Alles fließt: Volker Koepps Dokumentarfilm „Chronos – Fluss der Zeit“ ab dem 12. März 2026 im Kino

Ich muss gestehen, dass es mir bisweilen schwerfällt, mich während eines Filmfestivals wie der Berlinale auf Filme einzulassen, die deutlich länger sind als zwei Stunden – und die noch dazu einfach Ruhe erwarten, verlangen, dass man sich auf sie einlässt, den Kopf frei hat und nicht in Gedanken schon wieder beim nächsten Film ist, zu dem vielleicht auch noch in ein ganz anderes Kino hetzen muss. So ging es mir auch mit dem neuen Film von Volker Koepp, „Chronos – Fluss der Zeit“, der im Forum der Berlinale lief, in zwei Vorstellungen tief im Westen Berlins, im Delphi und im Cinema Paris, kleine U-Bahnreisen vom Potsdamer Platz entfernt. Und so ist es ein Glücksfall, dass Salzgeber, der Stammverleih von Volker Koepp, diesen Film auch schon bald nach der Berlinale ins Kino bringt, und zwar am 12. März 2026. Mein durch Erinnerungen an Berlinalefilme vollgestopfter Kopf ist dann schon deutlich bereinigt, durch ein paar kinofreie Tage – und durch ein paar Kinderfilme mit meinem Sohn, wir beschäftigen uns gerade einerseits mit Louis de Funès und andererseits mit älteren James Bond-Filmen, jedenfalls mit denen, die nur mit einer FSK 12 begrenzt sind.

„Seit 1972 bin ich für Filme neben meinen Dreharbeiten zwischen Elbe und Oder, wie etwa in Wittstock, auch in Sarmatien unterwegs“, berichtet Volker Koepp. „Ich erzählte vom Leben der Menschen in ihren Landschaften. Ich traf Überlebende nach Hitlers Völkermord an den Juden und Stalins Terror in der Ukraine. Von Biografien also, die geprägt waren von politischen und geografischen Umbrüchen und den Zeitenwenden im elenden 20. Jahrhundert. Und dann, bei den Jüngeren, auch des 21 Jahrhunderts. Hoffnungen, die nach dem scheinbaren Ende des Kalten Krieges vor dreißig Jahren aufkamen, sind durch die Entwicklungen in allerletzter Zeit wieder verflogen. Vielerorts erleben wir so etwas wie eine Hinwendung zu autoritären und antidemokratischen Strukturen. Den Versuchen also, Geschichte vergessen zu machen.“ Und weiter sagt er: „Es ist Zeit, mit ‚Chronos‘ noch einmal zu meinen sarmatischen Orten aufzubrechen. Die Menschen, die ich bei früheren Dreharbeiten kennenlernte, sind mir stets nah geblieben. Wir werden auf unserer Drehreise das Leben von manchen von ihnen weiter begleiten können. Und neue Menschen kennenlernen.“

Seit Ende der 1960er Jahre dreht der 1944 in Stettin geborene Koepp Dokumentarfilme. Studiert hat er in Babelsberg, während des Studiums bekam er Ärger, weil er mit Thomas Brasch befreundet war, der gegen den Einmarsch der Warschauer Pakt-Truppen in die CSSR demonstriert hatte. Eine Festanstellung bei der DEFA erhielt er dann doch, unter Stasibeobachtung. Ab Mitte der 70er rückte die brandenburgische Kleinstadt Wittstock in sein filmisches Interesse, deren Bewohner er über viele Jahre dokumentarisch begleitete. In „Herr Zwilling und Frau Zuckermann“ beobachtete er das jüdische Leben in der ukrainischen Stadt Czernowitz, sein vielleicht bekanntester Film. „So wie Volker Koepp die Gesichter der Alten besichtigt, erkundet er Orte und Landschaften, die schwarze Erde der ukrainischen Felder und die k. u. k. Architektur von Czernowitz, das Krankenhaus, das Bauernfest, die jüdische Schule und die Synagoge. Niemals mischt der Filmemacher sich ein. Er tritt auf als stiller, gern geduldeter Gast, als Fußgänger mit Langmut und Neugier im Reisegepäck, der wohltuend verlegen bleibt ob der eigenen Indiskretion. So entdeckt er auf seiner Zeitreise mitten in die Gegenwart einer angeblich versunkenen Welt jenes Land, das die Historiker Mitteleuropa nennen“, schrieb Christiane Peitz in der ZEIT.

Schwere Meereswogen, damit beginnt der Film „Chronos“. Ein Mann auf einem Pferdewagen, Pelzkragen, Filzhut, Schnäuzer. Ein rotes Auto rast an ihm vorbei. Das langsame Trippeln der hufe wirkt beruhigend. Am Ufer eines Flusses, der Wind peitscht Wellen auf, dann sind wir in der Zivilisation, Tilsit, 1994. Zwei Kinder fühlen sich von der Kamera beobachtet, dann noch mehr Kinder auf einer Brücke. Schnitt. Jetzt haben wir von Farbe zu Schwarzweiß gewechselt, nach Memel, Litauen im Jahr 1972. Wieder sind wir am Wasser, Natur, in der Ferne ein Schiff, Sanddünen, am Ufer ein weißes Pferd. Wieder ein Schnitt, wieder ein Sprung, dieses Mal sind wir im Jahr 2021, immer noch in Memel. Im Off hören wir ein Gedicht über Johannes Bobrowski aus dem Jahr 1962, über die Memel. Der Gedichtband aus dem das Gedicht stammt, heißt „Sarnatische Zeit“. Sarnatien ist eine Landesbezeichnung aus der Spätantike, die Memel wurde damals irgendwo als Fluss „Kronos“ bezeichnet.

Dann sind wir in einer alten, scheinbar verlassenen Siedlung in Litauen im Jahr 2016. Die Kamera weckt das Interesse eines alten Mannes – und er spricht deutsch! Walter Valentius heißt er, geboren 1931. Ein paar Menschen, sagt er, seien nach 1945 zurückgekehrt, so auch er. Die Memel sei sein Lieblingsfluss, auswendig rezitiert er ein altes Memel-Gedicht. Koepp erzählt ihm, dass er bereits 1972 in dem Ort war und für einen Film einen alten Fischer interviewt habe, ein Herr Jurgeneit. Valentius erinnert sich an ihn, Erdmann Jurgeneit, längst sei er tot. Valentius redet über die Hitlerzeit, die Stalinzeit – es habe Menschen gegeben, die sogar beide Zeiten überlebt hätten. Und heute? Die Lage sei ernst. Hoffentlich bleibt es friedlich.

Schnitt. 2023, Czernowitz, Ukraine. Ein beschauliches, modernes, kleines Altstädtchen, wie irgendwo sonst in Europa. Auf einer Monitorwand werden getötete ukrainische Soldaten eingeblendet. Dann kommt der Sirenenalarm, einer läuft noch gemütlich mit seinem Koffer nach Hause, dann ist Ausgangssperre, das sehen wir in einer besonders langen Einstellung. Stichwort Ausgangssperre: Wir springen nach Kabul, 1983, Koepp erinnert sich, dass er damals in Afghanistan auch eine Ausgangssperre erlebt habe. Auch hier versammeln sich wieder Kinder vor Koepps Kamera. Dann sehen wir Mädchen mit Kopftüchern, aber in einer Schule.

2006. Eine Frau, Doris Krause, schickt Volker Koepp einen Brief. 1944 sei sie seiner Mutter – und ihm begegnet. 2008 trifft er sie nun wieder in Broda in Mecklenburg. Sie liest ihm einen Brief vor, den sie 1945 an ihre Mutter geschrieben hatte. Als Kind war sie nach Broda evakuiert, als die Russen kamen, nur knapp sei Koepps Mutter davongekommen, wegen der vier Kinder.

Wir kommen nach Berlin-Karlshorst, wo die Sowjets ihren Sitz haben; dort begegnen wir einer ehemaligen Mitschülerin von Koepp, Ursula Panneke, die Fotos aus der Nachkriegszeit dabei hat. Sie erinnern sich an Stalins Tod, an den Aufstand am 17. Juni; und wie jemand in der Nähe erschossen worden war.

Volker Koepp erhebt den Zeitsprung, die assoziative Kette, die erzählerische Verknüpfung zum Prinzip des Films. Die Flüsse sind verbindende Themen der einzelnen Abschnitte, samt metaphorischer Bedeutung. Es sind die Kriege, die sich durch den Film ziehen. Immer wieder sehen oder hören wir aber auch Vögel. Die Tonspur hat eine hervorgehobene Bedeutung, das Rauschen des Wassers insbesondere. Es ist die Literatur und die Poesie, die sich als Thema quer durch den Film zieht. Immer wieder tun sich solche Verknüpfungen auf. Dieses Verweben der narrativen Spuren ist insbesondere dann spannend, wenn Koepp Erzählstränge mit langem zeitlichem Abstand aufgreift und miteinander verknüpft, eben wie bei jenem Walter Valentius, dem wir in einem litauischen Dorf begegnen. Das gibt dem Film etwas zutiefst Berührendes, wenn er die Menschen aufsucht, denen er vor Jahrzehnten schon begegnet ist. Geschichte, Menschen, Flüsse, Geräusche, Poesie. Das entwickelt einen beeindruckenden Sog, ich werde hineingezogen in die Handlung, die langen Einstellungen und die langen Erzählungen entwickeln einen Sog. Im letzten Drittel löst sich dieses Netz an verwobenen Handlungssträngen etwas auf, die Erzählstruktur wird inkonsequenter, monothematischer und nicht mehr so überzeugend, prompt habe ich bisweilen Mühe, der Handlung mit Geduld zu folgen. Trotz allem: Koepps verwobene Erzählweise ist beeindruckend und poetisch, die Investition in 200 Lebensminuten für diesen Film lohnt sich.

Zum Schluss noch einmal Volker Koepp aus einem Interview, dieses mal für das Arsenal, über die Entstehung des Films: „Unsere erste Fassung war zwölf Stunden lang. Ich habe immer gesagt, dass der Dokumentarfilm viel stärker als der Spielfilm nach poetischen Strukturen arbeitet, oft nach Zufallsstrukturen. Dass man, wenn man so will, zwei Einstellungen hat: Jede ist die Zeile eines Gedichts – eine schöne Landschaft und das Gesicht eines Menschen – und dann fügt man das zusammen, und wenn man Glück hat, wird etwas daraus. Das habe ich auf das Material angewendet. Die Schwerpunkte verschoben sich aber immer stärker in Richtung Ukraine. Und als ich dann in Czernowitz aus dem Fenster guckte, die Sirene hörte und mit meinem Smartphone anfing, den leeren Platz zu drehen, fiel mir ein, dass ich ja schon einmal in einem Krieg war, in Kabul, wo ich auf merkwürdige Weise 1984 gelandet bin, kurz nachdem der sowjetische Einmarsch stattgefunden hatte. Da haben wir auch aus dem Hotelfenster gedreht, weil Ausgangssperre war.“

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