FERNLICHT von Johanna Schorn Kalinsky beim achtung berlin filmfestival

„Wir begleiten Alex durch die Silvesternacht im berauschten Berlin“, schreibt die Filmemacherin Johanna Schorn Kalinsky, geboren in Köln. „Sie versorgt Kunden mit Kokain und erhält Anrufe von ihrer einsamen Mutter. Ihr raues Benehmen dient ihr als Schutzschild, gleichzeitig scheint es, als würde jeder sie wegen irgendetwas beschuldigen. Durch Alex blicken wir auf das vergangene Jahr zurück und rekonstruieren das Unausgesprochene: Ihr Bruder Milan hat sich das Leben genommen. Wie geht man mit dem Tod eines geliebten Menschen um? Wie entkommt man der Leere? Wie navigiert man durch die unterirdischen Labyrinthe familiärer Bindungen? Wir laden das Publikum ein, das Bild mit seiner eigenen Vorstellungskraft zu vervollständigen. So wie der Zuschauer Alex’ Welt rekonstruiert, entwickelte sich auch unsere Produktion auf unkonventionelle Weise – Drehen, Schneiden, Umschreiben, Nachdrehen, Nachschneiden – stets auf der Suche nach Alex, ihrem Schmerz und ihrer Welt.“

Johanna Schorn Kalinsky ist Deutsch-Argentinierin, sie studierte Regie in Buenos Aires, machte beim Filmkritiker und Filmwissenschaftler David Oubiña ihren Abschluss und nahm dann am Postgraduiertenprogramm an der Universidad Torcuato Di Tella teil. Von 2018 bis 2021 unterrichtete sie Drehbuchschreiben. Sie ist Teil des Redaktionsteams der Berliner Filmzeitschrift „Revolver“. „Fernlicht“ ist ihr Debütfilm, derzeit ist ihr zweiter Langfilm, „Tauba“, für Dreharbeiten in Buenos Aires angekündigt.

Silvester in Berlin ist ja immer etwas ganz Besonderes – wenn man mich fragt etwas ganz besonders Furchtbares. Die Zeiten, dass ich meinen Spaß daran hatte, sind vorbei. Ich glaube aber, dass es vielleicht sogar so etwas wie ein Film-Subgenre „Berlin-Silvester-Film“ gibt. Zwei willkürliche Beispiele: „Silvesternacht am Alexanderplatz“ von Richard Schneider-Ebenkoben aus dem Jahr 1939. Zuletzt „Gropiusstadt Supernova“, 2026, von Ben Voit. Ich freue mich über Hinweise auf ausführliche Silvesterfilmauflistungen.

Eine Silvesternacht in Berlin also. Alexandra, wie ihre Mutter sie nennt, aber sonst Alex, ist Koks-Taxifahrerin. Wir begleiten sie auf ihren Auftragsfahrten durch Berlin. Zwischendurch ruft eben jene Mama an, wann denn ihre Tochter nun endlich die gemeinsame Kreuzfahrt buchen würde. Im Januar, wegen der Preise, sagt Alex. Sie müsse jetzt aber auflegen. Genug Zeit bleibt noch, dass Mama sich über die Silvesterkracherei beschweren kann. Das ist doch doof für die Hunde. Und für die traumatisierten Kriegsflüchtlinge. Alex hat dafür aber kein Ohr. Denn sie muss jetzt auflegen, der erste Kunde, Stammkunde. Voller Misstrauen, dass an Sivlester das Koks mit Rattengift gestreckt werden würde. Die Kunden nerven. Die nächste Kundin, schon fast eine gute Freundin, man kennt sich. Wegen der Verspätung kriegt sie sogar neben dem Gramm Koks noch ein Extrageschenk. Essenspause, Salamibrot. Der nächste Kunde kauft wortlos. Und dann ruft Mama schon wieder an. Sie schaut ein U2-Konzert auf 3sat. Ob Alex Bono attraktiv finde. Und vorhin. Die Doku über Tintenfische.

Schnitt. Eine weitere Autofahrt. Herbst, die Bäume sind bunt. Diesmal ist Alex Beifahrerin, ihre Mutter fährt. Das Auto soll verkauft werden, irgendwo außerhalb der Stadt. Die beiden kriegen sich in die Haare. Erst allmählich erkennt man die Details der Geschichte. Alex‘ Bruder hat Selbstmord begangen, die Schuldgefühle bestimmen die Beziehung von Mutter und Tochter. Und dann gibt es weitere Autofahrten.

Immer sehen wir nur Alex, die Personen, mit denen sie zu tun hat, sehen wir jeweils nur im Anschnitt, oder unscharf im Hintergrund. Die Stimmung von Autofahrt zu Autofahrt wechselt, ebenso die Jahreszeiten und jeweils auch Alex‘ Rolle. Es sind anekdotische Episoden, die aber durch die Hauptperson Alex miteinander verknüpft sind. Es ist grandios, wie Johanna Schorn Kalinsky die Filmerzählung mittels der Andeutungen in den Dialogen erzählt, das zieht einen rein, das ist faszinierend.

Marie Bloching heißt die Hauptdarstellerin, die die Alex spielt. Die Komödie „Radio Heimat“, die Frank Goosen-Verfilmung, war 2016 Blochings Kinodebüt, zuletzt war sie in Sarah Miro Fischers Vergewaltigungsdrama „Schwesterherz“ zu sehen. In München ist sie regelmäßig auf Theaterbühnen zu sehen. Bloching trägt den Film – und sie ist so unglaublich variabel, von Episode zu Episode. Großartig.

„In ‚Fernlicht‘ konzentriert sich eine ganze Welt auf vier verschiedene Autos: vier Sitze, vier Jahreszeiten, Menschen, die außerhalb des Bildes ein- und aussteigen“, schreibt die Regisseurin. „Doch eines bleibt gleich: Die Kamera bleibt auf Alexandra gerichtet. Die Off-Stimme spiegelt Alex’ innere Leere wider: etwas fehlt, ist außer Sichtweite, aber allgegenwärtig. Der Innenraum des Autos wird zunehmend zu Alex’ Innenraum. Ihr Gesicht spiegelt die Außenwelt wider. Und was zunächst eindeutig erscheint, wird mit jedem Blick komplizierter und mehrdeutiger.“

FERNLICHT läuft am 19. und am 20. April 2026 in Berlin auf dem achtung berlin filmfestival.

https://achtungberlin.de/2026/fernlicht

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