DAS GLÜCK DER TÜCHTIGEN beim achtung berlin Festival

Franz Müller ist Jahrgang 1965. Laut Wikipedia hat er einmal Vor- und Frühgeschichte studiert, bevor er dann über die Kunst irgendwann beim Film landete. Neulich schrieb ich irgendwo über Quereinsteiger, die beim Film landen, besonders häufig begegnete ich bei meiner oberflächlichen Erforschung des Themas Philosophen und Soziologen, die beim Film landeten. Wahrscheinlich haben sowohl Soziologen als auch Philosophen etwas über die Welt zu erzählen, über Menschen, über deren Beziehungen zueinander. Vor- und Frühgeschichte finde ich ja auch interessant, ob es bei Franz Müller eine Linie vom Vor- und Frühgeschichtsstudium zum Film gibt, weiß ich nicht. Wäre aber interessant, das zu erfragen.

Wenn ich das recht sehe, habe ich noch nie einen Film von Franz Müller gesehen, zu seinen Langfilmen gehören „Kein Science Fiction“ aus dem Jahr 2003, „Worst Case Scenario“ aus dem Jahr 2014, „Die Tagebücher von Adam und Eva“ aus dem Jahr 2023 – mal sehen welche davon auf irgendwelchen Streaming-Plattformen verfügbar sind – dann würde ich den einen oder anderen doch bald einmal nachholen wollen. „Das Glück der Tüchtigen“ läuft im Spielfilm-Wettbewerb des achtung berlin-Filmfestivals vom 15. bis 22. April 2026.

Irgendwo in Westdeutschland. Mira Yildiz ist erfolgreich: Sie ist Marktleiterin eines neuen großen Supermarkts. Wenn ihr Mann Tarik und ihre beiden Töchter, Laila und Estelle, sie künftig noch beim Frühstück sehen wollen, müssen sie alle früher aufstehen. Naja, man traut ihr das zu und sie ist eine Macherin, aber die eine oder andere schwierige Bemerkung aus ihrem Umfeld lassen sich immer wieder durch die Zeilen erkennen: Ihr Vorgesetzter meint, die Verkäuferin mit Kopftuch – Hijab (der Chef glaubt Hijab wäre der Name der Verkäuferin“ – solle halt nicht in Kundennähe agieren; die Freundin ihrer Mutter ist davon überrascht, dass sie Marktleiterin ist. Hätte sie ihr – das spricht sie nicht aus, aber: ihr als Frau mit türkischem Migrationshintergrund vielleicht nicht zugetraut: „Ich wusste nicht, dass du so praktisch begabt ist“, meint sie. Tarik ist fürs Künstlerische zuständig, er rappt zum Beispiel in der Kita der Töchter. Rapper in Rente.

Und dann trifft sie auf Robert, den sie lange nicht gesehen hat, ein guter Bekannter von früher, denkt man – um genau zu sein: Der Ex ihrer Mutter. Ihr Vater? „Das ist mein Supermarkt“, erklärt sie ihm. „Meiner auch“, meint er. Nein, nein, muss sie korrigieren, das ist der, in dem sie Marktleiterin ist. „Respekt.“ Eins ergibt das andere, Robert lädt Familie Yildiz zum Essen zu sich nach Hause ein, seit einiger Zeit ist er verheiratet, mit Isabel. Isabel hat auch Migrationshintergrund, sie stammt aus Kolumbien. Tarik versteht ihre Frage, wo er denn „eigentlich“ herkommt, gar nicht. Zu sehr ist er Wuppertaler. Schwebebahn und so. Aber wahrscheinlich versteht er die Frage sehr wohl, er will aber nicht antworten. Er ist hier zu Hause. Na gut: „Mein Vater kommt aus der Türkei, meine Mutter aus Meppen.“ Und dann nimmt Isabels Gespräch eine noch unangenehmere Wendung Richtung Islam und Islamismus… Aber Tarik hält dagegen. Aber egal, Glauben sei wichtig, meint die christliche Isabel, die religionsfernen Yildiz‘ können damit nichts anfangen.

Doch das Geschäft als Marktleiterin ist nicht einfach. Der Umgang mit den Mitarbeitern ist nicht leicht, durch einen Sturm entsteht ein teurer Schaden und so weiter. Gott sei Dank leiht ihr Robert einiges an Geld, das sie dringend brauchen kann. Alles so weit in Ordnung, würde nicht ihr Mann Tarik bei dubiosen Geldgeschäften einen Haufen Kohle verzocken. Und das ändert alles. Die glückliche Beziehung der beiden droht in die Brüche zu gehen. Stress in der Beziehung, Stress bei Arbeit und auch den Kindern gegenüber kann Mira nicht mehr so entspannt sein, wie sonst. Auch mit ihrer Mutter verkracht sie sich. Alles wächst ihr über den Kopf.

„DAS GLÜCK DER TÜCHTIGEN ist eine Liebeserklärung an die ’normalen‘ Berufe und eine Erinnerung daran, dass feiner Humor, empathische Intelligenz und kluges Rechnen keineswegs Attribute sind, die der bürgerlichen Welt vorbehalten sind“, sagt Franz Müller. „So ganz nebenher wird dabei wie schon in DIE LIEBE DER KINDER erzählt, dass die Grenzen zwischen den Klassen heutzutage zwar nicht mehr so geradlinig und sichtbar verlaufen, aber dennoch vorhanden sind. Und vielleicht ist es wegen der fehlenden Sichtbarkeit umso wichtiger, darüber zu sprechen, was die Mutter damit meint, wenn sie ihrer Tochter vorwirft, dass sie sich ’nach unten‘ orientiert.“

„Das Glück der Tüchtigen“ erzählt eine Geschichte um soziale Klassen, um Wahrheiten, Halbwahrheiten und Lügen, um Vertrauen und Misstrauen. Das ist kurzweilig und interessant, nicht immer gelingt es dem Film jedochdie Klippen der Klischees zu umschiffen, manchmal ist die Erzählung etwas hölzern und ungelenk. Dennoch verliert man das Interesse an der Handlung nie, insbesondere Katharina Derr in der Rolle der Mira schaut man gerne zu.

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