmten Klet­ter­baum für unseren Sohn, gegenüber von der FKK-Wiese am Fuß des Trüm­mer­hügels. Und wenn mal Schnee lag im Win­ter, dann bot die Hasen­hei­de auch halb­wegs ordentliche Abfahrtsmöglichkeit­en, naja.

„Alle­gro Pastell” jeden­falls ist eine Lit­er­aturver­fil­mung, und zwar des Romans des gebür­ti­gen Frank­furters Leif Randt, der auch das Drehbuch zum Film schrieb. Ich muss geste­hen, dass ich es auch dieses Mal nicht geschafft habe, die Vor­lage vorher zu lesen, aber zumin­d­est nehme ich mir vor, das noch nachzu­holen. Deutsch­land­funk Kul­tur ver­meldete damals: „Über­haupt liest sich dieses im Ganzen ent­täuschende Buch mitunter wie eine lan­gat­mige Satire auf ein von ern­sthaften Kon­flik­ten ver­schontes und an zu viel Selb­st­beobach­tung lei­den­des Wohl­standsm­i­lieu.” Kann sein, aber Deutsch­land­funk Kul­tur ist vielle­icht nicht die allererste Adresse für Kri­tiken über Büch­er die Gen Z (oder welche Gen?) betr­e­f­fend. Die Süd­deutsche hinge­gen schrieb: „ein vir­tu­os lauwarmes Meis­ter­w­erk.” Hä?

„Alle­gro Pastell” ist die Geschichte ein­er berlin­isch-hes­sis­cheschen Fern­beziehung. Fern­beziehun­gen sagt man ja nach, dass sie im All­ge­meinen ganz gut funk­tion­ieren, weil man sich nicht so schnell auf den Sack geht. Es geht um Tan­ja, 33 Jahre alt, geboren in Mar­seille, heute als dur­chaus schon erfol­gre­iche Schrift­stel­lerin in Kreuzberg Nähe Hasen­hei­de in Berlin lebend. Ihr Fre­und, Jerome, 35 Jahre alt, pro­gramiert Inter­net­seit­en – unge­fragt auch eine für seine Schrift­steller­lebens­ge­fährtin – und er ist ger­ade in sein hes­sis­ches Heimat­dorf Main­tal bei Frank­furt zurück­ge­zo­gen, in den Bun­ga­low, den seine Eltern ihm über­lassen haben. Email ist inter­es­san­ter­weise das Medi­um der Kom­mu­nika­tion­swahl zwis­chen den bei­den Fern­beziehen­den. ICE und Email. Wir befind­en uns in den Jahren 2018 und 2019, also vor gefühlten Äonen in anderen Wel­ten. Und dann kommt irgend­wann der Nachteil dieser Fern­beziehung zum Tra­gen: Jerome begeg­net näm­lich sein­er einst uner­füll­ten Jugend­liebe…

Eigentlich war sich Leif Randt gar nicht so sich­er, ob sein Roman unbe­d­ingt ver­filmt wer­den sollte. „Der Roman ist ja im März 2020 erschienen, wenige Tage vor dem ersten Lock­down, in dem das Buch dann viel gele­sen wurde”, sagt er. „Im Früh­jahr kamen erste Anfra­gen aus der Filmwelt über meinen Ver­lag. Anfangs fand ich das ziem­lich abschreck­end. Eine Pro­duk­tions­fir­ma schick­te mir ein Exposé, das im Grunde eine andere Dreiecks­beziehung erzählen wollte, mit mehr Dra­ma und Zus­pitzun­gen – ich fragte mich, warum die dann über­haupt die Rechte kaufen woll­ten. ‚Sollen sie doch eine andere Beziehungs­geschichte erzählen’, dachte ich. Damals war ich eigentlich überzeugt, dass ALLEGRO PASTELL gar nicht ver­filmt wer­den sollte. Für mich hat­te der Roman in Teilen selb­st etwas von ein­er Satire auf deutsche Fernse­hfilme – und aus­gerech­net das sollte nun ein­er wer­den?” Doch dann gab es während der Coro­n­azeit aus­giebige Spaziergänge, kilo­me­ter­weit, mit dem zukün­fti­gen Pro­duzen­ten durch die Hasen­hei­de: „Es war diese dif­fuse Pan­demiezeit, in der alles stil­lzuste­hen schien. Doch die Spaziergänge durch die graue, kalte Hasen­hei­de haben mich let­ztlich überzeugt. ALLEGRO PASTELL, vielle­icht als Serie, vielle­icht als Kinofilm. Und obwohl damals nie­mand wusste, ob die Kinos jemals wieder öff­nen wür­den, habe ich mich für die Kino­vari­ante entsch­ieden.” Und dann kam irgend­wann die in München geborene Regis­seurin Anna Roller ins Spiel und die Ver­fil­mung nahm ihren Lauf. Sie erzählt, wie sie auf Gefühls­beschrei­bun­gen im Roman stieß: „Mit so weni­gen Worten ist ein Gefühl beschrieben, das ich selb­st gut kenne. Tobias Walk­er, der Pro­duzent, und Leif hat­ten bere­its den ersten Schritt vom Roman zum Drehbuch getan und waren auf der Suche nach ein­er Regie. Tobias kan­nte meinen Debüt­film DEAD GIRLS DANCING und schick­te mir die aktuelle Fas­sung. Da der Roman bis dahin, trotz des Hypes bei sein­er Veröf­fentlichung, an mir vorüberge­gan­gen war, lernte ich Tan­ja und Jerome also zunächst nicht in Prosa-Form, son­dern über ihre Dialoge ken­nen. Anfänglich waren mir die Fig­uren erstaunlich unsym­pa­thisch. Ich wollte mich nicht mit ihnen iden­ti­fizieren, fand sie arro­gant und unpoli­tisch. Doch je länger ich las, desto mehr erkan­nte ich mich oder Men­schen aus meinem Umfeld in ihnen wieder – auf unbe­queme Art vielle­icht, aber doch ger­adezu sezierend genau beobachtet.”

„Alle­gro Pastell” ist erfreulich stil­sich­er und immer wieder berührend, weit ent­fer­nt von deutschem Beziehungskomö­di­en­aller­lei – und unter­halt­sam ist das Ganze oben­drauf. Ein­er der Gründe, warum das so wun­der­bar funk­tion­iert ist mit Sicher­heit der Cast, der bis in die Neben­rollen toll beset­zt ist: Eine großar­tige Syl­vaine Fali­gant in der Rolle der Tan­ja Arn­heim, eben­so wun­der­bar Jan­nis Niewöh­n­er als Jerome Daim­ler; und dann noch Mar­ti­na Gedeck, Luna Wedler und und und. Auch die Kon­traste zwis­chen der hes­sis­chen Prov­inz und der Süd­ber­lin­er Großs­tad­tat­mo­sphäre sind wun­der­bar erzählt. Und: Die Neuköll­ner Hasen­hei­de, die ja bei der Entschei­dung für die Ver­fil­mung des Stoffes so eine wichtige Rolle spielte, ist als Spielort auch so wichtig: das Tierge­hege, die Liegewiesen, die Hasen­schänke. Ich hab mich jeden­falls darüber gefreut.

Und noch ein­mal soll die Regis­seurin zu Wort kom­men: „als ich am Ende von Tan­jas Abschieds­brief unglaublich berührt war, merk­te ich, dass genau das die Auf­gabe ein­er Ver­fil­mung wäre: dieses Span­nungs­feld eines kühlen Erzäh­lens auf die Lein­wand zu brin­gen, bei dem man schließlich doch um das Ende dieser Liebe weinen möchte. In der Rezep­tion des Romans wur­den Tan­ja und Jerome oft stel­lvertre­tend für eine ganze Gen­er­a­tion wahrgenom­men. Für mich kom­men sie eher aus ein­er spez­i­fis­chen Blase zu ein­er spez­i­fis­chen Zeit, und Leif Randt betra­chtet bei­des zu gle­ichen Teilen mit einem Schmun­zeln und leichter Wehmut.”

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