Auf den Baumwollfeldern Sudans: COTTON QUEEN von Suzannah Mirghani ab dem 23. April 2026 im Kino

© Fri­da Mar­zouk, Strange Bird, COTTON QUEEN

„COTTON QUEEN war der Titel ein­er Mis­s­wahl, der einem jun­gen Mäd­chen ver­liehen wurde, das während der britis­chen Kolo­nialzeit im Sudan in der Baum­wollindus­trie arbeit­ete. Im Film greife ich diesen Titel auf, um zu zeigen, dass sudane­sis­che Mäd­chen sich ihrer eige­nen Macht bewusst­wer­den, die über Schön­heit und Heirat hin­aus­ge­ht. Aus der von kolo­nialen Besatzern gekürten Baum­wol­lköni­gin wird so die KÖNIGIN DER BAUMWOLLE”, erzählt die sudane­sisch-rus­sis­che Regis­seurin Suzan­nah Mirghani. Das erste Mal begeg­nete mir der Filmti­tel im Pro­gramm des Chem­nitzer Kinder- und Jugend­film­fes­ti­vals „Schlin­gel” im Jahr 2025. Der Titel ist einem ja so eingängig, weil man – zumin­d­est ich – sofort an „Cot­ton Club” denken muss, den 20er­jahre-Harlem-Film von Fran­cis Ford Cop­po­la, mit­tler­weile mehr als vierzig Jahre alt, jen­er Richard Gere-Film über den New York­er Nacht- und Musik­club Cot­ton Club. Damit hat „Cot­ton Queen” natür­lich gar nichts zu tun, aber egal, der Titel hat sich mir eingeprägt – und nun kommt er ins Kino, am 23. April 2026, und ich weiß ja, wie schw­er es Filme haben, die sich (unter anderem) an ein junges Pub­likum richt­en, aber nicht Teil eines Fran­chis­es sind, so wie etwa „Die Schule der magis­chen Tiere” oder „Wood­walk­ers” – und erst recht wenn diese Filme nicht aus den USA, Deutsch­land und vielle­icht noch ein­er kleinen Hand­voll weit­er­er Län­der kom­men. Ich weiß aber auch, wie begeis­tert junge Men­schen dann vielle­icht doch sind, wenn sie es bis in die Vor­führung eines solchen Films geschafft haben – ich weiß wovon ich rede, ich habe dieses Jahr mit meinem inzwis­chen zehn­jähri­gen Sohn nun schon die siebte Berli­nale bzw. deren Gen­er­a­tions-Sek­tion besucht. Das macht er voller Begeis­terung, auch wenn er son­st auch den Minecraft-Film oder Super Mario im Kino anschaut.

Aber zunächst ein­mal zur Regis­seurin des Films. Suzan­nah Mirghani ist, so sagt das Presse­heft, „stel­lvertre­tende Direk­torin für Pub­lika­tio­nen am Zen­trum für inter­na­tionale und regionale Stu­di­en (CIRS) der George­town Uni­ver­si­ty in Katar”. Kurz­filme hat sie schon mehrere gedreht, AL-SIT (2020), der beim Fes­ti­val im franzö­sis­chen Cler­mont-Fer­rand (und der die Grund­lage zu „Cot­ton Queen” bildet), Region Auvergne-Rhône-Alpes, aus­geze­ich­net wurde; zu ihren weit­eren Kurz­fil­men gehören VIRTUAL VOICE (2021) und KAMALA IBRAHIM ISHAG: STATES OF ONENESS (2022). „Cot­ton Queen” schließlich ist ihr Langde­büt, das seine Welt­premiere in Venedig bei der Set­ti­mana Inter­nazionale del­la Crit­i­ca im Jahr 2025 erlebte.

Wie so oft bei afrikanis­chen Län­dern, weiß ich natür­lich auch über den Sudan viel zu wenig, daher erst ein­mal mein kurz­er Blick auf den Globus und in Wikipedia: Der Sudan liegt südlich von Ägypten, hat 48 Mil­lio­nen Ein­wohn­er, die Haupt­stadt ist Khar­tum, das Land ist seit 1956 unab­hängig, liegt beim Human Devel­op­ment Index auf Rang 176 und erlebte vor weni­gen Jahren einen bluti­gen Bürg­erkrieg, der Mil­lio­nen Men­schen zu Bin­nen­flüchtlin­gen machte und die Haupt­stadt weit­ge­hend zer­stört und entvölk­ert hat. Die Sudan Tri­bune ver­meldet heute: „Geber sagen 1,5 Mil­liar­den Euro für Sudan auf dem human­itären Gipfel in Berlin zu.” Wikipedia erwäh­nt die Baum­wolle als wichtige Export- und Devisen­quelle – und um die Baum­wolle wird es in dem Film ja noch gehen. Suzan­nah Mirghani hat beina­he roman­tis­che Kind­heit­serin­nerun­gen an die sudane­sis­chen Baum­wollfelder: „Als Kind im Sudan waren die Baum­wollfelder für mich ein Ort der Magie: Baum­wolle fiel im Wind wie Schnee, weiße Knospen schienen im Licht der unterge­hen­den Sonne zu bren­nen. Erst später erkan­nte ich die Geschichte von Leid und Aus­beu­tung, die die britis­che Kolo­nial­herrschaft in diese Land­schaft eingeschrieben hat. COTTON QUEEN verbindet diese Gegen­sätze – die Schön­heit der Baum­wolle und den Wider­stand gegen die Gewalt der Indus­trie.”

Nafisa ist 15 Jahre alt und sie lebt in einem alten, tra­di­tionellen Baum­woll­dorf im Sudan. In den Schulfe­rien muss sie gemein­sam mit ihren besten Fre­undin­nen ihrer Groß­mut­ter Al-Sit bei der Baum­wollernte helfen. Erstaunlich vergnügt sind sie bei der handw­erk­lichen Arbeit, sie sin­gen – „Due Ursache des Feuers, o Herr!” Die Freude leuchtet ihnen aus den Augen. „Mein Vater sagte, fahre nicht mit der Rikscha”, heißt es weit­er in dem Lied. „Aber ich fuhr mit der Rikscha, um einen reichen Lieb­haber zu find­en.” Die aufkeimende Liebe ist es, die die Gefüh­le von Nafisa bes­timmt. Zum Abschluss der Arbeit gehen alle baden, es ist her­rlich. Im Nil? Einem Zufluss des Nils? Aus­gerech­net jet­zt ist sie also zum ersten Mal ver­liebt, in einen Dor­fjun­gen, er bringt ihr Zwiebeln statt eines Blu­men­straußes. Ihre Groß­mut­ter besitzt im Dorf großes Anse­hen, sie ist so etwas wie die inof­fizielle Bürg­er­meis­terin und hält die Geschicke des Dor­fes in ihren Hän­den. Nafisa lernt einiges von ihr – unter anderem hört sie sich die märchen­haften Geschicht­en der Groß­mut­ter an. Aber Al-Sit ist auch den ural­ten, tiefre­ligiösen, nicht sehr gut­meinen­den Tra­di­tio­nen des Dor­fes ver­bun­den. „Du dummes Mäd­chen”, flüstert sie vor sich hin, als sie Nafisa mit ihrem Fre­und sieht. Und dann sagt sie ihr auch, als sie erken­nt, dass sie baden war: „Nur böse Mäd­chen gehen zum Fluss.” Ver­bit­tert ist sie, die Groß­mut­ter, mit den Briten habe sie einst gekämpft, hun­dert britis­che Sol­dat­en soll sie in ein­er Nacht vergiftet haben. Selb­st den kleinen Kindern erzählt sie ihre blutrün­sti­gen Sto­ries. Und mit 15 soll sie einen britis­chen Gen­er­al getötet haben. Welche Geschicht­en genau stim­men weiß kein Men­sch. Jeden­falls wird sie heute die „Baum­wol­lköni­gin” genan­nt.

Eines Tages kommt ein junger, sudane­sis­chstäm­miger Geschäfts­mann aus dem Aus­land ins Dorf, Nadir Tijani heißt er. Er bezieht eine uralte, opu­lente, stil­volle britis­che Vil­la, ein wun­der­schön­er Ort, der lange leer ges­tanden hat – das „Geis­ter­haus” nen­nen es die Kinder. Neue Tech­nolo­gien und neue Pflanzen im Baum­wol­lan­bau will Nadir ein­führen. Das würde natür­lich die alten, tra­di­tionellen Arbeitsmeth­o­d­en der Groß­mut­ter zer­stören. „Was unter­schei­det den Teufel von einem Geschäfts­mann?” fragt jemand. „Den Anzug.” Nafisas Eltern treibt der­weil anderes um: Sie sehen die Chance, dass Nafisa diesen Geschäfts­mann heirat­en kön­nte – und damit für den Wohl­stand der Fam­i­lie sor­gen kön­nte. Eine Fre­undin wahrsagt das auch; Nafisas Mut­ter hin­ter­lässt heim­lich einen Zettel mit Nafisas Namen unter Nadirs Bett, vielle­icht hil­ft dieser Aber­glaube ja beim Ver­lieben. Das alles klingt ver­lock­end, denn reich zu heirat­en scheint die einzige Möglichkeit zu sein, dem ein­fachen Leben des Dor­fes zu entkom­men. Aber nun befind­et sich Nafisa in einem tiefen Zwies­palt, zwis­chen ihrer Liebe, dem Wun­sch nach Unab­hängigkeit und nach einem selb­st­bes­timmten Leben ein­er­seits – und den Forderun­gen der Eltern und den Dorf­tra­di­tio­nen ander­er­seits.

Suzan­nah Mirghani erzählt eine poet­is­che Com­ing-of-Age-Geschichte um die junge Nafisa, die auch Gedichte schreibt. Es geht um Liebe, Tra­di­tion, Mytholo­gie, aber auch um die oft blutige Geschichte Sudans. Vielle­icht mag man das magis­chen Real­is­mus nen­nen, jeden­falls ist es ein berühren­der Film, am faszinierend­sten ist wohl die zwiespältige Fig­ur der Groß­mut­ter Al-Sit, der Baum­wol­lköni­gin, die immer irgend­wo zwis­chen ver­bit­tert­er ehe­ma­liger Frei­heit­skämpferin, strenger, tiefgläu­biger, aber auch lieben­der Groß­mut­ter ange­siedelt ist. Suzan­na Mirghani gelingt jeden­falls ein überzeu­gen­der Erstlings­film, mit ein­er eben­so überzeu­gen­den jun­gen Haupt­darstel­lerin, Mihad Mur­ta­da.

„Die poli­tis­che und wirtschaftliche Krise zwang meine Fam­i­lie zur Auswan­derung, als ich Teenag­er war”, erläutert Suzan­na Mirghani den auto­bi­ografis­chen Hin­ter­grund des Films. „Diese Erfahrung prägt meine Arbeit. Al-Sit basiert auf mein­er eige­nen Groß­mut­ter, der zen­tralen Autorität unser­er Fam­i­lie. Der Film fragt, wie sich weib­liche Macht im Laufe eines Lebens ver­schiebt: vom macht­losen jun­gen Mäd­chen zur entschei­den­den Instanz im Alter, und wie ein Mäd­chen seinen eige­nen Weg zwis­chen alten und neuen Lebens­for­men find­en kann. Trotz der sich wan­del­nden poli­tis­chen und kul­turellen Real­itäten gibt es kaum filmis­che Darstel­lun­gen sudane­sis­ch­er Frauen. Die kurze Phase der Zivil­regierung zwis­chen 2019 und 2021 brachte wichtige Refor­men wie das Ver­bot der weib­lichen Beschnei­dung und die Anhebung des Heirat­salters – The­men, die den Film durchziehen. Nach Jahrzehn­ten staatlich­er Repres­sion wurde das Kino wieder als Mit­tel sozialen Wan­dels wahrgenom­men. Der Mil­itär­putsch im Okto­ber 2021 hat sudane­sis­che Film­schaf­fende zusät­zlich dazu bewegt, patri­ar­chale Struk­turen filmisch zu hin­ter­fra­gen.”

Am 23. April 2026 startet „Cot­ton Queen” in den Kinos.

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