Jeff Wall in der Fondation Beyeler

Vom 28. Jan­u­ar bis zum 21. April 2024 zeigt die Riehen­er Fon­da­tion Beyel­er eine große Einze­lausstel­lung des 1946 gebore­nen kanadis­chen Fotografen Jeff Wall. Es ist die erste große Ausstel­lung mit seinen Arbeit­en in der Schweiz seit Jahrzehn­ten. Jeff Wall ist stil­prä­gend für die Foto­gat­tung der „insze­nierten Fotografie”, jenes Genre, das Erzählmit­tel der doku­men­tarischen Fotografie imi­tiert, indem es die Bilder insze­niert, zum Teil mit viel Aufwand, mit Schaus­piel­ern und ein­er Crew, ver­gle­ich­bar mit der Insze­nierung eines Spielfilms. Cindy Sher­man und Gre­go­ry Crewd­son sind weit­ere berühmte Vertreter*innen dieses Gen­res. Jeff Walls Werk ist erstaunlich über­sichtlich. Er kom­poniert Bilder, die entwed­er von All­t­agsauf­nah­men inspiri­ert sind, gle­ich­sam Straßen­fo­tografien sein kön­nten, oder er bedi­ent sich Vor­bildern aus der Kun­st­geschichte. Wie Szenen­fo­tos aus Spielfil­men wirken die Bilder. Wie die Aushangs­fo­tos vor Kinos sollen sie mit einem einzel­nen Bild eine Geschichte erzählen – oder zumin­d­est andeuten und anstoßen. In riesi­gen Leuchtkästen wer­den die Bilder präsen­tiert, wie bei mod­er­nen Leuchtrekla­men, oder als groß­for­matige Drucke. Einige der Arbeit­en Walls sind mit­tler­weile zu Iko­nen der zeit­genös­sis­chen Fotografie gewor­den, in Riehen sieht man diese Fotografien eben­so wie frühe Arbeit­en und jün­gere Werke. Manche der Fotografien wer­den in der Fon­da­tion Beyel­er erst­mals öffentlich gezeigt. In elf Räu­men sind 55 Arbeit­en ver­sam­melt.

„A Sud­den Gust of Wind (after Hoku­sai)” aus dem Jahr 1993 ist sein berühmtestes Werk in einem recht schmalen Oeu­vre von ger­ade ein­mal 200 Bildern. 229 mal 377 cm ist das Groß­bild­dia groß. Der japanis­che Kün­stler Kat­sushi­ka Hoku­sai schuf ca. 1831 einen Holzschnitt mit dem Titel „Ejiri in der Suru­ga-Prov­inz”, der die Auswirkun­gen eines Wind­stoss­es zeigt. Es zeigt, wie ein Wind­stoß ein­er Frau ein Tuch ins Gesicht bläst und ihr dabei die Blät­ter, die sie in der Hand hält, in die Luft gewirbelt wer­den. Weit­ere Per­so­n­en befind­en sich in der Nähe. Jeff Wall stellt diese Szene nach. Sie wirkt wie eine Momen­tauf­nahme, sie ist jedoch eine gestellte und zusam­menge­fügte Auf­nahme, eine Col­lage aus ein­er Vielzahl von Einze­lauf­nah­men. Der Blick des Betra­chters wird gelenkt, von einem Pro­tag­o­nis­ten zum näch­sten, wir studieren die Kör­per­hal­tun­gen der vier Men­schen, wir empfind­en den Wind mit, unser Blick geht nach oben zu den Blät­tern, die durch die Luft flat­tern. Wir ver­suchen mit der Per­son, die die Blät­ter ver­liert, mitzuempfind­en: Sind es wichtige Akten? Die Arbeit ein­er Schrift­stel­lerin? Eine unwieder­bringliche Abschlus­sar­beit? Musi­knoten? Obwohl die Bilderzäh­lung unseren Blick immer in bes­timmte Rich­tun­gen leit­et, wohnt den Fotografien immer ein Geheim­nis inne, eine Leer­stelle, die immer wieder auch Platz für einen milde Komik lässt.

„Um die Bilder zu machen, die ich gemacht habe, musste ich in die Rolle eines sozial engagierten Foto­jour­nal­is­ten schlüpfen, umd dieser Prozess erlaubte mit, das Phänomen des ‚Fast-Doku­men­tarischen’ zu ent­deck­en”, sagt Jeff Wall in einem Inter­view mit Mar­tin Schwan­der, das im zur Ausstel­lung erschienen Kat­a­log nachzule­sen ist. Wall ist mit seinen Arbeit­en ein Gren­zgänger zwis­chen dem Doku­men­tarischen und dem Kün­stlich-Kün­st­lerischen. „Zu den Grün­den, warum ich mich für Fotografie inter­essierte, zählt, dass ich von Natur aus eine Per­son bin, die gerne beobachtet; deshalb habe ich immer Kun­st geschätzt, die solche Qual­itäten aufweist. Und natür­lich beste­ht hier eine Ver­wandtschaft mit dem Foto­jour­nal­is­mus”, sagt Jeff Wall.

Jeff Walls Arbeit­en waren in etlichen wichti­gen Ausstel­lun­gen zu sehen, etwa 2001 im Muse­um für Mod­erne Kun­st in Frank­furt, 2005 in der Tate Mod­ern, 2007 im MoMA in New York und 2014 im Stedelijk Muse­um in Ams­ter­dam. Mit der Riehen­er Ausstel­lung habe ich Jeff Wall erst so richtig ent­deckt, obwohl mir vor allem der „Sud­den Gust of Wind” schon länger bekan­nt war. Vieles beein­druckt mich und zieht mich hinein, bei manchen Bildern denke ich mir, dass ich die Insze­nierung nicht brauche und ich mit dem rein Doku­men­tarischen, dem Spon­ta­nen zufrieden wäre. Den­noch lohnt sich die Fahrt nach Riehen.

ÖFFNUNGSZEITEN:
Mon­tag bis Son­ntag 10–18 Uhr 
Mittwochs 10–20 Uhr 
365 Tage im Jahr (auch Feiertage)


Fon­da­tion Beyel­er
Basel­strasse 101
CH-4125 Riehen/Basel

https://www.fondationbeyeler.ch/

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