Berlinale goes Landwirtschaft: Über drei Filme aus dem Wettbewerb 2022

Yin Ru Chen Yan – Return to Dust von Li Ruijun – c Hucheng No 7 Films Ltd

„Unentbehrlich, aber umkämpft wie nie ist die Landwirtschaft heute – als Wirtschaftsfaktor, als Umweltproblem und Mitverursacher von Klimawandel und Artensterben, als Frage des Lebensstils. Das ist Anlass, die Filmbilder der Landwirtschaft ins Auge zu fassen und Themen, Ideologien und Filmsprache des globalen Genres „Landwirtschaftsfilm“ zu analysieren“, schreibt der Autor Patrick Holzapfel im film-dienst über das Sub-Genre des Landwirtschaftsfilms. Der Wettbewerb der Berlinale 2022 zeigte gerade drei beeindruckende Vertreter dieses Genres, u.a. den Gewinner des Goldenen Bären.

Die Filmgeschichte bietet eine Vielzahl an Beispielen von Filmen, die sich in mannigfaltiger Art und Weise mit dem Leben und dem Alltag von Bäuerinnen und Bauern beschäftigen, wobei Abgrenzungen zu Genres wie dem Heimatfilm, dem Western und dem Sozialdrama bisweilen willkürlich sind:

Die Generallinie (Sergej Eisenstein, 1926-29)

Früchte des Zorns (John Ford, 1940)

Der Mann aus dem Süden (Jean Renoir, 1945)

Bitterer Reis (Giuseppe de Santis, 1949)

Der Meineidbauer (Rudolf Jugert, 1956)

Die Geierwally (Franz Cap, 1956)

Der Holzschuhbaum (Ermanno Olmi, 1977)

Herbstmilch (Joseph Vilsmaier, 1989)

Die Siebtelbauern (Stefan Ruzowitzky, 1998)

Das weiße Band (Michael Haneke, 1998)

Seit jeher gehört Existenzangst zu den bedeutenden Themen, die dieses Genre prägen, so auch bei allen drei Filmen, um die es im Folgenden geht. Weitere wichtige Themen sind die Bedeutung von Tier und Natur, Tod, die Gegenpole von Stadt und Land sowie Tradition und Moderne und last but not least ging es im Landwirtschaftsfilm zu allen Zeiten immer auch um die Einordnung der Rolle der Frauen. Das Dorf und der Hof fugierten immer wieder als Mikrokosmos oder als abgelegener, von der Sicherheit spendenden Zivilisation, entfernter Ort.

Alcarras

von Carla Simón
mit Jordi Pujol Dolcet, Anna Otin, Xènia Roset, Albert Bosch, Ainet Jounou
Spanien / Italien 2022
Katalanisch

Alcarràs von Carla Simon – c Lluis Tudela — Joel Rovira, Ainet Jounou, Isaac Rovira —

Die Familie Solé lebt seit Generationen auf einer Pfirsichplantage in Katalonien. Die Arbeit ist hart und die Kinder werden mit eingespannt, auch wenn für sie die Plantage ein großer Abenteuerspielplatz ist. Die tägliche Arbeit ist von den Jahreszeiten und vom wechselnden Klima geprägt. Einen Vertrag mit dem Besitzer des Grundstückes gibt es nicht, damals wurde alles per Handschlag vereinbart. Nun droht der Familie nach dem Sommer die Zwangsräumung. Die ersten Veränderungen deuten sich an, als ein Bagger ein altes Autowrack entfernt, das den Kindern als Spielplatz diente, nun aber im Weg ist. Pfirsiche werfen nicht viel Geld ab, mit Solarenergie lässt sich mehr Geld verdienen. Die Bäume sollen gefällt werden und durch Solaranlagen ersetzt werden. Die niedrigen Gewinnmargen der Landwirtschaft setzen den Bauern der Gegend sowie so schon schwer zu und versetzen sie in Wut, der sie bei Demonstrationen in der Stadt Luft verschaffen. Verzweifelt versucht die Familie das traurige Schicksal abzuwenden, doch eine mündliche Vereinbarung vergangener Zeiten wiegt heute nichts mehr. Die Zukunft ist ungewiss, aber auch innerhalb der Familie kommt es zu Streit. Traditionen sind bedroht und für die Kinder der Familie kündigt sich das Verschwinden eines Glücksortes an…

Alcarras, der Gewinner des Goldenen Bären, besticht durch seine erzählerische Vielfalt. Immer wieder nimmt er die Perspektive der Kinder ein, für die die Pfirsichplantage gleichzeitig ein Ort der Geborgenheit und der Freiheit ist, aber ebenso ein Abenteuerspielplatz. Es ist ein berührender und aktueller Kommentar zur Kollision traditioneller Lebensweise mit der Moderne. Der für das Genre zentrale Topos der Existenzangst wird in Alcarras exemplarisch an allen Protagonisten durchgespielt: Der Verlust der Lebensgrundlage und des Lebensinhaltes droht.

Da die Familie von der Plantage lebt, spielen Tiere nur nebenbei eine Rolle: In Alcarras treten Tiere vor allem als Schädlinge und als Gefahr für den Erfolg der Pfirsichernte auf: Die Hasen knabbern die Pflanzen an, deswegen müssen sie gejagt werden. Einer der Hasen landet tot im Pool der Familie, die Kinder fischen ihn mit großem Interesse heraus. Eine weitere Tierszene gehört zu den poetischen des Films: Nachts spaziert der schlaflose Großvater durch den Pfirsichhain und entdeckt plötzlich eine Kuh, die dort steht. Ein Lächeln hellt sein besorgtes Gesicht auf.

„Seit der Jungsteinzeit haben Menschen das Land in Familienverbänden bewirtschaftet. Es ist der älteste Beruf aller Zeiten. Aber die Wahrheit ist, dass die Geschichte der Familie Solé zu einer Zeit kommt, in der diese Art der Landwirtschaft nicht mehr nachhaltig ist. Es stellt sich die eigentliche Frage, was Landwirtschaft heute für uns bedeutet. Wir wollten den letzten widerständigen Bauernfamilien, die noch an ihren Traditionen festhalten, eine nostalgische, aber unsentimentale Hommage erweisen”, erklärt die Regisseurin.

Drii Winter

von Michael Koch
mit Michèle Brand, Simon Wisler, Elin Zgraggen, Daniela Barmettler, Josef Aschwanden
Schweiz / Deutschland 2022
Schweizerdeutsch

Drii Winter – (c) Armin Dierolf – hugofilm — Simon Wisler —

Anna lebt mit ihrer Tochter in einem abgelegenen, winzigen Bergdorf im Kanton Uri in der Schweiz. Julia stammt aus einer früheren Beziehung. Dass das Kind aus einer unverheirateten, gescheiterten Beziehung stammt, betrachten die Dorfbewohner mit Argwohn. Ob Annas neue Beziehung halten wird, bezweifeln sie, denn Marco ist zwar ein kräftiger Kerl, der anpacken kann, stammt aber aus dem Schweizer Flachland. Marco und Anna sind sich aber sicher, dass ihre Beziehung funktionieren wird, zumal sich Marco auch rührend um die kleine Julia kümmert. Durch sein kräftiges Anpacken kann er schließlich auch bei einigen Dorfbewohnern an Ansehen gewinnen, doch dann scheint er immer häufiger die Kontrolle über sein Verhalten zu verlieren. Einen Motorradunfall übersteht er noch weitgehend unverletzt, aber sein Verhalten wird immer unzuverlässiger und bedrohlicher – und nichts kann in einem Bergdorf mit solch harten Arbeitsbedingungen weniger gebraucht werden als jemand, auf den man sich nicht verlassen kann. Anna hält weiter zu ihm, auch als ein Arzt in der Stadt ihm eine niederschmetternde Diagnose stellt. Als auch Julia in Gefahr scheint, wendet sich Anna von ihm ab…

Zu einer der eindringlichsten Szenen in Drii Winter gehört jene, in der eine Kuh zur Besamung gebracht und vom Stier bestiegen wird. Die Kamera ist nah dran, die Mächtigkeit des Tieres und der Vorgang der Besamung ist beeindruckend. Der Flachländer Marco scheut sich aber nicht, unterstützend beiseitezustehen und verschafft sich damit durchaus Respekt bei den Dorfbewohnern.

Drii Winter – c Armin Dierolf – hugofilm — Simon Wisler —

Beeindruckend ist auch die Darstellung der Heuernte im unwegsamen Gelände. In einer Szene sieht man ein Kabel vom Boden ausgehend nach oben im Nebel verschwinden. Plötzlich hört man ein sirrendes Geräusch, dann taucht ein zunächst undefinierbarer Gegenstand von oben im Bild auf, der sich dann als Heuballen herausstellt, der am Kabel eingehakt zu Tale rutscht und schließlich auf den Boden prallt.

Im engen, den Unbillen der Natur ausgelieferten Bergdorf muss Religion traditionell eine Rolle spielen. Der Dorfpfarrer spricht Anna irgendwann darauf an, ob sie nicht in die Kirche kommen und mit ihm beten wolle, der Glaube habe in solch schwierigen Situation der ihrigen immer geholfen. Anna zögert nicht, sie braucht keine Unterstützung durch die Religion und lehnt ab. Stammtisch und Kirchenchor als Ausprägungen wichtiger sozialer Dorfeinrichtungen spielen auch in Alcarras eine kurze Rolle – in Drii Winter sind sie zentrale narrative Handlungselemente. Der Chor strukturiert geradezu die Handlung, ja noch mehr: Die Liedtexte fungieren als Zwischentitel, als Kommentar, als Einordnung der Geschehnisse, quasi wie die Zwischentitel im Stummfilm oder der Zwischengesang im Theater.

Drii Winter – c Armin Dierolf – hugofilm — Michèle Brand, Simon Wisler —

Wie in vielen Landwirtschaftsfilmen wird auch in Drii Winter die Gegensätzlichkeit zwischen Stadt und Land angedeutet. Drii Winter geht aber noch weiter: Die Bergdorfbewohner sind Marco gegenüber skeptisch, weil er aus dem „Flachland“ stammt und von daher mit den Anforderungen des Gebirges nicht vertraut ist. Drii Winter zeichnet sich durch Die Begrenzung der Schauplätze und durch die Figurenzeichnung aus. Man fühlt die innere Zerrissenheit Annas, zwischen der Sorge um ihre Tochter und dem Zwiespalt zwischen der Angst vor ihrem charakterlich veränderten Lebensgefährten und der Zuneigung zu ihm, die sie dennoch weiterhin empfindet. Auch die Natur selbst spielt eine wichtige Rolle: „Die Natur da oben ist auch eine Figur“, erklärt der Regisseur. „Ich habe versucht, diese Natur wirklich als eine Figur einzuführen in den Film und mit ihr zu arbeiten, weil ich glaube sie hat einen großen Einfluss auf die Leute, die in ihr leben und mit ihr leben.“

Der teils mit Laienschauspielern gedrehte Drii Winter ist nach Marija – der Geschichte einer ukrainischen Einwanderin in Dortmund – Michael Kochs zweiter abendfüllender Spielfilm. Koch hat an der Kunsthochschule für Medien in Köln studiert. Die Wettbewerbsjury vergab an Drii Winter eine lobende Erwähnung.

Yin Ru Chen Yan

von Li Ruijun
mit Wu Renlin, Hai Qing
Volksrepublik China 2022

Yin Ru Chen Yan – Return to Dust von Li Ruijun – c Hucheng No 7 Films Ltd — Wu Renlin, Hai Qing —

Ma und Guiying führen ein einsames und schweres Leben. Ma blieb lange unverheiratet, doch alleine kann man die bei der Landwirtschaft anfallende Arbeit nicht erledigen. Die körperbehinderte Guiying ist auch unverheiratet geblieben, also führen sie eine arrangierte Ehe, die aber keine Kinder hervorbringt. Sie sind sich fremd, aber sie tun ihr Bestes, um den harten Alltag zu bewältigen. Manchmal ist Ma wütend auf seine Frau, weil sie nicht schnell und sorgfältig genug arbeiten kann, aber allmählich entdecken sie die Nähe zueinander, sorgen sich umeinander und irgendwann entsteht sogar so etwas wie Liebe. Ma baut sich und seiner Frau ein neues, größeres Haus, in dem sie Platz haben und immer mehr gelingt es ihnen, die Anforderungen der Feldarbeit gemeinsam zu stemmen. Ma bekommt die Chance, mit Guiying in die Stadt zu ziehen, aber er weiß gar nicht, was er dort soll, außerdem muss sich doch jemand um den Esel kümmern, der für die beiden Arbeits- und Lasttier, aber eben auch ein geliebtes Haustier ist. Die Stadt ist für die beiden trotz der ärmlichen Bedingungen auf dem Land keine Alternative. Doch da geschieht eines Tages ein Unglück…

In allen drei Filmen nimmt die Darstellung der Arbeit eine zentrale Rolle ein, einerseits zur Demonstration der Schwere landwirtschaftlichen Arbeitens und zur Vermittlung des erforderlichen Arbeitsethos, des Fleißes und der Zuverlässigkeit, andererseits hat die Darstellung der Arbeitsvorgänge in allen drei Filmen auch einen informativen und narrativen Charakter. In Yin Ru Chen Yan nimmt dies beinahe arbeitsethnographische Züge an: Wir lernen etwa in vielen Details die Schritte des Hausbaus im ländlichen China kennen, von der Herstellung der Ziegel bis hin zum Decken des Dachs.

Yin Ru Chen Yan – Return to Dust von Li Ruijun – c Hucheng No 7 Films Ltd — Wu Renlin, Hai Qing 2–

In Yin Ru Chen Yan geht die Rolle, die die Tiere einnehmen unter den drei Filmen am weitesten: Der Esel, der dem Paar als Arbeitsmaschine (einer der Dorfbewohner nennt das Tier einen „BME“, in Anlehnung an BMW) und Nutztier dient, ist aber eben auch Haustier, zu dem die beiden auch eine enge Beziehung aufbauen. Ma redet mit dem Tier und insbesondere in einer der letzten Szenen des Films erkennt er, dass diese Nähe gegenseitiger Natur war.

Die Stadt stellt in diesem Film in vielerlei Hinsicht ein Gegenpol zum Landleben dar. Das Leben in der Stadt könnte einfacher sein, es gibt ein richtiges Wohnhaus mit Strom, Heizung und fließendem Wasser. Aber das Leben in der Stadt, dem Ma entgegensteht wird auch mit einer Entfremdung vom Lebensalltag einhergehen. Das Leben auf dem Land ist zwar hart, aber es kann erfüllend sein. Und es könnte durch schlecht bezahlte Arbeit in der Stadt prekär, oder anonym werden.

„Mein Großvater und meine Mutter waren Bauern, seit ich Kind bin, arbeitete ich auf der Farm. Das Land formte mein Verständnis der Welt, es beeinflusste mein Verständnis von Liebe und Leidenschaft. Ich habe auch eine andere Sicht auf unsere Ernährung und auf die Menschen in unserem Umfeld, und wie man mit bestimmten Problemen im Leben umgeht“, sagt der Regisseur Li Ruijun in einem Interview. Er wurde 1983 in der chinesischen Provinz Gabsu geboren. Seine Filme waren bereits bei den Festivals in Venedig, Cannes und Tokio zu sehen. Sein Kamel-Roadmovie River Road war 2015 bei der Berlinale in der Kinderfilmsparte Generation zu Gast.

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