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„Mein Kontakt zu Anne entstand durch einen tragischen Zufall: ein Freund von mir ist drogenabhängig und wurde von Anne aufgenommen”, erzählt der Filmemacher Konrad Schlaich. „Bei einem Besuch stellte er mir Anne vor und ich erfuhr, dass ihr das Sorgerecht für ihre zwei jüngsten Kinder entzogen wurde und sie dafür kämpft, es wiederzuerlangen. Zu dieser Zeit versuchte Anne, ihre Einsamkeit nach dem Sorgerechtentzug auszugleichen, indem sie ihre Fürsorge Drogenabhängigen vom ‚Maritim’ Platz zeigte, die sie ‚Mama Anne’ nannten.” Schlaich, Jahrgang 1995 stammt aus Berlin, ist von Hause aus Anthropologe und Politikwissenschaftler, hat an der FU studiert sowie an der American University of Beirut im Libanon. Dann stieg er zum Film um, studierte in Babelsberg, schloss 2025 ab. Sein Abschlussfilm hieß POCKETS OF HAPPINESS, lief beim Filmfestival Max Ophüls Preis. „Ich verurteilte Anne für das Umfeld, in dem ihre 14-jährigen Tochter aufwächst. Annes Beziehung zu ihrer Tochter ist von deren Suchtkrankheit und Annes Schuldgefühlen geprägt”, erzählt er. „Trotzdem führen die beiden eine typische Teenager-Mutter-Beziehung zwischen Streitigkeiten und gegenseitiger Zuneigung. Diese Ambivalenz forderte mich dazu heraus, das filmische Porträt von Anne zu beginnen.”
Ein tiefverschneiter Winterabend irgendwo in einem Wohngebiet in Halle an der Saale. Eine Mutter ist mit ihrem kleinen Sohn unterwegs, Pepe. Schlitten, Schneebälle rollen, es schneit weiter. Schnitt.
Anne und Leonie schreien sich an. Sie hat sich nicht gemeldet, seit Tagen. Kein Handy sagt die Jugendliche Leonie. „Hast du Beine?”, fragt die Mutter. Hätte sie sich am nächsten Tag nicht gemeldet, hätte sie die Polizei angerufen. „Sei doch froh, dass ich hier bin”, sagt Leonie. Bin ich auch, bekommt sie als Antwort. Es scheint friedlicher zu werden, aber nein, jetzt geht’s ums Wäsche waschen. Und wieder eskaliert es, eben wegen der Wäsche. Der Familienhund ist auch sauer. Dann ein Friedensangebot der Mutter, aber das reicht nicht. Leonie versucht es mit einem Scherz. Klappt nicht recht. Der Auslöser war das Kindergeld, Leonie wollte das Kindergeld haben. Aber nicht, sagt Anne am Telefon, solange sie noch zu Hause wohnt: „Das gibst du doch eh nur für Drogen aus.” Sucht. Anne hat Leonie dabei beobachtet, wie sie das Gebüsch in der Nähe nach Drogen, Drogenverstecken abgesucht hat. Und dann ist da noch Leonies Impulskontrollstörung…
Auf dem Parkplatz eines ehemaligen Hotels trifft sich die örtliche Drogenszene, gleich nebenan von Annes und Leonies Wohnung in einem Plattenbau. Aber nicht nur Leonie hat Probleme. Nachdem Anne ihren Job verloren hatte, wurde auch für sie eben jener Parkplatz zum Lebensmittelpunkt. Auch Anne hatte mit einer Suchterkrankung zu tun. Aber „Mama Anne”, wie sie dort heißt, weiß, dass es nicht einfach ist, jenem Ort zu entkommen. Und ausgerechnet jetzt entgleitet ihr die Tochter immer mehr. Sie geht nicht mehr zur Schule – und nimmt eben auch Drogen. Die Stützen, die Hilfen in ihrem Leben könnten die Oma sein, oder die Sozialarbeiter. Aber nichts. Und Anne ist natürlich von Schuldgefühlen geplagt, dass sie Schuld daran sein könnte, dass ihre Tochter Leonie da gelandet ist, wo sie ist. Den Strom hat Anne schon lange nicht mehr zahlen können, der ist inzwischen abgeschaltet. Aus der Wohnung muss die am Ende des Monats raus. Wohin dann? „Sache mal, wie weit bist du runter gekommen”, sagt die Oma. Anne streitet das ab, will das nicht wahrhaben.
Insgesamt von vier Frauengenerationen dieser Familie erzählt Konrad Schlaich. Von Traumata, fehlender Resilienz. Und es kommt wie es kommen muss: Irgendwann tritt das Jugendamt auf den Plan, es geht um das Sorgerecht – und um eine sechsmonatige Haftstrafe, die Anne wegen nicht bezahlter Geldstrafen antreten muss. Gibt es für Anne und vor allem für Leonie einen Weg heraus aus diesem Drama? Werden die beiden noch Chancen auf ein besseres Leben haben? Wer könnte dabei helfen, einen Ausweg zu finden? Und wo ist eigentlich Pepe?
Konrad Schlaich gelingt eine beeindruckende Charakterisierung der beiden Protagonistinnen Anne und Leonie. Es macht einen beim Zusehen geradezu nervös, immer dabei zu sein, wie Anne irgendwas aufräumt, sortiert, macht, tut, wie eine Ersatz- oder Ablenkungshandlung. Das erzählt viel über die Mutter. Es tut einem weh, bei den immer wieder aufbrandenden Konflikten zusehen zu müssen. „Aber ich bin doch nicht alleine dran Schuld”, sagt Anne irgendwann. Und dann fragt ihre Mutter oder ihre Oma zurück: „Ja wer denn noch?” Und Anne druckst herum, hat keine Antwort. Irgendwas mit „die Gesellschaft” scheint ihr auf den Lippen zu liegen. Aber eigentlich merkt sie selbst: Das ist Bullshit. Und das ist eine der stärksten Szenen in Schlaichs Film, weil es eben nicht Sozialromantik ist, weil es genau jener Augenblick ist, an dem man erkennt: Anne kann hier nicht mehr die Verantwortung auf irgendwen anders abschieben. Die Verantwortung liegt bei ihr, und bei niemand anderem.
„Während der Film nicht verschweigt, wie ungleich die Chancen für Kinder in Deutschland verteilt sind, vermeidet er einfache Schuldzuweisungen und Antworten”, sagt Konrad Schlaich. „Im Spannungsfeld zwischen Sorgerechtentzug durch Behörden und den Traumata der betroffenen Mütter war es mir wichtig, eine emphatische, beobachtende Perspektive zu wahren. Das Porträt von Anne soll ihre Ambivalenzen zulassen und die Einflüsse von Frauenbildern der Gesellschaft sowie einer komplexen Familiengeschichte in der Nachwendezeit aufdecken.”
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