
„COTTON QUEEN war der Titel einer Misswahl, der einem jungen Mädchen verliehen wurde, das während der britischen Kolonialzeit im Sudan in der Baumwollindustrie arbeitete. Im Film greife ich diesen Titel auf, um zu zeigen, dass sudanesische Mädchen sich ihrer eigenen Macht bewusstwerden, die über Schönheit und Heirat hinausgeht. Aus der von kolonialen Besatzern gekürten Baumwollkönigin wird so die KÖNIGIN DER BAUMWOLLE“, erzählt die sudanesisch-russische Regisseurin Suzannah Mirghani. Das erste Mal begegnete mir der Filmtitel im Programm des Chemnitzer Kinder- und Jugendfilmfestivals „Schlingel“ im Jahr 2025. Der Titel ist einem ja so eingängig, weil man – zumindest ich – sofort an „Cotton Club“ denken muss, den 20erjahre-Harlem-Film von Francis Ford Coppola, mittlerweile mehr als vierzig Jahre alt, jener Richard Gere-Film über den New Yorker Nacht- und Musikclub Cotton Club. Damit hat „Cotton Queen“ natürlich gar nichts zu tun, aber egal, der Titel hat sich mir eingeprägt – und nun kommt er ins Kino, am 23. April 2026, und ich weiß ja, wie schwer es Filme haben, die sich (unter anderem) an ein junges Publikum richten, aber nicht Teil eines Franchises sind, so wie etwa „Die Schule der magischen Tiere“ oder „Woodwalkers“ – und erst recht wenn diese Filme nicht aus den USA, Deutschland und vielleicht noch einer kleinen Handvoll weiterer Länder kommen. Ich weiß aber auch, wie begeistert junge Menschen dann vielleicht doch sind, wenn sie es bis in die Vorführung eines solchen Films geschafft haben – ich weiß wovon ich rede, ich habe dieses Jahr mit meinem inzwischen zehnjährigen Sohn nun schon die siebte Berlinale bzw. deren Generations-Sektion besucht. Das macht er voller Begeisterung, auch wenn er sonst auch den Minecraft-Film oder Super Mario im Kino anschaut.
Aber zunächst einmal zur Regisseurin des Films. Suzannah Mirghani ist, so sagt das Presseheft, „stellvertretende Direktorin für Publikationen am Zentrum für internationale und regionale Studien (CIRS) der Georgetown University in Katar“. Kurzfilme hat sie schon mehrere gedreht, AL-SIT (2020), der beim Festival im französischen Clermont-Ferrand (und der die Grundlage zu „Cotton Queen“ bildet), Region Auvergne-Rhône-Alpes, ausgezeichnet wurde; zu ihren weiteren Kurzfilmen gehören VIRTUAL VOICE (2021) und KAMALA IBRAHIM ISHAG: STATES OF ONENESS (2022). „Cotton Queen“ schließlich ist ihr Langdebüt, das seine Weltpremiere in Venedig bei der Settimana Internazionale della Critica im Jahr 2025 erlebte.
Wie so oft bei afrikanischen Ländern, weiß ich natürlich auch über den Sudan viel zu wenig, daher erst einmal mein kurzer Blick auf den Globus und in Wikipedia: Der Sudan liegt südlich von Ägypten, hat 48 Millionen Einwohner, die Hauptstadt ist Khartum, das Land ist seit 1956 unabhängig, liegt beim Human Development Index auf Rang 176 und erlebte vor wenigen Jahren einen blutigen Bürgerkrieg, der Millionen Menschen zu Binnenflüchtlingen machte und die Hauptstadt weitgehend zerstört und entvölkert hat. Die Sudan Tribune vermeldet heute: „Geber sagen 1,5 Milliarden Euro für Sudan auf dem humanitären Gipfel in Berlin zu.“ Wikipedia erwähnt die Baumwolle als wichtige Export- und Devisenquelle – und um die Baumwolle wird es in dem Film ja noch gehen. Suzannah Mirghani hat beinahe romantische Kindheitserinnerungen an die sudanesischen Baumwollfelder: „Als Kind im Sudan waren die Baumwollfelder für mich ein Ort der Magie: Baumwolle fiel im Wind wie Schnee, weiße Knospen schienen im Licht der untergehenden Sonne zu brennen. Erst später erkannte ich die Geschichte von Leid und Ausbeutung, die die britische Kolonialherrschaft in diese Landschaft eingeschrieben hat. COTTON QUEEN verbindet diese Gegensätze – die Schönheit der Baumwolle und den Widerstand gegen die Gewalt der Industrie.“
Nafisa ist 15 Jahre alt und sie lebt in einem alten, traditionellen Baumwolldorf im Sudan. In den Schulferien muss sie gemeinsam mit ihren besten Freundinnen ihrer Großmutter Al-Sit bei der Baumwollernte helfen. Erstaunlich vergnügt sind sie bei der handwerklichen Arbeit, sie singen – „Due Ursache des Feuers, o Herr!“ Die Freude leuchtet ihnen aus den Augen. „Mein Vater sagte, fahre nicht mit der Rikscha“, heißt es weiter in dem Lied. „Aber ich fuhr mit der Rikscha, um einen reichen Liebhaber zu finden.“ Die aufkeimende Liebe ist es, die die Gefühle von Nafisa bestimmt. Zum Abschluss der Arbeit gehen alle baden, es ist herrlich. Im Nil? Einem Zufluss des Nils? Ausgerechnet jetzt ist sie also zum ersten Mal verliebt, in einen Dorfjungen, er bringt ihr Zwiebeln statt eines Blumenstraußes. Ihre Großmutter besitzt im Dorf großes Ansehen, sie ist so etwas wie die inoffizielle Bürgermeisterin und hält die Geschicke des Dorfes in ihren Händen. Nafisa lernt einiges von ihr – unter anderem hört sie sich die märchenhaften Geschichten der Großmutter an. Aber Al-Sit ist auch den uralten, tiefreligiösen, nicht sehr gutmeinenden Traditionen des Dorfes verbunden. „Du dummes Mädchen“, flüstert sie vor sich hin, als sie Nafisa mit ihrem Freund sieht. Und dann sagt sie ihr auch, als sie erkennt, dass sie baden war: „Nur böse Mädchen gehen zum Fluss.“ Verbittert ist sie, die Großmutter, mit den Briten habe sie einst gekämpft, hundert britische Soldaten soll sie in einer Nacht vergiftet haben. Selbst den kleinen Kindern erzählt sie ihre blutrünstigen Stories. Und mit 15 soll sie einen britischen General getötet haben. Welche Geschichten genau stimmen weiß kein Mensch. Jedenfalls wird sie heute die „Baumwollkönigin“ genannt.
Eines Tages kommt ein junger, sudanesischstämmiger Geschäftsmann aus dem Ausland ins Dorf, Nadir Tijani heißt er. Er bezieht eine uralte, opulente, stilvolle britische Villa, ein wunderschöner Ort, der lange leer gestanden hat – das „Geisterhaus“ nennen es die Kinder. Neue Technologien und neue Pflanzen im Baumwollanbau will Nadir einführen. Das würde natürlich die alten, traditionellen Arbeitsmethoden der Großmutter zerstören. „Was unterscheidet den Teufel von einem Geschäftsmann?“ fragt jemand. „Den Anzug.“ Nafisas Eltern treibt derweil anderes um: Sie sehen die Chance, dass Nafisa diesen Geschäftsmann heiraten könnte – und damit für den Wohlstand der Familie sorgen könnte. Eine Freundin wahrsagt das auch; Nafisas Mutter hinterlässt heimlich einen Zettel mit Nafisas Namen unter Nadirs Bett, vielleicht hilft dieser Aberglaube ja beim Verlieben. Das alles klingt verlockend, denn reich zu heiraten scheint die einzige Möglichkeit zu sein, dem einfachen Leben des Dorfes zu entkommen. Aber nun befindet sich Nafisa in einem tiefen Zwiespalt, zwischen ihrer Liebe, dem Wunsch nach Unabhängigkeit und nach einem selbstbestimmten Leben einerseits – und den Forderungen der Eltern und den Dorftraditionen andererseits.
Suzannah Mirghani erzählt eine poetische Coming-of-Age-Geschichte um die junge Nafisa, die auch Gedichte schreibt. Es geht um Liebe, Tradition, Mythologie, aber auch um die oft blutige Geschichte Sudans. Vielleicht mag man das magischen Realismus nennen, jedenfalls ist es ein berührender Film, am faszinierendsten ist wohl die zwiespältige Figur der Großmutter Al-Sit, der Baumwollkönigin, die immer irgendwo zwischen verbitterter ehemaliger Freiheitskämpferin, strenger, tiefgläubiger, aber auch liebender Großmutter angesiedelt ist. Suzanna Mirghani gelingt jedenfalls ein überzeugender Erstlingsfilm, mit einer ebenso überzeugenden jungen Hauptdarstellerin, Mihad Murtada.
„Die politische und wirtschaftliche Krise zwang meine Familie zur Auswanderung, als ich Teenager war“, erläutert Suzanna Mirghani den autobiografischen Hintergrund des Films. „Diese Erfahrung prägt meine Arbeit. Al-Sit basiert auf meiner eigenen Großmutter, der zentralen Autorität unserer Familie. Der Film fragt, wie sich weibliche Macht im Laufe eines Lebens verschiebt: vom machtlosen jungen Mädchen zur entscheidenden Instanz im Alter, und wie ein Mädchen seinen eigenen Weg zwischen alten und neuen Lebensformen finden kann. Trotz der sich wandelnden politischen und kulturellen Realitäten gibt es kaum filmische Darstellungen sudanesischer Frauen. Die kurze Phase der Zivilregierung zwischen 2019 und 2021 brachte wichtige Reformen wie das Verbot der weiblichen Beschneidung und die Anhebung des Heiratsalters – Themen, die den Film durchziehen. Nach Jahrzehnten staatlicher Repression wurde das Kino wieder als Mittel sozialen Wandels wahrgenommen. Der Militärputsch im Oktober 2021 hat sudanesische Filmschaffende zusätzlich dazu bewegt, patriarchale Strukturen filmisch zu hinterfragen.“
Am 23. April 2026 startet „Cotton Queen“ in den Kinos.