„Es ist ein urbaner Western”: SOULEYMANS GESCHICHTE von Boris Lojkine ab dem 19.2.2026 im Kino

„Es ist der West­ern”, sagt Regis­seur Boris Lojkine über seine Idee der Gen­r­eref­erenz zu seinem Film „Souley­mans Geschichte”. „Im West­ern sitzt ein Cow­boy auf seinem Pferd mit sein­er Pis­tole. Hier ist es der Liefer­ant auf seinem Fahrrad mit seinem Tele­fon. Es ist ein urbaner West­ern.” „Souley­mans Geschichte” ist sein drit­ter Spielfilm. In Cannes wurde er im Jahr 2024 in der Sek­tion Un Cer­tain Regard präsen­tiert und mit dem Jury-Preis, dem Preis für den besten Schaus­piel­er und dem Kritiker:innen-Preis (fipresci) aus­geze­ich­net.

Lojkine ist Jahrgang 1969 geboren, von Hause aus Philosoph an der Uni­ver­sität Aix-Mar­seille, ein gar nicht so sel­tener Kar­ri­ereschritt von Regis­seuren, bevor sie beim Film lan­den. Noch häu­figer sind es die Sozi­olo­gen, die ihre Ken­nt­nis der Men­schen und der Gesellschaft ins Filmis­che umset­zen. Lojkine jeden­falls beschäftigte sich erwartungs­gemäß zunächst mit dem Doku­men­tarfilm, er drehte fürs Fernse­hen CEUX QUI RESTENT (2001) und LES ÂMES ERRANTE (2005) (dt. DIE ZURÜCKGEBLIEBENEN, 2001 und DIE WANDERNDEN SEELEN, 2005) – zwei Filme, die von viet­name­sis­chen Trau­ma­ta berichteten. DIE WANDERNDEN SEELEN hat­te in Viet­nam ca.15 bis 20 Mil­lio­nen Zuschauer, als er 2006 aus­ges­trahlt wurde.
HOPE (2014) war sein Spielfilmde­büt. Der Film zeigte die Reise von Migranten nach Europa, den Film ver­wirk­lichte er mit Hil­fe von Laien­darstellern. Sein zweit­er Spielfilm, CAMILLE (2019) drehte den Blick um, von Europa nach Afri­ka – am Beispiel der Jour­nal­istin Camille Lep­age, die im Jahr 2014 während des Bürg­erkriegs in Zen­tralafri­ka erschossen wor­den war. Camille (2019) erlebte in Locarno seine Welt­premiere und gewann den Pub­likum­spreis. Die Haup­trol­le spielte Nina Meurisse – und auch sie wer­den wir in SOULEYMANS GESCHICHTE wieder­se­hen, als Beamtin der Aus­län­der­be­hörde.

„Ja ‚Souley­manes Geschichte‘ bedeutet, dass wir euch Souley­manes Geschichte erzählen wer­den”, sagt Lojkine. „Aber gle­ichzeit­ig ist es die Geschichte von jeman­dem, der sich darauf vor­bere­it­et, eine ‚Geschichte’ zu erzählen. Und im Grunde genom­men ist die große drama­tis­che Span­nung des Films – wenn es über­haupt ein gibt – her­auszufind­en: Was ist die wahre Geschichte von Souley­mane? Du hast recht, es gibt drei Ebe­nen. Es gibt das alltägliche Leben von Souley­mane, es gibt die falsche Geschichte, die er wieder­holt und die er erzählen muss, um Asyl zu bekom­men, und dann gibt es die wahre Geschichte von Souley­mane, die sein Geheim­nis ist und die er uns am Ende enthüllen wird.”

Schlangeste­hen, For­mu­la­re dabei haben, warten, hier lang bitte, San­garé, Souley­man bitte. Der All­t­ag eines Asyl­be­wer­bers in Frankre­ich. Souley­man stammt aus Guinea und möchte in Frankre­ich als Asyl­be­wer­ber anerkan­nt wer­den, doch dazu muss er nach­weisen – oder zumin­d­est glaub­haft machen, dass er in Guinea poli­tisch ver­fol­gt wurde. Aber zunächst muss er mit seinem prekären All­t­ag zurechtkom­men. Eigentlich darf er näm­lich nicht arbeit­en, aber es gibt eine Art Schat­ten­wirtschaft: Souley­man arbeit­et auf die Karte seines Bekan­nten Emmanuel als Lebens­mit­tel­liefer­ant. Sein Arbeit­sall­t­ag ist geprägt von ständi­gen Gefahren im Straßen­verkehr, von Aut­o­fahrern, die in auf seinem Fahrrad auf der Straße abräu­men, von unfre­undlichen Kun­den und von nervi­gen Auf­tragge­bern. Und das alles immer am Rande der Ille­gal­ität, nahe am finanziellen Unter­gang. Keine Zeit zum Plaud­ern mit Kol­le­gen, Regen, Verkehr – und dann gibt es immer einen drama­tis­chen Zeit­punkt: Schafft er es rechtzeit­ig zum Bus, der ihn zur Asy­lun­terkun­ft außer­halb von Paris schafft? Wenn nein, dann muss er irgend­wo in Trep­pen­häusern oder so über­nacht­en.

Souley­man hat ein großes Prob­lem: Er wurde in Guinea gar nicht poli­tisch ver­fol­gt. Er bezahlt einen Berater dafür, dass er ihm gefälschte Mit­glied­sun­ter­la­gen der guineis­chen Oppo­si­tion­spartei besorgt – und ihm beib­ringt, auf welche Fra­gen der franzö­sis­chen Behör­den er eine Antwort parat haben muss: Wie war das so in der Partei, wie hießen seine Kon­tak­t­per­so­n­en in der Partei? Wann wurde er wo ver­haftet? Was ist im Gefäng­nis genau passiert? Wie sah es da aus? Wie war das mit der Folter? Was genau gefragt wer­den wird in der Anhörung, darüber gibt es nur Gerüchte. Und: Immer in die Augen schauen bei der Anhörung! Souley­man ver­sucht auswendig zu ler­nen, was er antworten muss. Und die Beratung ist recht ober­fläch­lich, aber dafür teuer. Geld, das Souley­man nicht hat. Die Details sein­er ange­blichen poli­tis­chen Tätigkeit in Guinea mem­o­ri­ert er während der Fahrrad­fahrten durch die Stadt. Doch dann gibt es auch noch Begeg­nun­gen mit der Polizei, die schon ahnen, dass er ille­gal tätig ist, aber er hat Glück: Man lässt ihn halt laufen.

Aber dann gibt es Neuigkeit­en aus Guinea: Seine Mut­ter ist krank, eigentlich braucht sie ihn. Warum sie ihn zurück­ge­lassen habe. Und dann der Anruf sein­er Fre­undin aus Guinea: Ein Inge­nieur habe um ihre Hand ange­hal­ten und nun wisse sie nicht, was sie tun solle, eigentlich liebt sie Souley­man, aber wird er über­haupt jemals zurück­kom­men?

Der Tag der entschei­den­den Anhörung in der Asyl­be­hörde naht. Ist er genug vor­bere­it­et? Und aus­gerech­net jet­zt ist die Arbeit­skarte seines Bekan­nten ges­per­rt. Er ver­sucht ihn zu find­en – und es kommt zu ein­er Auseinan­der­set­zung…

„Was mich anfangs ange­zo­gen hat, war der epis­che Charak­ter”, erzählt der Filmemach­er. „Die Reise der Migranten ist eine Odyssee. Diese Reisen durch ganz Afri­ka, einen ganzen Kon­ti­nent, ohne Papiere, in denen sie heim­lich die Gren­zen über­queren, vie­len Gefahren gegenüber­ste­hen – mit der Polizei, dem Mil­itär, Ban­diten, der Wüste, dem Meer, den Stür­men. (…) Und ich denke, was mich als Filmemach­er daran ange­zo­gen hat, war der Ein­druck, dass ich mit diesem The­ma zwei Dinge verbinden kann, die manch­mal getren­nt sind: Ein­er­seits das Kino der Real­ität, das ein Kino ist, das sehr nahe am Doku­men­tarfilm ist und sehr darauf bedacht ist, die Real­ität zu beschreiben, und gle­ichzeit­ig ein epis­ches Kino, das ein großes Aben­teuer erzählt. (…) Aber in Wirk­lichkeit, wenn man die Reise von Migranten erzählt, kann es epis­ches Kino sein, das gle­ichzeit­ig ein Kino der Real­ität ist, sehr nahe am Doku­men­tarischen. Man kann bei­des verbinden. Und der Wun­sch, bei­des zu verbinden, hat mich zu diesem The­ma geführt. Und wahrschein­lich, auf eine weniger intellek­tuelle Weise, gibt es etwas, das mich an den Reisen der Migranten sehr berührt.”

Im Laufe des Films taucht immer mehr die Frage auf: Warum hat sich Souley­man eigentlich auf den Weg nach Europa gemacht? Und: Hält er es heute noch für die richtige Entschei­dung? Die Odyssee nach Frankre­ich war ein har­ter Weg für ihn. Eigentlich sollte er bess­er bei sein­er Mut­ter sein. Und bei sein­er geliebten Lebens­ge­fährtin, die er ein­fach so im Stich lässt. Und: Finanziell scheint sich das auch nicht für ihn zu lohnen, sein All­t­ag ist prekär und nicht erfül­lend. Das Leben in der Asy­lun­terkun­ft ist unbe­friedi­gend, die ille­gale Arbeit ist eine Qual und auch wirtschaftlich unbe­friedi­gend. Und in Guinea wurde er ja gar nicht ver­fol­gt, gefoltert, einges­per­rt, eigentlich war er kom­plett unpoli­tisch. Da sind Fra­gen, auf die wir zunächst keine Antworten bekom­men. Und aus­gerech­net jene Frau in der Behörde, die das Ver­hör mit ihm führen wird, ist vielle­icht der erste Men­sch in seinem Leben, der ver­sucht, her­auszufind­en, was ihn bewegt, die ihm zuhört, die wis­sen will, was seine Moti­va­tion ist, was hin­ter sein­er Fas­sade steckt. Und aus gerech­net diese Frau, wird ihn dazu brin­gen, dass er plöt­zlich ern­sthaft zu erzählen begin­nt, was ihn bewegt. Das ist eine wirk­lich berührende Szene.

Boris Lojkine ist immer nah bei sein­er Haupt­fig­ur und wir erleben seine All­t­agss­chwierigkeit­en, seine Prob­leme, seine Sor­gen, seine Heimat­losigkeit. Wir sehen, wie er mies behan­delt wird, wie er manch­mal aber auch Glück hat und auf fre­undliche Men­schen trifft – etwa einen alten Mann, dessen Sohn für ihn das Essen bestellt hat. Natür­lich geht es dem Film um einen Appell, men­schlich mit Migranten umzuge­hen. Aber eigentlich wohnt diesem Film auch eine implizite War­nung inne: Das Leben als Migrant ist höchst wahrschein­lich zutief­st schw­er, unglück­lich, nie­mand heißt einen willkom­men, nie­mand küm­mert sich wirk­lich um einen. Und noch dazu mah­nt der Film eigentlich an, dass man als Migrant auch ganz viel zurück­lässt: Sein Net­zw­erk, seine Ange­höri­gen, seine Heimat. Souley­man wird eigentlich nir­gend­wo mehr gebraucht als in sein­er guineis­chen Heimat, von sein­er kranken Mut­ter, von sein­er besorgten Geliebten, die sich vielle­icht in eine unglück­liche Ehe stürzen will. Eigentlich spricht Boris Lojkine mit seinem Film eine War­nung aus: Sei ehrlich zu dir selb­st und glaube nicht, dass der Weg in die Migra­tion ein Weg ins Glück sein wird – zumin­d­est solange du in dein­er Heimat nicht wirk­lich ver­fol­gt, gefoltert, ver­haftet wirst. Ich bin mir gar nicht sich­er, ob der Regis­seur das wirk­lich mit­ge­meint hat. Aber eigentlich will man diesem Soue­ly­man doch sagen: Geh nach Hause, zu dein­er Mut­ter die dich braucht, zu dein­er Fre­undin, die dich braucht. Das Leben in Paris wird dich in kein­er Hin­sicht glück­lich machen, wed­er wirtschaftlich noch sozial.

SOULEYMANS GESCHICHTE startet am 19. Feb­ru­ar 2026 in den deutschen Kinos im Ver­leih von Film Kino Text.

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