Nosso Segredo / Our Secret von Grace Passô in Perspectives bei der Berlinale

Efraim Santos, Flip
Nosso segredo | Our Secret von Grace Passô
BRA, PRT 2026, Perspectives
© entrefilms / Wilssa Esser

In Belo Horizonte in Brasilien spielt dieser Film. Belo Horizonte liegt nordwestlich von Rio de Janeiro, im Landesinneren, zweieinhalb Millionen Einwohner, ihren Namen erhielt die Stadt 1897, das auch als offizielles Geburtsdatum der Stadt gilt. Sie ist von Stadtplanern geplant worden und hat daher ein Schachbrettmuster, so wie Manhattan und Mannheim. Zwanzig Prozent der Bevölkerung hätten keinen Zugang zur Kanalisation, behauptet Wikipedia. Es besteht eine Städtepartnerschaft mit Düsseldorf. Und ich komme nicht umhin, aus deutscher Sicht ein Ereignis anzusprechen, das in Belo Horizonte stattgefunden hat:  Und zwar im Estádio Governador Magalhães Pinto am 8. Juli 2014. Damals gewann, wir erinnern uns, die deutsche Nationalmannschaft im Halbfinale der Fußballweltmeisterschaft mit 7:1 gegen Brasilien. Das hat mit dem Film aber nichts zu tun.

Regisseurin von „Nosso Segredo“ ist Grace Passô, Jahrgang 1980. Sie ist eine der bekanntesten brasilianischen Künstlerinnen der Gegenwart, hat eine bedeutende Karriere am Theater und als Filmschauspielerin aufzuweisen, wurde mit etlichen Preisen bedacht, etwa beim Filmfestival in Turin. „Nosso Segredo“ ist ihr Langfilmdebüt, nach dem Kurzfilm „Republic“ und dem mittellangen Film „Sazed Flesh“, der im Jahr 2019 im Forum der Berlinale lief.

Zu den Filmen, in denen sie als Schauspielerin mitspielte gehört „Long Way Home“ (Temporada) von André Novais Oliveira aus dem Jahr 2018, der beim Brasilia Film Festival mit dem Preis als Bester Film ausgezeichnet wurde. In Deutschland war der Film meines Wissens nicht zu sehen, einen kurzen Eindruck erhält man immerhin, wenn man sich den Trailer auf Youtube ansieht. Wenn man sich mit Grace Passôs Werk ein bisschen vorab beschäftigen möchte, bleiben einem ein paar Interviews, Theaterausschnitte und Trailer (vorausgesetzt man kann portugiesisch oder Youtube bietet die automatisierte Übersetzung an). Man kann jedenfalls in diesen Interviews und Bühnenausschnitten einiges von ihrer Präsenz erleben. Und ein bisschen erfährt man auch darüber, was sie denkt und arbeitet. In einem Interview sagt sie: „I strongly resist the conventional narrative of certain things, in theater. So, my path in the arts is very connected to an almost peripheral viewpoint of what ‚official‘ theater is. Of what art is, what acting is.“ Über sich selbst erzählt sie, dass ihr Vater fünf Tage nach ihrer Geburt gestorben war. Ihre Mutter war nun alleine, mit sieben Kindern, in einer Stadt, in die sie erst kurz zuvor gezogen war. „My father is a very strong reference to me and my family“, sagt sie. „He was a humanist. In a way he was always responsible for cultivating the memory of the family, what had come before us. My mother had a great desire, and my father too, before he died, that our family’s move to Belo Horizonte would bring the possibility of a better education than my family could have in the back country.“

Der Kurztext, den die Berlinale nach der Bekanntgabe des Programms 2026 zum Film „Nosso Segredo“ veröffentlichte, war nicht sehr aussagekräftig, weckte aber immerhin mein Interesse: „Nach einem Verlust herrscht im Haus einer Familie Stille. Jeder trauert für sich allein. Doch dann enthüllt das jüngste Kind ein Geheimnis und alle erkennen, dass sie mit Liebe und Mut wieder zueinanderfinden müssen, um den Schmerz zu bewältigen“, heißt es im Festivaltext. Na gut.

Jedenfalls beginnt der Film mit einem Gespräch auf einer Autofahrt und dieses Gespräch erinnert einen auf bemerkenswerte Weise an genau jenen Interviewausschnitt mit Grace Passô, den ich oben widergegeben habe. In dem Gespräch heißt es (ich gebe den englischen Untertitel wider): „I miss my grandma. I miss my dad“, sagt der Beifahrer, ein älterer Herr, Marcelo, ein weiser, melancholisch zurückblickender Mann. Der Taxifahrer, der Marcelo fährt, antwortet: „I know, missing our dear ones is like an inheritance we carry. (…) Who were you? Painful question mark.“ Und dieser Film beginnt so berührend, mit diesem Gespräch zwischen diesen zwei Menschen, die sich an ihre Vergangenheit erinnern, an ihre Verluste, an ihre Väter, an ihr Leben, an ihre Arbeit – und die beiden sind sich und uns so überraschend nahe. Erst kürzlich, sagt der Taxifahrer, sei sein Vater gestorben. Er trägt ein Foto seines Vaters, als er jung war, in seiner Geldbörse. Und dann macht Marcelo ihm noch ein Abschiedsgeschenk: Eine Mixtape-CD. Und das alles, inklusive der Musik, die wir nun hören, zaubert ein Lächeln in das Gesicht des trauernden Taxifahrers – so auch uns.

Der Jüngste der Familie ist Tutu, der Junge mit dem wuscheligen Haar, der verträumt das Haus erkundet, alleine spielt, heute nicht in die Schule geht, weil die Mutter denkt, er könnte krank sein. Aber die Zeit mit der Tante zu verbringen ist auch toll. Tutu gießt, mit der Tante zusammen, mit dem Schlauch die Pflanzen im Garten, tobt und albert herum, genießt den Tag, watet durch den Matsch, malt sich das Gesicht mit dem Matsch an. Man möchte fast meinen: Vielleicht ein sinnvoller verbrachter Tag, als wenn er in der Schule gewesen wäre. Und zu einem ernsthaften Gespräch mit seiner Tante kommt es auch noch: Das Leben sei so hart, meint er.

Und da ist der Freund von Tutus älterer Schwester: Sidney, von dem Tutu abverlangt, ihm als Lebensberater zu dienen: „Ist das Leben ungerecht?“ fragt Tutu ihn. Naja, schwierig sei es. Und hart. Bevor er Tutus Schwester begegnet sei, hätte er sogar von sich gedacht, dass er hässlich sei. In der Schule sei er gemobbt worden. Wütend auf das Leben sei er gewesen, habe sich zu Hause verschanzt. Bis er dann einen Zeichentrickfilm über einen Jungen sah, dem es ähnlich ging, der sich aber zu helfen wusste und sein Selbstbewusstsein fand, mit Hilfe einer Maske, die ihm magische Kräfte verlieh. Und fürderhin, trug auch Sidney eine Maske.

Und so begegnen wir einem Familienmitglied nach dem anderen, Geschwister, Tante, Mutter, und bleiben dieser Figur immer eine Zeitlang nahe, lernen sie kennen, entdecken ihre Schmerzen, ihre Sorgen, aber auch das, was sie vielleicht glücklich macht. Aber vor allem lernen wir, wie sie mit dem Schmerz des Verlustes umgehen: Dem Tod des Vaters. „Zeit hilft“, heißt es einmal. Und so hat jeder seine eigenen Strategien entwickelt – oder zumindest ausprobiert, mit dem Verlust und der Trauer umzugehen. Schweigen? Reden? Alleine sein? Fragen stellen? Träumen? Sich erinnern? Vergessen? Sich in die eigene Welt einigeln? Sich Hilfe im Internet suchen? Oder sich möglicherweise ein imaginäres Tier ausdenken? Die Strategien werden sich als unterschiedlich hilfreich erweisen, aber in jedem Fall wird der Schmerz und die Trauer so schnell nicht verschwinden.

„Seit ich diese Geschichte vor vielen Jahren erschaffen habe, ist sie zu einer unerschöpflichen Quelle der Reflexion über viele Dinge geworden“, erzählt die Filmemacherin. „Sie hilft mir zu verstehen, was hinter all dem Ungesagten in persönlichen, intimen Beziehungen liegt; in Familien, in den verschiedenen Dimensionen von Trauer und Verlust, im Hinblick auf das, was man verstehen, aber nicht benennen kann. (…) Es ist eine Geschichte, die tatsächlich eine Quelle ist – genau wie Familien. Ich habe mir immer vorgestellt, wie die Kamera sich in den Räumen des Hauses verliert, als suche diese Familie nach einer Antwort auf all die Liebe und den Schmerz, die dort existieren.“

Grace Passô gelingt ein so wunderbar poetischer, metaphorischer, melancholischer, trauriger, aber auch hoffnungsvoller Film über die Trauer und den Schmerz des Verlustes. Es sind die Bilder, die Geheimnisse – und allem voran der wundervolle Cast, der diesen Film zum Leben erweckt. Dass dieser Film irgendwann ins Surreale gleitet, gibt ihm eine visuelle und erzählerische Kraft, die man so schnell nicht vergisst. Grace Passôs Film ist ein wundervoller Debütfilm, ein traumhaft poetisches Werk. Zuletzt noch einmal zurück zu einem der Interviews mit Grace Passô, in dem sie sagt: „Today, I can see that when I decided to write a text that was my own, gathering my own group; I did it so that I could see myself and mine in the art I produced. That’s obvious to me today.“

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