
„À Bicyclette!” heißt Mathias Mlekuz’ dokumentarisches Fahrrad-Roadmovie im französischen Original. Mlekuz ist Jahrgang 1966, geboren in Lens im Norden Frankreichs. Von Hause aus ist er Schauspieler – und zwar im Film, Fernsehen, als auch im Theater. Leos Carax und Michel Deville hatten ihn einst vom Theater zum Film weggelockt. Seit ein paar jahren ist er auch als Drehbuchautor und Regisseur tätig, sein erster Spielfilm war MINE DE RIEN, mit Arnaud Ducret und Philippe Rebbot, er kam im Februar 2020
in die Kinos und wurde in Alpe d’Huez mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. AUF ZWEI RÄDERN ist nun seine zweite Regiearbeit.
Das Fahrrad-Roadmovie ist ja mittlerweile ein regelrechtes Film-Subgenre, dazu zählen zum Beispiel der deutsche Film HIN UND WEG von Christian Zübert mit Florian David Fitz und Jürgen Vogel. Oder DIE REISE von Fernando Solanas, der argentinische Film aus dem Jahr 1992, den ich in der Tat seit 34 Jahren nicht mehr gesehen habe, der mir aber in wunderbarer Erinnerung ist. Oder aus dem Animationsfilmbereich der wunderbare DAS GROSSE RENNEN VON BELLEVILLE. Dokus und Dokuserien gibt es noch und nöcher, meistens geht es um Weltreisen oder große Abenteuerfahrten auf dem Drahtesel.
Über seine Idee zu diesem Film sagt Mathias Mlekuz: „Mein Sohn Youri unternahm 2018 eine Radtour von La Rochelle in die Türkei. Er liebte diese Reise und schrieb sogar ein Buch darüber. Als er im September 2022 verstarb, wollte ich diese Radtour
mit meinem Freund Philippe Rebbot wiederholen. Also habe ich ihm diese etwas verrückte Idee vorgeschlagen, und er sagte zu mir: ‚Wenn wir diese Reise schon machen, können wir auch einen Film daraus machen!’ Ich habe dann mit Marc-Etienne Schwartz, dem Produzenten meines ersten Films, darüber gesprochen, und er schlug mir vor, kein Drehbuch zu schreiben, sondern zu improvisieren, was wir dann auch getan haben.” Aus dieser angekündigten Improvisation entstand dann eine unglaubliche Menge an Material, das es zu einem geschlossenen Film zu verarbeiten galt: „Wir hatten 180 Stunden Rohmaterial und etwa vier
Stunden geschnittenen Film, also mussten wir gemeinsam mit der Cutterin Céline Cloarec eine Auswahl treffen. Wir haben alles herausgeschnitten, was uns unnötig erschien, was nichts zur Geschichte beitrug oder zu explizit war. Eigentlich versuchen wir, einen roten Faden zu finden. Wir spulen eine Rolle ab, und wenn der Faden zu ‚rot’ wird, wenn er nicht mehr die richtige Farbe hat, entfernen wir ihn, ändern ihn und kehren zu dem gewünschten Farbton zurück. Dabei haben uns unsere Produzenten Jean-Louis Livi und Marc-Etienne Schwartz unterstützt, die bei dieser Arbeit sehr präsent waren.”
Es war der 1. Mai vor fünf Jahren, erzählt Mathias, der Regisseur, als sie seinen Sohn Youri zu einer Fahrradtour verabschiedeten, zu einer langen Tour in die Türkei nach Istanbul, von Frankreich aus. „Es war ein freudiger und bewegender Moment”, erzählt er. „Die Begeisterung verspüren wir heute leider nicht.” Denn vor einem Jahr starb Youri.
Mathias und sein Freund Philippe wollen diese Reise nun ein Jahr nach Youris Tod nachstellen, „seinen Spuren folgen”, gemeinsam mit dem Hund Lucky. Youri hatte damals aus der Reise ein kleines Buch gemacht, und das wollen sie nun nutzen, um die Strecke zu rekonstruieren und den Weg mit all seinen Stationen nachzufahren. „Das Buch wird unsere Bibel sein, unser Fahrplan.” Allerdings, so Mathias, sei der eine nicht mehr so jung und der andere, er selbst, wiegt zu viel, aber: Schließlich verbindet die beiden zwanzig Jahre Freundschaft. Sport hätten sie noch nie gemacht. Alles ist voller traurig-schönem Humor. Und Youri war auch schon Clown und auch die beiden wollen nun unterwegs auftreten. „Wir machen unsere Stunts selbst”, scherzt Philippe, und dann verabschieden sich die beiden, vollbepackt mit Rucksack auf dem Rücken.
Schon nach viereinhalb Kilometern schauen sie das erste Mal aufs Tacho und schon bald tut der Po weh, fliegt dem einen eine Fliege ins Auge und und und. Auch die erste Nacht im Zelt, auf einem Tennisplatz ist alles andere als gemütlich. Das sei nur was für kleine Leute. Am morgen dann gibt es Tee, Kaffee, Croissants, aber wie funktioniert nochmal ein Campingkocher?
Dann fahren sie weiter, machen Rast bei einer kleinen Kapelle, erzählen sich Witze, wie sie sich nur Freunde erzählen, die sich seit Jahrzehnten kennen. So Insiderwitze. Aber es geht auch um den Tod, alles ist ja aus Gedenken an Youri. Und so quatschen sie bei Radeln, über Aberglauben und Schwarze Katzen. Über Schmetterlinge und Vögel und alles, was ihn irgendwie an Youri erinnert. Und überall Ypsilons. Und dann die erste Clownvorführung. Erstmal nur für die Kamera. Vielleicht noch für den Hund.
Bald können sie anhand des Buchs von Youri das erste Mal einen Ort identifizieren, an dem der junge Mann eine Pause einlegte. Sie stellen das Foto nach. Geduldig hören wir den beiden zu, wie sie über die Toten ihres Lebens erzählen. Wie sie mit dem Tod zurechtkamen, mit dem der Eltern – oder eben mit dem von Youri. Wir sitzen am Strand eines Sees, schauen hinüber zum anderen Ufer, hören Kirchenglocken. Dann kommen sie nach Jougne, ein Dorf unweit der Schweizer Grenze. In der Schule war Youri damals als Clown aufgetreten. „Ich weiß nicht, ob’s mich traurig oder fröhlich macht, hier zu sein”, erzählt Mathias. „Sind wir glücklich oder traurig? Seien wir glücklich”, beschließen die beiden. Und dann geht die Show vor den Kindern los. Dass sie eine Fahrradtour machen. Dass sie keine Proficlowns seien. Grundschul-Clowns. Und dann kommt die Magie, und sie sind erstaunlich lustig, jedenfalls kommt es bei den Kindern an. Sie sind zufrieden.
Aber sie fallen auch immer wieder in eine tiefe Traurigkeit. Philippe erzählt von einer Geschichte aus seiner Kindheit, als er einmal weglief, statt einem guten Freund zu helfen, der bedroht wurde. Aber dieses Mal, sagt er, wolle er nicht weglaufen. „Lustigerweise möchte ich sagen, dass ich für dich da bin.” Und es ist so wunderschön, dieser Freundschaft zuzusehen. Und gleich biegen sie wieder ins Humoristische ab. Eine Tränenkur könnten sie machen, um abzunehmen. Und dann versuchen sie es zwischendurch per Anhalter, in der Tat, ein Wohnmobil nimmt sie samt Fahrrädern mit. Aber so eine Fahrradtour wäre ja nichts ohne hin und wieder einen Streit zu haben – und so soll es auch sein. Was tun – der Weg ist von einer Pfütze versperrt!
Ihr Besuch auf einem deutschen Rummel scheitert beinahe daran, dass keine Hunde zugelassen sind. Aber egal, Lucky muss warten. Nach dem spaßigen Abend mit Achterbahn, Bier und sonstigem Rummelspaß geht es am nächsten Tag weiter mit dem Fernreisebus nach Wien. Eigentlich gar nicht die Art zu reisen, die sie sich gewünscht hatten. Und in Wien wohnen sie in einer Airbnb-Wohnung – und die junge Vermieterin ist eigentlich der Komikhöhepunkt des Films: Spießig – und dann sind auch noch die automatischen Googleübersetzungen, die sie verwendet lustig: N’attaquez pas le compartiment congélateur. „Sie ist süß und gruselig gleichzeitig”, urteilt Philippe. Aber an Youri, der damals bei ihr übernachtet hatte, kann sie sich nicht erinnern.
Hören wir noch einmal dem Regisseur zu: „Beim Kino geht es im Allgemeinen um Kontrolle: Man hat einen Rahmen, ein Set, einen Dialog, eine Szene, eine Drehzeit, eine Kantine und viele Leute, die sich um all das kümmern. Hier hatte ich hingegen keinen Arbeitsplan. Es gab ein technisches Team aus fünf Personen, einen Kameramann, einen Kameraassistenten, einen
Tontechniker, einen Regieassistenten, der auch den Technikwagen fuhr, und einen Produktionsleiter, der das Wohnmobil fuhr und uns abends auf dem Campingplatz das Essen zubereitete. Es gab drei Kameras und sechs Neonröhren für die Beleuchtung, falls nötig. Wir machten nur eine einzige Aufnahme, aber eine lange. Die Intimität zeigte sich im Laufe der Zeit. Wir begannen ein
Gespräch und nach einer Viertelstunde, manchmal auch einer halben Stunde, vergaßen wir, dass wir gefilmt wurden, was es uns ermöglichte, seltene Momente zwischen uns einzufangen. Oft drehten wir inmitten von Menschen, indem wir die Kameras versteckten. Das war zum Beispiel im Bus oder auf dem Jahrmarkt der Fall, niemand hat bemerkt, dass wir filmten.”
Und so radeln und reisen sie vor sich hin, ihrem Ziel in Istanbul entgegen, und es ist mal traurig, mal komisch, mal nachdenklich, mal philosophisch, auch mal langweilig, aber alles in allem ist dieser kleine Film so wunderbar-traurig. Und die drei Reisenden (inklusive Hund) wachsen einem dabei so sehr ans Herz. Und am berührendsten ist dann jene Szene, in der wir Juri Gagarin begegnen…