Zwei Filme von Jean Eustache ab dem 16. Juli 2026 im Kino

LA MAMAN ET LA PUTAIN (1973)

Als ich Anfang der Neun­ziger Jahre damit begann, mich mit der Filmgeschichte tiefer zu beschäfti­gen, dazu ein­er­seits wie wild ins Kom­mu­nale Kino in Freiburg ging und ander­er­seits die Mediathek der Uni Freiburg fre­quen­tierte, stieß ich naturgemäß irgend­wann auf die Nou­velle Vague. François Truf­faut hat­te es mir am meis­ten ange­tan, ich glaube ich habe in jenen Jahren alle Truf­faut-Filme gese­hen, bis heute ist SIE KÜSSTEN UND SIE SCHLUGEN IHN ein­er mein­er Lieblings­filme, aber auch JULES UND JIM oder GERAUBTE KÜSSE gehören dazu. Das Werk von Jacques Riv­ette hinge­gen ent­deck­te ich im Kino, mein erster Riv­ette-Film war 1991 DIE SCHÖNE QUERULANTIN, mit der wun­der­baren Emmanuelle Béart. Die früheren Riv­ette-Filme ent­deck­te ich erst später. Auch die Filme von Eric Rohmer lernte ich aktuell im Kino ken­nen, in Form der vier Jahreszeit­en­filme, die ich bis heute liebe und die ich längst mal wieder sehen müsste. Auch einiges, wenn auch nicht alles, von Claude Chabrol habe ich damals gese­hen, am meis­ten ist mir wohl DER SCHLACHTER in Erin­nerung geblieben, den sah ich im Fernse­hen, ger­ade neulich hab ich wieder ein­mal in diesen großar­ti­gen Gen­re­film hineingezappt. Auch Louis Malles Filme habe ich damals weit­ge­hend kom­plett gese­hen, von der wun­der­baren Agnès Var­da habe ich bis heute eigentlich zu wenig gese­hen, aber der beein­druck­ende VOGELFREI ist mir schon in Erin­nerung geblieben, als ich ihn im Fernse­hen sah, weit bevor ich mich mit der Filmgeschichte auseinan­der­set­zte.

Ein­er der franzö­sis­chen Regis­seure aus der Zeit der Nou­velle Vague ist mir aber bis heute weit­ge­hend durchgerutscht: Jean Eustache. Eustache stammt im Gegen­satz zu den meis­ten Regis­seuren der Nou­velle Vague – vielle­icht noch mit Aus­nahme von Truf­faut – aus ein­fachen Ver­hält­nis­sen. Chabrol stammt aus ein­er tra­di­tion­sre­ichen Apothek­er­fam­i­lie – eben­so übri­gens Jacques Riv­ette. Godards Vater war ein wohlhaben­der Auge­narzt mit Pri­vatk­linik. Louis Malles Vater war Inge­nieur und Geschäfts­führer ein­er Fab­rik, seine Mut­ter war Erbin eines großes Konz­erns.

Truf­fauts Kind­heit hinge­gen war geprägt von Ver­nach­läs­si­gung und Trau­ma­ta. Auch Eustach­es Kind­heit war geprägt von Armut, er war Sohn eines Mau­r­ers und ein­er ungel­ern­ten Näherin. Er lebte weit­ge­hend bei sein­er Groß­mut­ter. Eustache machte eine Aus­bil­dung zum Elek­trik­er, eine Fil­maus­bil­dung genoss er nie, er war rein­er Auto­di­dakt und begann irgend­wann seine Klassen­herkun­ft in seinen Fil­men zu bear­beit­en. In jedem Fall war Eustache ein Außen­seit­er im Ver­gle­ich zu den meis­ten sein­er franzö­sis­chen Regiezeitgenossen.

Als ich mich nun also in den frühen Neun­ziger Jahren durch die Filmgeschichte arbeit­ete, war „Reclams Film­führer” meine „Bibel”, an der ich mich ori­en­tierte und darüber informierte, ob ich einen Film sehen wollte oder nicht. Und während Truf­faut unge­fähr mit einem hal­ben Dutzend Filme in dem Buch vertreten war, und Chabrol und Malle eben­so, fand sich Jean Eustache mit einem einzi­gen Werk wieder: LA MAMAN ET LA PUTAIN aus dem Jahr 1973. Eustache selb­st wird in dem Beitrag zitiert, der Film sei „die Erzäh­lung einiger schein­bar bedeu­tungslos­er Dinge. Es kön­nte die Erzäh­lung ganz ander­er Dinge an ganz anderen Orten sein. Was da passiert, und die Orte, an denen sich die Hand­lung abspielt, sind ohne jede Bedeu­tung. Eine Zusam­men­fas­sung des Drehbuchs würde keine Vorstel­lung von den Ambi­tio­nen und Möglichkeit­en des Films geben. (…) Der einzige Grund, warum das geschieht, was geschieht, ist der, dass ich es mir so aus­gedacht habe.” Der Beitrag spricht dann davon, dass der Film „ein ver­wirrend kom­plex­es Werk” sei. Das „roro­ro Film­lexikon” fasst hinge­gen zusam­men: „Der Film markiert den bit­teren Abschied ein­er Gen­er­a­tion von ein­er rev­o­lu­tionären, opti­mistis­chen Entwick­lungsphase und leit­ete, indem er sich völ­lig pri­vat­en Prob­le­men zuwandte, eine neue Ära im franzö­sis­chen Film ein, deren führen­der Vertreter Eustache ist.” Selb­st das deut­lich­er am Main­stream ori­en­tierte Buch „Die Chronik des Films” hat­te den Film aufgenom­men: „Eustach­es Fig­uren haben Abschied genom­men von ein­er ver­gan­genen Epoche, die der Befreiung und Rebel­lion. Sie ziehen sich ins Pri­vate zurück. Damit leit­et auch Eustache eine neue Ära im Franzö­sis­chen Film ein.” Und Wolf Don­ner schrieb 1973 in der ZEIT: „Der Film erweckt den Ein­druck beiläu­figer Skizzen aus dem Paris­er Stu­den­ten­leben und ist zugle­ich äußerst stil­isiert und form­be­wusst; gelöst und fasziniert fol­gt man Szenen, die nahezu in Realzeit ablaufen und die einem wie impro­visierte Auss­chnitte ein­er unmit­tel­bar nachvol­lziehbaren Real­ität erscheinen: sehr behut­sam und sen­si­bel, gelassen, aber auch rig­oros bohrend und manch­mal ger­adezu schmerzhaft inten­siv.”

LA MAMAN ET LA PUTAIN war der erste Langspielfilm von Jean Eustache, der in die Kinos kam. Seinen ersten Film hat­te er mit 24 gedreht, Du côté de Robin­son, 42 Minuten lang, gefol­gt von Le père Noël a les yeux bleus, 1966, 47 Minuten. Über seine frühen Filme erzählte er später ein­mal in einem Inter­view: „Mein erster Film, Du côté de Robin­son, war ein ziem­lich­es Durcheinan­der – auch wenn ich ihn mag –, aber es war ein Durcheinan­der, weil man in jeden Erstlings­film all die Ideen hinein­packt, die einem ger­ade durch den Kopf gehen. Man hat zuvor noch nichts gesagt, also will man so viel wie möglich zum Aus­druck brin­gen. Das kann dur­chaus ein inter­es­santes Ergeb­nis her­vor­brin­gen, auch wenn es unaus­ge­wogen ist. Der zweite Film war Le père Noël. Er war schon deut­lich weniger erfol­gre­ich als der erste; er enthielt – ver­mis­cht mit den übri­gen Ele­menten – jene doku­men­tarische Kom­po­nente, die inzwis­chen mein Werk dominiert. (…) Ich muss dazu sagen, dass ich mich mit ein­er Vorstel­lung ins Filmemachen gestürzt hat­te, die lange Zeit von den alten Cahiers du ciné­ma vertreten wurde: die poli­tique des auteurs – es gibt keine Filme, es gibt nur Autoren… Anfangs war ich von der Richtigkeit dieser Idee überzeugt, eben­so wie die Filmemach­er, die ich schätzte. Doch sobald ich zu drehen begann, stellte ich das automa­tisch infrage.”

Grand­film Re:Visited, der Ver­leih, der jet­zt am 16. Juli 2026 LA MAMAN ET LA PUTAIN und MES PETITES AMOUREUSES in die Kinos bringt, man kön­nte sagen die bei­den Hauptwerke von Eustache, hat aber noch weit­ere Filme von ihm im Ver­leih, eben jene bei­den genan­nten kürz­eren Filme etwa, aber auch LA ROSIÈRE DE PESSAC (1968), NUMÉRO ZÉRO (1971), UNE SALE HISTOIRE (1977), LA ROSIÈRE DE PESSAC 79 (1979) und LES PHOTOS D’ALIX (1982). Das Arse­nal Kino Berlin zeigt in ein­er Eustache-Ret­ro­spek­tive das ganze Pro­gramm, das Grand­film Re:Visited anbi­etet: https://www.arsenal-berlin.de/kino/filmreihe/retrospektive-jean-eustache/ . Hier das Eustache-Pro­gramm von Grand­film: https://grandfilm.de/eustache/ .

Als LA MAMAN ET LA PUTAIN 1973 in die Kinos kommt, hat Eustache also bere­its Erfahrun­gen mit sein­er Film­sprache in mehreren kürz­eren Fil­men und Doku­men­tarfil­men sam­meln kön­nen. Natür­lich ist es bemerkenswert, dass er bei seinem ersten „richti­gen” Film schon 35 ist, Truf­faut, Godard, Chabrol, alle waren noch in den Zwanzigern, als sie ihre ersten bedeu­ten­den Kinofilme gedreht hat­ten.

LA MAMAN ET LA PUTAIN (1973)

Alexan­dre, wun­der­bar gespielt von Jean-Pierre Léaud, wacht mor­gens auf, geht leise ins Bad um seine derzeit­ige Lebens­ge­fährtin – oder? – Marie nicht zu weck­en, ver­lässt geräusch­los die Woh­nung. Er lei­ht sich bei der jun­gen Frau, die unten­drunter wohnt das Auto, Achtung der Blink­er ist kaputt. Im Auto sitzt er, liest Le Monde, und dann fängt er – naja – seine Ex Gilberte ab – oder sind sie noch gar nicht getren­nt? Er will ihr ein Buch schenken, das er ihr gewid­met hat, macht ihr qua­si im Neben­satz einen Heirat­santrag, er habe ihr ja jet­zt Zeit gelassen, nachzu­denken, ob das mit ihrer Beziehung weit­erge­he. Aber sie ist gen­ervt, will sich aber auch nicht konkret äußern und lässt ihn ste­hen.

Schnitt. Im Park sitzt er mit ihr auf der Bank und ver­sucht sie – immer noch – zu überre­den, dass sie bei ihm bleibt. Immer­hin: Sie geht mit ihm einen Kaf­fee trinken. Ein Teil­er­folg. Immer noch wirkt sie abgeneigt, aber für ein endgültiges Nein reicht es doch nicht. Es ist kom­pliziert, sagt sie ihm qua­si in tausend Vari­a­tio­nen. Und da gibt sie zu, dass es auch mit ihrem Lieb­haber zu tun hat, der sie näm­lich heirat­en will, und da weiß sie aber auch nicht recht. Immer­hin lässt sie sich Alexan­dre gegenüber auf ein „Ich hab dich gern” ein. Und er erwidert: „Ich hänge nicht an dir, son­dern an meinem Schmerz.” Und dann geht er.

Zurück bei Marie ler­nen wir im Fol­gen­den einiges Über­raschen­des: Sie siezen sich. Und vor allem es ist ihre Woh­nung, manch­mal ist sie seine Lebens­ge­fährtin, manch­mal seine Geliebte, dann wieder ist er ihr Mit­be­wohn­er. Wir schauen ihnen beim Leben zu – und wir hören ihnen ganz viel beim Reden zu, denn über­haupt wird in diesem Film sehr viel gere­det. Alexan­dre hält sich auch gar nicht bedeckt darüber, dass er ger­ade eine neue Bekan­ntschaft gemacht hat, die fürder­hin noch eine große Rolle in seinem Leben spie­len wird: Veroni­ka heißt sie. Und vor allem wird Veroni­ka ständig bei ihm – naja es ist Maries Tele­fo­nan­schluss – bei ihr anrufen.

Als näch­stes begeg­net er wieder Gilberte: Sie heiratet, teilt sie ihm mit. Das wirft ihn fast aus der Bahn. Ob er auch ein­ge­laden sei? Ja. Und ob sie den Ver­lobten mehr liebe als ihn? Keine ein­deutige Antwort. Alexan­dre glaubt nicht, dass sie ihn wirk­lich liebt. Er wird ganz melo­drama­tisch und erzählt die großen Geschicht­en. Aber eigentlich ist ja Alexan­dre ger­ade mit Veroni­ka verabre­det, die ihn aber kurz­er­hand ver­set­zt.

LA MAMAN ET LA PUTAIN (1973)

Und so entspin­nt sich ein Reigen zwis­chen den drei oder vier Frauen, mit Alexan­dre im Mit­telpunkt. Er geht mit Veroni­ka essen. Dann wiederum ist er eifer­süchtig auf Marie, weil ein Mann angerufen hat und mit ihr sprechen wollte. Irgend­wann begeg­net er Gilberte unter­wegs. Von allen Begeg­nun­gen mit Frauen, ist vielle­icht jen­er Abend der emo­tion­al­ste, tief­ste, per­sön­lich­ste, als er mit Veroni­ka in einem Bahn­hof­s­restau­rant essen geht. Und dann erken­nt man, wie er bisweilen ist. Sie ist authen­tisch, erzählt vom echt­en Leben bei ihrer Arbeit, sie lächelt, sie ist so lebendig – und das erste Mal schweigt er. Weil er ist ja eigentlich der Los­er, er hat keinen Job, er hat keine eigene Woh­nung und er ist nicht in der Lage, eine Beziehung aufrecht zu erhal­ten. Und das wird an diesem Abend deut­lich. Was bald noch deut­lich­er wer­den wird: Die starken Fig­uren dieses Films sind die Frauen dieses Films. Nicht immer sind sie das, aber oft – und ger­ade im Kon­trast zu diesem heru­mir­ren­den Alexan­dre wird das deut­lich.

LA MAMAN ET LA PUTAIN gelingt es so viele Stim­mungen zu vere­inen: Mal ist der Film trau­rig, dann lustig, ernst, philosophisch, emo­tion­al. Nie neigt er zu dra­matur­gis­ch­er Über­spitzung. Der Sog, der Fluss ist das Erzähl­prinzip des Films. Und das ist das Raf­finierte, das Überzeu­gende: Dreiein­halb Stun­den lang hält er dieses Prinzip aufrecht – und ist den­noch nie lang­weilig. Es sind ganz viele The­men, mit denen wir es zu tun bekom­men: Beziehun­gen, Sex, Eifer­sucht, Philoso­phie, die Sprache, das Reden, aber auch das Poli­tis­che scheint immer wieder durch. Immer wieder ist der Film gefüllt mit Zitat­en, Sprüchen, Pointen, Anek­doten, Witze, Geschicht­en. Zu jedem der The­men des Films würde man sich gerne das eine oder andere Zitat merken – und man ärg­ert sich, wenn man diese Zitate dann doch ver­gisst. „Wenn es sein muss, rede ich in kürzester Zeit wahnsin­nig viel Mist”, sagt Veroni­ka irgend­wann. Wie er denn im Bett sei, fragt Veroni­ka Alexan­dre irgend­wann: „Je nach Tag und Mei­n­ung”, erwidert er. Die Musik spielt eine Rolle, ins­beson­dere Mar­lene Diet­rich, es wird ganz viel über Filme gere­det: „Filme lehren einen zu leben und das Bett zu machen”, erken­nt Alexan­dre. Und dann wiederum wird er philosophisch: „Ich glaube nicht, dass das Leben wie eine dieser Fabel­wel­ten ist, deren Pforten sich für immer schließen.” Manch­mal ist er tief­gründig, aber oft bleibt er auch bei den Floskeln hän­gen. Und irgend­wann stößt zu diesen Sprüchen, Geschicht­en, Anek­doten, Pointen sog­ar eine kleine Krim­i­nalgeschichte, samt passen­dem Zitat: „Als Zeitungsmeldun­gen sind Morde und Skan­dale immer ein wenig abstrakt.”

Jean Eustache gelingt ein meis­ter­hafter Film um – naja – das Leben, und eben jene vie­len The­men, über die wir schon gesprochen haben. Er lebt von den Dialo­gen, von den Gesprächen, vom Wech­sel zwis­chen Floskel, Wahrheit und Wider­spruch. Dass er es schafft, weit­ge­hend auf herkömm­liche Dra­maturgie zu verzicht­en – wie sie übri­gens immer auch bei seinen Nou­velle Vague-Kol­le­gen vorkam – ist mutig und es ist auch gelun­gen. Der Gradmess­er ist, dass man in den dreiein­halb Stun­den nie Langeweile empfind­et. James Mona­co brachte es in seinem Buch „Film ver­ste­hen” auf den Punkt: „Es gelang Eustache in 3 12 Stun­den inten­siv­en Kinos, nicht nur viele Kon­ven­tio­nen der nun alten Nou­velle Vague einz­u­fan­gen, zu analysieren und zu par­o­dieren, son­dern zugle­ich auch die spezielle, bisweilen stick­ige Atmo­sphäre, mit der sich franzö­sis­che Intellek­tuelle umgeben.” Eustache – und noch viel mehr und radikaler vielle­icht Chan­tal Aker­man, die zwei Jahre später „Jeanne Diel­man, 23, quai du Com­merce, 1080 Brux­elles” drehte, sind damit die Vor­bilder für viele jen­er Regis­seure der Gegen­wart, die sich in den fol­gen­den Jahrzehn­ten der Genre­dra­maturgie ver­schlossen haben. Um noch ein­mal zu mein­er Film-„Bibel”, dem Reclam Film­führer zurück­zukom­men, der fasste damals den Hin­ter­grund des Films fol­gen­der­maßen zusam­men: „Eustache gibt die von Res­ig­na­tion über­schat­tete Bilanz ein­er Gen­er­a­tion. Die Per­so­n­en des Films haben den Glauben an eine poli­tis­che Umwälzung längst ver­loren; die Mai-Unruhen von 1968 sind für sie nur noch eine ferne Erin­nerung. Ihr Protest gegen das Bürg­er­tum ist nur mehr eine leere Geste.” Und: „Doch Eustache ist ehrlich und klug genug, diesen Abge­sang auf eine rev­o­lu­tionäre Idee nicht als abschließende Bilanz auszugeben.”

LA MAMAN ET LA PUTAIN (1973)

Ein Jahr später, 1974, kam sein zweit­er Langspielfilm in die Kinos, MES PETITES AMOUREUSES, auf deutsch MEINE KLEINEN GELIEBTEN. Er unter­schei­det sich in ein­er Vielzahl von Merk­malen von seinem Vorgänger­film: Zunächst ein­mal spielt er auf dem Land – und es wird ein­deutig viel weniger gere­det. Es gibt einen Off-Kom­men­tar des Pro­tag­o­nis­ten Daniel, gespielt von Mar­tin Loeb. Die Szenen sind viel kürz­er, viele blenden ins Schwarz ab – es ist eine viel ellip­tis­chere Erzählweise als bei LA MAMAN ET LA PUTAIN, manche Hand­lungsstränge wer­den gar nicht auserzählt. Und es ist ein Com­ing-of-age-Film, die Haupt­fig­uren sind alles Jugendliche.

Daniel lebt bei sein­er Groß­mut­ter auf dem Land, die Kirche und die Schule prä­gen den All­t­ag der Kinder – und es gibt ein kleines Kino – und damit sind wir vielle­icht bei der ersten großen Par­al­lele zu seinem Vor­läufer­film: Das Kino spielt auch hier eine große Rolle im All­t­ag der jun­gen Pro­tag­o­nis­ten. Das Verkehrsmit­tel der Wahl für die Kinder ist das Fahrrad, nicht jed­er hat eins, man teilt sich das auch mal zu dritt gle­ichzeit­ig und lässt sich bergab gemein­sam nach Hause rollen – die Kam­era rollt mit in ein­er ras­an­ten Bergab­fahrt und dabei sehen wir, dass im Hin­ter­grund ein Zirkus gastiert, der ger­ade sein Zelt auf­baut. Die Hausauf­gaben sind Daniel nicht so wichtig, seine Freizeit ver­bringt er lieber mit den Fre­un­den, oder damit, mit sein­er Vogelfalle Vögel einz­u­fan­gen und sie wieder freizu­lassen. Und natür­lich saugt er eben alle Attrak­tio­nen auf, die das Dorf hin und wieder bietet, eben das Kino oder der Zirkus, und der hat immer­hin Lamas und Geier zu bieten, und einen Schw­ertschluck­er, der sich auch in Scher­ben wälzt. Und weil’s eben auch mal lang­weilig ist in dem Dorf, greift Daniel diese Zirkuser­leb­nisse auf und macht sel­ber kleine Scher­ben- und Faki­rauf­führun­gen vor den anderen Kindern.

MES PETITES AMOUREUSES, Jean Eustache

Aber da ist plöt­zlich eine neue Attrak­tion, die sich Daniel bietet: Mäd­chen. Da ist etwa in der Kirche das Mäd­chen vor ihm, gegen das er „verse­hentlich” stößt, und das son­der­bare Mäd­chen, das ihn immer für jemand anderes hält. Da ist auch das Mäd­chen, das er gerne neckt und mit ihm rangelt, und da ist das Mäd­chen, das ihn aber immer nur ignori­ert. Die Scherze, die sie mit ihr treiben, sind grob.

Eines Tages kommt ihm ein Gerücht zu Ohren: Es scheint, dass er in das näch­st­größere Städtchen soll, um das Col­lège zu besuchen, seine Noten sind gut genug. Und dann – Schwarzblende – ist er auch schon auf der weit­er­führen­den Schule, er umgibt sich mit älteren Jungs, die ihm schon die ganzen Details zu Mäd­chen und Küssen erzählen kön­nen. Irgend­wann wer­den zwei Jungs gar vor seinen Augen mit einem älteren Mäd­chen rum­machen.

Er wohnt bei ein­er älteren Frau in einem Zim­mer. Und endlich erfahren wir, was es denn mit der bish­er abwe­senden Mut­ter Daniels auf sich hat. Sie lebt in Nar­bonne mit einem Geliebten, José, den sie in den Briefen an ihren Sohn nie erwäh­nt hat­te, und sie arbeit­et als Schnei­derin. Die Mut­ter ist ganz städtisch aufge­brezelt, nichts will sie mehr mit der dör­flichen Ein­fach­heit zu tun haben. Immer­hin schenkt sie Daniel, als sie mit José ein­mal zu Besuch kommt, einen Com­ic und einen Füller. Maman erzählt Ober­fläch­lich­es, vom Wet­ter in Nar­bonne, José ist Spanier, Lan­dar­beit­er und redet wenig. Neugierig schaut Daniel den bei­den beim Küssen zu. Immer­hin erzählt José ein paar wenige Dinge, als Daniel gemein­sam mit ihm die Einkäufe erledigt.

Dann kommt der Tag, an dem er alleine in die große Stadt reist, weil seine Mut­ter ihn zu sich holt. Mut­ter holt ihn am Bahn­hof ab, mit dem Taxi fahren sie in sein neues Zuhause. Unter­wegs zeigt sie ihm die urba­nen Sehenswürdigkeit­en, immer­hin gibt es ein Kino. Die Woh­nung ist eng, er muss auf ein­er Matratze auf dem Boden schlafen, vielle­icht, hat ihnen die Ver­mi­eterin angedeutet, kön­nen sie bald noch ein zusät­zlich­es Zim­mer nehmen. Alleine erforscht er die Stadt, und bald lernt er einen älteren Jun­gen ken­nen, dem er sich anschließt. Sie gehen zusam­men ins Kino und Daniel lässt sich die städtis­chen Gepflo­gen­heit­en erk­lären, etwa das Prome­nieren, bei dem man Mäd­chen oder Jungs ken­nen­lernt: „So war’s schon immer!” Dann prome­nieren sie eben ver­such­sweise auch. Erst allmäh­lich erfährt Daniel mehr über das Leben sein­er Mut­ter mit José. Aber zunächst begin­nt Daniels Leben in der Stadt mit ein­er großen Ent­täuschung, die sein Leben prä­gen wird. Seine Mut­ter beab­sichtigt nicht, ihn aufs Col­lège zu schick­en. Das kostet zwar nichts, aber die Büch­er, die Klam­ot­ten, die Hefte. Damals habe sie, sagt die Mut­ter, auch noch Träume gehabt. „Ich hätte einiges zu sagen gehabt, doch ich schwieg”, erzählt uns Daniels Off-Stimme. Und das erste Mal greift Eustache hier zu einem dra­matur­gis­chen Kniff, er erzeugt bewusst Emo­tio­nen im Zuschauer – und man meint in diesem Kniff Auto­bi­ografis­ches angedeutet zu bekom­men – ein Schmerz, den der junge Jean Eustache, mit sein­er ein­fachen Herkun­ft, vielle­icht auch selb­st emp­fand. Und so deutet sich an, dass Daniel, der noch gar keine eige­nen Pas­sio­nen, Inter­essen, Lei­den­schaften, Träume entwick­elt hat, seine Zukun­ft aus den Hän­den geris­sen wird. Statt Schule soll er nun in irgen­dein­er Zweirad­w­erk­statt arbeit­en, ein lang­weiliger Job, an dem er kein Inter­esse hat. Aber immer­hin: Mäd­chen gibt es ja auch in der Stadt…

MES PETITES AMOUREUSES, Jean Eustache

Der SPIEGEL schrieb damals: „Die spröde Heit­erkeit und milde Trauer, die der Film ausstrahlt, wirkt nir­gends auf­dringlich, kein Bild, das nur um irgen­dein­er Beweis­ab­sicht willen da wäre. Eustache nimmt sich sehr viel Zeit für seine Fig­uren, seine Kam­era beobachtet zärtlich und ein­fühlsam die so schein­bar alltäglichen Ver­wirrun­gen der Pubertät. War ‚Die Mama und die Hure’ ein Film der Worte und der Mauern, die sie bilden und einzureißen ver­suchen, so ist dies ein Film der Blicke, der unar­tikulierten und zaghaften Ver­suche, sich selb­st zu find­en in den anderen und sich zurechtzufind­en in Ver­hält­nis­sen, deren erdrück­enden Ein­fluss Daniel hil­f­los ver­spürt.”

In der Tat übt auch MES PETITES AMOUREUSES einen Sog, eine Fasz­i­na­tion auf den Zuschauer aus, auf ganz andere Weise, mit ganz anderen erzäh­lerischen Mit­teln, auch wenn es schwierig ist, in den Pro­tag­o­nis­ten hineinzuse­hen. Eustache bleibt mit der Daniels Charak­ter­isierung weit­ge­hend an der Ober­fläche, auch wenn wir bisweilen mit­tels des Voiceovers kurz in seine Gedanken­welt hinein­horchen kön­nen. Der Unter­schied bei der Fig­uren­charak­ter­isierung im Ver­gle­ich zu LA MAMAN ET LA PUTAIN beruht vor allem darauf, dass Daniel, aber auch die meis­ten der Fig­uren um ihn herum eben nicht so viel reden, wie Alexan­dre im Vorgänger­film. Gemein­sam mit Daniel ver­sucht der Zuschauer im Laufe des Films her­auszufind­en, wer den dieser Pro­tag­o­nist ist, was er will, wo er hin will, was er denkt, was er von Mäd­chen hält. Das ist ein­er­seits schwierig, weil sich eben in der Charak­ter­isierung des Pro­tag­o­nis­ten eine Lücke auf­tut (so wie ja die Lücke eines der wichtig­sten Erzähl­prinzip­i­en des Films ist), ander­er­seits ist es dur­chaus span­nend, wenn wir dabei sind, diese Lücke füllen zu wollen und alle möglichen Einzel­heit­en, Gestik, Mimik, die weni­gen Worte, auf­schnap­pen und einord­nen wollen. Dabei kommt uns dieser Pro­tag­o­nist dur­chaus nahe, man ver­set­zt sich in ihn hinein, ver­gle­icht, wie das bei einem selb­st so war, als man in Daniels Alter war. Das ist erzäh­lerisch dur­chaus auch ein Exper­i­ment, ähn­lich wie LA MAMAN ET LA PUTAIN auch schon eine nar­ra­tive Ver­such­sanord­nung war.

MES PETITES AMOUREUSES, Jean Eustache

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