Über den Kurzfilm PROLL! von Adrian Figueroa

Proll! Von Adrian Figueroa. —

ENGLISH VERSION BELOW

Murat, Juri und Cornelia kennen sich nicht, aber sie haben eines gemeinsam: Sie arbeiten im Niedriglohnsektor. Alle drei haben unter ihren Arbeitsbedingungen zu leiden, allen dreien reicht ihr Lohn nicht wirklich zum Leben.

Murat (Erol Afşin) arbeitet seit 15 Jahren in einer Kartonagenfabrik, die jetzt auf einmalgeschlossen werden wird. Murat war nicht einmal krank, ist der beste Mitarbeiter der Firma, er hat holt sogar seinen ständig zu spät kommenden Kollegen ab, damit dieser wenigstens pünktlich in der Firma auftaucht. Aber nun wird er bald auf der Straße stehen, mit nichts in der Hand. Die Miete für eine kleine Wohnung kann er sich auch so schon kaum leisten. Sein Kollege versucht Murat, der nie auch nur ein bisschen aufgemuckt hat, nun dazu zu überreden, seine Chefs zur Rede zu stellen.

Juri (Roman Kanonik) ist Paketlieferant. Sichtlich frustriert ist er mit seinem schlecht bezahlten, unsicheren Job. Selbst Klogänge sind für ihn ein Problem, manchmal pinkelt er im Auto einfach in eine Plastikflasche. Er muss sich einen neuen Transporter kaufen, zu dem er sich bequatschen lässt, obwohl er weiß, dass die Karre in einem schlechten Zustand ist. Aber die Not ist groß, ohne Fahrzeug kein Einkommen. Prompt bleibt der Wagen liegen, eine teure Reparatur steht an, Juris Wut auf seine Arbeitsbedingungen wächst.

Eine junge Frau, Cornelia (Kara Schröder), morgens vom Wecker geweckt, verdient ein paar Euro im Internet – als „Clickworker“, man weiß zunächst gar nicht genau, was sie eigentlich macht. Mit ihrer Mitbewohnerin und den Nachbarn im Hochhaus möchte sie dann aber lieber nichts mehr zu tun haben. Internetdates hat sie, aber da sie ja nur zu Hause am Computer sitzt, hat sie gar nichts, über das sie mit den Dates eigentlich sprechen kann.

PROLL! verwebt geschickt die Geschichten der drei prekär beschäftigten Menschen, die auf sich allein gestellt sind und deren schwierige Arbeitsverhältnisse auch dazu beitragen, dass sie sozial und gesellschaftlich am Rand stehen. Murat, Juri und Cornelia kennen sich nicht und begegnen sich auch nicht, dennoch hat man nie das Gefühl, man bekäme einen Episodenfilm gezeigt, der drei getrennte Geschichten erzählt. Jeder führt seinen eigenen Kampf und es ist das Charakteristikum ihres Schicksals, dass sie in den jeweils anderen eben keine Gleichgesinnten finden, mit denen sie sich zusammentun könnten. Sie können sich in keiner Gewerkschaft Hilfe suchen, sie haben niemanden, mit dem sie sich über ihre Situation austauschen können.

Der Film vermeidet es dankenswerterweise, auf einen dramatischen Höhepunkt in der Handlung zuzusteuern. Man erwartet keine Katastrophe, aber auch kein Happy End, aber in jeder Minute des Films bekommt man zu spüren, dass es den Charakteren des Films in der näheren Zukunft eher schlechter als besser gehen wird. Allen drei Handlungssträngen ist auch der Weg in den weiteren sozialen Abstieg eingeprägt.

Proll! Von Adrian Figueroa. —

„Der Ausgangspunkt für das Projekt war eigentlich eine Auseinandersetzung mit dem Begriff ‚Proll‘“, erzählt der Regisseur Adrian Figueroa im arte-Interview, „was eigentlich eine Weiterentwicklung und im negativen Sinne ein Schimpfwort geworden ist. Mich hat interessiert, warum das Wort ‚Proletarier‘ Marxscher Prägung eigentlich aus dem Sprachgebrauch verschwunden ist.“ PROLL! als Filmtitel, auch noch mit Ausrufezeichen dahinter, ist natürlich auch eine Provokation, vielleicht sogar ein kleiner Schrei nach Aufmerksamkeit, von der Kurzfilme traditionsgemäß viel zu wenig erhalten.

Trotz allem liegt über der Erzählebene des sozialen Realismus auch eine poetische, vielleicht mythische Ebene, die an mehreren Stellen des Films durchscheint: Es gibt mehrere Szenen mit Schafen – einmal liegt ein Schaf tot auf einem Waldweg, als Murat zur Arbeit fährt, dann gibt es Szenen mit einer Schafherde, die von einem Schäfer geführt wird. Dies hat etwas Surreales, Verfremdetes – übrigens ist dies ein Motiv, das eine große Tradition in der Filmgeschichte hat, wenn Tiere nämlich mit dem Surrealen verknüpft werden, bei Buñuel gibt es das immer wieder, zuletzt auch beim Berlinale-Gewinner „Alcarràs“.

Diese Erzählebenen und die zarte Verbindung der drei Handlungsstränge miteinander machen aus PROLL! ein beeindruckendes, vielschichtiges, persönliches Werk, das einen nicht loslässt. Natürlich würde man gerne mehr über diese drei Figuren erfahren, warum sie das tun, was sie tun, wie ihre Vergangenheit war und wo sie herkommen; dennoch schaffen es der Regisseur Adrian Figueroa und seine Drehbuchautorin Maike Wetzel, genug Spuren und Andeutungen in der Handlung des 30-minütigen Filmes zu hinterlassen, die auf Schicksale, auf die Lebensläufe und -entwürfe der ProtagonistInnen hindeuten.

Die bereits erwähnte Problematik, dass Kurzfilme unter dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung hindurchtauchen, besteht natürlich auch für PROLL! Medien berichten heute noch nicht mal mehr über alle Kinostarts von Langfilmen, dazu gibt es davon mittlerweile zu viele und inzwischen ist auch die Konkurrenz um die Berichterstattung um Streaming-Filme und -Serien dazu gekommen. Dennoch ist Figueroas Film immerhin ein außerordentlich erfolgreiches Exemplar unter den Kurzfilmen. PROLL! gewann den Preis im deutschen Wettbewerb beim wichtigsten mitteleuropäischen Kurzfilmfestival, den Internationalen Kurzfilmtagen Oberhausen – und er gewann den deutschen Filmpreis, die Goldenen Lola für den Besten Kurzfilm. Zuletzt war der Film noch in der arte-Mediathek zu sehen – arte bietet neben den einschlägigen Festivals vielleicht eine der wichtigsten Plattformen für Kurzfilme in Europa.

Proll! Von Adrian Figueroa. —

ENGLISH VERSION

Murat, Juri and Cornelia don’t know each other, but they have one thing in common: they work in the low-wage sector. All three suffer from their working conditions, all three are not really paid enough to live on.

Murat (Erol Afşin) has been working in a cardboard factory for 15 years, which is now about to be closed. Murat wasn’t even ill, is the best employee in the company, he even picks up his colleague who is always late, so that he at least shows up at the company on time. But now he’ll soon be out on the street with nothing in hand. He can hardly afford the rent for a small apartment. His colleague is now trying to persuade Murat, who has never been a bit angry, to confront his bosses.

Juri (Roman Kanonik) is a parcel deliverer. He is visibly frustrated with his poorly paid, insecure job. Even going to the toilet is a problem for him, sometimes he just pees in a plastic bottle in the car. He has to buy a new van, which he can be talked into even though he knows the truck is in bad shape. But the need is great, without a vehicle there is no income. The car promptly breaks down, an expensive repair is pending, and Juri’s anger at his working conditions grows.

A young woman, Cornelia (Kara Schröder), woken up in the morning by the alarm clock, earns a few euros on the Internet – as a „clickworker“, at first you don’t know exactly what she actually does. But then she would rather have nothing to do with her roommate and the neighbors in the high-rise. She has internet dates, but since she only sits at home on the computer, she doesn’t really have anything to talk about with the dates.

Proll! Von Adrian Figueroa. —

PROLL! skilfully weaves together the stories of the three precariously employed people who are left to their own devices and whose difficult working conditions also contribute to their being socially and societally marginalized. Murat, Juri and Cornelia don’t know each other and don’t meet each other either, but you never have the feeling that you’re being shown an anthology film that tells three separate stories. Each leads their own struggle and it is characteristic of their destiny that they do not find like-minded people in each other with whom they could join forces. They cannot seek help from any union, they have no one to share their situation with.

The film thankfully avoids heading for a dramatic climax in the plot. You don’t expect a catastrophe, but you don’t expect a happy ending either, but in every minute of the film you get the feeling that the characters of the film will fare worse rather than better in the near future. The path to further social decline is also imprinted on all three storylines.

„The starting point for the project was actually an examination of the term ‚proll‘,“ says director Adrian Figueroa in an arte interview, „which has actually become a further development and, in a negative sense, a swear word. I was interested in why the word ‚proletarian‘ in Marx’s style has actually disappeared from everyday usage.“ PROLL! as a film title, even with an exclamation mark behind it, is of course also a provocation, maybe even a small cry for attention, of which short films traditionally receive far too little.

Despite everything, there is also a poetic, perhaps mythical level above the narrative level of social realism, which shines through at several points in the film: There are several scenes with sheep – once a sheep lies dead on a forest path when Murat drives to work, then there are Scenes with a flock of sheep being led by a shepherd. This has something surreal, alienated – by the way, this is a motif that has a great tradition in film history, namely when animals are linked with the surreal, with Buñuel it happens again and again, most recently with the Berlinale winner „Alcarràs“.

Proll! Von Adrian Figueroa. —

These narrative levels and the delicate connection between the three storylines make PROLL! an impressive, multi-layered, personal work that will not let you go. Of course one would like to know more about these three characters, why they do what they do, what their past was like and where they come from; nonetheless, director Adrian Figueroa and his screenwriter Maike Wetzel manage to leave enough traces and hints in the plot of the 30-minute film that point to the fates, biographies and drafts of the protagonists.

The already mentioned problem that short films dive under the radar of public perception naturally also applies to PROLL! The media doesn’t even report on all cinema releases of feature films anymore, there are now too many of them and now the competition is too to reporting on streaming films and series. Nonetheless, Figueroa’s film is an extraordinarily successful example among short films. PROLL! won the prize in the German competition at the most important Central European short film festival, the Oberhausen International Short Film Festival – and he won the German film prize, the Golden Lola for the best short film. Most recently, the film was shown in the arte media library – in addition to the relevant festivals, arte offers perhaps one of the most important platforms for short films in Europe.

PROLL!
Short Film, 30min, 2021

Murat, Juri and Cornelia are among the so-called „working poor“ – as click workers, in a cardboard factory and as freelance parcel deliverers, they are only linked by their low wages. Each one fights on his or her own.

Director ADRIAN FIGUEROA Writer MAIKE WETZEL Producer FLORIAN SCHEWE Camera JAKOB REINHARDT Editor ADRIAN FIGUEROA Production Design ANAHI PEREZ & KATHERINE HALBACH Dramaturgy FELIZITAS STILLEKE
Cast ROMAN KANONIK, EROL AFSIN, KARA SCHRÖDER, GABI HERZ, VOLKAN TÜRELI, RANA FARAHANI, SASCHA GÖPEL

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