ROYA von Mahnaz Mohammadi ab 7. Mai 2026 im Kino

ROYA Melisa Sözen © PAKFILM

„Was heute im Iran geschieht, kommt mir vor wie eine Art kollek­tiv­er Traum, nicht im Sinne ein­er
Illu­sion, son­dern als ein gemein­samer Zus­tand, in dem ver­traute Struk­turen zusam­men­brechen und
Gewis­sheit ver­schwindet”, sagt die Regis­seurin Mah­naz Moham­ma­di. „Real­ität wird insta­bil, Zeit zer­bricht und Bedeu­tung muss aus dem, was übrig bleibt, neu zusam­menge­set­zt wer­den. In diesem Sinne sind Träume in ROYA keine Sym­bole des Wider­stands in hero­is­ch­er oder deklar­a­tiv­er Weise. Sie sind eher der Punkt, an dem Wider­stand begin­nt”.

Mah­naz Moham­ma­di heißt die Regis­seurin von „Roya”. Sie ist eine iranis­che Filmemacherin und Frauen­recht­sak­tivistin. Ihre Doku­men­tarfilme bracht­en ihr im Iran Ver­fol­gung und Ver­haf­tun­gen ein. Zu sieben Jahren wurde sie verurteilt, wegen „Gefährdung der nationalen Sicher­heit” und „Pro­pa­gan­da gegen das Régime“. Mehrere Monate davon saß sie im Evin-Gefäng­nis, später wurde das Urteil aufge­hoben, aber sie musste weit­er­hin Ein­schränkun­gen ertra­gen. Für zehn Jahre wurde ihr die Aus­reise ver­weigert. „Son­moth­er” aus dem 2019 war ihr erster und zunächst let­zter Spielfilm, danach durfte sie keine Filme mehr drehen. „Roya” schließlich hat sie im Geheimen gedreht, im Unter­grund. „Roya” wurde ihr zweit­er Spielfilm.

Eine Wand. Eine Frauen­hand. Flack­ern­des Licht. In die Wand ger­itzte Zeichen. „Es tut so weh”, hört man von irgend­wo. Folter­schreie? Dumpfe Stim­men. Wir sind in einem Gefäng­nis. Die Gefan­gene ist kom­plett isoliert. Ein weit­eres Ver­hör ste­ht an. Alles sehen wird aus der Sicht der Pro­tag­o­nistin, die Sicht wird ihr aber durch einen Schleier verdeckt. Kopf nach unten! Auf dem Boden sind Blut­spuren. Insassin Nr. 2648. Nur eine Zahl. Immer mehr Blut­spuren am Boden. Dann wird sie niedergeschla­gen.

Roya war Lehrerin und Aktivistin, bevor sie im Gefäng­nis lan­dete. Vom islamis­chen Régime wird sie beschuldigt, sie hätte Stu­dentin­nen dazu anges­tiftet, ihre Kopftüch­er zu ver­bren­nen. Ein Ver­brechen. Weil sie eine Bedro­hung für den Staat darstelle, wird sie ins Teheran­er Evin-Gefäng­nis ver­schleppt.

Dann das „Ver­hör”. Sie schüchtern sie ein, sie machen ihr Angst, sie quälen sie. Aus dem Off hört man eine andere Gefan­gene rufen: „Bitte lassen Sie mich zu meinem Baby!” Roya wird geschla­gen, sie wir gezwun­gen, sich per­ma­nent im Kreis zu drehen. Sie dro­hen ihr mit der Todesstrafe, sie dro­hen, ihren Ange­höri­gen etwas anzu­tun. Sie erniedri­gen sie. Dann lassen sie sie auf dem Boden liegen. Die „bad guys” ver­lassen den Raum, der schein­bare „good guy” kommt here­in, ein älter­er Herr, der ihr einen Stuhl anbi­etet, ihr anbi­etet, den Schleier abzunehmen, und der ihr davon erzählt, wie schlecht es ihrem Vater gegan­gen sei. Einen weit­ere Infarkt habe er nun gehabt. Jet­zt kön­nte die let­zte Gele­gen­heit sein, ihn noch ein­mal zu sehen. Nun wird sie vor die Wahl gestellt: Sie solle ein „frei­williges” Geständ­nis unter­schreiben, das Geständ­nis solle im Fernse­hen über­tra­gen wer­den. Sie müsse von ihren Überzeu­gun­gen abschwören. Dann dürfe sie mit ein­er Fußfes­sel für drei Tage raus. Dann wird ihr die Tode­sanzeige ihres Vaters gezeigt. Ein let­ztes Mal könne sie ihn noch sehen, wenn sie geste­ht.

Zutief­st schock­iert willigt sie ein. Sie darf das Gefäng­nis ver­lassen, wird in ein Auto geset­zt. Es ist lange her, dass sie nach der Iso­la­tion­shaft nun wieder Licht, Straßen, Men­schen sieht. Beina­he ungläu­big sieht sie sich die Men­schen auf den Straßen an – und die Land­schaft durch die sie fahren. Doch der Weg zur Beerdi­gung nimmt eine schock­ierende Wen­dung: Es ist nicht ihr Vater der gestor­ben ist, son­dern ihre Schwest­er. Roya ist zutief­st erschüt­tert und trau­ma­tisiert.

Nach der Beerdi­gung beg­ibt sie sich in ihre Woh­nung, die leer ste­ht, ihr Ehe­mann Ali hat sie wom­öglich ver­lassen. Drei Tage hat sie nun, bis sie wieder zurück ins Gefäng­nis soll und dort das öffentliche Geständ­nis able­gen soll. Man bewacht sie Tag und Nacht, man überwacht sie, immer wieder wird sie an das Geständ­nis erin­nert. Sie befind­et sich in einem trau­ma­tisierten Zus­tand, voller Alp­träume, zwis­chen Real­ität und Ein­bil­dung. Sie begeg­net ihrem Vater, der sie kaum noch erken­nt – soll, kann sie ihn von seinem Leid erlösen?

Die Szenen im Gefäng­nis sind Szenen der Klaus­tro­pho­bie, Szenen der Angst, die Szenen in der Woh­nung sind Szenen des Hor­rors, der Alp­träume. „In ROYA sind Träume wed­er eine Flucht aus der Real­ität noch eine Ablehnung der­sel­ben”, sagt die Regis­seurin. „Sie sind eine andere Art, ihr zu begeg­nen, eine, in der unter­drück­te Emo­tio­nen, Erin­nerun­gen und Kon­flik­te an die Ober­fläche kom­men kön­nen, ohne geord­net oder erk­lärt zu wer­den. Anstatt Klarheit zu bieten, eröff­nen Träume einen Raum, in dem Wahrheit in insta­bilen, unvol­len­de­ten For­men erscheint. Diese Ungewis­sheit ist für den Film von wesentlich­er Bedeu­tung, da sie eine Real­ität wider­spiegelt, die nicht voll­ständig erfasst oder aufgelöst, son­dern nur durch Frag­mente und Spuren approx­imiert wer­den kann.”

„Roya” ist ein klaus­tro­phobes, schw­er zugänglich­es, alp­traumhaftes, para­bel­haftes Meis­ter­w­erk vor dem Hin­ter­grund der Schreck­en­sh­errschaft des iranis­chen Regimes. Es ist ein bedrück­ender und beein­druck­ender Film, mit ein­er grandiosen Haupt­darstel­lerin, Melisa Sözen. Bisweilen musste ich an Kafkas „Prozess” oder „Das Schloss” denken.

„Die Rück­kehr zum Spielfilm bedeutete für mich nicht, zu ein­er klas­sis­chen oder lin­earen Struk­tur zurück­zukehren”, sagt die Regis­seurin. „ROYA fol­gt der inneren Logik des Geistes und der Erin­nerung, wo sich die Erzäh­lung nicht durch Erk­lärun­gen oder klare Kausal­itäten ent­fal­tet, son­dern durch Wieder­hol­un­gen, Bruch­stellen, Ver­schiebun­gen und Stille. Nach vie­len Jahren der Arbeit mit doku­men­tarischen For­mat­en brauchte ich eine Struk­tur, die diese Art von Erfahrung trans­portieren kon­nte. Das nar­ra­tivis­che Kino gab mir einen Rah­men, der nicht ver­sucht, die Real­ität zu repro­duzieren, son­dern näher an der tat­säch­lichen Funk­tion­sweise von Wahrnehmung und Erin­nerung arbeit­et. Bedeu­tung wird nicht expliz­it dargelegt, son­dern entste­ht durch Lück­en, Aus­rutsch­er und Brüche. In ROYA ist die Form nicht nur ein Behäl­ter für Inhalte, son­dern die nar­ra­tive Struk­tur selb­st wird zum Raum, in dem die Erfahrung Gestalt annimmt.”

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