NEUE SACHLICHKEIT in der Kunsthalle Mannheim

Arno Hen­schel: Dame mit Maske, 1928, Kul­turhis­torische Museen Gör­litz, Foto: Gör­l­itzer Samm­lun­gen

Mit der Ausstel­lung „Die Neue Sach­lichkeit – Ein Jahrhun­dertju­biläum“ reist die Mannheimer Kun­sthalle nicht nur hun­dert Jahre in der Kun­st­geschichte zurück, son­dern auch hun­dert Jahre in ihrer eige­nen Geschichte. Es war das Jahr 1925, als der damals junge Mannheimer Kun­sthal­lendi­rek­tor Gus­tav F. Hart­laub mit der Ausstel­lung „Neue Sach­lichkeit” nicht nur eine bedeu­tende Ausstel­lung zusam­men­trug – die „unzweifel­haft bekan­nteste wie auch bedeu­tend­ste Ausstel­lung in ihrer über 100-jähri­gen Geschichte”, wie der Pres­se­text fest­stellt, son­dern auch einen Epochen­be­griff prägte. „Es kom­men in dieser Schau nur gegen­ständlich darstel­lende Maler und Graphik­er zu Wort und zwar eben­so die aktuell eingestell­ten ‚Veris­ten’ (Dix, Groß, Scholz usw.) wie eine Anzahl mehr zeit­los-ide­al gerichteter Kün­stler”, schrieb die Neue Mannheimer Zeitung damals.

„Eins aber noch, diese Malerei der Veris­ten oder wie man sie nen­nen mag, ver­langt wieder tech­nis­ches Kön­nen vom Maler. Er muß wieder zeich­nen kön­nen, er muß wieder malen kön­nen. Das Nichtkön­nen ver­mag nun nicht mehr sich mit der genialen Gebärde zu drapieren. Die Mitläufer, die Kon­junk­turtüchti­gen haben es wieder schw­er­er. Sie sind leichter zu ent­lar­ven”, hieß es, nach der Ausstel­lungseröff­nung in der Zeitung.

Die Ausstel­lung wurde min­destens deutsch­landweit wahrgenom­men und gewürdigt, der sozialdemokratis­che Vor­wärts etwa schreibt in Anerken­nung des Blicks für das Pro­le­tarische und neben­bei mit Berlin­bash­ing: „Die Ausstel­lung in der Mannheimer Kun­sthalle (die damit wieder ein­mal Berlin um viele Pfer­delän­gen voraus ist) umfaßt allerd­ings noch mehr. Sie begreift unter der neuen Sach­lichkeit auch die große Zahl jen­er Kün­stler, die Land­schaft, Stilleben, Men­schen­bild­nis in ein­er klaren plas­tis­chen Genauigkeit, mit präzis­er Wieder­gabe im Räum­lichen schildert und damit allerd­ings wohl den Namen ein­er neuen Sach­lichkeit in beson­derem Maße ver­di­ent.”

Georg Scholz: Selb­st­bild­nis vor der Lit­faßsäule, 1926 © Staatliche Kun­sthalle Karl­sruhe

Die heutige Ausstel­lung in Mannheim bezieht sich nun auf die dama­lige Ausstel­lung, stellt vor, ord­net ein, würdigt das dama­lige Kun­stereig­nis – und kri­tisiert, etwa die voll­ständi­ge Abwe­sen­heit von Kün­st­lerin­nen in der Ausstel­lung.

„Die Neue Sach­lichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expres­sion­is­mus“ war der voll­ständi­ge Titel der dama­li­gen Ausstel­lung, spür­bar auf der Suche nach einem präg­nan­ten Epochen­be­griff, vielle­icht schon voller Über­druss der ganzen „-ismen” in Kun­st und Gesellschaft.

Die Jubiläum­sausstel­lung nun, kuratiert von Inge Herold, erzählt in ver­schiede­nen The­men­bere­ichen das Umfeld und den Charak­ter der dama­li­gen Ausstel­lung und ergänzt die Vorauss­chau auf die nahende Zeit des Nation­al­sozial­is­mus. Mehr als 230 Bilder von Kün­stlern – und eben auch Kün­st­lerin­nen – sind nun zu sehen. Die Ausstel­lung rekon­stru­iert das ursprüngliche Konzept mit ein­er Auswahl an Bildern aus dem eige­nen Bestand, ergänzt um die Bilder von Lei­hge­bern und ver­voll­ständigt den Vlick mit ein­er immer­siv­en, dig­i­tal­en Pro­jek­tion.

Alexan­der Kanoldt:Stillleben II, 1925. Hes­sis­ches Lan­desmu­se­um Darm­stadt, Dauer­lei­h­gabe der Fre­unde des Lan­desmu­se­ums Darm­stadt, Wolf­gang Fur­man­nek

Der Kat­a­log zur Ausstel­lung erschien im Deutschen Kun­stver­lag (40€), her­aus­gegeben von Inge Herold und Johan Holten. Der Kat­a­log enthält neben Abbil­dun­gen aller aus­gestell­ten Werke auch Texte über die in der Schau behan­del­ten The­men­bere­iche sowie über den aktuellen Forschungs­stand zu zen­tralen Fra­gen der Ausstel­lung von 1925 und der Neuen Sach­lichkeit.

Noch bis zum 9. März 2025 ist die Ausstel­lung zu sehen. Neben eini­gen Klas­sik­ern der Neuen Sach­lichkeit, Grosz, Dix, Beck­mann, Schad, Scholz gab es für mich etliche Ent­deck­un­gen span­nen­der Bilder, die ich noch nicht oder kaum kan­nte, dazu gehören Niko­laus Stöck­lin, Edith Dettmann, Alice Lex-Ner­linger, Wil­helm Schnar­ren­berg­er, Carl Großberg, Gus­tav Wun­der­wald. Die Ausstel­lung ist so groß und es gibt so viel zu ent­deck­en, dass sich nach Möglichkeit emp­fiehlt, den Besuch zweizuteilen. Jeden­falls ist die „Neue Sach­lichkeit” schon jet­zt ein­er mein­er Ausstel­lungs­fa­voriten im Jahr 2025.

Noch ein Blick zurück in die Medi­en von damals: Es dauerte nicht lange, bis 1925 in Tageszeitun­gen auch erste Ver­risse der Ausstel­lung erschienen, etwa im Karl­sruher Tag­blatt: „Zweifel­los näh­ern sich einige Werke der Kun­st: aber die meis­ten ste­hen doch außer- halb der geheimnisvollen Gren­zen von Kun­st und Kunst­wahrheit und viele Stücke beweisen nur, wie weit und tief die Begriffe von Kun­st sind. Einige wenige Werke gehören gar nicht in diese Ausstel­lung (Nr. 44!). Noch eine Fest­stel­lung ist zu machen: die Ankäufe der Kun­sthallen zeigen, daß unsere öffentlichen Gale­rien auf dem Wege sind, wieder die ‚Kuriositätenk­abi­nette’ zu wer­den, aus denen sie vor 150 und 200 Jahren her­vorge­gan­gen sind und daß sie weit ent­fer­nt dem Guten, Schö­nen u. Wahren zu dienen”.

Kura­torin: Dr. Inge Herold
kura­torische Assis­tenz: Dr. Manuela Huse­mann und Dr. Gun­nar Saeck­er

Die Ausstel­lung „Die Neue Sach­lichkeit – Ein Jahrhun­dertju­biläum“ ste­ht unter der Schirmherrschaft von Bun­de­spräsi­dent Frank-Wal­ter Stein­meier.

Kun­sthalle Mannheim
Friedrich­splatz 4
68165 Mannheim

Dien­stag, Don­ner­stag – Son­ntag & Feiertage* 10 – 18 Uhr Mittwoch 10 – 20 Uhr

Erster Mittwoch im Monat 10 – 22 Uhr (MVV Kun­stabend 18 – 22 Uhr; Ein­tritt frei; die näch­sten MVV Kun­stabende find­en statt am: 05.02.2025, 05.03.2025, 02.04.2025, 07.05.2025 & 04.06.2025)

Mon­tag geschlossen

https://www.kuma.art/de/ausstellungen/die-neue-sachlichkeit

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