EVOLUTION beim Jüdischen Filmfestival Berlin-Brandenburg 2022

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Regie: KORNÉL MUNDRUCZÓ HU/DE 2021 97 MIN

1945, gegen Ende des Krieges. Ver­bis­sen schweigend räu­men drei Män­ner in einem Konzen­tra­tionslager auf, später erfahren wir, dass es Auschwitz ist. Sie desin­fizieren die Räume, putzen die Wände und den Boden. Ein­er find­et ein Büschel Haare in ein­er Ritze in der Wand. Eine the­ater­hafte, sur­reale Szene. Dann find­en sie noch mehr Büschel, im Duschkopf, in Löch­ern im Boden, im Gul­li. Immer mehr. In einem Loch in der Wand find­en sie schließlich ein langes Seil, offen­bar aus Haaren geflocht­en. Behar­rlich ziehen sie es aus der Wand. Und schließlich hören sie Babygeschrei. Verzweifelt suchen sie im Gul­li – und find­en dort ein weinen­des Baby. Es lebt, wie durch ein Wun­der, ein Mäd­chen. Die Män­ner rufen nach einem Arzt, die ersten Stim­men, die man hört. Die sow­jetis­chen Sol­dat­en brin­gen das Kind aus dem Lager her­aus, es beruhigt sich allmäh­lich. Es liegt Schnee, es ist kalt.

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Viele Jahrzehnte später. Wir tre­f­fen das Mäd­chen aus dem KZ als Éva in Berlin wieder, sie ist eine alte Frau, ver­gisst viel, hat Dia­betes, wacht ständig mit Alp­träu­men auf. Sie ist Ungarin, soll irgen­deine Ausze­ich­nung für ihr Lebenswerk bekom­men, Schrift­stel­lerin ist sie. Ihre Tochter Lena kommt und besucht sie, küm­mert sich um sie. Évas Herkun­ft ist ungek­lärt, ist sie Jüdin? Es gibt irgendwelche Geburt­surkun­den ihrer Mut­ter, mit ver­schieden­sten Angaben, ver­schiedene Namen, unter­schiedliche Reli­gio­nen, Fälschun­gen. Sie haben Évas eigene Geburt­surkunde aus dem KZ. „Kaser­nen­straße“ ste­ht dort als Adresse, ein SS-Witz, wie sie sagt. Lena sagt, dass der Holo­caust ihr Leben geprägt habe, aber dass sie wirk­lich Jüdin sei, das habe sie nie beweisen kön­nen. Wir erfahren, dass Lena frisch geschieden ist und ein kleines Kind hat, Jonas, für den sie keinen Kita­platz find­et, mit dem sie gerne das ihr ver­has­ste Deutsch­land ver­lassen würde. „Wir waren jüdisch, als wir es nicht sein durften, und jet­zt, wo wir es dür­fen, sind wir nicht jüdisch“, sagt Lena. Éva schildert Lena die KZ-Geschichte ihrer Mut­ter, wie sie aus Bratisla­va ins Lager kam, wie sie schwanger war, arbeit­en kon­nte, währen die Alten gle­ich ver­gast wur­den, wie sie die Kapos mit Brot bestach und deswe­gen als Näherin arbeit­en durfte. Man redete im KZ mit ihrer Mut­ter darüber, ob es nicht bess­er wäre, das Baby abzutreiben oder zu ertränken, da sie son­st Gefahr liefe, ver­gast zu wer­den. Aber Lena will jet­zt davon gar nichts hören. Lena hat in ihrer Kind­heit unter all dem gelit­ten, es ging immer nur um die KZ-Ver­gan­gen­heit ihrer Mut­ter, ihr selb­st war eine glück­liche Kind­heit ver­wehrt. Sie wurde nicht umarmt, ihre Mut­ter hat nicht mit ihr gespielt. Mis­strauen gegenüber der Welt habe Éva ihr eingeimpft. Éva erzählt immer wieder ihre KZ-Geschicht­en, wie Men­gele sie ent­deckt und sie hochge­hoben habe, „du siehst gar nicht jüdisch aus“ habe er gesagt, als er in ihre blauen Augen geblickt hätte. All die Geschicht­en, sagt Éva, habe sie später von ihrer Mut­ter gehört, um Tod und Mord war es immer wieder gegan­gen, um nichts anderes. Doch während die Auseinan­der­set­zung zwis­chen Mut­ter und Tochter weit­er ihren Ver­lauf nimmt, geschehen plöt­zlich eine Rei­he uner­warteter Dinge. Und auch für Jonas, die näch­ste Gen­er­a­tion, in der Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukun­ft aufeinan­dertr­e­f­fen, wird seine Fam­i­liengeschichte noch eine Rolle spie­len…

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Quälend lange hören wir die Geschicht­en zweier Opfer des Holo­caust, Éva, die den Holo­caust über­lebt hat und ihre Tochter Lena, die unter all dem auch gelit­ten hat, in der Fol­ge­gen­er­a­tion, die keine glück­liche Kind­heit hat­te. Regis­seur Kornél Mundruczó, dessen Frau Kata Wéber das Drehbuch zu EVOLUTION geschrieben hat, erk­lärt in einem Inter­view: „Eva, die im Konzen­tra­tionslager geboren wurde, repräsen­tiert die erste und zweite Gen­er­a­tion der Holo­caust-Über­leben­den, ihre Tochter die dritte. Während jedoch die ersten bei­den Gen­er­a­tio­nen von Über­leben und Ver­ber­gen geprägt sind, dominieren in der drit­ten Gen­er­a­tion Akzep­tanz und Ver­leug­nung. Unser Ziel im Film war es, diese Reak­tio­nen zu erforschen und ein sehr bre­ites Spek­trum von ihnen zu präsen­tieren. Dabei haben wir auch berück­sichtigt, was wir aus unseren Fam­i­lien mit­brin­gen: Ich als Nicht-Jude, Kata als Jüdin.“ EVOULTION ist eine beein­druck­ende, eigentlich leicht erzählte kleine Fam­i­liengeschichte, die von den Auswirkun­gen des Holo­caust bis heute erzählt, bis in heutige Biografien hinein, mehr als 75 Jahre nach der Befreiung des Konzen­tra­tionslagers Auschwitz. Der Holo­caust hat in allen Gen­er­a­tio­nen des Films tiefe Nar­ben hin­ter­lassen, bei Éva, die im KZ geboren wurde, bei Lena, die eine schwere Kind­heit erlebte, bei Jonas, den die Geis­ter der Ver­gan­gen­heit ein­holen. EVOLUTION beein­druckt und bleibt in Erin­nerung, ger­ade durch seine außergewöhn­liche, auf ganz wenige Fig­uren beschränk­te Erzählweise. Und trotz der Schwere des The­mas, gelingt es dem Film dann doch, den Zuschauer am Ende mit ein­er gewis­sen Leichtigkeit aus dem Kinosaal zu ent­lassen…
Empfehlenswert.

Nach­dem EVOLUTION bere­its in Cannes in der Sek­tion Cannes Pre­mières und beim Film­fest Ham­burg zu sehen war, zeigt nun das Jüdis­che Film­fes­ti­val Berlin-Bran­den­burg den Film – und ab dem 25. August 2022 wird er bun­desweit in den Kinos zu sehen sein.

Ter­mine:

15.6. 19.00 Del­phi Lux, im Anschluss Filmge­spräch mit Vio­la Fügen, Ko-Pro­duzentin
Berlin: Del­phi Lux
OmdU Del­phi Lux Saal 1

16.06.2022 17:00
Pots­dam: Thalia – Das Pro­grammki­no
OmdU

16.06.2022 19:00
Berlin: Jüdis­ches The­ater­schiff MS Gold­berg
OmdU

18.06.2022 19:00
Berlin: Del­phi Lux
OmeU Del­phi Lux Saal 4

Tick­ets und Infos: https://jfbb.info/programm/filme/evolution

JFBB Sek­tion WETTBEWERB SPIELFILM

Regis­seur KORNÉL MUNDRUCZÓ
HU/DE 2021
97 MIN

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Kornél Mundruczó ist ein ungarisch­er Regis­seur. Mundruczó studierte Film und Fernse­hen an der Uni­ver­sität für The­ater- und Filmkun­st in Ungarn. Er ist der Grün­der von PROTON CINEMA. Sein erster Film PLEASANT DAYS (2002) wurde in Locarno mit dem Sil­ber­nen Leop­ar­den aus­geze­ich­net; seine fol­gen­den Filme wur­den alle­samt im Rah­men der Film­fest­spiele von Cannes uraufge­führt. JOHANNA (2005 in der Sek­tion „Un Cer­tain Regard“), DELTA (2008 im Wet­tbe­werb, Gewin­ner des FIPRESCI-Preis), TENDER SON (2010 im Wet­tbe­werb), WHITE GOD (2014, Gewin­ner der Sek­tion „Un Cer­tain Regard“), JUPITER’S MOON (2017 im Wet­tbe­werb). Mit PIECES OF A WOMAN präsen­tierte er 2020 seinen ersten englis­chsprachi­gen Film, der bei den 77. Inter­na­tionalen Film­fest­spie­len von Venedig uraufge­führt und mit dem Young Cin­e­ma Award und dem Volpi Cup für die beste Darstel­lerin aus­geze­ich­net wurde. Der Erfolg des Films wurde 2021 mit ein­er Oscar-Nominierung gekrönt.

https://port-prince.de/projekt/evolution/

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