Retrospektive: Un-American Activities – beim DOK Leipzig 2025

Eine außergewöhn­liche Ret­ro­spek­tive zeigt dieses Jahr das Leipziger Doku­men­tarfilm­fes­ti­val DOK Leipzig: „Un-Amer­i­can Activ­i­ties”. Es han­delt such um eine Rei­he von über 150 Fil­men, die in den Jahren von 1962 bis 1989 in Leipzig auf der Doku­men­tarfilm­woche liefen, und zwar US-amerikanis­che Pro­duk­tio­nen, die sich aus ein­er kri­tis­chen Sicht mit der Real­ität in den USA auseinan­der­set­zten. Die DDR zeigte die Pro­duk­tio­nen von Filmemach­ern und Bild­jour­nal­is­ten, die aus ihrer Sicht Repräsen­tan­ten eines „anderen Amerikas” waren. DOK Leipzig zeigt damit einen Teil sein­er eige­nen Fes­ti­valgeschichte. 26 doku­men­tarische Beiträge sind zu sehen. Auch das Luru Kino beteiligt sich an der Rei­he und zeigt noch weit­ere Filme.

„Black Pan­ther a.k.a. Off the Pig” (News­reel #19) beispiel­sweise ist ein 16-minütiger Beitrag der „San Fran­cis­co News­reel” aus dem Jahr 1968. Die San Fran­cis­co News­reel ist ein kali­for­nisch­er Ableger eines Net­zw­erks von News­reel-Kollek­tiv­en. Die Mach­er standen auf der Seite der Black Pan­ther Par­ty und wandten sich gegen die Ghet­toisierung von Schwarzen in amerikanis­chen Städten und kri­tisierten die Polizeige­walt. „Off the Pig!” – etwa so viel wie „Tod den Bullen!“ riefen die Demon­stran­ten und forderten die Freilas­sung des Mit­be­grün­ders der Schwarzen Pan­ther, Huey New­ton. Newron, Eldridge Cleaver und Bob­by Seale wer­den im Gefäng­nis inter­viewt, sie fordern eine Rev­o­lu­tion und die Befreiung der Schwarzen von der weißen Vorherrschaft. Bewe­is­fo­tos der Polizeige­walt ste­hen am Anfang des Films, Ein­schus­s­löch­er in von schwarzen betriebe­nen Geschäften und Wahlbüros. „In Amer­i­ca black peo­ple are treat­ed very much as the Viet­namese peo­ple and oth­er col­o­nized peo­ple”, sagt Huey New­ton im Inter­view. Die Polizei diene in seinem Stadtvier­tel nicht der Sicher­heit, son­dern sie sei bru­tal und ver­hafte Unschuldige – weil ihnen das befohlen würde, so wie auch den Sol­dat­en in Viet­nam.

„In the year of the pig” ist eine 102-minütige Doku von Emile de Anto­nio aus dem Jahr 1968. Der Film blickt auf die US-amerikanis­che Inva­sion in Viet­nam vor dem Hin­ter­grund ein­er lan­gen His­to­rie von Befreiungskämpfen und ‑kriegen. Die Helden sind, und deswe­gen durfte der Film in der DDR gezeigt wer­den, das viet­name­sis­che Volk, das sich ver­sucht, von der amerikanis­chen Besatzung zu befreien. Eine Unzahl von Fotografien, Fil­mauss­chnit­ten, Inter­views, Doku­menten, Kom­mentaren, Nachricht­en­mel­dun­gen wer­den aneinan­dergeschnit­ten, um die These zu bele­gen, dass der Viet­namkrieg in ein­er Folge von Beset­zun­gen und Befreiungskämpfen stun­den, wie es sie seit Hun­derten von Jahren gibt. Ein Auss­chnitt nach dem näch­sten fol­gt, ob und was davon Pro­pa­gan­da von wem auch immer sein kön­nte, lässt sich kaum nachvol­lziehen.

Der berühmteste Film aus dieser Ret­ro­spek­tive ist wohl Bar­bara Kop­ples „Har­lan Coun­ty, USA”, eine Langzeit­beobach­tung eines Bergar­beit­er­streiks im Jahr 1973, der Film wurde 1977 in Leipzig gezeigt. Zuvor hat­te der Film den Oscar als Bester Doku­men­tarfilm erhal­ten. Auf Youtube gibt es ein Video, wie die damals 29-jährige Kop­ple den Oscar erhält. „Ich nehme diesen Preis im Namen der Mine­nar­beit­er von Har­lan Coun­ty an”, sagt sie. Und dankt ihnen, dass sie ihrem Team zur Ver­fü­gung stand und sie in ihre Woh­nun­gen hinein­ließ, um ihnen ihr Leben zu zeigen. In der Tat gehört „Har­lan Coun­ty, USA” zu den ein­drück­lich­sten Doku­men­tarfil­men der 1970er.

„Where did you get that woman?” ist ein halb­stündi­ger Doku­men­tarfilm aus dem Jahr 1982 von Loret­ta Smith. Joan Williams, siebzig Jahre alt, arbeit­et als Putzfrau in ein­er Toi­lette eines mondä­nen Chica­go­er Nacht­clubs. Zwanzig Jahre lang hat sie den Job gemacht und ihn geliebt. Doch Ende der 70er macht der Laden dicht, eigentlich wollte sie noch weit­er­ar­beit­en, aber nun ist sie unfrei­willig in Rente – den Blick auf den Glam­our Chica­gos hat sie schon genossen. Auch sie hat sich schick aufge­brezelt, wenn sie arbeit­en ging und die Schick­e­ria hat­te immer­hin bisweilen – über Klas­sen­gren­zen hin­weg – einen Blick auf sie gewor­fen und ihre Arbeit geschätzt: „Where did you get that woman?” wur­den ihre Arbeit­ge­ber regelmäßig anerken­nend gefragt. Was ein faszinieren­der Blick auf längst ver­gan­gene Zeit­en.

https://www.dok-leipzig.de/retrospektive-un-american-activities

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