‚Come on, come on’ von Mike Mills

Woody Nor­man, Joaquin Phoenix (L‑R)

Regie: Mike Mills
Kinos­tart: 24. März 2022

„Wenn du an die Zukun­ft denkst, wie stellst du sie dir vor? Wie sieht die Natur aus? Wie verän­dert sich deine Stadt? Bleiben Fam­i­lien so wie heute? Woran erin­nerst du dich und was ver­gisst du? Was macht dir Angst? Was macht dich wütend? Bist du ein­sam? Was macht dich glück­lich?“

Für sein Inter­view­pro­jekt reist der New York­er Radio­jour­nal­ist John­ny (Joaquin Phoenix) durch die USA und inter­viewt Kinder und Jugendliche, über ihre Zukun­ft, ihre Hoff­nun­gen, ihre Äng­ste, ihre Mei­n­un­gen über die USA, über Poli­tik, über die Erwach­se­nen, über ihr Leben. Auch in Detroit, das als Auto-Stadt einst die Zukun­ft sym­bol­isierte, befragt er junge Men­schen, die von ihren Äng­sten und von ihren Hoff­nun­gen auf eine bessere Zukun­ft bericht­en. Abends im Hotel, trost­los und allein, ruft er seine Schwest­er Viv (Gaby Hoff­mann) an, weil sie bei­de ihre kür­zlich ver­stor­bene Mut­ter betrauern. Vivs Sohn Jesse ist neun, sie ist stolz auf ihn, er ist eine richtige Per­sön­lichkeit gewor­den. Paul, Jess­es Vater, ist nach Oak­land gezo­gen, warum wis­sen wir noch nicht. Viv muss Paul bald besuchen dort, wird Jesse aber nicht mit­nehmen kön­nen.

Woody Nor­man, Joaquin Phoenix (L‑R)

Los Ange­les. John­ny besucht Viv und Jesse. Er wird sich um Jesse küm­mern, während Viv bei Paul ist. Jesse ist manch­mal schwierig, er spielt ein Waisenkind, das in einem Waisen­haus lebt und zu ihr zu Besuch kommt, und mit ihr über ihre ange­blich toten Kinder spricht. Am näch­sten Mor­gen ist Viv bere­its abgereist, John­ny ist mit Jesse alleine. Und wo er schon ein­mal hier ist, inter­viewt er auch den Neun­jähri­gen. Er will aber nicht auf die Antworten einge­hen, er inter­essiert sich mehr für John­nys tech­nis­che Aus­rüs­tung. Sie spazieren durch Los Ange­les. Abends möchte Jesse, dass John­ny ihm Geschicht­en erzählt. Als Jesse ihn auf sein Ver­hält­nis zu Viv anspricht, erin­nert er sich an die Zeit, als ihre Mut­ter noch gelebt hat­te: Wie sie sich gestrit­ten hat­ten, als ihre Mut­ter krank war, darüber dass John­ny das Lieblingskind war, während Viv sich ihr Leben lang nicht ver­standen fühlte. Statt Geschicht­en zu erzählen, liest John­ny ihm aber lieber vor, den Zauber­er von Oz. Aber auch das nimmt Jesse zum Anlass, ihm, John­ny fra­gen über sein Leben zu stellen, zum Beispiel warum er nicht ver­heiratet sei. John­ny würde seinen Fra­gen gerne auswe­ichen, aber der bleibt hart­näck­ig. Wider­willig erzählt er von Louisa, mit der er lange zusam­men war, und in die er immer noch ver­liebt sei. John­ny ver­misst Louisa.

Woody Nor­man, Joaquin Phoenix (L‑R)

[The Bipo­lar Bear Fam­i­ly, by Angela Hol­loway. Die Geschichte der Eis­bären­fam­i­lie, bei deren Vater etwas nicht stimmt, die Erzäh­lung der Geschichte wird unter­legt mit Bildern von früher, als Paul da war.]

Jesse fragt John­ny, ob er Papa, Dad oder ein­fach nur John­ny zu ihm sagen soll. Jesse will nun, dass John­ny auch mit ihm die Waisenkin­drolle mit­spielt. John­ny will das nicht, er fragt den Jun­gen, warum er darauf beste­ht, so exzen­trisch sein zu dür­fen. Weil ich es mag, sagt Jesse. Warum nicht etwas Nor­males spie­len, fragt John­ny. Was ist nor­mal – kon­tert Jesse.

Inzwis­chen berichtet Viv dass Jess­es Vater immer stärkere psy­chis­che Prob­leme bekommt und drin­gend ärztliche Behand­lung braucht. Viv bit­tet John­ny, sich noch ein paar Tage um Jesse zu küm­mern und ihn zur Schule zu brin­gen. Eigentlich muss er nach New York zurück, um sich um die Inter­views zu küm­mern, aber er erk­lärt sich bere­it, für Jesse da zu sein. Vielle­icht kön­nte Jesse ja mit nach New York kom­men, denkt er sich, aber für Viv kommt das nicht in Frage. Aber eine Lösung hat sie auch nicht, also erlaubt sie John­ny, Jesse mit nach New York zu nehmen.

Woody Nor­man

[Moth­ers: An Essay on Love and Cru­el­ty, by Jaque­line Rose.]

New York City. John­ny und Jesse sind gemein­sam in der Stadt unter­wegs, der Junge ist fasziniert davon, Tonauf­nah­men zu machen und New York ist dafür noch viel span­nen­der als Los Ange­les. „Du machst etwas Alltäglich­es unsterblich“, erk­lärt John­ny.

„Dein Sohn sagt, er mag New York lieber als L.A.“, schreibt John­ny sein­er Schwest­er. „Klein­er Ver­räter“, antwortet die. John­ny ver­sucht immer wieder, erzieherisch auf seinen Nef­fen einzuwirken, das fällt ihm etwas schw­er, aber er ist schon ein biss­chen eine Vater­fig­ur, die Jesse ger­ade sehr fehlt. Und Jesse ist ein Charak­terkopf, der von sich sagt, dass er keine Fre­unde hat. Er fragt, wie Viv als Kind war. Jesse wird für John­ny immer wieder zu ein­er Her­aus­forderung. Er ist mal altk­lug, dann liebenswürdig, redet viel, stellt oft schwierige, aber richtige Fra­gen, und er schläft schlecht ein. Und irgend­wie wächst John­ny in eine Vater­rolle hinein, lernt Dinge, lernt den Umgang mit einem Neun­jähri­gen, ist mal über­reizt, schimpft mit ihm. Viv ste­ht ihm tele­fonisch mit Ratschlä­gen zur Seite. Aber er ist bere­it und engagiert dabei, seine Rolle einzunehmen.

Irgend­wann stellt Jesse Fra­gen nach seinem Vater, wun­dert sich, warum er nicht da ist, und er fragt, warum er Hil­fe braucht. Und er ver­misst seine Mut­ter. John­ny ist in einem Dilem­ma, weil es eigentlich Vivs Rolle wäre, zu klären, wie es mit Paul aussieht. Am Tele­fon tröstet sie ihren Sohn und erk­lärt ihm, dass alles wieder so wer­den würde, wie zuvor. Aber Jesse gibt sich mit dieser Erk­lärung nicht zufrieden. Viv hil­ft schließlich aus, indem sie den Zauber­er von Oz zum Ein­schlafen am Tele­fon vor­li­est. Und es hil­ft, dies­mal schläft Jesse schneller ein.

Joaquin Phoenix, Woody Nor­man, Pho­to by Tobin Yel­land

[An Incom­plete List of what the Cam­er­ap­er­son enables, by Kirsten John­son]
„Ich kann und werde einen Ort, eine Sit­u­a­tion, ein Prob­lem ver­lassen, aber die Inter­viewten kön­nen das nicht.“ – „Ich han­dle mit Hoff­nung, ohne zu wis­sen, was die Zukun­ft bringt. Die Inter­viewten bekom­men die Chance, bish­er Unge­sagtes auszus­prechen und sich selb­st als Men­schen zu erleben, die Zeit und Aufmerk­samkeit ver­di­enen.“

Irgend­wann, in einem Piz­za­laden, drehen die bei­den die Rollen um: Jesse darf der Inter­view­er sein, er darf John­ny fra­gen stellen, der die Beant­wor­tung eben­so ver­weigern darf, wie all die Kinder, die inter­viewt wer­den, auch. „Warum ver­hal­tet du und meine Mom euch nicht wie Geschwis­ter?“ fragt Jesse. „Warum bist du allein?“ Als „bla bla bla“ empfind­et Jesse John­nys dünne, zurecht­gelegte Antworten. John­ny ver­sucht sich zu recht­fer­ti­gen, aber es gelingt ihm nicht recht. Keine sein­er Antworten hat auch nur im Ent­fer­n­testen die Tiefe, die die meis­ten Antworten der Kinder in seinen Inter­views haben…

Der aus Kali­fornien stam­mende Regis­seur Mike Mills ist der Meis­ter der per­sön­lichen, inti­men Geschicht­en. „Thumb­suck­er“ (2005), sein erster großer Film nach eini­gen Musikvideos war noch die Ver­fil­mung eines Romans von Wal­ter Kirn. Zu den weit­eren Fil­men von Mills, die er immer mit großem, etwa fün­fjährigem Abstand dreht, gehörten dann mit Fil­men wie „Begin­ners“ (2010) und „Jahrhun­dert­frauen“ (2016) per­sön­liche, auto­bi­ografisch gefärbte Fam­i­liengeschicht­en. „Come on, come on“ erzählt nun auch wieder eine Fam­i­liengeschichte, eine Geschichte über die Beziehun­gen zweier Geschwis­ter, über die Beziehun­gen der bei­den zu ihrer ver­stor­be­nen Mut­ter, über die Beziehung Vivs zu ihrem psy­chisch kranken Mann – und allem voran über das Ver­hält­nis von Kindern und Jugendlichen zu Erwach­se­nen, wie es John­ny in sein­er wun­der­baren Inter­viewserie erforscht – und selb­st in sein­er zunächst etwas unfrei­willi­gen Beziehung zu seinem Nef­fen erlebt.

Gaby Hoff­mann

Beein­druck­end ver­webt Mills die Geschichte des Ver­hält­niss­es zwis­chen John­ny und dem neun­jähri­gen Jesse mit den Inter­viewäußerun­gen der Kinder und Jugendlichen, wo es um Hoff­nun­gen, Wün­sche, Erwartun­gen, Erfahrun­gen und vieles mehr geht. Mills selb­st und seine Frau, die Mul­ti­me­di­akün­st­lerin und Film­regis­seurin Mirandy July („Kajil­lion­aire“, 2020), sind im Jahr 2014 Eltern eines Sohnes gewor­den. Mills Erfahrun­gen als Vater flossen in das Drehbuch des Films ein und lassen „Come on, come on“ zu ein­er sub­jek­tiv­en Auseinan­der­set­zung mit sich selb­st, mit sein­er Rolle als Vater, mit seinen Erin­nerun­gen an sich selb­st als Kind wer­den. „Mit COME ON, COME ON wollte ich mit gegen­sät­zlichen Maßstäben spie­len“, berichtet Mills. „Ein­er­seits geht es in dem Film um die kle­in­sten Momente: ein Kind zu baden, das Gespräch vor dem Schlafenge­hen. Auf der anderen Seite reisen wir in große Städte und hören jun­gen Men­schen zu, die laut über ihre Zukun­ft und die Zukun­ft der Welt nach­denken. Unsere kleine, intime Geschichte spielt sich also im Kon­text ein­er viel Größeren ab. Dieses Spek­trum spüre ich oft auch bei meinem Kind. Unsere gemein­same Zeit ist intim und pri­vat, und doch geht es um die großen The­men des Lebens.“ Dass das Erwach­se­nen-Kind-Ver­hält­nis auch ein raf­finiert­er dra­matur­gis­ch­er Kniff ist, erzählt der Regis­seur: „John­ny muss alles ler­nen, was jed­er ler­nen muss, der ein Kind bekommt. Nur eben sehr, sehr schnell. Als Vater habe ich die Erfahrung gemacht, dass man sich ständig wie ein Anfänger fühlt, der ver­sucht, mit den Verän­derun­gen Schritt zu hal­ten. Diese Ver­wirrung, diese andauernde Ungewis­sheit, was einen erwartet, wollte ich auf der Lein­wand ein­fan­gen. Um das zu erleben, muss man kein biol­o­gis­ches Eltern­teil sein. Man kann auch ein Onkel, eine Tante, ein Lehrer oder eine Betreuerin sein.“

Diese beein­druck­ende Beobach­tungs­gabe und diese wun­der­bar beiläu­fig erzählten Details machen den Film zu einem der berührend­sten Filme des Jahres und zu einem der schön­sten Erwach­se­nen­filme über Kinder, die ich kenne. Ich fühlte mich in der zärtlichen Erzählweise bisweilen an die auto­bi­ografisch gefärbten Filme von Truf­faut erin­nert, aus ein­er ganz anderen Zeit, in ein­er ganz anderen Sit­u­a­tion, aber ich musste öfters an „Sie küssten und sie schlu­gen ihn“ denken.

Und irgend­wann fiel mir dann ein, an welchen Film mich „Come on, come on“ vor allem erin­nerte. Ein Film, den ich viel zu lange nicht mehr gese­hen habe: Wim Wen­ders‘ „Alice in den Städten“ aus dem Jahr 1974, der eben auch (in wun­der­vollem Schwarzweiß – auf das Schwarzweiß in Mills‘ Film komme ich noch zu sprechen) ein zärtlich­es Road­movie durch die USA erzählt und die Geschichte eines Mannes, der sich mit einem Kind abgeben muss, das – wie Jesse – nicht sein Kind ist, und das auch neun Jahre alt ist. Umso erfreuter bin ich, zu erfahren, dass Mills genau diesen Gedanken hat­te: „Schon früh dachte ich an ‚Come on, come on‘ als eine Art Blues-Riff auf ‚Alice in den Städten‘, denn wie Wen­ders wollte ich eine Kinder­fig­ur zeigen, die ein Wesen mit Wil­len­skraft, Sor­gen, Wün­schen und Äng­sten ist, die die gle­iche Berech­ti­gung haben wie die Gefüh­le eines Erwach­se­nen.“

Joaquin Phoenix, Woody Nor­man (L‑R)

Ein weit­er­er Aspekt, der dem Film eine unglaubliche Tiefe, eine beein­druck­ende Authen­tiz­ität ver­lei­ht sind die Kinder und Jugendlichen, die auf John­nys Fra­gen antworten – oder bess­er gesagt auf Joaquin Phoenix‘ Fra­gen. Alles ist authen­tisch. Es sind die wirk­lichen Hoff­nun­gen, Äng­ste, Sor­gen, Freuden, Gedanken, Ein­drücke, Urteile, etcpp., die diese jun­gen Men­schen schildern. Nie hat man das so direkt, so unge­filtert gese­hen und gehört, was jun­gen Men­schen wichtig ist, was sie brauchen, was ihnen fehlt. Das ist so echt, dass man gar nicht aufhören möchte, den Kindern zuzuhören. Man möchte sie trösten, weit­er­fra­gen, sie in den Arm nehmen, ihnen auf die Schul­ter klopfen, sie ermuti­gen. Diese Antworten auf John­nys Fra­gen sind so ehrlich, dass man – dass ich plöt­zlich das Bedürf­nis hat­te, inten­siv darüber nachzu­denken, ob das, was ich/wir im All­t­ag so machen, nicht viel tiefer durch­dacht wer­den müsste – und zwar in der Hin­sicht darauf, ob das, was wir tun, diesen jun­gen Men­schen hil­ft.

Auch dieses Inter­view­pro­jekt des Pro­tag­o­nis­ten hat einen auto­bi­ografis­chen Hin­ter­grund: Mills dreht im Jahr 2014 für das MoMA den Doku­men­tarfilm „A Mind For­ev­er Voy­ag­ing Through Strange Seas Alon“, in dem er Kinder aus dem Sil­i­con Val­ley befragt, wie sie sich ihre Zukun­ft vorstellen. Einen Clip mit Auss­chnit­ten aus dem Pro­jekt kann man sich noch auf Youtube anse­hen.

Die Erzäh­lung des Ver­hält­niss­es von Kindern zu Erwach­se­nen und umgekehrt macht „Come on, come on“ zu einem großen Film. Was ihn aber zu einem Meis­ter­w­erk macht ist, dass Mills es schafft, seine wun­der­volle Erzählweise nicht nur in den Protagonist*innen aufleben zu lassen, son­dern auch in anderen Aspek­ten: Sel­ten sind die amerikanis­chen Städte so sehr echte, wirk­liche Orte, wie in diesem Film. Selb­st in den New York-Fil­men von sagen wir mal Woody Allen oder Noah Baum­bach, nimmt New York City eine Rolle ein, ist sie wie eine zusät­zliche Darstel­lerin, die im Drehbuch mitin­sze­niert wurde. Und man ver­ste­he mich nicht falsch: Ich liebe viele der New York-Filme wie Allen oder Baum­bach sie gedreht haben. Aber ich kann mich kaum an einen Film erin­nern, der sich in sein­er Darstel­lung ein­er Großs­tadt so echt, so authen­tisch, so beiläu­fig anfühlt, wie die Großstädte in Mike Mills‘ Film. Wenn ich die Szenen sehe, in denen John­ny und Jesse durch Chi­na­town, durch den Cen­tral Park laufen, oder in einem Geschäft einkaufen, oder unter den Brück­en durchspazieren, dann erweckt das in mir Gefüh­le, Ein­drücke, die nicht sehr weit von dem ent­fer­nt sind, was ich emp­fand, als ich damals durch New York spazierte, mich treiben ließ – oder eben, und da kom­men wir wieder zu Wen­ders: Es erin­nert mich an die Städte und Orte aus „Alice in den Städten“, die eben nicht inszena­torisch über­höht sind, son­dern echte Orte sind.

Woody Nor­man, Gaby Hoff­mann (L‑R)

Ein paar Worte noch zur Beset­zung der drei Haup­trollen: Joaquin Phoenix war von Mills lange im Vor­feld für die Rolle angedacht und die Beset­zung funk­tion­iert wun­der­bar. „Joaquin mag es nicht, wenn Dinge zu sehr wie Schaus­piel­erei wirken. Je real­er sich die Dinge anfühlen, desto mehr kann er spie­len und frei sein“, sagt der Regis­seur. „Bei der Arbeit mit ihm ging es also darum, Sit­u­a­tio­nen zu schaf­fen, in denen die entsprechen­den Gefüh­le auf natür­liche Weise entste­hen kon­nten.“ Für die Rolle der Viv beset­zte Mills die Schaus­pielerin Gaby Hoff­mann, die auf eine län­gere Kar­riere zurück­blick­en kann und zum Beispiel in Fil­men wie „Veron­i­ca Mars“ oder „Der große Trip – Wild“ zu sehen war. Mills sagt über sie: „Sie ist eine so intel­li­gente, immer wieder über­raschende und authen­tis­che Schaus­pielerin, und ich hat­te immer den Traum, sie und Joaquin zusam­men­zubrin­gen. Sie sehen ein wenig aus, als kön­nten sie ver­wandt sein, und ich habe immer schon den Ver­dacht, dass sie vom sel­ben Plan­eten stam­men.“ Der schwierig­ste Part der Beset­zung eines solchen Filmes ist naturgemäß die Beset­zung der Kinder­rolle. Mills beset­zte Woody Nor­man für Jess­es Rolle, der in der Tat schon mehrfach vor der Kam­era ges­tanden hat­te. „Woody legt es nicht darauf an, zu gefall­en oder es jedem recht zu machen. Er möchte ein­fach für sich her­aus­find­en, was für ihn wahr und real ist. Und dabei ist er selb­st­be­wusst und nie allzu ehrfürchtig“, erzählt Mills über Woody Nor­man. „Was Jesse sehr ähn­lich ist.“

Zu guter Let­zt noch zu einem wichti­gen Aspekt von „Come on, come on“: Das Schwarzweiß. Wenn heutzu­tage ein Film in Schwarzweiß gedreht wird, so ist das bere­its eine Aus­sage. Der Verzicht auf Farbe kann sich etwa bewusst auf ver­gan­gene Zeit­en beziehen, es fällt einem „The Artist“ von Michel Haz­anavi­cius ein, in dem das Schwarzweiß als Bezug zur Stumm­filmzeit fungiert. Schwarzweiß kann aber auch die düstere Grund­stim­mung eines Films beto­nen, zum Beispiel in „La Haine“ von Math­ieu Kasso­vitz. Schwarzweiß kann aber auch als kün­st­lerisches Stilmit­tel einge­set­zt wer­den, wie etwa bei Noah Baum­bachs „Frances Ha“ oder bei den Schwarzweiß­fil­men von Jim Jar­musch, „Down by Law“ und „Dead Man“. Jar­muschs Kam­era­mann bei bei­den Fil­men, der Nieder­län­der Rob­by Müller, der vor ein paar Jahren gestor­ben ist und der auch schon viel mit Wim Wen­ders gedreht hat­te, erk­lärte ein­mal seine Ver­wen­dung von Schwarzweiß­film: „Schwarz-Weiß ist wie ein Gedicht. Über­flüs­sige Worte gibt es nicht. Oft wird im Farb­film Infor­ma­tion ver­mit­telt, die für die Geschichte unwichtig ist.“ Zur Ver­wen­dung des Schwarzweiß in seinem Film erläutert Mills: „Schwarz-weiß funk­tion­iert für bei­des. Es ist intim, lässt aber auch mehr Spiel­raum, holt die Fig­uren aus der Zeit her­aus, dis­tanziert uns vom All­t­ag und macht die Bilder fast zu Zeich­nun­gen.“ In vielem erin­nert man sich auch hier wieder an Wen­ders‘ „Alice in den Städten“. Mills Kam­era­mann bei „Come on, come on“ ist Rob­bie Ryan, ein Ire, der schon für die Bilder bei Fil­men wie „Ich, Daniel Blake“ (2016), „I Am Not a Ser­i­al Killer“ (2016), „The Meyerowitz Sto­ries“ (2017), „The Favourite“ (2018), „Mar­riage Sto­ry“ (2019) oder „Wege des Lebens – The Roads Not Tak­en“ (2020) zuständig war. „Da es sich um ein Road­movie han­delt, denke ich, dass schwarz-weiß dazu beiträgt, all den ver­schiede­nen Orten eine gewisse Ein­heitlichkeit zu ver­lei­hen. Durch die Bilder fügt sich diese Reise zu ein­er Ein­heit zusam­men“, erläutert Ryan. „Man taucht wirk­lich ab in diese Welt. Aber die Her­aus­forderung bestand immer darin, ein Gle­ichgewicht zu find­en, damit die Bilder nie die Beziehun­gen oder Emo­tio­nen in dieser Geschichte über­wälti­gen.“

Woody Nor­man, Scoot McNairy (L‑R)

„Come on, come on“ ist, soweit ich das beurteilen kann, nicht alle habe ich gese­hen, Mike Mills bish­er bester, per­sön­lich­ster, intim­ster Film. Ein kleines Meis­ter­stück, berührend erzählt, ein Film der sich in sein­er zurück­hal­tenden Erzählweise den­noch tief ein­prägt. Man wün­scht sich, Mike Mills-Filme nicht nur alle fünf Jahre sehen zu kön­nen, aber wenn’s der Sache dient, dann gön­nt man seinen Stof­fen gerne mehrere Jahre Vor­bere­itungs- und Reifezeit.

Been­den wir die Kri­tik dieses wun­der­baren Films kon­se­quent und geben wir jun­gen Men­schen, die für diesen Film inter­viewt wur­den, die Stimme: „Ich fürchte mich vor Ein­samkeit, davor, dass Men­schen dich nicht ver­ste­hen, obwohl sie dich eigentlich ver­ste­hen soll­ten. Es ist beängsti­gend, als wäre man ganz allein“, sagt ein­er der Jungs in New York.

Was soll­ten deine Eltern von dir ler­nen, wird eines der Kinder in New Orleans gefragt. Der Junge antwortet: „Nicht ego­is­tisch zu sein, nicht böse zu sein und nicht respek­t­los zu sein. Deine Fre­unde und deine Eltern gern zu haben und nicht unbe­d­ingt immer der Anführer sein zu müssen.“

CREW

DREHBUCH & REGIE Mike Mills

PRODUZENTEN Chelsea Barnard, Lila Yacoub, Andrea Lon­gacre-White

CO-PRODUZENTEN Joel Hen­ry Rachel Jensen Geoff Linville

KAMERA Rob­bie Ryan

PRODUKTIONSDESIGN Katie Byron

SCHNITT Jen­nifer Vec­chiarel­lo

KOSTÜM Kati­na Dan­abassis

MUSIK Bryce Dess­ner, Arron Dess­ner

CASTING Mark Ben­nett, Jen­nifer Ven­dit­ti

CAST

JOHNNY Joaquin Phoenix

VIV Gaby Hoff­mann

JESSE Woody Nor­man

PAUL Scoot Mcnairy

ROXANNE Mol­ly Web­ster

FERN Jaboukie Young-White

CAROL Deb­o­rah Strang

SUNNI Sun­ni Pat­ter­son

Laufzeit: 109 Min

Bild­for­mat 1:1,66

Farbe: schwarz-weiß

Ton: 5.1 dig­i­tal

Sprach­fas­sun­gen: OV/OmdU/deutsch

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