FILMKRITIK: Die Dokumentation RIVER von Jennifer Peedom

River —

Dämmerung. Flug über einen Fluss im Halbdunkel. Wir hören einen Vogel krächzen. Ein W.H. Auden-Zitat wird eingeblendet: „Thousands have lived without love, not one without water.”

Das Australian Chamber Orchestra macht sich bereit, stimmt die Instrumente, nun sind die Bilder Schwarzweiß. Als das Orchester beginnt, blendet das Bild wieder zu farbigen Naturaufnahmen. Ein reißender Fluss fließt durch einen Wald; ein mächtiger Wasserfall in Zeitlupe, Kajakfahrer stürzen sich den Wasserfall hinab. Dann der Vorspann, Willem Dafoes (The Lighthouse, Nightmare Alley) Stimme (in der deutschen Fassung ist es Reiner Schöne, Dafoes Synchronstimme).

Nun schauen wir von weit oben herab auf die Oberfläche unseres Planeten, die durchschnitten ist von Flussläufen. Wir blicken zurück, wie die Regenfälle einst die Erdoberfläche formten, Tropfen wurden zu Rinnsalen, schließlich zu Flüssen. Das Wasser trug Berge ab, stellte in der Ebene Nährstoffe zur Verfügung. „Die Flüsse sind Weltenmacher“, sagt die Off-Stimme einmal, alle poetischen, sprachlichen Mittel werden ausgeschöpft, um die kraftvolle Wirkung des Wassers in der Erdgeschichte zu beschreiben. Die Quelle der Träume seien die Flüsse.

Die Ursprünge mancher Flüsse sind die Gletscher im Gebirge, langsame Eisströme, die zu Tal kriechen und aus denen Rinnsale von Schmelzwasser entspringen. Im Geschwindigkeitsrausch folgt die fliegende Kamera dem wilden Gebirgsbach, der mit einem einzigen Ziel dahinfließt: Irgendwann wird all dieses Wasser im Ozean ankommen. Und dann sehen wir das erste Mal, welche Bedeutung dieser Fluss für das Leben hat – und für die Zivilisation. Es geht um die Gründung von Städten, Politik, Handel, Kultur, Verkehr usw. – alles ist maßgeblich von den Flüssen bestimmt.

Aber Flüsse haben auch zerstörerische Wirkungen – Hochwasser, Überschwemmungen – und Dürren. Also hat man bald begonnen, sie zu beeinflussen, sie zu bändigen, sie zu begradigen, sie schiffbar zu machen, oder schließlich Energie aus ihnen zu gewinnen. Flüsse wurden zu Landesgrenzen, Flüsse haben in Kriegen und im Frieden eine Rolle gespielt.

Jennifer Peedoms („Mountain“) Dokumentation untersucht alle Aspekte der Einflüsse von Flüssen auf das Leben, die Natur, die Zivilisation. Die Machart des Films erinnert sehr an die vor einigen Jahren beinahe ausgestorbenen IMAX-Dokumentation (Blue Planet, Afrika – Die Serengeti, Abenteuer Regenwald, Der blaue Nil, etc.): Ein bekannter Schauspieler als Off-Stimme kommentiert in bisweilen pathetischen Worten großartige Naturaufnahmen, mit bewegter Kamera, beinahe durchgängig mit Musik unterlegt, für Kinder geeignet. Das ist bisweilen schon sehr der Mainstream unter den Dokumentarfilmen, manchmal ist es ein etwas pädagogisch daherkommender Lehrfilm.

Aber: Ich liebe diese Art Filme, ich habe die IMAX-Dokumentation alle geliebt, habe mich reinziehen lassen, mich in ferne Weltgegenden entführen lassen. Ich finde: Das ist Erdkundeunterricht vom allerfeinsten. Wie gerne hätte ich zu meinen Schulzeiten so etwas zur Verfügung gehabt. Obwohl es mittelmäßige Erdkundelehrer damals nie geschafft haben, mir das Interesse an der Thematik auszutreiben. Und der Diercke Weltatlas ist für alle Zeiten mein Lieblingsschulbuch.

(Photo: Chris Burkard, „At Glacier’s End“ Island)

Kurzum: RIVER ist ein grandioser Lehrfilm, mit atemberaubenden, wunderschönen Bildern (einige der Aufnahmen stammen übrigens von dem berühmten französischen Naturfotografen Yann Arthus-Bertrand), toller Musik, pathetisch, pädagogisch, lehrreich – und mit Willem Dafoe als Erdkundelehrer. RIVER ist ein weltumspannendes Filmprojekt, das in 39 Ländern der Erde gedreht wurde.

Die Regisseurin Jennifer Peedom sagt zur Arbeit für das Projekt: „Dank der Arbeit einiger der besten Naturfilmer der Welt haben wir ein musikalisches und filmisches Erlebnis geschaffen, das es verdient, auf der großen Leinwand gezeigt zu werden. Letztendlich hoffen wir, dass RIVER das Publikum dazu anregt, darüber nachzudenken, was es bedeutet, wie ein Fluss zu denken – flussabwärts zu träumen, um die längerfristigen Folgen unseres Handelns in der Gegenwart zu erkennen – um darüber nachzudenken, was es bedeutet, gute Vorfahren zu sein.“

Empfehlenswert – unbedingt im Kino auf der großen Leinwand!

Kinostart: 21. April 2022

CREW

Erzählt von Willem Dafoe (DF: Reiner Schöne, Synchronstimme von W. Dafoe)
Buch und Regie: Jennifer Peedom
Drehbuch: Robert Macfarlane
Co-Autor und Co-Regisseur: Joseph Nizeti
Produktion: Jo-anne McGowan, Jennifer Peedom und John Smithson
Künstlerischer Leiter und Komponist: Richard Tognetti, Australian Chamber Orchestra
Zusätzliche Komposition: William Barton und Piers Burbrook de Vere
Filmeditor: Simon Njoo ASE
Tongestaltung: Robert Mackenzie und Tara Webb
Kamera: Yann Arthus-Bertrand, Ben Knight, Sherpas Cinema, Renan Ozturk und Pete McBride
Zusätzliche Bildmaterialien: Chris Burkard

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