
© Medea Film Factory / Dschoint Ventschr / Filip Zumbrunn —
„Was mich besonders interessiert hat, ist der Aspekt der körperlichen Symptome über die Siri recherchiert und schreibt, bereits in ihrem ersten Roman, ‚Die unsichtbare Frau‘, in dem sie ihre Migräne thematisiert“, erzählt die Regisseurin Sabine Lidl. „Und in ‚Die zitternde Frau‘ beschreibt sie ihre Übersensibilität, ein zu hohes Maß an Empathie, das sie als Auslöser für ihren Zitteranfall bei einer Rede auf ihren Vater erlebt hatte. In diesem Wesen, das in einem ländlichen Umfeld aufwuchs, dass eher rau und hart ist, in dem die Kinder in der Schule wenig mit ihr anzufangen wussten, sah ich auch eine Spieglung zu meiner eigenen Geschichte. Das Anderssein, nicht reinpassen. Es berührte mich, wenn Siri im Film erzählt, dass sie als Kind häufig Kopfschmerzen hatte und dachte, das sei bei jedem so. Das ist etwas, was viele auf die eine oder andere Art kennen: Wir überspielen Dinge, die uns unangenehm scheinen, anstatt sie offen zu zeigen. Eine Scham über die eigene Schwäche. Siris Texte haben mir vermittelt, dass diese vermeintliche Schwäche auch etwas Gutes hat, dass man sie annehmen sollte.“
Siri Hustvedt und Paul Auster haben 1982 geheiratet. Sie lebten in Brooklyn, unweit des Prospect Parks. 2014 lebte ich vier Wochen in Brooklyn unweit jenes Ortes, als ich auf einmonatiger Fotoexpedition in New York war. Ich mochte die Gegend, den Prospect Park, Park Slope, Prospect Heights. Ich wohnte im Schlafzimmer eines Schmuckdesigners, er selber schlief im Durchgangszimmer, manchmal hatte er auch seine Lebensgefährtin zu Besuch und verschanzte sich mit ihr hinter einem Vorhang, hinter dem sein Hochbett verborgen war. In der Küche stank es immer nach Gas, wenige Wochen vorher war in Brooklyn ein Wohnhaus durch eine lecke Gasleitung explodiert. Ich schaute, dass ich die meiste Zeit außerhalb des Hauses verbrachte, aber nachts war ich dann halt doch da, um zu schlafen. Der Gastgeber hatte mir bis zuletzt eine falsche Hausnummer mitgeteilt, weil wohl schon damals Untervermietungen an Touristen und kurzfristige Besucher nicht gestattet waren. Die Mülltonnen im Hinterhof hatten keine Deckel, damit die Ratten besser rankamen. Auf dem Weg nach Manhattan fotografierte ich die Pendler in der U-Bahn.

© Medea Film Factory / Dschoint Ventschr / Meret Madörin —
Über Siri Hustvedts Erstlingsroman „Die unsichtbare Frau“ ätzte der Spiegel 1993: „Ihr Debütroman ‚Die unsichtbare Frau‘, in Amerika hoch gelobt, leidet allerdings auch an einem Übermaß von Spuk und ist mit abgewetzten literarischen Versatzstücken – etwa dem romantischen Doppelgängermotiv – gespickt. Allzu offenkundig eifert Hustvedt, 38, dem Vorbild eines Erfolgsautors nach, dem sie ihr Buch gewidmet hat und mit dem sie verheiratet ist: Paul Auster. Dessen männlichen Gestalten, die in quälender Identitätssuche befangen und von ungreifbaren Gefahren umstellt sind, gleicht die schöne Iris wie ein weibliches Spiegelbild.“ Du liebe Güte.
Über eine lange Zeit hinweg begleitete die Regisseurin Sabine Lidl Siri Hustvedt und Paul Auster und erzählt von einer großen Liebesgeschichte und vom Tod. „Die Jahre, in denen dieser Film entstanden ist, waren außerordentlich hart“, erzählt Siri Hustvedt. „Es ist sehr seltsam, unter einem Mikroskop zu liegen, während man derart brutale Wirklichkeiten durchlebt. Über Schmerz und Leiden, über traumatische Erfahrungen zu sprechen, kann sehr schwer sein, und wir hatten ja bereits mehrere Todesfälle erlebt, Pauls Enkelin, Pauls Sohn sind kurz hintereinander gestorben. Lange Zeit, ja, bis zum Memorial für Paul, konnte ich nicht über das sprechen, was uns zugestoßen ist, es kam mir einfach nicht über die Lippen. Doch, schon sehr kurz nach dem Tod meines Mannes, direkt nach der Gedenkfeier habe ich mich an den Schreibtisch gesetzt.“
Der Film beginnt mit animierten Zeichnungen von Siri Hustvedt, die uns immer wieder durch den Film begleiten werden. Wir sehen alte Super-8-Aufnahmen von New York. Im Off hören wir die Stimme Siri Hustvedts, die davon erzählt, wie sie einst das ländliche Minnesota verließ, um in New York Figuren für ihren ersten Roman zu finden. Im August 1978 hatte sie noch lange keine erste Romanfigur, aber sie entdeckte einen Rhythmus in der Stadt, „a collective swell of movement“, wie sie sagt. Mit einem Koffer und fünf Kisten Büchern kommt sie in die Stadt, mehr nicht. Sie drückt sich in den einschlägigen Buchläden herum, natürlich im berühmten „Strand“.
Wir begleiten sie in einer Mischung aus Interviews, dokumentarischen Aufnahmen und nachgestellten Szenen. „In der Bibliothek hatte ich Flügel“, so beschreibt sie die Kraft, die ihr die Literatur damals verlieh. Und dann gibt es jene Szenen, vor denen wahrscheinlich alle Dokumentarfilmer irgendwie Angst habe: Autor:innen beim Schreiben. Tippen. Zögern. Denken. Nachlesen. Korrigieren. Der Film verliert uns darüber aber nicht, wir bleiben dabei.
„Der Anfang eines Buchs ist immer am schwersten“, erzählt sie. „Man kennt die ungefähre Richtung, aber man wirft quasi Bälle in die Luft, und sie passen noch nicht so recht.“ Und dann führt uns Siri Hustvedt, wie noch selten in einer Autoren-Doku, in die Welt des Schreibens hinein. Bis dahin, und auch bis zum Schluss des Films. ist Hustvedt natürlich die Hauptfigur, aber nun tritt erstmals Paul Auster auf. Als Nebenfigur, danke dafür! Auster liest aus der Zeitung vor, redet über eine Ausstellung im Whitney Museum. Dann sind wir wieder ganz bei der Autorin, der wir fasziniert zuhören, wie sie von ihrem Zugang zum Schreiben erzählt. Sie liest aus ihren Werken vor. Mit ihrer so unglaublich ruhigen Stimme. Das entwickelt bald einen Sog.

© Medea Film Factory / Dschoint Ventschr / Sabine Lidl —
Wir begleiten sie schließlich an Orte von früher, teils mit der Kamera, teils mit Worten – eine alte Wohnung in Manhattan, eine Bar etc. Sie berichtet, wie diese Orte in ihre ersten Romane eingeflossen sind: „Alles, was ich erzählte, ist wirklich passiert.“ Schließlich begegnen wir Weggefährten, Freunden, etwa Katerina Fotopoulou, eine Freundin, Neurowissenschaftlerin.
Wir erfahren, dass die bildende Kunst auch eine mögliche Richtung gewesen wäre, die Hustvedt in ihrem Leben vielleicht hätte einschlagen können. Sie zeigt uns ihre Zeichnungen, eben jene, die jetzt auch als Animationen in den Film eingeflossen sind. „Als ich in der 5. Klasse war, ungefähr mit 11, überlegte ich, Künstlerin zu werden.“ Unermüdlich zeichnete sie, doch mit 13 – in Island – beschloss sie, Schriftstellerin zu werden.
Schließlich kam der Tag, an dem Paul Auster in ihr Leben trat. Sie sucht alte Briefe von ihm, findet eine Notiz von 1981: „Liebe S, wie du siehst, bin ich hier. Und du? Ich habe viele Male angerufen, denn ich habe in der Gegend zu tun. Aber du bist verschwunden, leider.“ Gemeinsam mit Paul Auster sehen wir sie schließlich durch alte Fotoalben blättern. Sie erzählt von ihrem gemeinsamen Leben, ihrem gemeinsamen Schriftstellerleben. No money, auf ihrer Hochzeit mussten die Gäste da Essen bezahlen, erzählt sie.

© Medea Film Factory / Dschoint Ventschr / Filip Zumbrunn —
Wir lernen die Stationen ihres Lebens kennen, die Kindheit, die Jugend, die norwegische Herkunft, ihre Schwestern. Wir begegnen Menschen, die ihr einmal wichtig waren. Louise Bourgeois, die Künstlerin, die 2010 in New York gestorben ist. Oder Wim Wenders. Und dann kommt der Tag, der vieles ändern wird, der Tag, an dem sie erfährt, dass Paul Auster schwer krank ist. Ihr „Lebensmensch“, wie sie auf deutsch sagt.
Sabine Lidl gelingt ein wundervoll erzählter Dokumentarfilm, der eine Geschichte über das Schreiben, das Leben, den Tod erzählt. Es ist ein langsam erzählter Film, der durch seine erzählerische Vielfalt glänzt, den Sog, den er entwickelt – keine Sekunde langweilt Sabine Lidl uns. „SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF ist kein traditionelles Künstlerinnenportrait“, sagt die Produzentin Irene Höfer. „Siri Hustvedt ist Schriftstellerin, Wissenschaftlerin, eine Ikone weiblicher Selbstbestimmung, eine der bedeutendsten Intellektuellen unserer Zeit. (…) Was als Portrait einer Schriftstellerin und Denkerin begann, entwickelte sich zu einem außergewöhnlich intimen Dokument: Während der Dreharbeiten wurde bei Paul Auster Krebs diagnostiziert, und er verstarb. Nur wenige Wochen vor seinem Tod gab er Sabine Lidl sein letztes Interview – ein Vermächtnis, das in unserem Film bewahrt wird.“
Irgendwann gibt es diese Szene, in der Siri Hustvedt nach Paul Austers Tod dessen Bibliothek sortiert und überlegt, was mit einigen der Büchern geschehen soll. Irgendwann nimmt sie ein Buch in die Hand und sagt, dass es wohl eines der Lieblingsbücher von Paul Auster gewesen sei. Und diese Szene berührt mich persönlich, weil es nämlich auch eines meiner Lieblingsbücher in meinem Besitz ist, von dem ich mich nie trennen möchte: Es ist ein dicker Bildband von John McCabe und Al Kilgore über das filmische Werk von Laurel & Hardy, 1975 ist es erschienen. Es ist so toll, weil es mich an so viele dieser Filme erinnert, die ich vor allem in meiner Kindheit gesehen habe – und weil es mich erinnert, dass ich ganz viele Filme von Laurel und Hardy noch gar nicht gesehen habe – und weil auch mein Sohn sich bereits über einige der Filme der beiden totgelacht hat – und weil man mit diesem Buch die beiden Komiker und Schauspieler dabei begleiten kann, wie sie alt wurden. Ich weiß nicht, wie Sabine Lidl es schafft, aber dem Film gelingt es immer wieder, solch berührende Verbindungen zu mir – und möglicherweise auch zu vielen anderen Zuschauern – aufzubauen.
Zuletzt noch ein paar Worte von Siri Hustvedt: „Ich denke immer, Schriftsteller:innen bei der Arbeit zu filmen, ist langweilig. Andererseits geht der Akt des Schreibens mit einer rhythmischen Versunkenheit einher, und ich persönlich würde gerne unterschiedlichen Schriftsteller:innen dabei zuschauen, wie sie schreiben, wie sie sich bewegen, was passiert. Insofern fiel es mir nicht schwer, zumal Sabine zu diesem Zeitpunkt mein vollstes Vertrauen hatte, und ich keine Angst davor, dass sie mich verraten könnte.“
Ich möchte gerne diesen Beitrag mit einem jener von mir erwähnten Brooklyn-Pendlerfotos schließen, das ich damals machte, als ich für ein paar Wochen in Brooklyn, Nähe Prospect Park, wohnte:

TERMINE DER KINOTOUR:
Dienstag, 24. März
BREMEN, Schauburg um 18:00 Uhr
Premiere in Anwesenheit der Regisseurin Sabine Lidl & Produzentin Irene Höfer.
Tickets können hier käuflich erworben werden.
Mittwoch, 25. März
MÜNSTER, Schlosstheather um 18:00 Uhr
In Anwesenheit der Regisseurin Sabine Lidl.
Tickets können hier käuflich erworben werden.
Freitag, 27. März
DRESDEN, Programmkino Ost um 19:30 Uhr
In Anwesenheit der Regisseurin Sabine Lidl.
Tickets können hier käuflich erworben werden.
Samstag, 28. März
LEIPZIG, Passage um 18:00 Uhr
In Anwesenheit der Regisseurin Sabine Lidl.
Tickets können hier käuflich erworben werden.
Sonntag, 29. März
BERLIN, Kino International um 11:00 Uhr
In Anwesenheit der Regisseurin Sabine Lidl & Produzentin Irene Höfer.
Tickets können hier käuflich erworben werden.
Dienstag, 31. März
HAMBURG, Zeise Kino um 20:00 Uhr
In Anwesenheit der Regisseurin Sabine Lidl.
Tickets können hier käuflich erworben werden.