Sorry, Baby von Eva Victor ab 18.12.2025 im Kino

Sor­ry, Baby. Regie: Eva Vic­tor.

„Fühlst du dich sich­er in deinem Zuhause?” – „Ich hab ’ne Katze.” Das war der trock­en-witzige Dia­log, der mir schon im Trail­er von „Sor­ry, Baby” auffiel. Um die Katze wird’s dann auch immer wieder gehen in diesem Debüt­film von Eva Vic­tor. Debüt­filme sind ja immer so eine Sache, manche sind noch unaus­ge­goren, es fehlt das Gespür für die Details des Drehbuchs, aber vielle­icht sieht man wun­der­volle Ideen durch­scheinen. Manch­mal scheinen Debütregis­seure noch nicht so recht zu wis­sen, wie man mit den Schaus­piel­ern arbeit­et. Ich ver­suche das immer zu berück­sichti­gen, darin, wie ich einen Film empfinde und bew­erte. Irgend­wo muss man schließlich Erfahrung sam­meln. Und Fehler dür­fen gemacht wer­den. Ger­ade gestern habe ich „Danke für nichts” im Kino gese­hen, der Debüt­film von Stel­la Marie Mark­ert – und ich finde es ist ein­er der schön­sten und gelun­gen­sten deutschen Debüt­filme, die ich in let­zter Zeit gese­hen habe. Und: Ich glaube, er erzählt so viel über die Gen­er­a­tion jen­er, die nach 2000 geboren sind. Aber wie ist das nun mit dem Debüt von Eva Vic­tor? Geboren wurde sie In Paris, mit eins aber zog sie mit ihrer Fam­i­lie schon in die USA, nach San Fran­cis­co. „Zurück­ge­zo­gen in ein­er Hütte in Maine schrieb Vic­tor ein erstes Drehbuch, das nahezu unverän­dert blieb,” ste­ht im Pres­se­text zum Film. „Mit feinem Gespür für Zeit und Ort war das Skript einzi­gar­tig durch die emo­tionale Band­bre­ite von Agnes’ Erfahrun­gen – mehr als durch die Ereignisse selb­st.” Und in einem Inter­view sagte sie: „I made the film for the per­son I was that need­ed this film, so mak­ing sure noth­ing felt what would’ve been incred­i­bly trig­ger­ing to me, to the point where I could­n’t watch it, felt impor­tant.” Klingt doch vielver­sprechend. Für die Haupt­fig­ur, Agnes, beset­zte sich Eva Vic­tor selb­st, auch ein Hin­weis auf eine per­sön­liche Geschichte, die uns der Film vielle­icht erzählen wird. Seine Welt­premiere erlebte „Sor­ry, Baby” Ende Jan­u­ar 2025 beim Sun­dance Film­fes­ti­val. Eva Vic­tor erhielt prompt einen Preis für das Drehbuch.

Agnes ist eine junge Lit­er­atur­pro­fes­sorin in Neueng­land, ger­ade hat sie eine Fes­tanstel­lung bekom­men. Lydia, gespielt von Naomie Ack­ie, ist Agnes’ beste Fre­undin. In fünf Kapiteln wer­den wir Agnes’ Geschichte erzählt bekom­men die Kapi­tel sind nicht chro­nol­o­gisch. „Das Jahr mit dem Baby” heißt das erste Kapi­tel, in dem sich Agnes und Lydia enach län­ger­er Zeit wieder­se­hen. Sie reden über Män­ner, trauern darüber, dass Lydia nicht mehr hier wohnt, son­dern weit weg, sie hat näm­lich geheiratet und wohnt in New York; sie unternehmen Spaziergänge durch die Natur, schauen Filme zusam­men. Und da gibt es den Nach­barn Gavin, manch­mal etwas auf­dringlich, aber soweit nett. Und dann hat Lydia noch ein Geheim­nis, das sie Agnes in einem passenden Moment erzählt: Sie ist schwanger. Ob sie das Kind Agnes nenne, meint sie halb im Ernst, halb im Spaß. Und als Lydia zurück nach New York fährt, merkt man, wie Agnes sie ver­misst, und wie ein­sam sie sich fühlt. Lydia fehlt ihr.

„The Year with the Bad Thing” heißt dann das zweite Kapi­tel. Wir sprin­gen in der Zeit zurück. Agnes und Lydie studieren noch. Lydia kommt mehr schlecht als recht zurecht, sie braucht für ihre Hausar­beit­en viel zu lange. Und Agnes: Hat sie Inter­esse an Pre­ston Deck­er, ihrem attrak­tiv­en, geschiede­nen Men­tor? Seinen ersten Roman mochte sie jeden­falls sehr. Doch dann hat Agnes ein trau­ma­tis­ches Erleb­nis, das sie aus der Bahn wirft…

Eine der beein­druck­end­sten Szenen ist eben jene des Trau­mas – das wir nicht miter­leben, das aus­ges­part wird. Wir sehen ein Haus, wir sehen nicht, was darin passiert, wir sehen nur, wie viel Zeit verge­ht. Und wie Agnes irgend­wann ver­stört das Haus ver­lässt. Was passiert ist erfahren wir dann, als Agnes es Lydia erzählt. Und diese Fre­und­schaft zwis­chen den bei­den ist der Angelpunkt des Films und in Agnes’ Leben. Eva Vic­tor sagt: „Der Film ist keine Tragödie, weil Lydie Agnes zuhört. Ich glaube nicht, dass Agnes über­haupt erkan­nt hätte, was ihr passiert ist, wenn Lydie nicht bei ihr gewe­sen wäre.“ Und genau darum geht es dem Film um die Kraft der Fre­und­schaft und um eine Selb­st­be­haup­tung. Eva Vic­tor: „Es ging mir weniger darum, Gewalt oder den Über­griff selb­st zu erzählen, als vielmehr darum, wie ein Men­sch heilt. Beson­ders
inter­essierte mich das Gefühl des Fest­steck­ens – wenn man sieht, wie alle anderen weit­erziehen, während man selb­st noch in dem fest­sitzt, was
einem passiert ist. Ich schrieb das ursprünglich für mein früheres Ich.“ Und es gehört in jedem Fall zu den großen Stärken dieses Films, dass eben jene trau­ma­tis­che Szene, nicht gezeigt wird.

Neben dem The­ma Fre­und­schaft gibt es noch einen weit­eren Fak­tor, der diesem Film die Kraft ver­lei­ht, die ihm innewohnt: Es ist dieser Humor, ist lakonisch das richtige Wort? Agnes ver­liert ihn nie. „Die komis­chen Momente unter­graben nie Agnes’ Erfahrung oder Trau­ma“, sagt Eva Vic­tor. „Der Humor richtet sich immer gegen die Mächti­gen – jene, die Agnes ver­let­zen – oder zeigt die Absur­dität dessen, was sie durch­macht.“ Ein sehr wichtiger Gedanke – und eigentlich merke ich jet­zt, dass es genau das war, was mich am Trail­er bere­its ange­sprochen hat. Und aus­gerech­net die Szene, als Agnes am Mor­gen nach dem Trau­ma gemein­sam mit Lydia zum Arzt geht, gehört zu jenen Szenen, die ganz viel von diesem Humor in sich haben: Den Hand­lungsempfehlun­gen des Arztes für das Trau­ma ent­geg­net Agnes: „Das merke ich mir für das näch­ste Mal.” Dieser tieftraurig/komische Humor – und das Aus­lassen des Trau­mas, das eben auch schon im Trail­er wiederge­spiegelt wurde, machen „Sor­ry, Baby” zu einem beein­druck­enden Film.

Und zu diesem Zeit­punkt ist uns klar, dass es nun darum gehen muss, wir Agnes mit diesem Trau­ma zurechtkom­men wird. Wie sich ihr Umfeld dazu ver­hal­ten wird, die Uni zum Beispiel und wie ihr ihre Fre­und­schaft mit Lydia dabei helfen kann, ins Leben zurück­zufind­en.

Aber zunächst gibt es eine urkomis­che Begeg­nung mit jen­em schon erwäh­n­ten Gavin. Es hat mit Brenn­spir­i­tus zu tun. Und in der darauf­fol­gen­den Szene wer­den wir gle­ich schon etwas Wichtiges erleben: Wir wer­den ler­nen, dass Lydia ihre beste Fre­undin bedin­gungs­los unter­stützen wird. Und wir wer­den Agnes dabei begleit­en, wie sie über etwas ver­sucht hin­wegzukom­men, über das man eigentlich nicht hin­wegkommt. Es ist so sehr erfreulich, dass prak­tisch alle Fig­uren des Films sich der klas­sis­chen Film­dra­maturgie ver­weigern, eben auch erwäh­n­ter Gavin, aber auch die Zufalls­bekan­ntschaft, die Agnes i let­zten Drit­tel des Films dann noch macht. Es gibt nur eine Fig­ur, die ein kleines biss­chen in die Rolle der Antag­o­nistin here­in­passt, es han­delt sich um die Kom­mili­tonin und Arbeit­skol­le­gin, die Agnes nicht ausste­hen kann. Die ist fast schon eine kleine Klis­cheege­gen­spielerin, aber erstens ist ihre Rolle nicht sehr groß und zweit­ens akzep­tieren wir das, weil eben alle anderen Fig­uren so gegen den Strich gebürstet sind.

Geben wir in diesem wun­der-wun­der­baren, großar­tig erzählten Film noch ein­mal der Regis­seurin und Haupt­darstel­lerin – von der wir hof­fentlich noch ganz viel zu sehen bekom­men – die let­zten Worte: „A lot of the film was so vul­ner­a­ble because when I was writ­ing it, I nev­er thought the film would get made when I was mak­ing it. So, I didn’t real­ly con­sid­er what it was like to pre­mière a film or how expos­ing it would be. So much of my expe­ri­ence was based on want­i­ng to make the most truth­ful film pos­si­ble.”


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