MAMBO MATERNICA von Borbála Nagy eröffnet das achtung berlin Filmfestival

Am 15. April 2026 ist die 22. Aus­gabe des achtung berlin Film­fes­ti­vals ges­tartet. Eröff­nungs­film war MAMBO MATERNICA der ungarischen Drehbuchau­torin und Regis­seurin Bor­bála Nagy. Nagy pen­delt zwis­chen Berlin und Budapest und entstammt ein­er ungarischen Tänz­er­fam­i­lie. In Budapest und Utrecht studierte sie Lit­er­atur, Lin­guis­tik und Filmwis­senschaft, zunächst war sie als Kul­tur­jour­nal­istin tätig, schließlich, als sie nach Deutsch­land zog, arbeit­ete sie an Fes­ti­vals und studierte schließlich an der DFFB in Berlin. Ihre Kurz­filme liefen an diversen Fes­ti­vals, „Land of Glo­ry”, eine poli­tis­che Satire, gewann sowohl den Deutschen Kurz­film­preis als auch den Preis der Ungarischen Filmkri­tik. MAMBO MATERNICA ist ihr Lang­filmde­büt, es ist eine Kopro­duk­tion zwis­chen Ungarn, Frankre­ich und Deutsch­land. „Der Film zeich­net drei Porträts von Frauen – unge­wollt kinder­los, zu spät entschlossen oder bewusst gegen Mut­ter­schaft entsch­ieden. Ihre Geschicht­en spiegeln den Kon­flikt zwis­chen gesellschaftlichem Druck und per­sön­lich­er Integrität wider und plädieren für eine Gemein­schaft, in der Frauen frei über eine der wichtig­sten Entschei­dun­gen ihres Lebens bes­tim­men kön­nen”, sagt die Regis­seurin über ihr Debüt.

Es ist die Paris­er Episode, die am Anfang dieses Drei-Episo­den-Films über drei Frauen um die 40 ste­ht, drei Frauen an jew­eili­gen Wen­depunk­ten ihres Lebens. Es ist die Geschichte der Englis­chlehrerin Adél, die es mit ein­er unge­woll­ten Schwanger­schaft zu tun hat. Adél sitzt beim Fraue­narzt, seit sechs Wochen ist sie schwanger. Sie kann nicht gut genug franzö­sisch, der Arzt über­set­zt seine Erken­nt­nisse mit sein­er Handyapp ins Englis­che. In der Prax­is ist die Hölle los, selb­st während des eh schon schwieri­gen Gesprächs mit ihr platzt immer wieder die Sprech­stun­den­hil­fe here­in. Bis zur zehn­ten Woche könne sie noch abtreiben, erfährt sie. Nach­den­klich fährt sie mit der Metro nach Hause. Auch bei Arbeit ist sie in Gedanken mehr mit ihrer unge­woll­ten Schwanger­schaft beschäftigt als mit den Leis­tun­gen der Schü­lerin­nen und Schülern.

Ganz anders ist die Sit­u­a­tion von Nóra in Budapest. Dass sie ein Kind adop­tieren will, ver­heim­licht sie ihrem Mann, eine hil­flose Idee. Zum entsprechen­den Ter­min erscheint sie alleine und behauptet ihr Mann stecke noch im Verkehr und würde es nicht schaf­fen. Naja, aber ihr Mann müsse spätestens beim näch­sten Ter­min dabei sein. Ähn­lich wie Adél in Paris denkt Nóra auf dem Weg nach Hause über ihre Sit­u­a­tion nach. Was tun? Wird sich ihr Mann ihrem Wun­sch nach einem adop­tierten Kind anschließen? Wie kommt es, dass sie sich bish­er nicht getraut hat, das The­ma mit ihm zu besprechen? Und dann ver­ren­nt sie sich und zeigt damit, wie verzweifelt ihr Kinder­wun­sch ist: Sie erzählt schon von ihrem Kind herum, bevor die Adop­tion über­haupt vorgenom­men wurde. Das dro­ht schief zu gehen.

In Berlin schließlich stellt die Schaus­pielerin Becky ihre Fam­i­lie mit dem Wun­sch nach einem Kind vor vol­len­dete Tat­sachen – ein Kind, das sie sich wün­scht, ohne dass sie einen Part­ner hätte. Zunächst erfahren wir, wie teuer das ist: Zyk­lusüberwachung 350€, Eient­nahme mit Anäs­the­sie 1200€, Vit­ri­fika­tion 600€, Sper­mien­vor­bere­itung 900€ und so weit­er. „Ich hab Ihnen das hier mal aufge­lis­tet.” Bei ihr ist es die S‑Bahn-Heim­fahrt auf der man ihre Nach­den­klichkeit able­sen kann – par­al­lel zu den Szenen in Paris und Budapest.

Abtrei­bung, Unfrucht­barkeit, Sin­gle-Mut­ter­schaft – die nach­den­klich nach Hause fahren­den Müt­ter, alle drei irgend­wie alleine gelassen und auf sich selb­st gestellt – zeigen bei allen Unter­schieden die Par­al­le­len dieser drei Frauen auf. Sie ver­suchen, selb­st eine Lösung für ihre Sor­gen, Prob­leme und uner­füll­ten Wün­sche zu find­en, doch die Lösungsver­suche führen in allen drei Fällen zu noch kom­plex­eren Prob­le­men. Wie frei, wie selb­ständig sind diese drei Frauen? Inwiefern ste­ht ihnen die Gesellschaft im Weg, dabei, ein selb­st­bes­timmtes, erfülltes, freies Leben zu führen? Und schließlich führt eine wun­der­volle Empow­er­ment-Szene am Schluss all die Frauen – und noch viel mehr – zusam­men.

„Lange dachte ich, die Frage, ob und wie man Kinder haben möchte, sei ein rein per­sön­lich­es Dilem­ma”, erzählt Bor­bála Nagy. „Doch ab Mitte dreißig wurde daraus plöt­zlich ein Phänomen mit gesellschaftlich geprägten Nor­men, zu dem jed­er etwas zu sagen hat­te. Als Außen­sei­t­erin inmit­ten viel­er Kern­fam­i­lienidyllen steuerte ich langsam auf die Vierzig zu. Erst ehrliche Gespräche mit Frauen mein­er Gen­er­a­tion zeigten mir, dass es viele alter­na­tive Leben­skonzepte gibt, die kaum öffentlich sicht­bar sind – diese Erken­nt­nis war befreiend. Da meine Sit­u­a­tion alles andere als einzi­gar­tig ist. MAMBO MATERNICA fasst all meine Gedanken, Gefüh­le und Gespräche der let­zten Jahre zusam­men, um Tabus und Äng­ste loszu­lassen.”

Ich bin oft nicht allzu großer Befür­worter von Episo­den­fil­men. Nicht vom The­ma aber von der Grund-Erzäh­lidee erin­nert mich vieles an MAMBO MATERNICA an den jüngst erschiene­nen Jim Jar­musch-Film FATHER MOTHER SISTER BROTHER, der eine Vari­a­tion auf das Geschwis­ter­leben ist. Aber während Jar­musch eigentlich nur drei Geschwis­tergeschicht­en hin­tere­inan­der­weg erzählt – ich mochte den Film, aber es war schon ein­er der schwächeren Jar­muschs – geht Nagy in die Tiefe, ver­webt die drei Episo­den viel mehr miteinan­der, ohne dass sich die drei ken­nen oder begeg­nen wür­den. Nagy baut Par­al­le­len ein, wie eben jene der nach­den­klichen Frau auf dem Heimweg beim Ver­such, das Prob­lem alleine zu lösen. Diese Par­al­le­len sor­gen für viel mehr Tiefe als das je bei Jar­musch (bei, ja ich weiß, natür­lich einem kom­plett anderen The­ma) der Fall ist. Damit gelingt Bor­bála Nagy ein beein­druck­ender Erstlingslang­film – und ich bin mir ganz sich­er, dass sie mit ihrem zweit­en Film ver­mut­lich einen Film drehen wird, der noch viel geschlossen­er sein wird – und nicht mit ver­wobe­nen Episo­den arbeit­en wird. Aber: MAMBO MATERNICA ist ein gelun­gener, erstaunlich reifer und nach­den­klich­er Film.

P.S.: Auf ihrer Inter­net­seite kündigt Bor­bála Nagy bere­its ihr näch­stes Pro­jekt an: „Noth­ing to see here”: „Als ein Hitler-Meme, das die ahnungslose Schulleitung ver­höh­nt, viral geht, ste­ht die neu ernan­nte Schullei­t­erin vor ein­er schwieri­gen Entschei­dung: Soll sie den Anweisun­gen von oben fol­gen und den ver­ant­wortlichen Schüler bestrafen oder ihrem eige­nen Gewis­sen fol­gen – und damit ihren Job riskieren? Basierend auf wahren Begeben­heit­en.” Klingt ganz schön anders, aber sehr span­nend…

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