Über den Dokumentarfilm „HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE“

Herr Bachmann und seine Klasse.–

Schon als Maria Speths Dokumentarfilm HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE seine Premiere im Rahmen des Berlinale Summer Specials im Juni 2021 feierte, hatte ich einiges über diesen Film gehört. Bevor ich den Film selbst ansehen konnte, gingen mir drei Gedanken durch den Kopf: 1. Werde ich fast vier Stunden – um genau zu sein 217 Minuten – im Kino ertragen? 2. Da ich selbst schon als Lehrer gearbeitet habe, was macht diese Geschichte mit mir selbst? 3. Während ich diese Filmkritik schreibe, sitzt mein Sohn gerade in den allerersten Schulstunden seines Lebens: Kann „Herr Bachmann“ mir vielleicht ein kleines bisschen Zuversicht für die Schulkarriere meines Sohnes (in einer eigentlich schwierigen Kiezschule) geben?

Aber fangen wir von vorne an. Die Filmemacherin Maria Speth ist in Bayern geboren, lebt aber schon lange in Berlin. Nach einigen Jobs bei Filmproduktionen studierte sie 1996 bis 2002 an der HFF in Babelsberg Regie. Drei Langspielfilme drehte sie (IN DEN TAG HINEIN, MADONNEN und TÖCHTER), sowie den Dokumentarfilm 9 LEBEN, für den sie den Deutschen Regiepreis Metropolis erhielt. Der Film nähert sich drei jungen Menschen, die bereits als Jugendliche auf der Straße lebten, und die schon so viel zu erzählen haben, dass es für neun Leben reichen würde, daher der Titel. MADONNEN und TÖCHTER liefen auf der Berlinale.

Der titelgebende Herr Bachmann, Dieter Bachmann, ist seit langer Zeit Lehrer auf einer Gesamtschule, der Georg-Büchner-Schule in Stadtallendorf. Maria Speth kannte ihn seit Jahrzehnten. Er hat ihr immer wieder von Stadtallendorf erzählt, von seiner Schule und von seinen Schülern. Die Regisseurin beschloss irgendwann, einen Dokumentarfilm daraus zu machen. Aus Stadtallendorf, der Georg-Büchner-Schule, den Schülern – und eben Herrn Bachmann. Im Presseheft steht, dass die Produktionszeit von 2015 bis 2021 dauerte. Der Film deckt ein gutes halbes Schuljahr ab, vom Spätherbst und Winter bis zum Ende des Schuljahres im Sommer.

Aber bevor ich über Herrn Bachmann erzähle, muss ich vielleicht wirklich zunächst von Stadtallendorf erzählen, weil diese Stadt nämlich immer wieder eine Rolle in Maria Speths Film spielt. Stadtallendorf liegt in Hessen, zwischen Gießen und Kassel, hat gut 20.000 Einwohner und ist geprägt davon, dass die Industrie eine große Rolle spielt. Der Süßwarenhersteller Ferrero ist ein großer Arbeitgeber, ebenso die Eisengießerei Fritz Winter, bei der Elternteile der Schüler aus dem Film auch arbeiten. In den 60er und 70erjahren des 20. Jahrhunderts kamen zahlreiche „Gastarbeiter“ aus etlichen Nationen nach Stadtallendorf, weil sie in den Fabriken Arbeit gefunden hatten. Zuvor waren im Zweiten Weltkrieg in der örtlichen Rüstungsindustrie zahlreiche Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge tätig.

Herr Bachmann und seine Klasse. —

Die Nachkriegsgeschichte Stadtallendorfs und die verschiedenen Zuwanderungswellen wirken sich bis heute darauf aus, wie die Schulklassen, wie jene von Herrn Bachmann, zusammengesetzt sind. Die Namen der Kinder sind türkischer, russischer, bulgarischer und italienischer Herkunft. Ungefähr 70% der Bewohner und Bewohnerinnen von Stadtallendorf haben einen Migrationshintergrund. Manche der Kinder stammen aus Familien, die halbwegs ordentlich in der ansässigen Industrie verdienen, aber es gibt auch Kinder aus wirklich prekären, schwierigen Verhältnissen. Und aus richtig bildungsnahen Familien scheint keines der Kinder zu stammen. Die Migrationsvergangenheit und -gegenwart der Stadt wird immer wieder im Film miteingeflochten und im Hintergrund erzählt.

Und dann nimmt Maria Speth uns mit in Herrn Bachmanns Unterricht in der sechsten Klasse. Erst war ich etwas irritiert, weil er nämlich ganz schön streng schien – und man fragt sich einen kleinen Moment, in welche Richtung das jetzt wohl gehen mag. Aber dann lernen wir Herrn Bachmann immer mehr kennen. Wie mag man ihn beschreiben: Er ist wohl authentisch, unverstellt. Er schafft es die Balance zu halten zwischen einem Lehrer, der manchmal ein kleines bisschen ein Kumpeltyp ist – sowie einem Lehrer, der seinen Schülerinnen und Schülern aber auch eine Richtung vorgibt, Orientierung und Sicherheit gibt. Er ist offen, interessiert sich für die Kinder, weiß deren Herkunft einzuordnen, versucht auch die Eltern und deren Nöte herauszufinden und zu verstehen. Er hat keine Vorurteile und Ressentiments, er schafft es, eine angstfreie, Ruhe ausstrahlende, vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen. Und fasziniert meint man, dabei zusehen zu können, wie er es schafft, beinahe nebenbei das Selbstvertrauen der Kinder zu stärken. Er lässt kein Thema aus, provoziert, bohrt nach, versucht die von zu Hause aufgeschnappten Stereotypen aufzubrechen, beispielsweise bei einem Schülergespräch zum Thema Homosexualität, wo er nicht lockerlässt, und kein oberflächliches, nachgeplappertes Vorurteil, das die Kinder von zu Hause aufgeschnappt haben, gelten zu lassen.

Herr Bachmann und seine Klasse. —

Und eines der Werkzeuge, mit denen es Bachmann immer wieder schafft, seine Kinder zu knacken, ist die Musik. Seine Musik. Aber natürlich auch die Musik der Kinder. Er spielt mit ihnen, verleiht ihnen Lockerheit, kitzelt ihre Kreativität hervor. Fördert diese. Und er steigert damit ihr Selbstbewusstsein.

All diese Charakterzüge, all diese Fähigkeiten des Lehrers bringt uns die Regisseurin im Lauf des Films immer näher, in kleinen Szenen, die wundervoll komponiert und geschnitten sind (für den Schnitt war Maria Speth übrigens selbst verantwortlich) und die diesen Dokumentarfilm immer mehr zu einem runden, bewundernswerten kleinen Schatz werden lassen. Wir werden immer tiefer hineingezogen, emotional eingebunden, immer mehr beginne ich zu wünschen, auch solch einen Lehrer gehabt zu haben – obwohl ich mich über die Lehrer meiner Schulkarriere größtenteils eigentlich gar nicht beschweren mag.

Aber was Maria Speth noch viel mehr zuzuschreiben ist, ist wie sie es schafft, uns die Schülerinnen und Schüler näherzubringen. Bald erwische ich mich dabei, wie ich Lieblingsschüler habe, aber mitfiebern tut man mit allen, man hofft, dass sie eine Zukunft haben, dass ihnen das gelingt, wovon sie träumen. Speth deutet die unterschiedlichen Charaktere an, erzählt so viel über den Alltag der Kinder, deren Verhältnis zu ihren Eltern – und zu ihrem Lehrer.

Im Presseheft zum Film wird Herrn Bachmann der Wunsch erfüllt, auch etwas zu dem Filmprojekt und zu seiner Arbeit zu sagen: „Ich habe mich schon oft gefragt, wie mir das passiert ist, Lehrer zu werden. Ich glaube die Schüler der Georg Büchner Gesamtschule in Stadtallendorf haben mir unmissverständlich gezeigt, was für einen Lehrer sie haben wollen: einen der ihnen Äpfel und Müsli und Döner zu essen gibt, einen der mit ihnen Fußball spielt, Musik macht und malt und Geschichten erfindet und schreibt, einen der mit ihnen liest, wie die Welt so aussieht und was es zu entdecken gibt, einen den sie fragen können, was immer sie wollen, aber vor allem einen, der sie nicht abwertet mit Noten, Defiziten… Sie wollen einen Lehrer, der auch gerne in die Schule kommt, mit dem sie lachen und singen und schreien können, einen der ihnen auch mal sagt, wo es lang geht, wenn die Fäuste geflogen sind und wenn Schwule oder Behinderte beschimpft werden. Im Kern ist es also eine ganz normale Beziehung zwischen Kindern oder Jugendlichen und einem Erwachsenen im Spiegel von: ich trau dir das zu, das machst du besser nicht, hier geht es auf keinen Fall lang, aber ich vertraue dir, ich weiß du hast es drauf, ich find dich gut.“

Bachmann ist Vorbild, lebt vor, fordert von den Kindern auch Offenheit, Authentizität, Ehrlichkeit ein. Bei aller Frustration, die der Lehrerberuf mitbringen kann, schafft Bachmann das, was einen Lehrer in seinem Beruf auch glücklich machen kann: Kindern im Leben eine Richtung zu geben, die sie dazu befähigt, mutig, kreativ, fähig, erfolgreich, glücklich, was auch immer, zu sein.

Zurück zu den drei Gedanken, die mich beschäftigten, bevor ich den Film gesehen habe: 1. Ich kann mich nicht erinnern, wann mich zuletzt ein (fast) vierstündiger Film so sehr gepackt, so wenig gelangweilt hat. Eigentlich sollte man gar nicht über die Filmlänge reden und sie besser verheimlichen. Sie schreckt nur ab und täuscht darüber hinweg, wie überzeugend der Film einen mitnimmt. Also: Der Film ist unglaublich kurzweilig und unterhaltsam, glaubt mir. Und er ist ein kleines, sanftes, berührendes filmisches Meisterwerk.

2. Der Film zeigt mir einerseits ein bisschen auf, wovon ich in meiner (kurzen) Lehrerkarriere zu wenig hatte: Vielleicht so etwas wie das Zulassen von Authentizität, von Gelassenheit. Definitiv fehlte mir aber auch die Möglichkeit, in die Lehrerrolle langsam hineinwachsen zu können. Für den Quereinstieg in die Rolle eines Grundschullehrers an einer Schule im Berliner Wedding wurde ich sage und schreibe zunächst zwei Wochen eingelernt. Dann wurde ich auf Schüler losgelassen, es hieß, dass ich erst einmal bei anderen Lehrern mit dabei sei – und dann irgendwann auch mal eine Klasse für mich allein hätte. Diese Situation, dass ich Klassen alleine unterrichtete, trat, naja, dann am zweiten Schultag bereits ein.

3. Heute ist also der allererste Schultag meines Sohnes, in einer Grundschule in Neukölln. Vor einigen Jahren sah ich am Fernsehen eine Doku über unseren Kiez. Da wurde auch an eben dieser Schule gefilmt. Der Off-Kommentar lautete sinngemäß, mit Betroffenheitston in der Stimme: „Die xy-Schule in Neukölln. Eine Problemschule. Wer hier zur Schule geht, hat keine Zukunft.“ Seither hat sich unser Kiez komplett verwandelt. Er ist in großen Teilen durchgentrifiziert, die Mieten sind ins Unermessliche geschossen, aber es gibt auch noch eine Menge Sozialwohnungen, was dazu führt, dass die Sozialstruktur des Kiezes noch halbwegs gesund ist. Und das ist auch in der Schule meines Sohnes angekommen, weil auch die relativ neu Zugezogenen, wie wir, ihre Kinder eben immer häufiger zur Kiezschule schicken, statt sie durch die Stadt zu kutschieren. Ich drücke meinem Sohn die Daumen, dass zumindest bei den einen oder anderen Pädagogen und Pädagoginnen, mit denen er in seiner Schullaufbahn zu tun haben wird, ein kleines bisschen von dem zu entdecken ist, was Herrn Bachmann ausmacht.

HERR BACHMANN UND SEINE KLASSE

(Deutschland 2021)

Filmstart: 16. September 2021

Dokumentarfilm, 217 Minuten, DCP, deutsche Fassung

Regie: Maria Speth

Mit Dieter Bachmann, Aynur Bal, Önder Cavdar und den Schüler*innen der Klassen 6b und

6f

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.