ACHTUNG BERLIN Filmfestival: Filmkritik YOUTH TOPIA

YOUTH TOPIA

„Jugendlich zu sein ist wie ein Job. Es gibt Leute, die sind gut darin, jugendlich zu sein. Die sind gut darin Scheiße zu machen, die Kacke richtig zum Dampfen zu bringen“, sagt einer der Jugendlichen aus YOUTH TOPIA.

Wetttrinken, Drogen ausprobieren, Algorithmen überlisten, wilde Videos drehen und posten. Wanja, Greta, Sören, Maul und Leona geht es darum, ihren Social-Media-Stream zuzumüllen, damit der Algorithmus ihnen eben nicht, wie von der Gesellschaft vorgesehen, ihnen den für sie passenden Job ausspuckt. Sie wollen für immer ihre Jugend bewahren, als Langzeitjugendliche abhängen.

Doch bei Wanja, der Chaotin, geht das erstmal schief, ihre schrägen Posts führen dazu, dass für sie einen Kreativjob in einem Architekturbüro auserwählt ist. Das ist ihre Chance, erwachsen zu werden. Will sie ja aber nicht. Sie hat keinen Bock auf die Welt der gepflegten Frisuren, schicken Blusen, sauberen Turnschuhe, geregelten Tagesabläufe. Macht’s dann aber doch. Nun arbeitet sie also im Architekturbüro, kriegt einen Erwachsenenausweis und hält Zugang zu diesem ganzen Erwachsenenkram. Fette Wohnung, schicke Küche, eigener Neuwagen. Und auch äußerlich verwandelt sie sich – Klamotten, Frisur, Schmuck, alles wird erwachsen.

Ihr Architekturbüro beschäftigt sich derweil mit einem Projekt, einem „Haus der ewigen Jugend“. Wanja findet das Projekt Bullshit, sie meint, dass sie Jugendlichen einfach nur in Ruhe gelassen werden. Aber Wanja soll das Projekt übernehmen. Das alles fühlt sich für Wanja schon ganz gut an, aber bald erkennt sie, dass ihr ihre verrückten Jugend-Freunde schon wichtig sind, dass sie ihr fehlen und dass ihr als Erwachsene Dinge abhandengekommen sind, die sie für wichtig erachtet. Und dann wird Wanja, in dieser vom Algorithmus bestimmten Welt auch noch schwanger…

YOUTH TOPIA erzählt eine utopische Geschichte über eine Gesellschaft in naher Zukunft, in der ein Computeralgorithmus die Wege junger Menschen ins Erwachsenenleben perfektioniert und bestimmt. Jugendliche haben scheinbar große Freiheiten, aber auf dem Weg ins Erwachsenenleben gehen ihnen diese Freiheiten verloren und der Algorithmus bestimmt Regeln fürs Erwachsenensein, gegen die man nicht verstoßen darf, sonst muss man zurück ins Jugendlichendasein. Wanjas Versuch, die Jugendlichen bei ihrem Architekturprojekt ins Boot zu holen scheitert. Sie verweigern sich den Mechanismen der Selbstverwirklichung. Sie lassen sich nicht für Wanjas Erwachsenenpläne instrumentalisieren. Das Problem, das sich für sie auftut, ist, dass das Leben der Jugendlichen nicht zielgerichtet ist, sich nicht an Kriterien des Erfolgs messen lässt.

Die utopischen Aspekte des Algorithmus, der ja zunächst den jungen Menschen zu einem erfolgreichen Leben verhelfen soll, entpuppen sich im Lauf der Geschichte immer mehr als Dystopie, als ein autoritärer Unterdrückungsmechanismus, der das Chaos, die Wildheit, die Ziellosigkeit der Jugend unterbinden und kanalisieren soll.

YOUTH TOPIA ist aber nicht nur eine Dystopie, der Film ist auch eine Allegorie auf die Adoleszenz. Jugend und Erwachsenenleben beinhalten unauflösbare Widersprüche. Der Film dekliniert diese Kollisionen zwischen den beiden Welten durch und stellt die Privilegien der Selbstverwirklichung in unserer Gesellschaft in Frage.

Der Regisseur Dennis Stormer, der gemeinsam mit Marisa Meier auch das Drehbuch zu YOUTH TOPIA geschrieben hat, erzählt eine Geschichte aus der Sicht einer Altersstufe, die im Gegenwartskino möglicherweise unterrepräsentiert ist: junge Menschen auf dem Weg ins Erwachsenendasein. Für Erwachsene jenseits der 40 mag der Film bisweilen wie eine unfertige Provokation vorkommen, aber ich glaube, dass YOUTH TOPIA für Menschen, die so um die 18 Jahre alt sind und die an Geschichten über ihre eigene Generation interessiert sind, mit seiner frischen, wagemutigen auch visuell besonderen Machart und tollen jungen Darsteller*innen (sehr überzeugend: die Deutschschweizerin Lia von Blarer in der Hauptrolle als Wanja), in eine Lücke vorstoßen kann, die der deutschsprachige Film häufig sträflicherweise gelassen hat.

Empfehlenswert.

YOUTH TOPIA feierte seine Weltpremiere beim ZÜRICH FILM FESTIVAL 2021 und läuft auf dem ACHTUNG BERLIN Filmfestival 2022:

Vorführungen am

DO 20.4 21:15 FaF 2
FR 22.4. 18:00, Babylon 2
DO 26.4 19:00 Wolf
https://achtungberlin.de/youth-topia/

Regie Dennis Stormer
Buch Dennis Stormer, Marisa Meier
Schauspiel Lia von Blarer, Elsa Langnäse, Lou Haltinner, Saladin Dellers, Jürg Plüss, Nicolas Rosat, Timon Kiefer, Regula Imboden, Nadim Ben Said, Sabrina Tannen
Kamera Jonas Schneider
Schnitt Noëmi Preiswerk
Ton Daniel Fuchs
Szenenbild Julia Halbfas, Linda Rothenbuehler
Kostüm Sabrina Bosshard

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.