43 Filme und 2 Serien beim Jüdischen Filmfestival Berlin und Brandenburg

In vier Wochen startet die 28. Aus­gabe des Jüdis­chen Film­fes­ti­vals Berlin und Bran­den­burg (JFBB). Unter dem Mot­to JEWCY MOVIES zeigt das Jüdis­che Film­fes­ti­val Berlin | Bran­den­burg vom 14. bis zum 19. Juni 2022 43 Filme und 2 Serien in Pots­dam und Berlin. Die Auswahl zeigt die Band­bre­ite jüdis­ch­er Erfahrung in Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft, von der Roman­tis­chen Komödie bis zum Konzept­film, vom his­torischen Dra­ma bis zur Mock­u­men­tary. Eine pro­gram­ma­tis­che Reise zwis­chen Bedro­hung und Lebenslust, per­sön­lichen Geschicht­en und großer Poli­tik, Sinnlichkeit und Diskurs – und dabei immer leben­snah. Im Zen­trum des Fes­ti­vals ste­hen die bei­den Wet­tbe­werbe um den besten Spiel- und Doku­men­tarfilm. Im Spielfilmwet­tbe­werb sind in diesem Jahr acht Filme vertreten:

In EVOLUTION (Kornél Mundruczó, HU/DE 2021, 97 Min) wer­den die gen­er­a­tionsüber­greifend­en Auswirkun­gen und Trau­ma­ta der Shoah in sur­realen Bildern aufgezeigt. Der neue Film des ungarischen Kult-Regis­seurs beruht auf seinem gle­ich­nami­gen The­ater­stück: „So ein kün­st­lerisches Trip­ty­chon sieht man sel­ten. In drei ver­schiede­nen Pin­sel­strichen, durch drei Gen­er­a­tio­nen hin­durch, in nur drei Ein­stel­lun­gen malt dieser Film ein Bild davon, wie die Ver­gan­gen­heit die Gegen­wart bee­in­flusst.“ (Arkadij Khaet, Pro­grammkollek­tiv)

BERENSHTEIN (Roman Shu­munov, IL 2021, 105 Min) feiert beim JFBB 2022 Deutsch­land­premiere. Ein filmisch vielschichtiges Por­trait des ukrainis­chen Sow­jet-Par­ti­sa­nen und Spi­ons Leonid Beren­shtein. Der let­zte lebende Ex-Kom­man­deur ein­er Par­ti­sa­nen-Ein­heit erin­nert sich an die unfass­baren Schreck­en des Krieges, die auch er nicht ver­hin­dern kon­nte und an den schließlichen Sieg. Ungewöhn­liche Mis­chung aus Reen­act­ment und Zeitzeu­gen-Inter­view.

CINEMA SABAYA (Orit Fouks Rotem, IL/BE 2021, 95 Min) zeigt im Stil eines doku­men­tarischen Work­shop-Video­tage­buchs die schwierige Annäherung zwis­chen Jüdin­nen und Araberin­nen in Israel. Schwere The­men, mit Lebenslust und großem Respekt insze­niert – von der Abhängigkeit oder Unab­hängigkeit von Män­nern bis zu essen­ziellen Fra­gen gesellschaftlich­er Par­tizipa­tion: warum wird auch in solchen Dia­log-Work­shops immer nur Hebräisch gesprochen?

Im Zen­trum von CONCERNED CITIZEN (Idan Haguel, IL 2022, 82 Min) ste­ht ein schwules Paar, das zur falschen Zeit in eine schöne Woh­nung am falschen Ort einzieht. Eine all­t­agsna­he Reflex­ion um lib­erale Lebenslü­gen, imma­nen­ten Ras­sis­mus, Mitschuld und Ver­ant­wor­tung und Zivil­courage. „Das macht die Kom­fort­zone für den mod­er­nen lib­eralen Betra­chter unan­genehm. Schwu­len­rechte, Frauen­rechte, Gen­tri­fizierung, Frem­den­feindlichkeit und Priv­i­legien. Dieser Film lässt, durch die gezeigten realen Dilem­ma­ta neu bew­erten, was Sie über diese Schlagzeilen zu wis­sen glauben.” (Amos Geva, Pro­grammkollek­tiv)

DER PASSFÄLSCHER (Mag­gie Peren, DE/LUX 2022, 116 Min) erzählt mit leichter Hand über das schwere The­ma, sich auch im repres­siv­en NS-Sys­tem die Jugend nicht stehlen zu lassen – hier der Hunger nach Jugend, Liebe und neuen Erfahrun­gen, dort die ständi­ge Angst vor Ver­fol­gung und Tod.

WE MIGHT AS WELL BE DEAD (Natalia Sinel­niko­va, DE 2022, 93 Min) . Der psy­chol­o­gisch aus­ge­feilte Konzept­film über die Angst, nicht zur geschlosse­nen Gesellschaft dazuzuge­hören, eröffnete die diesjährige Berli­nale-Sek­tion Per­spek­tive deutsches Kino. „Warum ist es so schw­er, in dieser Gesellschaft anzukom­men? Und warum fällt es uns so schw­er, andere in unser Gesellschaft mit­machen zu lassen? Ein tre­f­fend­er Zwis­chen­ruf über Trans­parenz und Aus­gren­zung, offen­bar zwei Seit­en der­sel­ben Medaille.“ (Bernd Bud­er, Pro­gram­mdi­rek­tor)

Die Mock­umern­tary THE RED STAR (Gabriel Matias Licht­mann, AR 2021, 72 Min) entwirft eine Biografie über eine der größten Mys­te­rien argen­tinisch-jüdis­ch­er Geschichte: Laila Sala­ma. Sie spi­onierte für den MI6 und war 1960 offen­bar an der Ent­führung von Adolf Eich­mann in Buenos Aires beteiligt. Eine Biografie, die so hätte existieren kön­nen.

ROSE (Aurélie Saa­da, FR 2021, 103 Min) ist die lock­er, leichte, sinnliche franzö­sis­che Komödie des diesjähri­gen JFBB. Es geht um die Frage, ob eine jüdis­che Witwe, die im fort­geschrit­te­nen Alter ist, das Leben noch ein­mal genießen darf. „Eine ältere Frau als Pro­tag­o­nistin. Super! Es geht um Begehren und Sex­u­al­ität im Alter und dem damit ein­herge­hen­den gesellschaftlichen Kon­flikt.“ Dr. Lea Wohl von Hasel­berg (Pro­grammkollek­tiv)

Im Doku­men­tarfilmwet­tbe­werb feiert ADAM & IDA des Berlin­er Regis­seurs Jan Ten­haven (DE 2022, 83 Min) Welt­premiere beim diesjähri­gen JFBB. Dieser Film erzählt die Geschichte der schein­baren Zwill­inge Adam und Ida Paluch, die als Kleinkinder im Ghet­to getren­nt wur­den, den Holo­caust über­lebten und sich 53 Jahre später auf wun­der­same Weise wiederge­fun­den haben.

WE WEPT WITHOUT TEARS (Gideon Greif/ Itai Lev, IL 2022, 72 Min) hat beim JFBB 2022 Deutsch­land­premiere. Diese filmis­che Erin­nerung an die Shoah ver­ar­beit­et die wichtig­sten Zeitzeu­ge­naus­sagen der­er, die im Ver­nich­tungslager Auschwitz-Birke­nau unter Zwang die Opfer der Shoah beseit­i­gen mussten.

1341 FRAMES OF LOVE AND WAR (Ran Tal, IL 2022, 90 Min) ist eine Foto-Chronik in bewe­gen­den Bildern: Als Fotograf doku­men­tiert Micha Bar-Am wichtige Ereignisse und Kriege Israels, vom Eich­mann-Prozess 1961 bis zum Libanon-Krieg 1982. Micha Bar-Am, reflek­tiert über Geschicht­en und Erleb­nisse hin­ter den Fotos – und seine Rolle als ein­er der wichtig­sten Chro­nis­ten Israels.

In HOUSEWITZ (Oeke Hoogendijk, NL 2021, 71 Min) ver­sucht die Filmemacherin Oeke Hoogendijk, die Geschichte  ihrer Mut­ter zu begreifen. Erst allmäh­lich ver­ste­ht man, dass die kauzige ältere Dame, die hier in ihrem Wohnz­im­mer mit ihrer Katze fern­sieht, dieses Wohnz­im­mer nie ver­lässt. Das Porträt ein­er klu­gen Frau, die jeden Tag mit dem Holo­caust als Mit­be­wohn­er lebt.

BABI YAR. CONTEXT (Sergei Loznit­sa, NL 2021, 121 Min): Das Mas­sak­er von Babyn Jar, bei dem deutsche nation­al­sozial­is­tis­che Ein­satz­grup­pen und lokale Polizeiein­heit­en mehr als 33.000 Jüdin­nen und Juden erschossen, gehört zu den grauen­voll­sten Ver­brechen des ver­gan­genen Jahrhun­derts. Sergej Loznit­sas assozia­tive Mon­tage aus Archiv­ma­te­ri­alien erschließt präzise eine Leer­stelle europäis­ch­er Geschichte.

Mit der Blue Box, ein­er kleinen met­al­lenen Spar­dose, sam­melte der Jüdis­che Nation­al­fonds Gelder, um in der Grün­dungsphase des Staates Israel von Araber*innen in Palästi­na Land zu kaufen. Im gle­ich­nami­gen Film BLUE BOX (Michal Weits, IL/CA/BE 2021, 80 Min) reflek­tiert die Filmemacherin die kom­plexe Geschichte ihres Urgroß­vaters Yosef Weitz – ein „Grün­dungs­vater“, der aus dem kar­gen Boden Israels wun­der­bare grüne Wälder schuf, das Land dafür aber zuweilen mit moralisch frag­würdi­gen Meth­o­d­en akquiri­ert hat.

In ihrem jüng­sten Film A WOMAN (Jea­nine Meer­apfel, DE/AR 2021, 104 Min) beschäftigt sich Jea­nine Meer­apfel, der dieses Jahr die Hom­mage des JFBB gewid­met ist, mit der Biogra­phie ihrer Mut­ter. Auf intime Art und Weise erin­nert sie sich an eine Frau, für die das Gefühl von Heimat­losigkeit ein Dauerzu­s­tand war. Zugle­ich ist es die Geschichte der Exil­er­fahrun­gen ein­er ganzen Gen­er­a­tion im 20. Jahrhun­dert.

LEAVING PARADISE (Ofer Freiman, IL 2020, 86 Min) zeigt, dass sich jüdis­ches Leben auch im brasil­ian­is­chen Dschun­gel abspielt: Der 60-jährige Cleo bewirtschaftet mit sein­er Groß­fam­i­lie eine Farm im ländlichen Brasilien. Der Clan lebt wie eine Kom­mune und prak­tiziert ein sehr indi­vidu­elles Juden­tum. Als die Kinder ihre Jüdis­chkeit ausleben und nach Israel ziehen wollen, sieht Cleo sein Lebenswerk in Gefahr. Welch­es ist nun das Gelobte Land?

RAYMONDE EL BIDAOUIA (Yaël Abecas­sis, IL 2020, 77 Min), erzählt die Geschichte der pop­ulären Sän­gerin Ray­monde El Bidaouia. Die sephardis­che Jüdin wan­derte mit 18 Jahren aus Casablan­ca nach Israel ein und über­wand manchen Schick­salss­chlag. Wie die Musik ihr dabei half, zeigt dieser Doku­men­tarfilm: „Während 1700 Jahre jüdis­ches Leben in Deutsch­land gefeiert wer­den, geht das jüdis­che Leben in Nordafri­ka auf die Bibel zurück. Der Film gibt einen Ein­blick in die Kul­tur des marokkanis­chen Juden­tums durch die Musik von El Bidaouia, beobachtet von ihrer Tochter, der israelis­chen Schaus­pielerin und Regis­seurin Yaël Abecas­sis.” (Amos Geva, Pro­grammkollek­tiv)

SUMMER NIGHTS (Ohad Mil­stein, IL 2021, 53 Min), zeigt die Welt aus der Sicht eines 6‑jährigen Kindes. Ein sen­si­bel insze­niertes Por­trait ein­er Vater-Sohn-Beziehung und ein zutief­st berühren­des Her­an­tas­ten an die große Frage, was Men­sch-Sein eigentlich bedeutet. „Was kann von Gen­er­a­tion zu Gen­er­a­tion weit­ergegeben wer­den? Was bleibt in uns einge­bet­tet, wenn diese Gen­er­a­tion nicht mehr da ist?” (Amos Geva, Pro­grammkollek­tiv)

Ver­liehen wer­den in den bei­den Wet­tbe­wer­ben die Ger­shon-Klein-Preise, ges­tiftet von Fam­i­lie Klein, in Erin­nerung an die Berlin­er Kinole­gende Ger­shon Klein. Dotiert mit jew­eils 3.000 Euro.

Die weit­eren Sek­tio­nen des JFBB 2022: Eine bunt gemis­chte Gen­re­vielfalt, das beson­dere Kino des JFBB, find­et sich in Kino fer­mished. In Nosh Nosh wer­den aus­gewählte Kurz­filme gezeigt, Ser­i­al Fresh ist die Serien­rubrik, die sich in 2022 israelis­chen TV-Schöpferin­nen wid­met.

Alle Infor­ma­tio­nen zu Kinos und Tick­ets gibt es auf https://jfbb.info/.

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