Über David Tebouls Dokumentarfilm SIGMUND FREUD – FREUD ÜBER FREUD

Anna und Sigmund Freud 1929 (c) Freud Museum London.

Ein Dokumentarfilm von David Teboul

Frankreich / Österreich 2020 | 97 Minuten | Deutsche Originalfassung

Buch: David Teboul und François Prodromidès

Sprecher/innen: Birgit Minichmayr, Johannes Silberschneider, André Jung, Andrea Jonasson, Catherine Deneuve, Sylvie Rohrer, Roland Koch

Kamera: Martin Roux und Richard Copans

Schnitt: Caroline Detournay

Kinostart: 5. Mai 2022

Im Verleih von Film Kino Text

„Ich sehe eine viereckige und etwas abschüssige Wiese, grün und dicht bewachsen und in dem Grün gelbe Blumen, offenbar Löwenzahn. Oberhalb der Wiese ein Bauernhaus, vor dessen Tür zwei Frauen stehen, die miteinander plaudern. Auf der Wiese spielen drei Kinder, eines davon bin ich, zwischen zwei und drei Jahren alt, die beiden anderen sind mein Cousin und seine Schwester.“ So erweckt die Erzählerstimme Sigmund Freuds Bilder aus seiner Kindheit zum Leben. Weiter erzählt er, dass das Mädchen die Blumen pflückte, und die Jungs sie dem Mädchen entrissen. Das Mädchen sei, so die Off-Stimme, de-floriert.

„Breslau spielt auch eine Rolle in meinen Kindheitserinnerungen“, erzählt die Freud-Stimme schließlich. „Im Alter von drei Jahren habe ich den Bahnhof dort passiert, bei der Übersiedlung von Freiberg nach Leipzig.“ Am 6. Mai 1856 ist Sigmund Freud nämlich in Freiberg in Mähren geboren, das vergessen Menschen wie ich, die keine Freud-Spezialisten sind, gerne. Oder sie wissen es erst gar nicht, so wie ich. Freiberg liegt heute in Tschechien und heißt Příbor.

„Zwischen zwei und zweieinhalb Jahren erwachte meine Libido gegen matrem“, erzählt die Stimme. „Und zwar aus Anlass einer Reise mit ihr von Leipzig nach Wien, auf welcher wir gemeinsam übernachteten und Gelegenheit gewesen sein muss, sie nudam zu sehen.“

Die Erzählungen werden untermalt durch unscharfe, scheint’s alte Aufnahmen einer Eisenbahn, einer Wiese, eines Bauernhofs. Inwiefern diese Aufnahmen etwas mit Freud zu tun haben oder nicht, erschießt sich in diesem Moment nicht. Und der Kommentar, so bierernst er klingt, erhält doch durch seine skurrile Anwendung lateinischer Worte etwa putziges, unfreiwillig Komisches. Beinahe bekommt man den Eindruck, die lateinischen Begriffe sollen der Situation das Peinliche nehmen.

Freud wächst schließlich ab seinem vierten Lebensjahr in Wien in einem Armenviertel auf, in einem „Ghetto ohne Mauern“, wie der Erzähler es nennt, voller jüdischer Zuwanderer aus dem Osten. Er war ein guter Schüler und erhielt schließlich das Privileg, in der Studien- und Berufswahl seinen Neigungen folgen zu dürfen, trotz seiner ärmlichen Herkunft. Ihn faszinieren die biblischen Geschichten. Er vergöttert seine Mutter Amalia.

Freud heiratet, besucht fasziniert die Vorlesungen des Neurologen Jean-Martin Charcot, über die Hysterie, mit Mitteln der Hypnose.

„Ich bin Anna Freud, mein Vater sagte immer die Biographen seien Lügner“, lässt der Film die Tochter von Sigmund Freud zu Wort kommen. Freud veröffentlicht seine ersten Werke und greift zum Mittel der Redekur. „Wenn eine Erinnerung nicht hochkommen kann, müssen die Patienten und der Arzt deren Auftauchen mit aller Kraft betreiben“ erläutert Freud. Schließlich tritt der Arzt Wilhelm Fließ in Freuds Leben, sie arbeiten zusammen und werden Freunde. Sie sind sehr eng miteinander, ihre Begegnungen zu zweit nennen sie „Kongresse“ – eine Beziehung engster Zuneigung. Dann stirbt Freuds geliebter Vater und hinterlässt in dem jungen Arzt ein verlorenes Gefühl.

Im Folgenden entwickelt er seine Gedanken zum Ödipuskomplex, zum Unbewussten – und zur Traumdeutung, die 1900 veröffentlicht werden und symbolisch für den Beginn des neuen Jahrhunderts steht.

Detailliert gibt Regisseur David Teboul das private und das wissenschaftliche Leben Sigmund Freuds in Text- und Bildausschnitten wieder. Die Texte entstammen vor allem aus Freuds Korrespondenzen  und aus Äußerungen seiner Tochter Anna. Teboul erklärt zum Konzept seines Films: „Als ich einen Film über das Leben und Denken von Sigmund Freud drehen wollte, war es für mich wichtiger, dass man seine Sprache und seine Stimme, den Denker sowie seine Beziehung zu seiner Tochter Anna spürt. Indem ich Freud, dem Denker, und nicht der Psychoanalyse einen zentralen Platz gebe, hoffe ich als Regisseur einen authentischen Freud’schen Film gedreht zu haben, und zwar ohne Kommentare oder Erklärungen von Experten. Eine bewusste Entscheidung, sowohl aus dokumentarischer als auch filmischer Sicht.“

Es folgt der Erste Weltkrieg und die für Freud schwere Nachkriegszeit. Die Begegnung mit traumatisierten Soldaten bringt ihn zur Entwicklung seiner Gedanken zum „Todestrieb“.

„Sie sehen nun Amateurfilme, die für den Privatgebrauch bestimmt waren und nicht für die Öffentlichkeit. Bitte entschuldigen Sie also die qualitativen Mängel, die bei solchen Projekten unweigerlich auftreten. Diese Aufnahmen machte Prinzessin Marie Bonaparte während ihrer Besuche in Wien, unseres Aufenthalts in Paris, und ihres Besuchs der Maresfield Gardens in London“, erläutert Freuds Tochter Anna in fortgeschrittenem Alter, als die Aufnahmen öffentlich vorgeführt wurden. Es sind Bilder von Freud mit Hund, beim Spaziergang im Garten, es sind Aufnahmen, die ein persönliches, intimes Bild von ihm entwerfen. Zum Umgang mit dem Filmmaterial erklärt Teboul: „Mein Film stützt sich auf Archivbilder und von mir gedrehte Aufnahmen von Orten, die Freud möglicherweise gesehen und aufgesucht hat. Ich habe alle Filme oder Fotografien, die nicht seinerzeit entstanden sind, ausgeschlossen. Mein Film ist in seiner Struktur klassisch und linear (von seiner Geburt 1856 bis zu seinem Tod 1939), aber gewagt im formellen Ansatz: er besteht nur aus Archivbildern und Material, das ich selbst mit meiner Super-8 Kamera gefilmt habe und wie Archivmaterial behandle. Es gibt keine Interviews mit Freud-ExpertInnen.“

David Teboul gelingt es mit der Auswahl des biographischen Materials zu Freud, eine nüchterne, aber dennoch poetische Filmbiografie Sigmund Freuds zu schaffen, die gleichermaßen seine Ideenwelt als auch sein Privatleben facettenreich für die Leinwand entwirft. Der Film strahlt eine Ruhe aus, die mich an Museumsbesuche erinnert, im besten Sinne an filmische Werke, wie sie bisweilen in liebevoll aufgebauten Projektionsräumen in Museen zu sehen sind.

„Als Jugendlicher wollte ich Theater-, Opernregisseur und Fotograf werden, aber auch Filme mit bekannten Schauspielerinnen drehen,“ sagt Teboul. „Und ich habe sehr gerne gelesen. Ich hatte viel im Kopf und wusste noch nicht, wie ich mich auf ein Genre konzentrieren konnte. Als ich meinen ersten Film, YVES SAINT-LAURENT, 5 AVENUE MARCEAU 75116 PARIS gedreht hatte, hat sich das Dokumentargenre als hybride und freie Ausdrucksform bei mir durchgesetzt. Ich habe Yves Saint-Laurent wie einen Filmschauspieler gefilmt.“

Sehenswert.

REGISSEUR DAVID TEBOUL

David Teboul ist in Frankreich geboren.

Er lebt und arbeitet als Film- und Theater-Regisseur und Künstler in Paris.

Filme (Auswahl):

MON AMOUR (2019)

BORIS MIKHAILOV, I WAS HERE (2019)

BARDOT, LA MÉPRISE (2014)

LA VIE AILLEURS (2007)

SIMONE VEIL, UNE HISTOIRE FRANCAISE (2004)

BANIA (2004)

YVES SAINT-LAURENT, 5 AVENUE MARCEAU 75116 Paris (2001)

SIGMUND FREUD – FREUD ÜBER FREUD kommt am 5.5.2022, einen Tag vor Freuds 166. Geburtstag in die Kinos.

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