
Krasse Musik auf der Tonspur – es sind psychedelische Synthesizerklängen des estnischen Komponisten Sven Grünberg, wir sind mitten in einer tief zugeschneiten Berglandschaft. Ein einsames Berghotel mitten in dieser Landschaft. Die Assoziationen schubsen einen natürlich gleich in Richtung „Shining“ von Stanley Kubrick. „Shining“ stammt aus dem Jahr 1980, „Hukkunud Alpinisti hotell“ bzw. „Dead Mountaineer’s Hotel“, wie der internationale Titel lautet, ist sogar ein Jahr älter, aus dem Jahr 1979. Keine Ahnung, ob Kubrick den Film gesehen hat, vermutlich eher nicht, ich denke nicht, dass der estnische Film den Weg aus der Sowjetunion heraus in den Westen geschafft hat. So wie ja auch „Shining“ auf einem Roman fußt, eben dem von Stephen King, ist auch „Hukkunud Alpinisti hotell“ eine Literaturverfilmung, eines Romans der Brüder Arkadi und Boris Strugazki. Die düstere Stimme des Protagonisten ertönt am Anfang aus dem Off, dass er niemandem erzählen konnte, was damals passiert ist, noch nicht einmal seinen Freunden oder seiner Frau, geschweige denn den Behörden. „Zum verunglückten Alpinisten“, so heißt dieses abgelegene Wintersporthotel, in das Inspektor Peter Glebski, gespielt von Uldis Pucitis, wegen irgendeines anonymen Notrufs gerufen wurde. Und so parkt er sein Auto vor dem zugeschneiten Hotel, in gleißender Sonne. Im Hotel trifft er auf Alex Snewahr, den Hotelbesitzer, der ihm vom Tod eines Alpinisten in einer Lawine erzählt. Aber das ist wohl ewig her. Und die Polizei gerufen, habe er nicht. Glebski hält alles für irgendeinen Irrtum und will erst einmal einfach dableiben. Und dann trifft er auf allerlei sonderbare Frauen und Männer. Kybernetik-Simon zum Beispiel, Physiker sei er. Eine illustre Runde versammelt sich zum Abendessen, man unterhält sich über allerlei, einer meint, dass Außerirdische schon längst die Erde besucht hätten. Man speist, man übt Konversation, man spielt Billiard, man trinkt, tanzt, musiziert; alle sind etwas sonderbar. Dann erhält Glebski eine ominöse Notiz, es gehe um Mord, eine kriminelle Organisation, Terrorismus. Was hat es damit auf sich? Dann geschehen sonderbare, unerklärliche Dinge.
Ich bin so überhaupt kein Spezialist des sowjetischen Kinos der 70er/80er, aber ich bin schon überrascht, einen Film zu sehen, der so aussieht, modern, spannend, mystisch. Das wirkt wirklich sehr westlich. Die Berlinale zeigt den Film restauriert, mit neuen 4K-Scans aus dem Nationalarchiv Estlands. „Zwischen Der Zauberberg und Shining (1980) oszillierend erschafft der Film in modernistischen Interieurs und gleißenden Tiefschnee-Aufnahmen eine enigmatische Atmosphäre“, schreibt der Festivaltext. IM Jahr 2025 erschien eine Graphic Novel zum Stoff: https://www.voland-quist.de/werke/hotel-zum-verunglueckten-alpinisten/ . Ich empfinde den Film jedenfalls als eine überraschend frische Entdeckung.