
Camino-Therapie 3
© 2025 Marie-Camille Orlando – Eveya Productions – Page Films
Nicht dass Wandern zu meinen allerliebsten Beschäftigungen gehören täte, nicht dass ich jemals vorgehabt hätte, den Jakobsweg zu beschreiten, aber gerade als Großstädter kann ich zumindest der Idee des Wandern einiges abgewinnen: die Einsamkeit, die Ruhe, die Kontemplation, die Naturgeräusche. Nun ist der Jakobsweg in der deutschen Buch- und Filmgeschichte mit einem Namen fest verbunden: Hape Kerkeling. Vielleicht ist ja Yann Samuells Film DIE CAMINO-THERAPIE – FINDE DEINEN WEG, der im französischen Original den etwas allgemeiner gehaltenen Titel COMPOSTELLE trägt, ein bisschen auch ein Anti-Kerkeling, andererseits auch wiederum nicht: Denn vom Papier her müsste es in jedem einzelnen Jakobsweg-Film darum gehen, dass sich Menschen auf dem Weg verändern, ganz anders werden, als wenn sie die Wanderung nicht unternommen hätten.
Die Internetseite https://jakobsweg-lebensweg.de/jakobsweg-filme/ sammelt in der Tat nicht weniger als 24 Filme, die sich mit dem Jakobsweg auseinandersetzen, von besseren Youtube-Videos über Dokumentarfilme bis hin zu den Spielfilmen, zu denen auch noch Werke wie DEIN WEG von Emilio Estevez oder ICH TRAG DICH BIS ANS ENDE DER WELT von Christine Kabisch, oder SAINT JACQUES … PILGERN AUF FRANZÖSISCH von Coline Serreau zählen. So verliebt bin ich in dieses Subgenre aber dann doch nicht, als dass ich mich jetzt da richtig durcharbeiten würde. Jedenfalls tauchen in den Filmbeschreibungen immer wieder Sätze auf wie „Es geht in erster Linie um die ganz persönliche Entwicklung”, „Auf dem Weg brechen alte Konflikte auf”, „Der Weg ist das Ziel”, „Ein Dokumentarfilm in der immer der Weg selbst ‚Hauptdarsteller’ bleibt”, „Der teils beschwerliche Jakobsweg bietet jedem von ihnen die Chance, die Grenzen ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit auszuloten”. Mal sehen, ob COMPOSTELLE es gelingt, über die eine oder andere Klischeehürde nicht zu stolpern. Ja, auch im Interview mit dem Regisseur fallen Sätze wie „Das Wichtigste war, dass das Äußere das Innere widerspiegelt, dass die körperliche Reise und die spirituelle Reise einander antworten und bereichern.” Aber wir wollen sehen…
Zunächst: Was ist denn eigentlich der historische Hintergrund des Jakobswegs? 1200 Jahre liegt dessen (bzw. deren, eigentlich gibt es mehrere Jakobswege mit unterschiedlichen Streckenverläufen) Ursprung zurück, als nämlich um das Jahr 820 herum im Ort Compostela in Galizien das Grab des Heiligen Jakobus des Älteren – mutmaßlich – entdeckt wurde – und zwar in Compostela in Nordwestspanien. Diese Entdeckung ließ den Ort dann zu einem bedeutenden Pilgerziel und ‑zentrum werden, neben Rom und Jerusalem. Eine regelrechte Infrastruktur bildete sich schon erstaunlich früh, Brücken, Wege, Herbergen. Doch irgendwann im 14. Jahrhundert geriet der Pilgerweg in Vergessenheit und erst im 20. Jahrhundert erhielt er eine Renaissance. In den 1990ern wurde die UNESCO auf die Bedeutung des Weges aufmerksam und ernannte ihn zum Weltkulturerbe. Zu den Zahlen: Im Jahr 2023 beginge ca. 446.000 Menschen die Jakobswege, lediglich 12% davon sollen wohl im religiösen Sinn Pilger gewesen sein, sonst ging es mehr um Sport, Kultur – und Selbstfindung. Der Film entschied sich für die Via Podiensis, die Route, die in Le Puy-en-Velay in der Haute-Loire in Frankreich beginnt und der der meistbegangene der vier Hauptwege ist.
Santiago de Compostela ist heute die Hauptstadt der spanischen Autonomen Gemeinschaft Galicien, hat 100.000 Einwohner, ist Erzbischofsitz. Die Stadt hat übrigens drei Kinos und seit dem 15. Jahrhundert eine Universität. Neben den entsprechenden Pilger-Sehenswürdigkeiten gibt es auch spannende moderne Architektur, etwa das Galicische Zentrum für zeitgenössische Kunst.
Über die Idee zum Film erzählt Yann Samuell: „Die Verbindung zwischen den Generationen ist ein wiederkehrendes Thema in meinen Filmen. Zwei junge Produzenten kamen auf mich zu und schlugen mir vor, einen Film über gefährdete Jugendliche zu machen. Wir verbrachten zwei Jahre damit, uns um das Thema zu bewegen, einen Ansatz zu suchen, Berichte zu lesen, Zeitungsgeschichten zu durchforsten. Und eines Tages stieß ich auf das Buch von Bernard Ollivier, ‚Marche et invente ta vie’, und entdeckte die Arbeit des Vereins Seuil. Jenseits von Bernards einzigartigem Lebensweg und den bewegenden Berichten der Jugendlichen, die es geschafft haben, war ich zutiefst berührt von dem Gedanken, dass ein Paar Turnschuhe und viel guter Wille ausreichen könnten, um ein Schicksal zu verändern. Ich wusste sofort, dass da ein Film drin steckte.”
Die Lehrerin Fred und der rebellische Jugendliche Adam sind die beiden Hauptfiguren des Films, die wir auf dem Jakobsweg begleiten. Zunächst zieht uns der Film mit Luftaufnahmen, bewegter Kamera, Drohnenaufnahmen in die Landschaft des Jakobsweges hinein, Wald, Flusslandschaft, Felsen, Wasserfälle, Wanderwege, Brücken, alles wunderschön, doch dann, wie das die Dramaturgie halt so will, stürzt Adam einen Steilhang hinab, ist ihm Schwerwiegendes passiert? Wir wissen es zunächst nicht, denn natürlich müssen wir erst einmal in die Handlung hinein und an die Charaktere herangeführt werden: Wir springen fünf Monate im Zeitstrahl zurück. Es geht nicht nur um den Stress des jugendlichen Adam, auch Fred hat Probleme, sie hat eine Schülerin geohrfeigt und danach natürlich Probleme mit den Eltern bekommen. „Was für ein Riesen Schlamassel”, denn sie flog raus, nach fünfzehn Jahren als Lehrerin. Naja, zumindest suspendiert. Eine Freundin von ihr hat den Jakobsweg schon einmal absolviert und möchte ihr das nahelegen, aber für Fred, so denkt sie, ist das nichts, zu früh oder zu spät, jedenfalls keine Lust. Eins rührt sie dann doch: Ihre Schüler kommen noch einmal vorbei und sagen ihr, dass sie sie vermissen werden. Doch noch mehr ändert sich in ihrem Leben: Nina, ihre Tochter, wird bald nach Vancouver zur Uni gehen. 5000 Kilometer von ihrer Mutter entfernt. Und bald fliegt sie schon, überraschend schnell, denn sie will noch einen Job suchen – und ihr cooler Papa, erfolgreicher Arzt von Beruf, von dem Fred seit kurzem getrennt lebt, hat den Flug finanziert. Er hat schon eine neue Beziehung, während sie noch auf eine Paartherapie oder so hofft.
Die Aussichten für Fred sind also denkbar schlecht, also bewirbt sie sich halt bei einer Einrichtung für schwierige Jugendliche als Begleitperson – für eine Wanderung auf dem Jakobsweg – aber auch da könnte ihr die Ohrfeige, wegen der sie suspendiert wurde, als Hindernis im Weg stehen. Wie kam es denn zur Ohrfeige? Ob das zu ihren Erziehungsprinzipien gehöre? Fred muss die ganze Geschichte erzählen. Ob sie sich dessen bewusst sei, was es bedeute, mit einem schwierigen Jugendlichen drei Monate unterwegs zu sein? Energisch wird nachgehakt: Warum eigentlich hat sie sich beworben? Schon will sie alles hinschmeißen, ein Fehler sich beworben zu haben. Doch dann kehrt sie noch einmal um, und erklärt, wie es zur Ohrfeige gekommen ist. Dass sie sich dafür schäme, dass sie Mist gebaut habe. Und es ist berührend, was sie nun sagt, dass sie das kenne, wenn Jugendliche ganz unten seien.
Und dann begegnen wir Adam, dem schwierigen Jugendlichen. Er ist ein Macker, von sich überzeugt, tanzt allen auf der Nase herum, verweigert sich – und vor einem Gerichtstermin hat er doch keine Angst, schließlich ist das nicht sein erster. Vater unbekannt, Mutter abwesend, aber eigentlich liebt er sie. Von fünf Schulen ist er geflogen, etliche Vorstrafen. Organisierte Bandengewalt, Körperverletzung. Das hier ist aber seine letzte Chance – und noch hat er die Wahl: ins Gefängnis – oder eine läuternde Wanderung, weit entfernt von den schlechten Einflüssen seines Umfeldes? Adam schweigt, die Richterin entscheidet für ihn: Erst Unterbringung im Heim, dann Jakobsweg. Und das Gericht ist auch der Ort, an dem sich die beiden das erste Mal begegnen: Fred, die gescheiterte Lehrerin, Adam der gewalttätige Jugendliche. Sie versucht ein erstes Mal mit ihm zu sprechen, aber natürlich lässt er sie nicht an sich heran.
Und dann beginnt die Pilgerreise, mit dem Pilgergottesdienst und der ersten Etappe. Und natürlich geraten sie aneinander, und Adam provoziert andere Wanderer – und dann geraten sie auch noch an einen Bauern und dessen Hund, weil Adam es sich nicht nehmen ließ, illegal dessen Gelände zu betreten. Doch man glaubt es kaum: Adams Rap-Interesse stößt bei dem Landwirt auf Interesse und die beiden freunden sich beinahe ein bisschen an – die Menschen sind eben sehr verschieden.
Am Tag 2 bekommen sie es erst einmal mit dem Wetter zu tun, dann mit alten Sehenswürdigkeiten. Und Fred bekommt es mit den Regeln zu tun, die da eigentlich lauten: keine Handys. Aber nun vermisst sie eben ihre Tochter und ihren Ex – und wird prompt von Adam beim Telefonieren erwischt. Tag 3: Beide haben Blasen, Adam aber die bessere Idee, er lässt sich einfach bis zum nächsten Ort im Auto mitnehmen. Fred ist erst einmal panisch, weil sie ihn verloren hat. Adam klaut im örtlich Touriladen und rappt mit der zufällig herummusizierenden Dorfjugend. Aber sie treffen sich wieder, am Tag 4 wandern sie mit erholten Füßen durch die wunderschöne Naturlandschaft. Und so beseitigen allmählich die gemeinsam erlebten Abenteuer und die zusammen zurückgelegten Kilometer die Distanz zwischen den beiden, gäbe es da nicht Missverständnisse in Bezug auf die vereinbarten Regeln. Stinkefingerzeigend zieht Fred von dannen, wie gut dass Adam nun einer jungen Frau mit Beinprothese begegnet, Estella, mit der er nun weiterläuft. Die beiden kommen sich nahe, verlieben sich, zerstreiten sich, schnell geht das.
DIE CAMINO-THERAPIE beruht auf den Geschichten, die Jugendliche mit der Wiedereingliederungsorganisation „Seuil“ erlebt haben – und auf einem Buch, das diese Geschichten gesammelt hat. „Als mich die Produzenten Dalil Merad und Marc de Dommartin kontaktierten, wollten sie einen Film über die Jugend machen. Aber ich hatte keine Lust, einen anklagenden Film über diese Jugendlichen in Not zu drehen. Dann stießen wir auf Bernards Buch. Ich habe es gelesen und war sehr berührt. Und ich sagte mir, dass sich daraus ein Film machen ließ. Wir verbrachten ein Wochenende mit ihm und das Drehbuch entstand aus dem, was wir in diesen zwei Tagen miteinander besprochen haben. Es war wunderbares, reiches, vielschichtiges Material. (…) Als ich anfing zu schreiben, bot die Organisation Wanderungen zu vielen Städten in Europa an, aber ich wollte ein Ziel finden, das Bedeutung hat. Mit Compostela versteht jeder sofort, dass es ein Film über das Wandern ist. Und dann ist da die unterschwellige innere Suche, der spirituelle Weg zu sich selbst – deshalb haben wir entlang der Via Podiensis in Frankreich und der Via Francés in Spanien bis nach Compostela gedreht. Mit diesem Abmarsch in Le Puy-en-Velay und dieser unglaublichen Luke, die sich im Boden der Kathedrale öffnet – wie ein Symbol des Übergangs vom Dunkel ins Licht. In diesem Moment ändert sich der Bildausschnitt, um den Horizont zu weiten.”
Das ist alles durchaus kurzweilig und unterhaltsam, garniert mit schönen Landschaftsaufnahmen, die man auch für Touristenpromotionsfilme verwenden kann – und die Arbeit, die diese Organisation leistet, kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber leider stolpert mir der Film viel zu sehr von Plot Point zu Plot Point, umschifft immer mal wieder leider nicht die Klischeeklippen, hetzt die Mainstreamhandlungsfäden ab und bietet nur wenige Überraschungen. Der Film ist gut gemeint, aber über weite Strecken leider nicht gut gemacht, das ist schade.