DIE CAMINO-THERAPIE ab 2. Juli 2026 im Kino


Camino-Ther­a­pie 3
© 2025 Marie-Camille Orlan­do – Eveya Pro­duc­tions – Page Films

Nicht dass Wan­dern zu meinen aller­lieb­sten Beschäf­ti­gun­gen gehören täte, nicht dass ich jemals vorge­habt hätte, den Jakob­sweg zu beschre­it­en, aber ger­ade als Großstädter kann ich zumin­d­est der Idee des Wan­dern einiges abgewin­nen: die Ein­samkeit, die Ruhe, die Kon­tem­pla­tion, die Naturg­eräusche. Nun ist der Jakob­sweg in der deutschen Buch- und Filmgeschichte mit einem Namen fest ver­bun­den: Hape Ker­kel­ing. Vielle­icht ist ja Yann Samuells Film DIE CAMINO-THERAPIE – FINDE DEINEN WEG, der im franzö­sis­chen Orig­i­nal den etwas all­ge­mein­er gehal­te­nen Titel COMPOSTELLE trägt, ein biss­chen auch ein Anti-Ker­kel­ing, ander­er­seits auch wiederum nicht: Denn vom Papi­er her müsste es in jedem einzel­nen Jakob­sweg-Film darum gehen, dass sich Men­schen auf dem Weg verän­dern, ganz anders wer­den, als wenn sie die Wan­derung nicht unter­nom­men hät­ten.

Die Inter­net­seite https://jakobsweg-lebensweg.de/jakobsweg-filme/ sam­melt in der Tat nicht weniger als 24 Filme, die sich mit dem Jakob­sweg auseinan­der­set­zen, von besseren Youtube-Videos über Doku­men­tarfilme bis hin zu den Spielfil­men, zu denen auch noch Werke wie DEIN WEG von Emilio Estevez oder ICH TRAG DICH BIS ANS ENDE DER WELT von Chris­tine Kabisch, oder SAINT JACQUES … PILGERN AUF FRANZÖSISCH von Col­ine Ser­reau zählen. So ver­liebt bin ich in dieses Sub­genre aber dann doch nicht, als dass ich mich jet­zt da richtig dur­char­beit­en würde. Jeden­falls tauchen in den Filmbeschrei­bun­gen immer wieder Sätze auf wie „Es geht in erster Lin­ie um die ganz per­sön­liche Entwick­lung”, „Auf dem Weg brechen alte Kon­flik­te auf”, „Der Weg ist das Ziel”, „Ein Doku­men­tarfilm in der immer der Weg selb­st ‚Haupt­darsteller’ bleibt”, „Der teils beschw­er­liche Jakob­sweg bietet jedem von ihnen die Chance, die Gren­zen ihrer kör­per­lichen Leis­tungs­fähigkeit auszu­loten”. Mal sehen, ob COMPOSTELLE es gelingt, über die eine oder andere Klis­chee­hürde nicht zu stolpern. Ja, auch im Inter­view mit dem Regis­seur fall­en Sätze wie „Das Wichtig­ste war, dass das Äußere das Innere wider­spiegelt, dass die kör­per­liche Reise und die spir­ituelle Reise einan­der antworten und bere­ich­ern.” Aber wir wollen sehen…

Zunächst: Was ist denn eigentlich der his­torische Hin­ter­grund des Jakob­swegs? 1200 Jahre liegt dessen (bzw. deren, eigentlich gibt es mehrere Jakob­swege mit unter­schiedlichen Streck­en­ver­läufen) Ursprung zurück, als näm­lich um das Jahr 820 herum im Ort Com­postela in Gal­izien das Grab des Heili­gen Jakobus des Älteren – mut­maßlich – ent­deckt wurde – und zwar in Com­postela in Nord­west­spanien. Diese Ent­deck­ung ließ den Ort dann zu einem bedeu­ten­den Pil­gerziel und ‑zen­trum wer­den, neben Rom und Jerusalem. Eine regel­rechte Infra­struk­tur bildete sich schon erstaunlich früh, Brück­en, Wege, Her­ber­gen. Doch irgend­wann im 14. Jahrhun­dert geri­et der Pil­ger­weg in Vergessen­heit und erst im 20. Jahrhun­dert erhielt er eine Renais­sance. In den 1990ern wurde die UNESCO auf die Bedeu­tung des Weges aufmerk­sam und ernan­nte ihn zum Weltkul­turerbe. Zu den Zahlen: Im Jahr 2023 beg­in­ge ca. 446.000 Men­schen die Jakob­swege, lediglich 12% davon sollen wohl im religiösen Sinn Pil­ger gewe­sen sein, son­st ging es mehr um Sport, Kul­tur – und Selb­stfind­ung. Der Film entsch­ied sich für die Via Podi­en­sis, die Route, die in Le Puy-en-Velay in der Haute-Loire in Frankre­ich begin­nt und der der meist­be­gan­gene der vier Hauptwege ist.

San­ti­a­go de Com­postela ist heute die Haupt­stadt der spanis­chen Autonomen Gemein­schaft Gali­cien, hat 100.000 Ein­wohn­er, ist Erzbischof­sitz. Die Stadt hat übri­gens drei Kinos und seit dem 15. Jahrhun­dert eine Uni­ver­sität. Neben den entsprechen­den Pil­ger-Sehenswürdigkeit­en gibt es auch span­nende mod­erne Architek­tur, etwa das Gali­cis­che Zen­trum für zeit­genös­sis­che Kun­st.

Über die Idee zum Film erzählt Yann Samuell: „Die Verbindung zwis­chen den Gen­er­a­tio­nen ist ein wiederkehren­des The­ma in meinen Fil­men. Zwei junge Pro­duzen­ten kamen auf mich zu und schlu­gen mir vor, einen Film über gefährdete Jugendliche zu machen. Wir ver­bracht­en zwei Jahre damit, uns um das The­ma zu bewe­gen, einen Ansatz zu suchen, Berichte zu lesen, Zeitungs­geschicht­en zu durch­forsten. Und eines Tages stieß ich auf das Buch von Bernard Ollivi­er, ‚Marche et invente ta vie’, und ent­deck­te die Arbeit des Vere­ins Seuil. Jen­seits von Bernards einzi­gar­tigem Lebensweg und den bewe­gen­den Bericht­en der Jugendlichen, die es geschafft haben, war ich zutief­st berührt von dem Gedanken, dass ein Paar Turn­schuhe und viel guter Wille aus­re­ichen kön­nten, um ein Schick­sal zu verän­dern. Ich wusste sofort, dass da ein Film drin steck­te.”

Die Lehrerin Fred und der rebel­lis­che Jugendliche Adam sind die bei­den Haupt­fig­uren des Films, die wir auf dem Jakob­sweg begleit­en. Zunächst zieht uns der Film mit Luftauf­nah­men, bewegter Kam­era, Drohne­nauf­nah­men in die Land­schaft des Jakob­sweges hinein, Wald, Flus­sland­schaft, Felsen, Wasser­fälle, Wan­der­wege, Brück­en, alles wun­der­schön, doch dann, wie das die Dra­maturgie halt so will, stürzt Adam einen Steil­hang hinab, ist ihm Schw­er­wiegen­des passiert? Wir wis­sen es zunächst nicht, denn natür­lich müssen wir erst ein­mal in die Hand­lung hinein und an die Charak­tere herange­führt wer­den: Wir sprin­gen fünf Monate im Zeit­strahl zurück. Es geht nicht nur um den Stress des jugendlichen Adam, auch Fred hat Prob­leme, sie hat eine Schü­lerin geohrfeigt und danach natür­lich Prob­leme mit den Eltern bekom­men. „Was für ein Riesen Schla­mas­sel”, denn sie flog raus, nach fün­fzehn Jahren als Lehrerin. Naja, zumin­d­est sus­pendiert. Eine Fre­undin von ihr hat den Jakob­sweg schon ein­mal absolviert und möchte ihr das nahele­gen, aber für Fred, so denkt sie, ist das nichts, zu früh oder zu spät, jeden­falls keine Lust. Eins rührt sie dann doch: Ihre Schüler kom­men noch ein­mal vor­bei und sagen ihr, dass sie sie ver­mis­sen wer­den. Doch noch mehr ändert sich in ihrem Leben: Nina, ihre Tochter, wird bald nach Van­cou­ver zur Uni gehen. 5000 Kilo­me­ter von ihrer Mut­ter ent­fer­nt. Und bald fliegt sie schon, über­raschend schnell, denn sie will noch einen Job suchen – und ihr cool­er Papa, erfol­gre­ich­er Arzt von Beruf, von dem Fred seit kurzem getren­nt lebt, hat den Flug finanziert. Er hat schon eine neue Beziehung, während sie noch auf eine Paarther­a­pie oder so hofft.

Die Aus­sicht­en für Fred sind also denkbar schlecht, also bewirbt sie sich halt bei ein­er Ein­rich­tung für schwierige Jugendliche als Begleit­per­son – für eine Wan­derung auf dem Jakob­sweg – aber auch da kön­nte ihr die Ohrfeige, wegen der sie sus­pendiert wurde, als Hin­der­nis im Weg ste­hen. Wie kam es denn zur Ohrfeige? Ob das zu ihren Erziehung­sprinzip­i­en gehöre? Fred muss die ganze Geschichte erzählen. Ob sie sich dessen bewusst sei, was es bedeute, mit einem schwieri­gen Jugendlichen drei Monate unter­wegs zu sein? Ener­gisch wird nachge­hakt: Warum eigentlich hat sie sich bewor­ben? Schon will sie alles hin­schmeißen, ein Fehler sich bewor­ben zu haben. Doch dann kehrt sie noch ein­mal um, und erk­lärt, wie es zur Ohrfeige gekom­men ist. Dass sie sich dafür schäme, dass sie Mist gebaut habe. Und es ist berührend, was sie nun sagt, dass sie das kenne, wenn Jugendliche ganz unten seien.

Und dann begeg­nen wir Adam, dem schwieri­gen Jugendlichen. Er ist ein Mack­er, von sich überzeugt, tanzt allen auf der Nase herum, ver­weigert sich – und vor einem Gericht­ster­min hat er doch keine Angst, schließlich ist das nicht sein erster. Vater unbekan­nt, Mut­ter abwe­send, aber eigentlich liebt er sie. Von fünf Schulen ist er geflo­gen, etliche Vorstrafen. Organ­isierte Ban­denge­walt, Kör­per­ver­let­zung. Das hier ist aber seine let­zte Chance – und noch hat er die Wahl: ins Gefäng­nis – oder eine läuternde Wan­derung, weit ent­fer­nt von den schlecht­en Ein­flüssen seines Umfeldes? Adam schweigt, die Rich­terin entschei­det für ihn: Erst Unter­bringung im Heim, dann Jakob­sweg. Und das Gericht ist auch der Ort, an dem sich die bei­den das erste Mal begeg­nen: Fred, die gescheit­erte Lehrerin, Adam der gewalt­tätige Jugendliche. Sie ver­sucht ein erstes Mal mit ihm zu sprechen, aber natür­lich lässt er sie nicht an sich her­an.

Und dann begin­nt die Pil­ger­reise, mit dem Pil­ger­gottes­di­enst und der ersten Etappe. Und natür­lich ger­at­en sie aneinan­der, und Adam provoziert andere Wan­der­er – und dann ger­at­en sie auch noch an einen Bauern und dessen Hund, weil Adam es sich nicht nehmen ließ, ille­gal dessen Gelände zu betreten. Doch man glaubt es kaum: Adams Rap-Inter­esse stößt bei dem Land­wirt auf Inter­esse und die bei­den fre­un­den sich beina­he ein biss­chen an – die Men­schen sind eben sehr ver­schieden.

Am Tag 2 bekom­men sie es erst ein­mal mit dem Wet­ter zu tun, dann mit alten Sehenswürdigkeit­en. Und Fred bekommt es mit den Regeln zu tun, die da eigentlich laut­en: keine Handys. Aber nun ver­misst sie eben ihre Tochter und ihren Ex – und wird prompt von Adam beim Tele­fonieren erwis­cht. Tag 3: Bei­de haben Blasen, Adam aber die bessere Idee, er lässt sich ein­fach bis zum näch­sten Ort im Auto mit­nehmen. Fred ist erst ein­mal panisch, weil sie ihn ver­loren hat. Adam klaut im örtlich Touriladen und rappt mit der zufäl­lig herum­mu­sizieren­den Dor­fju­gend. Aber sie tre­f­fen sich wieder, am Tag 4 wan­dern sie mit erholten Füßen durch die wun­der­schöne Natur­land­schaft. Und so beseit­i­gen allmäh­lich die gemein­sam erlebten Aben­teuer und die zusam­men zurück­gelegten Kilo­me­ter die Dis­tanz zwis­chen den bei­den, gäbe es da nicht Missver­ständ­nisse in Bezug auf die vere­in­barten Regeln. Stinkefin­gerzeigend zieht Fred von dan­nen, wie gut dass Adam nun ein­er jun­gen Frau mit Bein­prothese begeg­net, Estel­la, mit der er nun weit­er­läuft. Die bei­den kom­men sich nahe, ver­lieben sich, zer­stre­it­en sich, schnell geht das.

DIE CAMINO-THERAPIE beruht auf den Geschicht­en, die Jugendliche mit der Wiedere­ingliederung­sor­gan­i­sa­tion „Seuil“ erlebt haben – und auf einem Buch, das diese Geschicht­en gesam­melt hat. „Als mich die Pro­duzen­ten Dalil Mer­ad und Marc de Dom­martin kon­tak­tierten, woll­ten sie einen Film über die Jugend machen. Aber ich hat­te keine Lust, einen ankla­gen­den Film über diese Jugendlichen in Not zu drehen. Dann stießen wir auf Bernards Buch. Ich habe es gele­sen und war sehr berührt. Und ich sagte mir, dass sich daraus ein Film machen ließ. Wir ver­bracht­en ein Woch­enende mit ihm und das Drehbuch ent­stand aus dem, was wir in diesen zwei Tagen miteinan­der besprochen haben. Es war wun­der­bares, reich­es, vielschichtiges Mate­r­i­al. (…) Als ich anf­ing zu schreiben, bot die Organ­i­sa­tion Wan­derun­gen zu vie­len Städten in Europa an, aber ich wollte ein Ziel find­en, das Bedeu­tung hat. Mit Com­postela ver­ste­ht jed­er sofort, dass es ein Film über das Wan­dern ist. Und dann ist da die unter­schwellige innere Suche, der spir­ituelle Weg zu sich selb­st – deshalb haben wir ent­lang der Via Podi­en­sis in Frankre­ich und der Via Francés in Spanien bis nach Com­postela gedreht. Mit diesem Abmarsch in Le Puy-en-Velay und dieser unglaublichen Luke, die sich im Boden der Kathe­drale öffnet – wie ein Sym­bol des Über­gangs vom Dunkel ins Licht. In diesem Moment ändert sich der Bil­dauss­chnitt, um den Hor­i­zont zu weit­en.”

Das ist alles dur­chaus kurzweilig und unter­halt­sam, gar­niert mit schö­nen Land­schaft­sauf­nah­men, die man auch für Touris­ten­pro­mo­tions­filme ver­wen­den kann – und die Arbeit, die diese Organ­i­sa­tion leis­tet, kann nicht hoch genug eingeschätzt wer­den. Aber lei­der stolpert mir der Film viel zu sehr von Plot Point zu Plot Point, umschifft immer mal wieder lei­der nicht die Klis­cheek­lip­pen, het­zt die Main­streamhand­lungs­fä­den ab und bietet nur wenige Über­raschun­gen. Der Film ist gut gemeint, aber über weite Streck­en lei­der nicht gut gemacht, das ist schade.

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