DOK.fest München Kurzkritiken (2)

DEAR MEMORIES. Dokfest München. Thomas Hoepker. Regie: Nahuel Lopez. —

DEAR MEMORIES – EINE REISE MIT DEM MAGNUM FOTOGRAFEN THOMAS HOEPKER
(Deutschland, Schweiz 2021, Nahuel Lopez)
Dokumentarfilmer Nahuel Lopez begleitet den Magnum-Fotografen Thomas Hoepker und dessen Frau auf vielleicht einer seiner letzten Fotoreisen durch die USA. Hoepkers Erinnerungen verschwinden wegen seiner Alzheimererkrankung immer mehr. DEAR MEMORIES ist ein berührendes, persönliches Dokument über einen bedeutenden Fotografen, von dem wir trotz seiner Erkrankung immer noch sehr viel über seine Arbeit als Fotograf erfahren. Beeindruckend.

SCHWARZARBEIT
(Schweiz 2022, Ulrich Grossenbacher)
Ulrich Grossenbacher begleitet Arbeitsmarktkontrolleur*innen in der Schweiz bei ihrer Arbeit. „Ich bin nicht auf der Welt, um mich beliebt zu machen“, sagt einer der Kontrolleure. Sie begegnen Menschen, die einen Hungerlohn verdienen, angeblich Manager sind, 70 Stunden in der Woche arbeiten. Wir hören von Arbeitgebern, die ihren Arbeitnehmer*innen nichts zahlen, weil sie nichts verdient hätten. Diese Ungerechtigkeiten sind dem Kontrolleur Frédy Geiser ein Dorn im Auge. Ihm liegt die Gerechtigkeit im Sinn. Seine Mutter musste als Kind hart arbeiten, als „Verdingkind“, wurde dabei schlecht behandelt. Grossenbacher gelingt ein tiefer Einblick in den Arbeits-Alltag in der Schweiz. Die politischen Einschübe, Talkshowszenen etc. sind für mich etwas fremd und führen mich etwas von dem weg, worum es in dem Film geht. Dennoch ist SCHWARZARBEIT ein gelungener Dokumentarfilm über prekäre Arbeitsbedingungen in Mitteleuropa.

FIRE OF LOVE
(Kanada, USA 2022, Sara Dosa)
Katia und Maurice Krafft waren die berühmtesten Vulkanforscher der Welt. Beim Ausbruch des Unzen in Japan kamen sie ums Leben, hinterließen aber einen unermesslichen Fundus an Filmaufnahmen. FIRE OF LOVE zeigt dieses Material und erzählt von der Liebe und der Arbeit zweier Wissenschaftler*innen. Ein wunderschönes, leuchtendes, künstlerisch-persönlich-wissenschaftliches Meisterstück an Dokumentarfilm, ein visuelles Wunder. Das Vermächtnis zweier bedeutender Naturwissenschaftler.

SECRETS OF PLAYBOY
(USA 2022, Alexandra Dean, DOK.special)
Mit 91 starb Hugh Hefner, der Erfinder des Playboy. “I think he was a monster”, sagt eine Frau über ihn. Secrets of Playboy erzählt seine Geschichte und der Frauen, um die es im Playboy ging – eine Geschichte zwischen sexueller Befreiung und Ausbeutung von Frauen. Die Playboy-Mansion „a Disneyland for adults“, ein „Shangri-La“, in dem niemand altert, ist der berüchtigte Ort, an dem sich alles abspielt. Es gibt die unschuldigen Jahre, in denen es um Befreiung, Schönheit und Glamour geht. Aber das sollte sich ändern… Engagierte, routinierte Doku-Biopic-Serie über den 2017 gestorbenen Playboygründer.

KALLE KOSMONAUT
(Deutschland 2022, Tine Kugler, Günther Kurth, Best of Fests)
Langzeitdoku über Pascal, genannt Kalle, der in Berlin an der Allee der Kosmonauten, Marzahn-Hellersdorf, aufgewachsen ist, als Ghettokind, wie er manchmal sagt, der Angst hat vor der Zukunft, in schwierigen Verhältnissen groß geworden ist, mit Drogen zu tun hat, mit Gewalt, auf die schiefe Bahn geraten ist. Der Film beginnt mit dem zehnjährigen Pascal, Schlüsselkind, viel alleine unterwegs, der Vater fehlt… Berührendes, schmerzliches Jugendporträt.

YOUNG PLATO
(Belgien, Frankreich, Irland 2021, Neasa Ní Chianáin, Declan McGrath, Best of Fests)
Belfast, Nordirland. Die Konflikte der Vergangenheit sind aus den Köpfen der Menschen noch nicht verschwunden. Es gibt immer noch Ausbrüche von Meinungsverschiedenheiten. In dieser Atmosphäre arbeiten die Lehrer, insbesondere ein Philosophielehrer in einer Grundschule mit Kindern in der Schule und sprechen mit ihnen über die Mauern in der Stadt, über Wut. Der Philosophielehrer erforscht die Emotionen und Sorgen der Kinder, geht auf sie ein, hilft ihnen. Eine wundervolle Dokumentation über den Schulalltag in einer Grundschule, die die Ängste, Bedürfnisse, Hoffnungen und Wünsche der Kinder ernst nimmt. Beeindruckend.

BERLIN BYTCH LOVE
(Deutschland 2022, Heiko Aufdermauer, Johannes Girke)
Sophie ist schwanger, von Dominik. Aber Sophie ist erst 15, Dominik 17, und vor allem: Sie leben auf der Straße, in Berlin-Kreuzberg. Sie leben selbstbestimmt, aber sie träumen von einer eigenen Wohnung. Doch da gibt es große Probleme: Drogen, eine Haftstrafe droht. Persönliches, intensives, Porträt zweier Jugendlicher.

MORIR EN MADRID
(Frankreich, Spanien 1963, Frédéric Rossif).
„Ein faschistischer Militärputsch, der beinahe scheitert. Ein dreijähriger Bürgerkrieg, der zum Kristalisationsort ideologischer Kämpfe wird und die darauffolgende Diktatur. Als MORIR EN MADRID im Jahr 1963 erscheint, wird der Film als umfassende Chronik des Bürgerkriegs und offene Anklage eines Terrorregimes international gefeiert. Ohne einen Coup des Regisseurs Frédéric Rossif wäre der Film allerdings nie entstanden. Mit dem Versprechen, einen Werbefilm über den Franquismus zu drehen, erlangte Rossif Zugang zu nie veröffentlichten Archivaufnahmen. Die dort dokumentierten Verbrechen demaskierten das Regime vor der Weltöffentlichkeit und machten den Film zu einem der wichtigsten Dokumente über den spanischen Bürgerkrieg und seiner Folgen.“ (Pablo Bücheler)
Beeindruckendes Dokument der Sechziger Jahre.

Nachtrag:

MAGALUF GHOST TOWN
(Spanien 2021, Miguel Angel Blanca)
Spannender, eindringlicher Blick auf eine Touri-Kleinstadt auf Mallorca, Magaluf, Zentrum für britische Touristen im Sommer, Geisterstadt im Winter.

TRACING TANGO ECHO TANGO
(Deutschland 2022, Ksenia Ciuvaseva)
Die Spurensuche einer Tochter nach ihrem Vater, einem Ex-Sowjetpiloten – im Sudan. Sorgfältig montierte, beeindruckend recherchierte und poetisch erzählte Dokumentation.

SO ODER SO
(Deutschland 2021, Lea Tama Springer, Eva Gemmer, Hannah Jandl, Student Award)
Was kommt nach der Schule? Schöner kleiner Studentendokumentarfilm über vier Jugendliche auf ihrer Suche nach ihrem Platz in der Welt.

BERG
(Niederlande 2021, Joke Olthaar)
Berglandschaften, Felsstrukturen, Höhlen, Eis, Wolken, Gletscher in Slowenien. BERG erzählt mit beeindruckenden Schwarzweißaufnahmen das Erlebnis Berge, zieht einen in eine Landschaft hinein, die karg, abenteuerlich, schön ist. Grandios, mit einem betörenden Soundtrack.

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