THE LONELIEST MAN IN TOWN von von Tizza Covi, Rainer Frimmel im Wettbewerb der Berlinale

Al Cook
The Loneliest Man in Town von Tizza Covi, Rainer Frimmel
AUT 2026, Wettbewerb
© Vento Film

Gleich zweimal Jazz im diesjährigen Berlinale-Wettbwerb: Einerseits Grant Gees Jazz-Biopic „Everybody digs Bill Evans“ und andererseits „The loneliest man in town“ von Tizza Covi und Rainer Frimmel – ein Film über den Bluesmusiker Al Cook.

Wer ist Al Cook? Ich Jazz- und Bluesbanause habe natürlich keine Ahnung und lese erst einmal im Presseheft nach: „Al Cook, ursprünglich Alois Koch, wurde 1945 geboren und wuchs im Nachkriegs-Wien auf“, sagt das Presseheft zum Film. „Obwohl er sich bereits als Teenager für Astronomie begeisterte und zunächst Wissenschaftler werden wollte, absolvierte er eine Ausbildung zum Feinmechaniker und arbeitete in diesem Beruf.“ Das mit der Astronomie finde ich schon mal großartig, der einzige andere Musiker mit Astronomiebezug, der mir jetzt auf Anhieb einfällt, ist Brian May.

Im Jahr 1960 begann Al Cook professionell mit der Musik, und zwar angeblich, nachdem er den Film „Loving You“ mit Elvis Presley gesehen hatte. Der krasse deutsche Titel des Films lautete „Gold aus heißer Kehle“, stammte aus dem Jahr 1957, Regie führte ein gewisser Hal Kanter, der sonst kaum groß als Regisseur tätig war. Jedenfalls folgte Al Cook musikalisch dann den Spuren von Elvis Presley und brachte sich das Gitarrespielen wohl selbst bei. In Wien kam er mit seinem Elvisstil damals nicht so riesig gut an, also wandte der sich dem Country und dem Blues zu. „Inspiriert von einer importierten Kassette mit klassischen Blues-Aufnahmen afroamerikanischer Musiker, verbrachte er die folgenden Jahre damit, die Gesangs- und Instrumentaltechniken von Country-Blues-Sängern zu studieren. Er las Bücher und Zeitschriften und hörte Schellackplatten und LPs mit Liedern und Interviews der ‚Väter des Blues‘, darunter Blind Lemon Jefferson, Son House, Charlie Patton und Robert Johnson“, berichtet das Presseheft. In den Siebzigern folgten diverse Alben, in den Achtzigern gründete er ein Rockabilly-Trio um schließlich zum Blues zurückzukehren.

Tizza Covi und Rainer Frimmel sind in der eines der etwas unbekannteren Regieduos, eigentlich zu Unrecht, zuletzt sah ich VERA aus dem Jahr 2022, der ungewöhnlich war, den ich aber mochte. Tizza Covi stammt aus dem Südtirol, sie ist 1971 in Bozen geboren, nach Stationen in Paris und Berlin begann sie in Wien ihr Fotografiestudium. Rainer Frimmel, ebenfalls Jahrgang 1971, ist Wiener, auch er studierte dort Fotografie. Ihre Zusammenarbeit begann 1996 mit Film-, Theater- und Fotografieprojekten, dauert nun als bereis dreißig Jahre an. Nach einigen Dokumentarfilmen war „La Pivellina“ ihr Spielfilmdebüt, das in Cannes lief und 2011 der österreichische Oscarbeitrag war. Im Jahr 2012 wurde ihr zweiter Spielfilm, „Der Glanz des Tages“ in Locarno mit dem Silbernen Leoparden für den besten Schauspieler und in Saarbrücken mit dem Max-Ophüls-Preis ausgezeichnet. Es folge „Mister Universo“ (2016) und „Vera“ (2022). Das Besondere an allen ihren Projekten ist, dass sie mit Laiendarstellern arbeiten und ihre Filme auf 16mm-Film drehen.

In einer Welt voller Erinnerungen lebt er, Al Cook. Analog oder zumindest altmodisch ist das zum großen Teil, Schallplatten, kein Handy, das Festnetztelefon ist so alt, dass der Akku nur fünf Sekunden hält. VHS-Kassetten mit alten Science Fiction-Filmen und Aufzeichnungen von ihm selbst. Die alten Elvis-Starschnitte aus der Bravo hat er noch zu Hause. Der alte Probenkeller ist eigentlich ein Al Cook/Elvis/Blues-Museum. Er lebt mitten in seinen Erinnerungen. Der Blues ist nicht gerade der hippste Musikstil. Darüber, dass seine Frau vor Jahren gestorben ist, ist er bis heute nicht hinweg. Doch droht eine skrupellose Immobilienfirma seinem Rückzugsort ein Ende zu machen: Sein Wohnhaus soll abgerissen werden. Willkürlich wird Strom oder Wasser abgeschaltet, um ihn loszuwerden. Er ist ja schon der letzte, der in dem Mehrfamilienhaus noch wohnt. Er steht vor den Trümmern seiner Existenz. Was tun?

Mit Al Cook verbindet das Regieduo eine langjährige Freundschaft. Rainer Frimmel erzählt: „Was uns faszinierte, war, dass dieser talentierte Bluesgitarrist mal in kleinsten Clubs, mal in viel größerem Rahmen auftritt – und dabei stets kompromisslos an seiner musikalischen Vision festhält. Für uns ist er ein Symbol für all jene Künstler, deren Authentizität auch bedeutet, auf größere Bekanntheit zu verzichten. Es ist eine Frage, die wir uns immer wieder stellen: Wie weit muss man bereit sein, Kompromisse einzugehen, um etwas zu erreichen?“

„Was unsere Filme verbindet, ist, dass wir uns immer vollständig mit einer Persönlichkeit auseinandersetzen“, sagt Tizza Covi. „Im Fall von Al Cook spielt sein Aussehen eine wichtige Rolle. Es ist ihm sehr wichtig, dass seine Haare perfekt gestylt sind und er im Stil der Fünfzigerjahre gekleidet ist: Das Ende dieses Jahrzehnts markierte auch den Zeitpunkt, an dem seine Welt stehen blieb. (…) Wenn man einen Film ohne viel Dialog drehen will, braucht man eine sehr charismatische Person. Und Al hat unglaubliches Charisma.“

Und noch einmal Rainer Frimmel: „Dieser Kampf gegen unsichtbare Kräfte symbolisiert sein ganzes Leben, das vom Widerstand gegen Veränderungen geprägt ist. In unseren vorherigen Filmen arbeiteten wir in einem viel dokumentarischeren Stil; wir nahmen die Räume so, wie wir sie vorfanden. Bei diesem Film arbeiteten wir zum ersten Mal mit Bühnenbildnern zusammen. Da Al seine Wohnung bereits für die anstehenden Renovierungsarbeiten geräumt hatte, durchsuchten die Bühnenbildner gemeinsam mit ihm all seine Besitztümer und bauten die Räume reduziert wieder auf.“

„The loneliest man in town“ ist grandioser kleiner Film, eine wundervolle charmante wie skurrile Komödie, mit Melancholie und Erinnerungen an die Vergangenheit. Der Film ist einer der schönsten Beiträge dieses Wettbewerbs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert