AUF ZWEI RÄDERN ab 9. Juli 2026 im Kino

02 AUF ZWEI RÄDERN (© MES Pro­duc­tion, F Comme Film, Foto: Emmanuel Guimi­er)

„À Bicy­clette!” heißt Math­ias Mlekuz’ doku­men­tarisches Fahrrad-Road­movie im franzö­sis­chen Orig­i­nal. Mlekuz ist Jahrgang 1966, geboren in Lens im Nor­den Frankre­ichs. Von Hause aus ist er Schaus­piel­er – und zwar im Film, Fernse­hen, als auch im The­ater. Leos Carax und Michel Dev­ille hat­ten ihn einst vom The­ater zum Film wegge­lockt. Seit ein paar jahren ist er auch als Drehbuchau­tor und Regis­seur tätig, sein erster Spielfilm war MINE DE RIEN, mit Arnaud Ducret und Philippe Reb­bot, er kam im Feb­ru­ar 2020
in die Kinos und wurde in Alpe d’Huez mit dem Pub­likum­spreis aus­geze­ich­net. AUF ZWEI RÄDERN ist nun seine zweite Regiear­beit.

Das Fahrrad-Road­movie ist ja mit­tler­weile ein regel­recht­es Film-Sub­genre, dazu zählen zum Beispiel der deutsche Film HIN UND WEG von Chris­t­ian Zübert mit Flo­ri­an David Fitz und Jür­gen Vogel. Oder DIE REISE von Fer­nan­do Solanas, der argen­tinis­che Film aus dem Jahr 1992, den ich in der Tat seit 34 Jahren nicht mehr gese­hen habe, der mir aber in wun­der­bar­er Erin­nerung ist. Oder aus dem Ani­ma­tions­film­bere­ich der wun­der­bare DAS GROSSE RENNEN VON BELLEVILLE. Dokus und Dokuse­rien gibt es noch und nöch­er, meis­tens geht es um Wel­treisen oder große Aben­teuer­fahrten auf dem Draht­e­sel.

Über seine Idee zu diesem Film sagt Math­ias Mlekuz: „Mein Sohn Youri unter­nahm 2018 eine Rad­tour von La Rochelle in die Türkei. Er liebte diese Reise und schrieb sog­ar ein Buch darüber. Als er im Sep­tem­ber 2022 ver­starb, wollte ich diese Rad­tour
mit meinem Fre­und Philippe Reb­bot wieder­holen. Also habe ich ihm diese etwas ver­rück­te Idee vorgeschla­gen, und er sagte zu mir: ‚Wenn wir diese Reise schon machen, kön­nen wir auch einen Film daraus machen!’ Ich habe dann mit Marc-Eti­enne Schwartz, dem Pro­duzen­ten meines ersten Films, darüber gesprochen, und er schlug mir vor, kein Drehbuch zu schreiben, son­dern zu impro­visieren, was wir dann auch getan haben.” Aus dieser angekündigten Impro­vi­sa­tion ent­stand dann eine unglaubliche Menge an Mate­r­i­al, das es zu einem geschlosse­nen Film zu ver­ar­beit­en galt: „Wir hat­ten 180 Stun­den Roh­ma­te­r­i­al und etwa vier
Stun­den geschnit­te­nen Film, also mussten wir gemein­sam mit der Cut­terin Céline Cloarec eine Auswahl tre­f­fen. Wir haben alles her­aus­geschnit­ten, was uns unnötig erschien, was nichts zur Geschichte beitrug oder zu expliz­it war. Eigentlich ver­suchen wir, einen roten Faden zu find­en. Wir spulen eine Rolle ab, und wenn der Faden zu ‚rot’ wird, wenn er nicht mehr die richtige Farbe hat, ent­fer­nen wir ihn, ändern ihn und kehren zu dem gewün­scht­en Farbton zurück. Dabei haben uns unsere Pro­duzen­ten Jean-Louis Livi und Marc-Eti­enne Schwartz unter­stützt, die bei dieser Arbeit sehr präsent waren.”

Es war der 1. Mai vor fünf Jahren, erzählt Math­ias, der Regis­seur, als sie seinen Sohn Youri zu ein­er Fahrrad­tour ver­ab­schiede­ten, zu ein­er lan­gen Tour in die Türkei nach Istan­bul, von Frankre­ich aus. „Es war ein freudi­ger und bewe­gen­der Moment”, erzählt er. „Die Begeis­terung ver­spüren wir heute lei­der nicht.” Denn vor einem Jahr starb Youri.

Math­ias und sein Fre­und Philippe wollen diese Reise nun ein Jahr nach Youris Tod nach­stellen, „seinen Spuren fol­gen”, gemein­sam mit dem Hund Lucky. Youri hat­te damals aus der Reise ein kleines Buch gemacht, und das wollen sie nun nutzen, um die Strecke zu rekon­stru­ieren und den Weg mit all seinen Sta­tio­nen nachz­u­fahren. „Das Buch wird unsere Bibel sein, unser Fahrplan.” Allerd­ings, so Math­ias, sei der eine nicht mehr so jung und der andere, er selb­st, wiegt zu viel, aber: Schließlich verbindet die bei­den zwanzig Jahre Fre­und­schaft. Sport hät­ten sie noch nie gemacht. Alles ist voller trau­rig-schönem Humor. Und Youri war auch schon Clown und auch die bei­den wollen nun unter­wegs auftreten. „Wir machen unsere Stunts selb­st”, scherzt Philippe, und dann ver­ab­schieden sich die bei­den, voll­bepackt mit Ruck­sack auf dem Rück­en.

Schon nach viere­in­halb Kilo­me­tern schauen sie das erste Mal aufs Tacho und schon bald tut der Po weh, fliegt dem einen eine Fliege ins Auge und und und. Auch die erste Nacht im Zelt, auf einem Ten­nis­platz ist alles andere als gemütlich. Das sei nur was für kleine Leute. Am mor­gen dann gibt es Tee, Kaf­fee, Crois­sants, aber wie funk­tion­iert nochmal ein Camp­ingkocher?

Dann fahren sie weit­er, machen Rast bei ein­er kleinen Kapelle, erzählen sich Witze, wie sie sich nur Fre­unde erzählen, die sich seit Jahrzehn­ten ken­nen. So Insid­er­witze. Aber es geht auch um den Tod, alles ist ja aus Gedenken an Youri. Und so quatschen sie bei Radeln, über Aber­glauben und Schwarze Katzen. Über Schmetter­linge und Vögel und alles, was ihn irgend­wie an Youri erin­nert. Und über­all Ypsilons. Und dann die erste Clown­vor­führung. Erst­mal nur für die Kam­era. Vielle­icht noch für den Hund.

Bald kön­nen sie anhand des Buchs von Youri das erste Mal einen Ort iden­ti­fizieren, an dem der junge Mann eine Pause ein­legte. Sie stellen das Foto nach. Geduldig hören wir den bei­den zu, wie sie über die Toten ihres Lebens erzählen. Wie sie mit dem Tod zurechtka­men, mit dem der Eltern – oder eben mit dem von Youri. Wir sitzen am Strand eines Sees, schauen hinüber zum anderen Ufer, hören Kirchen­glock­en. Dann kom­men sie nach Jougne, ein Dorf unweit der Schweiz­er Gren­ze. In der Schule war Youri damals als Clown aufge­treten. „Ich weiß nicht, ob’s mich trau­rig oder fröh­lich macht, hier zu sein”, erzählt Math­ias. „Sind wir glück­lich oder trau­rig? Seien wir glück­lich”, beschließen die bei­den. Und dann geht die Show vor den Kindern los. Dass sie eine Fahrrad­tour machen. Dass sie keine Profi­clowns seien. Grund­schul-Clowns. Und dann kommt die Magie, und sie sind erstaunlich lustig, jeden­falls kommt es bei den Kindern an. Sie sind zufrieden.

Aber sie fall­en auch immer wieder in eine tiefe Trau­rigkeit. Philippe erzählt von ein­er Geschichte aus sein­er Kind­heit, als er ein­mal weglief, statt einem guten Fre­und zu helfen, der bedro­ht wurde. Aber dieses Mal, sagt er, wolle er nicht weglaufen. „Lustiger­weise möchte ich sagen, dass ich für dich da bin.” Und es ist so wun­der­schön, dieser Fre­und­schaft zuzuse­hen. Und gle­ich biegen sie wieder ins Humoris­tis­che ab. Eine Trä­nenkur kön­nten sie machen, um abzunehmen. Und dann ver­suchen sie es zwis­chen­durch per Anhal­ter, in der Tat, ein Wohn­mo­bil nimmt sie samt Fahrrädern mit. Aber so eine Fahrrad­tour wäre ja nichts ohne hin und wieder einen Stre­it zu haben – und so soll es auch sein. Was tun – der Weg ist von ein­er Pfütze versper­rt!

Ihr Besuch auf einem deutschen Rum­mel scheit­ert beina­he daran, dass keine Hunde zuge­lassen sind. Aber egal, Lucky muss warten. Nach dem spaßi­gen Abend mit Achter­bahn, Bier und son­stigem Rum­melspaß geht es am näch­sten Tag weit­er mit dem Fer­n­reise­bus nach Wien. Eigentlich gar nicht die Art zu reisen, die sie sich gewün­scht hat­ten. Und in Wien wohnen sie in ein­er Airbnb-Woh­nung – und die junge Ver­mi­eterin ist eigentlich der Komikhöhep­unkt des Films: Spießig – und dann sind auch noch die automa­tis­chen Googleüber­set­zun­gen, die sie ver­wen­det lustig: N’at­taquez pas le com­par­ti­ment con­géla­teur. „Sie ist süß und gruselig gle­ichzeit­ig”, urteilt Philippe. Aber an Youri, der damals bei ihr über­nachtet hat­te, kann sie sich nicht erin­nern.

Hören wir noch ein­mal dem Regis­seur zu: „Beim Kino geht es im All­ge­meinen um Kon­trolle: Man hat einen Rah­men, ein Set, einen Dia­log, eine Szene, eine Drehzeit, eine Kan­tine und viele Leute, die sich um all das küm­mern. Hier hat­te ich hinge­gen keinen Arbeit­s­plan. Es gab ein tech­nis­ches Team aus fünf Per­so­n­en, einen Kam­era­mann, einen Kam­er­aas­sis­ten­ten, einen
Ton­tech­niker, einen Regieas­sis­ten­ten, der auch den Tech­nikwa­gen fuhr, und einen Pro­duk­tion­sleit­er, der das Wohn­mo­bil fuhr und uns abends auf dem Camp­ing­platz das Essen zubere­it­ete. Es gab drei Kam­eras und sechs Neon­röhren für die Beleuch­tung, falls nötig. Wir macht­en nur eine einzige Auf­nahme, aber eine lange. Die Intim­ität zeigte sich im Laufe der Zeit. Wir began­nen ein
Gespräch und nach ein­er Vier­tel­stunde, manch­mal auch ein­er hal­ben Stunde, ver­gaßen wir, dass wir gefilmt wur­den, was es uns ermöglichte, sel­tene Momente zwis­chen uns einz­u­fan­gen. Oft dreht­en wir inmit­ten von Men­schen, indem wir die Kam­eras ver­steck­ten. Das war zum Beispiel im Bus oder auf dem Jahrmarkt der Fall, nie­mand hat bemerkt, dass wir filmten.”

Und so radeln und reisen sie vor sich hin, ihrem Ziel in Istan­bul ent­ge­gen, und es ist mal trau­rig, mal komisch, mal nach­den­klich, mal philosophisch, auch mal lang­weilig, aber alles in allem ist dieser kleine Film so wun­der­bar-trau­rig. Und die drei Reisenden (inklu­sive Hund) wach­sen einem dabei so sehr ans Herz. Und am berührend­sten ist dann jene Szene, in der wir Juri Gagarin begeg­nen…

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