
Ich war noch nie auf Hiddensee. Zuerst dachte ich HIDDENSEE wäre so etwas wie die Fortsetzung eines Inselzyklus, nach AMRUM etwa. Aber es ist ein Dokumentarfilm. Sechseinhalb Stunden etwa dauert die Reise von mir zu Hause laut Google, erst mit dem Zug nach Stralsund, dann mit der Fähre rüber auf die Insel Hiddensee, die sich ans ungleich größere Rügen anschmiegt. 19 Quadratkilometer sei die Insel groß, sagt Wikipedia, 913 Menschen leben dort, die höchste Erhebung ist überraschende 72,5 Meter hoch. Meine Lieblingsbeschäftigung bei Filmen, die an besonderen Orten spielen, ist bei Wikipedia nachzusehen, welche berühmten Menschen da geboren sind oder zumindest da gelebt haben. Der Abschnitt „Persönlichkeiten” fehlt aber in der Onlineenzyklopädie. In Ermangelung entsprechender Berühmtheiten? Wir werden sehen. Immerhin erwähnt der Eintrag Hiddensees Rolle als Künstlerkolonie. Käthe Kruse, Willy Jaeckel und Joachim Ringelnatz werden in diesem Zusammenhang genannt. Und Nina Hagen, die in „Du hast den Farbfilm vergessen” die Insel erwähnt: „Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee”.
Annekatrin Hendel gehört zu den namhaftesten deutschen Filmemacher*innen, auch als Produzentin, Autorin und Szenenbildnerin machte sie sich einen Namen, vor allem im Dokumentarfilmbereich. Zunächst studierte sie Design und in der Tat war das Kostüm- und Szenenbild ihr Weg zum Film. Im Jahr 2004 gründete sie dann ihre Produktionsfirma IT WORKS!, 2011 drehte sie ihren ersten Dokumentarfilm fürs Kino, VATERLANDSVERRÄTER, über den DDR-Schriftsteller Paul Gratzik. Im selben Jahr erschien FLAKE – MEIN LEBEN über den Rammstein-Keyboarder Christian „Flake“ Lorenz. Im Jahr 2014 lief ANDERSON auf der Berlinale, über den DDR-Opppsitionellen un Stasi-Informanten Sascha Anderson. 2015 lief FASSBINDER in den Kinos, 2018 FAMILIE BRASCH. Zuletzt war ihre Doku UNION – DIE BESTEN ALLER TAGE über Union Berlin im Kino zu sehen.
„Man könnte sagen, dieser Film begann vor zehn Jahren mit einer Unruhe”, erzählt Annekatrin Hendel über die Entstehung des Films. „Nicht der Sorte, die einem ins Gesicht springt, sondern der, die sich wie ein Stachel im Alltag festsetzt: zwischen zwei Sätzen am Küchentisch, zwischen U‑Bahn-Stationen, zwischen Wahlplakaten, die plötzlich wieder Farben tragen, die man nur noch aus Geschichtsbüchern kennt. Und in dieser Zeit fuhr ich zurück nach Hiddensee – auf die Insel, die wir als Ostberliner Teenager in den Achtzigern für uns gekapert hatten. Das Meer war umsonst. Das war unser Kapital. Ideal für uns Stromer, Mittellose, Möchtegern-Künstler.”
Einer ganzen Reihe Hiddenseer Protagonisten und Lokalprominenter begegnen wir in dem Film, Thomas Gens, dem Bürgermeister und Landtagskandidaten, Konrad Glöckner, dem Inselpastor, Vanessa Marx, Kurdirektorin und Entertainerin, Maren Lass, Modedesignerin und Shop-Inhaberin, Barbara Schnitzler, Schauspielerin und Tochter von Karl-Eduard von Schnitzler, Jana Leistner, Leiterin des Heimatmuseums. Hiddensee ist klein genug, dass der eine oder die andere gerne auch mal zwei oder mehr Rollen einnimmt.
Der Film beginnt mit Wasser, Wellen, Wellenrauschen. Natürlich. „Wer einmal auf der Insel war, kommt nie mehr oder immer wieder”, erzählt eine Stimme aus dem Off. Es ist ein Gerhart Hauptmann-Zitat – und Hauptmann werden wir immer, immer wieder begegnen in dieser Doku. Er ist so etwas wie der virtuelle Protagonist. Hiddensee ist von der restlichen Welt, vom restlichen Deutschland mehr abgeschlossen, als andere Gegenden. Übersichtlich ist die Welt hier. Es gibt eine Hundertjährige, die alle Hiddenseer der letzten hundert Jahre kannte. Alles, außer die Zugezogenen. Und das wird schon einmal die Grundstimmung des Films andeuten: Die Distanz zwischen der Inselwelt und der Einfluss dessen, was von außen hereinströmt und die übersichtliche Inselwelt bedroht. „Das Romanische Café in der Ostsee” wurde Hiddensee bisweilen genannt, wenn mehr auf die Künstlerkolonie abgehoben werden sollte. Dann wurde der Vergleich zu jenem berühmten Berliner Künstleretablissement unweit der Gedächtniskirche herangezogen. Oder, wenn die Abgeschlossenheit, die Hermetik unterstrichen werden sollte, dann hieß es „Das Versteck im Meer”. Schon zu Beginn wird klar gemacht, dass es unzählige Prominente gab, die einen engen Bezug zur Insel hatten. Neben Gerhart Hauptmann zum Beispiel Asta Nielsen, Thomas Mann, Stefan Zweig, Gottfried Benn, Mascha Kaleko, Albert Einstein, Friedrich Wilhelm Murnau, Erich Kästner.
Der Film beginnt also mit Wellenbildern und die sind, wie der ganze Film in Schwarzweiß, mal in zarten Landschaftsschattierungen, mal mit harten, krassen Licht-Schatten-Bildern. Martin Farkas ist für die Bilder zuständig, und die Regisseurin selbst. Die Musik hat Flake komponiert, eben jener Rammstein-Keyboarder, über den die Regisseurin bereits eine Doku gedreht hatte. Ebenso wie die Bilder ist auch die Musik faszinierend: Mal synthetisch-rythmisch eingängig, mal zart und zurückhaltend.
Es ist beeindruckend, wie der Film nun seine Geschichte entfaltet. Natürlich bewegen wir uns durch die Historie, aber der Film springt auch immer, in die Gegenwart etwa, doch nie lässt er uns alleine oder orientierungslos. Wir landen in den 1920ern, bei der künstlerischen Avantgarde, bei Asta Nielsen zum Beispiel, die eine architektonisch interessante Villa ihr Eigen nannte. Es geht um den Künstlerinnenbund, abschätzig „die Malweiber” genannt. Aber bereits im Jahr 1922 gab es auch schon antisemitische Auswüchse: Ein Inselprospekt warb damit, dass die Insel „judenfrei” sei.
Dann das Dritte Reich das, je nachdem wie man es sieht oder wen man fragt mit unterschiedlicher Intensität auf der Insel ankam. Vom Krieg, sagt eine Frau, habe man nicht viel gemerkt. Außer das alle ihre Klassenkameraden gefallen seien. Die Flieger hingegen flogen über die Insel hinweg Richtung Berlin und so.
Den größten Teil der dokumentarischen Erzählung wird dann, das wird nicht überraschen, die DDR-Zeit einnehmen. „Freiheit”, oder „Freiraum”, wie der Inselpastor einmal sagt, waren schon zu DDR-Zeiten Begriffe, die mit Hiddensee verbunden waren.
Aber wie erwähnt, werden wir auch immer wieder in die Gegenwart springen. Es wird um die lokalen Verkehrsmittel gehen: Fahrräder, Boote, Elektrorollstühle und ein Polizeiauto. Es wird um den Bürgermeister gehen, um dessen umstrittene Rolle im Zusammenhang mit der Zukunft der Insel, Stichwort „Hiddensee wird niemals Mallorca”. Jürgen Drews wird eine Rolle spielen und im Gegensatz dazu immer wieder Gerhart Hauptmann.
Der Film springt zwischen Themen und Zeiten, das macht er aber unter erstaunlicher Beibehaltung der erzählerischen Geschlossenheit: Kunst, Kultur, Natur, Geschichte, Politik usw. Aber was den Film schließlich wirklich zu einem faszinierenden Werk macht, zu einem kleinen Gesamtkunstwerk, ist die stilistische Vielfalt. HIDDENSEE vereint die erwähnten beeindruckenden Schwarzweißbilder mit wundervollen Puppentheaterszenen, der grandiosen Musik und unvergesslichem Archivmaterial. HIDDENSEE ist alles andere als ein Werbefilm aber gerade deswegen gelingt es ihm, das Interesse an der Insel zu erwecken.
„Was haben wir hier gelacht, geliebt und gebrochene Herzen geflickt”, sagt die Regisseurin. „Die ‚Goldgräberstimmung’ der schnellen Wiedervereinigung Deutschlands 1990 brachte mich dazu, nicht mehr hier her reisen zu wollen. (…) Die Insel wurde mir fremd. Jahre später erzählten Freunde, die geblieben waren, von neuen Verwerfungen. Und plötzlich wurde diese kleine Insel, die auf der Landkarte kaum auffällt, wieder interessant. Also zogen wir los mit der Kamera. Nicht wegen der Natur – die ist sowieso unverschämt schön –, sondern wegen eines Streits, der die Insel spaltet. Pastor gegen Bürgermeister. Zwei Männer, zwei Welten, zwei Deutungen von Heimat. Kein pittoreskes Duell, sondern ein Kampf um Räume, Werte, Kultur und politische Macht. Doch dieser Streit ist nur eine Schicht. Denn während diese Kräfte ringen, gibt es stets immer auch die Stimmen der Achtzigerjahre, meiner Generation. Die erzählen, wie Hiddensee einst war– Insel der Freiheit, der lauten Rebellion. Und darunter die Stimmen der 1920er, als der Hiddensee Mythos überhaupt erst entstand. Dann die Jungen von heute. Sie kommen, weil sie etwas suchen, das sie anderswo nicht finden: Ruhe, Klarheit und vielleicht eine Ahnung davon, wie man leben könnte, wenn man sich traut. Und über allem die Alten, die das ganze letzte Jahrhundert überblicken. In diesem Mikrokosmos erkennt man plötzlich die größeren Driftlinien. Deutschland unter der Lupe. Man schaut hin und merkt, dass man einer Wiederholung beiwohnt.”
Im Sommer gibt es übrigens auf Hiddensee ein erstaunlich vielfältiges Inselkino, das „Zeltkino”, das auch im Film zu sehen ist. Da läuft zum Beispiel „Vivaldi und ich”, „Michael”, „Dann passiert das Leben”, „Hamnet” und „Rose”, aber auch eine Vielzahl an Kinderfilmen. Und ab Mitte August wird natürlich HIDDENSEE zu sehen sein. Ein bisschen träume ich davon, mir diesen grandiosen Dokumentarfilm genau dort noch einmal anzusehen.