GEORGIA O’KEEFFE in der Fondation Beyeler

Georgia O’Keeffe in der Fondation Beyeler

„One can’t paint New York as it is, but rather as it is felt.” So beschrieb die amerikanische Malerin Georgia O’Keefe (1887-1986) ihr künstlerisches Verhältnis zur Stadt New York. Georgia O’Keeffes Großstadtbilder spielen in ihrem Oeuvre eine Nebenrolle. Die große Retrospektive, die die Riehener Fondation Beyeler noch bis zum 22. Mai 2022 zeigt, ordnet aber auch ihre Großstadtwerke in ihr Gesamtwerk ein, in ihre Naturbilder, Landschaften, Dorfbilder, in ihre abstrakten Bilder.

O’Keeffes ungefähr 80 Arbeiten, die bei Beyeler versammelt sind (kuratiert von der Beyeler-Chefkuratorin Theodora Vischer), lauten auf Titel wie ‚Blue and Green Music‘, ‚White Iris‘, ‚Black Abstraction‘, ‚From the Lake No. 1‘ oder ‚It Was Yellow and Pink II‘. Saal 5 in dem Riehener Museum zeigt schließlich vier ihrer New York-Bilder: ‚New York Street With Moon‘, ‚Ritz Tower‘ ‚The Shelton with Sunspots‘, ‚East River from the Shelton Hotel’, aus den Jahren 1925 bis 1928.

Aber zurück in ihrer Biografie: Georgia O’Keeffe wurde 1887 in der Nähe von Sun Prairie in Wisconsin geboren, in eine Familie von Landwirten. Sun Prairie, so klingt schon der Name, ist ein Provinzstädtchen, zwei Stunden nordwestlich von Chicago. Und Chicago sollte dann auch in ihrer Biografie eine Rolle spielen, 1905 schreibt sie sich nämlich im berühmten Art Institute of Chicago als Studentin ein, 1907 wechselt sie aber nach New York, sie studiert an der Art Students League weiter, eine namhafte Kunstschule, die 1875 gegründet worden war. Dort begegnet sie dem berühmten Fotografen und Galeristen Alfred Stieglitz, bei dem sie, mit einigen Umwegen, 1917 ihre erste Einzelausstellung zeigt. Stieglitz unterstützt sie finanziell und künftig verbringt sie die Sommer bei der Stieglitz-Familie am Lake George, upstate New York, und die Winter in der Stadt.

Obwohl also New York City in ihrer Karriere und in ihrer Biografie eine bedeutende Rolle einnimmt, spielen ihre Großstadtbilder in ihrem Oeuvre nur eine untergeordnete Rolle. Ich selbst hatte sie gar nicht auf dem Schirm. Umso erfreuter bin ich als Großstadtfotograf, diese Bilder in Riehen für mich entdeckt zu haben.

Womit befassen sich denn diese New York-Bilder? Beginnen wir mit ‚New York Street with Moon’ aus dem Jahr 1925, ihrem ersten Großstadtbild. Wir sehen die schwarz-dunkelrot gefärbten Schattenrisse einiger New Yorker Hochhäuser, aber: Wir dürfen nicht vergessen, dass wir uns noch vor dem Baumboom der ikonischen New Yorker Skyscraper befinden: Das Chrysler Building wurde 1930 eröffnet, das Empire State Building 1931. Wir sehen also hohe Wohnhäuser, aber noch nicht die Wolkenkratzer. Die Schattenrisse formen einen bewölkten Himmelsausschnitt, aus dem der Vollmond hervortritt und den Himmel der Abenddämmerung erleuchtet, zur berühmten blauen Stunde. Im unteren Bereich ist das Rot der Dämmerung zu erkennen, darin ist, ebenfalls als Schattenriss eine Kirchturmspitze zu erkennen, ich bin kein Kirchenspezialist, aber handelt es sich möglicherweise um die Trinity Church, Nähe Wall Street? Die war zum Zeitpunkt ihrer Eröffnung 1846 noch das höchste Gebäude New Yorks, wurde aber bald von den entsprechenden Hochhäusern überholt. Geprägt wird das Bild schließlich von drei Lichtern: Benanntem Vollmond, einer alten Straßenlaterne samt Schein und einer roten Ampel.

Aus dem Jahr 1926 stammt schließlich ‚The Shelton with Sunspots‘. Das Shelton Towers Hotel (zuletzt residierte hier das Marriott East Side, bis dieses 2020 in der Corona-Pandemie schloss) wurde 1924 eröffnet, es liegt an der Lexington Avenue in Midtown Manhattan. Im Herbst 1925 zogen dort Stieglitz und O’Keeffe, nachdem sie geheiratet hatten, in ein Zweizimmerapartment im 28. Stock, später zogen sie in den 30. Stock um. Das Shelton – oder der Blick aus dem Apartment – wurde zu dem New Yorker Lieblingsmotiv von Georgia O’Keeffe. ‚The Shelton with Sunspots‘ kann mit eben jenen im Bildtitel benannten Sonnenflecken der Einfluss der Fotografie kaum leugnen. Auch die sich spiegelnde, „überbelichtete“ Sonne nimmt gestalterische Anleihen in der Fotografie. Auch der Taghimmel wird hier durch die Umrisse der Hochhäuser ausgeschnitten.

‚East River from the Shelton Hotel’ aus dem Jahr 1928 zeigt dann eben die Perspektive von oben herab Richtung East River. Wie durchs Fernglas oder durchs Teleobjektiv zeigt das schmale Querformat eine bildbestimmende horizontale Dreiteilung, unten die Ufergebäude am East River auf Manhattener Seite, dann den East River selbst und oben die Ufergebäude auf der Seite von Queens. Die Schornsteine sorgen für eine vertikale Rhythmisierung des Bildes.

Das vierte New York-Bild ist im Bildformat noch konsequenter als die beiden anderen Skyscraper-Bilder: ‚Ritz Tower‘ aus dem Jahr 1928 ist außerordentlich schmal. Mit dem Mond, der durch die Wolken tritt und diese beleuchtet, der überstrahlenden Straßenlaterne im Vordergrund und der Hochhaus-Silhouette greift das Bild auf gestalterische Merkmale von ‚New York Street with Moon‘ zurück, wird aber auch konkreter durch die Andeutung der mannigfaltigen, beleuchteten Hotelzimmer. Der Ritz Tower, Park Avenue Ecke 57th Street in Midtown Manhattan wurde 1926 eröffnet

Das fünfte und letzte Großstadtbild, das in der Ausstellung zu sehen ist, fällt zeitlich deutlich aus der Reihe: Es stammt aus den 1970er-Jahren, eine genaue Datierung gibt es nicht – und es ist unbetitelt, die Bezeichnung in der Ausstellung lautet ‚Untitled (City Night)‘. Es wird sich auch bei diesem Bild um eine New York-Bild handeln, es ist wieder ein Bild aus Straßenschluchten, zwei dunkle Wolkenkratzer links und rechts sowie ein heller Wolkenkratzer im Hintergrund begrenzen einen blauen Sternenhimmel, auf dem vier Sterne zu sehen sind.

Die Kunsthistorikerin Britta Benke hebt die Verwandtschaft zwischen O’Keeffes Großstadtgemälden und Alfred Stieglitz‘ Großstadtfotografien hervor: „In her adoption of such extreme perspectives from which to paint the city, Georgia O’Keeffe in turn seems to employ a photographer’s eye.“ Benke fasst die Bedeutung von O’Keeffes New York-Bildern folgendermaßen zusammen: „Georgia O’Keeffe’s unique achievement in her paintings was to render visible the intangible charisma and fascination of New York City.”

Der Katalog zur Ausstellung ist bei Hatje Cantz erschienen.
Die Fondation Beyeler zeigt die Retrospektive noch bis zum 22. Mai 2022

ÖFFNUNGSZEITEN:

Montag bis Sonntag 10–18 Uhr
Mittwochs 10–20 Uhr

FONDATION BEYELER
Baselstrasse 101
CH-4125 Riehen/Basel

Literatur:

Britta Benke: Georgia O’Keeffe. 1887-1986. Flowers in the Desert. Köln 1995
Theodora Vischer: Georgia O’Keeffe (Katalog zur Ausstellung in der Fondation Beyeler). 2022.

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